Shadowrun Berlin

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[B1L] Landoschinski verteidigt „Naziarchitektur“

SCHNEE VON GESTERN

In einer offenen VR-Debatte auf den Stufen vor der Weltkonzernhalle verteidigte Martin Landoschinski die in den Sechziger Jahren begonnene Gigantisierung Berlins. Der sogenannte „Monumenta“ Stil der Essener Schule ist bereits mehrfach mit Naziarchitektur oder dem Brutalismus der Stalin-Ära verglichen und als „menschenverachtend“ angefeindet worden.

Landoschinski gilt als Kopf der Essener Designschule, aus deren Reihen mehrere der großen deutschen Architekten aktueller und weiter geplanter Konzerngroßbauten sowie einige der wichtigsten neueren Verkehrsbauten wie Messelichtplatz und Horizontaltangente hervorgingen.


„Der ständige Vergleich zu rudimentär ähnlichen Baustilen früherer Zeiten ärgert mich mindestens ebenso sehr wie die Anfeindung jener älteren Baustile nur aufgrund ihrer Assoziation mit überkommenen Ideologien ihrer Zeit“, sagte Landoschinski vor den versammelten Avataren von ausgewähltem Fachpublikum, Politik, Wirtschaft und Presse. „Wie lange will man sich in diesem Land noch über Schnee von gestern erregen, der mehr als 100 Jahre zurückliegt und nicht nur in einer anderen, uns heute fremden Zeit geschah, sondern buchstäblich einer ganz anderen Welt?“ Landoschinski verteidigte in seinem sehr erregten Vortrag die verkehrsplanerischen Errungenschaften jener Tage, von denen Deutschland nach wie vor profitiere. Außerdem lobte er die städteplanerische Weitsicht und mutigen Ehrgeiz vieler der damaligen Entwürfe.

Begleitet wurde die geschlossene Matrixkonferenz von einer virtuellen Demonstration außerhalb der Sperrzone, die in der Vision Berlin als reguläre Stadtansicht mit unscharf zu sehenden und nur als gedämpftes Brummen zu hörenden Diskussionsteilnehmern wahrzunehmen war. Mehrere Störaktionen der Demonstranten wurden versucht, konnten aber durch live eingeschaltete Vision Berlin Admins abgewehrt oder sofort korrigiert werden. 24 Personen wurden verhaftet, 132 dauerhaft und 6.896 befristet aus der VB gesperrt.

Für mich als Nichtberliner: Worum geht’s?
Ratis G.

Letztlich um Städteplanung. Wann immer eine Stadt in Ruinen zerbombt wurde, ne Sturmflut drüberging oder zehn Jahre Anarchie gewütet haben, sehen Städteplaner ihre Chance, nochmal den ganz großen Wurf zu machen und die Stadt am Reißbrett bzw. Virtual Citybuilder neu zu entwerfen. Zur Frustration der Architekten nämlich läuft Städtebau im Tagesbetrieb eher auf kleinere Ausbesserungen und anhaltenden Verfall in ein biologisch über Jahrzehnte gewachsenes Kuddelmuddel hinaus. Landoschinski und sein Essener Architektenkreis kamen durch einige Großaufträge von S-K zu reichlich Bekanntheit und waren zu Beginn der 2060er die kommenden Popstars der „Neuen Deutschen Konzernarchitektur“. Damit waren sie genau die Prestige-Aushängeschilder, die sich die Konzerne (auch auf Empfehlung von S-K hin) an die Spree holten, um „das Neue Berlin“ zu schaffen, dessen größten Teil man nach wie vor nur virtuell in der „Vision Berlin“ sehen kann. Als Penisersatzbauer reinster Güte strotzen die Entwürfe des „Kreises“ (der eigentlich Landoschinskis Architekturbüro ist, nur dass inzwischen diverse Architekten beflügelt durch den Erfolg ihr eigenes Büro geschaffen haben – allen voran Elianar, der Elf hinter dem Metropolis-Design) vor brutalem Gigantismus: Breite Prachtstraßen, gigantische Fronten, monumentale Statuen, ein beliebiger Mischmasch aus Brutalismus, Art Déco, Bauhaus und Monumentalbauten von Speer über Stalin bis Dubai bestimmen das Bild, garniert mit Anleihen aus den Frühtagen der Industrialisierung, also gigantische (funktionslose) Zahnräder, Kolbenformen etc. Für alle die ihren Geschmack nicht völlig verloren haben fühlen sich die Bauten und Straßenzüge, die dieser Bauweise zum Opfer fielen, völlig anonym, ja, bedrohlich an: Der Mensch ist ein winziger Wurm, der zu Füßen gigantischer Entitäten und Machtblöcke lebt. Mittlerweile haben selbst viele Entscheider bei S-K erkannt dass der in den Sechzigern beschrittene Weg ein wenig zu offenkundig arrogant bzw. „kühn“ war, und man rudert im eigenen Bezirk heftig zurück (mehr so in Richtung Pariser und Altberliner Prachtstraßen und moderner Reinterpretation von Jugendstil bzw. floral-geschwungener Stammesornamentik, wie man sie von alten Tattoos vom Anfang des Jahrtausends kennt). Leider sitzt Landoschinski aber noch auf einem Haufen öffentliche Langzeitverträge über Berliner Projekte – und die werden gerade im Rat heftig diskutiert. Weil sie dem Rat untergeschummelt werden sollen.
Konnopke

Hä? Wie jetzt?
Ratis G.

