Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Eine Art Rechtfertigung

// Dateiupload von TOLSTOI // 13.01.2074 – 16:32:32

Am Ende wird jeder Krieg durch einen Faktor entschieden: Wer den längeren Atem hat. Nenn es eine Frage des Geldes. Nenn es Entschlossenheit zum Sieg. In Berlin war es – egal welche konkreten Ereignisse, Anschläge, Skandale oder Umwälzungen später als Rechtfertigung für das Unvermeidliche herhalten mussten – eine Frage der Massenträgheit.

Sollte es je einen Zweifel gegeben haben, dass der Mensch – und ob er Hörner oder spitze Ohren hat oder nicht spielt nicht die geringste Rolle – gänzlich Unwillens ist, sein Leben selbst zu bestimmen: Das Ende der Anarchie in Berlin sollte ihn ausgeräumt haben.

Oh, na klar: Die Anarchie ist nicht tot. Wenn du auf die Schwätzer von den verschiedenen F-Komitees hörst. Oder auf die Hass-Ansagen von Radio Radikal. Aber mal nüchtern betrachtet: Als die Konzerne den größten Teil der Westsektoren übernahmen und nach einigen wenigen, dafür aber heftigen Gefechten auch die Mitte einnahmen, war der Status F am Arsch. Völlig egal, wie viele Verluste Proteus und Co. später dazu veranlasst haben, den Endsieg über die Anarcho-Zone im Osten auf später zu verschieben.

Und wenn man mich fragt: Der Status F war vorher schon im Arsch.

Ich meine, was hatte man auch erwartet? Jahre voller Propaganda über Kannibalen-Restaurants und Pädophilen-Bordelle in Berlin, Jahre voller Unsicherheit, ob’s morgen Gas und Strom gibt oder nicht, Jahre des Wartens im Regen, weil wieder mal kein Bus kam, Jahre voller gebrochener Achsen, weil du mit deiner Lieblingskarre in ein Riesen-Schlagloch gefallen bist, all das musste ja zum langsamen Tod Anarcho-Berlins führen.

Der Konzernputsch 2056 war von daher kein Krieg, er war nur die Zustellung des offiziellen Todesbescheids. An alle, die es noch nicht begriffen hatten. Oder die sich schon zuvor wegen akuter Realitätsabneigung nach Berlin verirrt hatten.

Am Ende war nicht die Kriegs-, sondern die Chaos-Müdigkeit der Masse stärker als die flammenden, ismen-verseuchten Reden der elfenbeinsniffenden Studenten-Wirrköpfe. Erst kommt die Forderung nach beständiger Versorgung mit Trideo, Wifi-Netz und Pizzaservice, dann erst die Moral.

Was folgte, war ein Zustand des Aufwachens. Einige blinzelten verschlafen in die Sonne und fragten sich, wohin das Gebäude schräg gegenüber verschwunden war. Andere zogen die Decke über den Kopf, kuschelten sich an ihre Kettensäge und träumten weiter. Die meisten aber atmeten auf, wie befreit von einer Last, von der sie die ganzen Jahre nie genau sagen konnten, worin diese bestanden hätte: Die Last der Verantwortung. Für das Haus. Für die Nachbarschaft. Für die Mitmenschen. Den Kiez. Den Bezirk. Den Status F.

F. Wie „Fick dich“.

In den Straßen lagen noch Monate, teilweise Jahre später die Reste der Sperren. Und während der neue Westen eilends saniert und anhand modernster Erfordernisse an Verkehrsplanung, Netzempfang, Lebensqualität und natürlich Sicherheit neu geschaffen wurde, dokumentierte der äußere Osten mit seinen baufälligen Kiezen, den von Einschusslöchern übersäten Wänden und dem Müll in den Straßen nur zu deutlich, warum die Konzerne an der Macht sind.

Weil sie es verdammt nochmal einfach drauf haben, Dinge geregelt zu kriegen.

Ahem. Ja. Und eines der Dinge, die sie „geregelt“ bekommen haben nach ihrer Übernahme ist, den Osten mit ner Blockade auszuhungern und tausende Leute umzubringen.
Fabian454

Diese Mär wird nicht dadurch wahrer, dass sie auch Jahrzehnte danach eifrig weiterverbreitet wird: Die Konzerne haben mit ihrem antianarchistischen Schutzwall (der eher nen Sperrgürtel war) nur den Terror in der Ostzone einkesseln wollen. Lebensmittel- und Arzneilieferungen erfolgten nonstop weiter. Warum sollten sie auch auf das Biz verzichten? Es gab sogar Spendenaufrufe in der ADL und Care Pakete für Berlin, oder hab ich da gepennt?
Der_Ewige_Student

Hör mal zu, Du Konzernopfer: Die einzigen die in die Zone liefern durften waren Zulieferer von offiziellen Händlern wie Aldi-Real oder Stuffer-Plus, nur hatten die gar keine Filialen im Osten! Anarchoberlin lief über Syndikate, nicht Konzernkontrakte. Diejenigen, die also liefern wollten, durften nicht. Und diejenigen, die gedurft hätten, wollten nicht. Woraus ich Letzteren nichtmal nen Vorwurf mache: Nach Aufbau der Sperrzone wären Lebensmitteltransporte wohl innerhalb der ersten 2km geplündert worden.
Fabian454

Und was ist mit den ganzen Hilfslieferungen, die aus der Luft abgeworfen wurden?
Dr.Zonk

Konzernpropaganda, again. Ja, es gab Spendenaufrufe. Ja, es wurden Hilfslieferungen durchgeführt. Und ja, für die Presse wurden auch etwa ein Dutzend Lieferungen abgeworfen. Der Rest liegt wie man hört noch immer in den Lagerhallen von Tegel und Tempelhof eingemottet. Die Kampagne damals war ein gegen die Zivilbevölkerung gerichteter Terrorakt der Konzerne, die dachten mit Hunger und Krankheit den anarchistischen Kampfgeist brechen zu können. Wenn ihr mich fragt, haben die Konzerne mit dieser Politik exakt den heutigen Extremismus hervorgebracht, den sie angeblich so hart bekämpfen.
Fabian454

Oh, das tun sie. Wirklich. Dass der „anarchistische Terror“ gleichzeitig die größte Gefahr für die Sicherheit von Konzernberlin ist UND die jederzeit aktivierbare Ausrede für weitere Maßnahmen zur Bürgerkontrolle und Vollüberwachung ist eine jener poetischen Kleinigkeiten, auf denen unser geliebtes B beruht…
Konnopke

Auf SRB möchte ich euch Kolegas und Atzen da draußen den Status Quo von Berlin vorstellen – oder das, was beim letzten Berlin-Upload übersehen oder für nicht erwähnenswert befunden wurde. Denn Berlin ist entgegen allem Hochjubeln oder Niedermachen ein verdammt lebenswertes Pflaster, und wie den meisten Berlinern geht es mir tierisch auf den Sack, dass landauf landab Leute über Berlin quatschen, die nie nen Fuß hierher gesetzt haben, und Berlin nur aus irgendwelchen Actiontrids oder Schockermeldungen ihrer konzerngesponsorten Lügenpresse kennen.

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