Die Verträge wurden vor 10+ Jahren vom damaligen Berliner Rat verbrochen, der natürlich 110% konzerndominiert war, ohne Mitstimmrecht der Anarchisten im ummauerten Osten. Alternative Bezirksvertreter argumentieren nun mit einigem Recht, dass die Verträge mit BERVAG-Gründung und Einigungsvertrag neu ausgeschrieben werden müssten, unterdessen die Architekten und Bauunternehmen mal darüber lamentieren, dass ein Abbruch der Arbeiten – egal wie sehr diese noch gar nicht begonnen haben – Milliarden von Euro vernichten würden, und mal damit drohen Berlin auch Milliarden von Schadensersatz und Vertragsstrafen verklagen zu wollen. Beide Seiten versuchen dabei über Medien Stimmung für ihre Ansicht zu machen, und die Berliner Bevölkerung springt auf das Thema auch RICHTIG an. Monumenta-Opfer wird das Nicht-Monumenta-Berlin als verbauter, chaotischer, nicht kontrollierbarer Raum dargestellt und das Neue Berlin als Symbol von Ordnung, Schutz und Kontrolle, eine Festung der Sicherheit für Sie und alles, was Ihnen wertvoll ist in einer Welt der Gewalt und des Terrors. Die Gegner wiederum nutzen den Nazivergleich zu Speers Germania und die Verbrechen der Nazis wieder die Menschlichkeit und sind dabei zuweilen „etwas“ unsachlich – womit ich meine dass es ganz reale Dinge am Monumenta-Baustil auszusetzen gibt und Landoschinski in der Tat nix für Konzentrationslager in den 1930ern/40ern kann. PR-wirksame Auftritte wie eben in der VB und Demos auf der anderen Seite tragen jedenfalls nichts dazu bei, dass die verfeindeten Lager sich aufeinander zu bewegen. Stimmt so im Groben, Fiene?
Tolstoi

Im Wesentlichen kann man es so stehen lassen. Zu ergänzen wäre, dass das Thema medial in ganz Deutschland großes Interesse findet, speziell im Raum Essen, wo man ein besonderes Interesse bzw. eine besondere Sorge betreffs Bauvorhaben/städtische Umgestaltung durch S-K hat. Ob die berechtigt ist, weiß ich nicht – mir kommt es vor als sei S-K von dem Zug, den sie angefeuert haben, längst abgesprungen. Jedenfalls tun sich deren Vertreter in den gegenseitigen Anschreirunden des Rates nicht hervor und geben sich kompromissoffen, so als hätten sie mit der Sache nichts zu tun.
Fianna

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5 Antworten zu “[B1L] Landoschinski verteidigt „Naziarchitektur“

  1. Karel, letzter Käpt'n der königlich-böhmischen Gebirgsmarine Februar 9, 2011 um 19:03

    Was dabei herauskommt, wenn ein Regime eine derartige „Umgestaltung“ seiner Hauptstadt auf Biegen und Brechen durchzudrücken versucht, aber gleichzeitig weder das Geld für fähige Architekten noch für auch nur ansatzweise qualitativ ordentliches Baumaterial oder motivierte Arbeitskräfte dafür hat, kann man auf abschreckende Art an den Bauruinen einiger Regierungs- und Prachtbauten der Cheaucescu-Ära in Bukarest/Rumänien sehen, die teilweise eine frappierende Ähnlichkeit mit dem „Monumenta“-Stil aufweisen. Wegen des Sturzes der dortigen sogenannten Kommunisten wurde das meiste davon nie fertiggestellt, und die Klötze mit ihren leeren Fensterhöhlen und sind seit nunmehr etwas über 80 Jahren am zerbröckeln…

  2. Macha Februar 10, 2011 um 01:22

    Dia duit,

    Oder man geht nciht so weit in die Vergangenheit zurück, sondern sieht sich einmal die ganzen gescheiterten Arcologieprojekte an. Romo, Seattle, Los Angeles, Bronx, London, alles Orte an denen sich der Gigantismus der 2050er ausgetobt hat – und wo letztlich nichts als Ruinen, Leerstand oder riesenhafte Grabsteine geblieben sind.

    Wo das allerdings zwingend mit den Nazis zu tun haben soll, verstehe ich nicht so recht, das muss so eine deutsche Eigenart sein? Zumindest habe ich in Amerika nie gehört, dass Jarman irgendwie für die Arcologien verantwortlich sei.

    • Taz Februar 28, 2011 um 14:05

      Geplante Städte gubts viele:
      Washington DC, Paris (wurd von nem kaiser niedergerissen), Manhatten, Seattle – alle wurden in Kernbereichen oder auf der ganzen Fläche nach einem Raster gebaut. Das führt zu effektivem Verkehrsfluss und maximaler Orientierbarkeit.
      Demgegenüber stehen verwinkelte und gewachsene Städte wie Wien, die mit den halbversteckten und zum Teil sehr engen Straßen ein Verkehrschaos vorprogrammieren. Beide Varianten haben Vor- und Nachteile. Prachtstraßen bieten einfache zufahrten, verwinkelte Straßen minimieren den Planungsaufwand auf Stadtseite und beruhigen den Verkehr enorm.

      Berlin wurde außerhalb der Garnison zum Teil im Raster errichtet und immernoch findet sich ein grundlegend sternförmiger Aufbau wie er in Washington verwendet wurde, in dessen Speichen Rasterförmige Anordnungen benutzt wurden. Einer Begradigung eventuell verbauter Ausfallstraßen und Rasterstraßen sollte nichts entgegenzusetzung sein.

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