Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 01 | Mit den Augen der Katze (8)

KIEV | 2025

Die überdachte Veranda hält den kühlen Herbstregen ab, der schon seit Tagen auf das Gras des Gartens niederprasselt.

Aus der angelehnten Tür tritt das Schimpfen seines Vaters an das Ohr des spitzohrigen Jungen, der, in Decken eingewickelt, eine Schale mit Milch abstellt.

Worum der Streit zwischen seinem Vater und dem weißhaarigen Fremden geht, weiß Nikolai nicht – es interessiert ihn auch nicht.

Seine Mutter hat ihm gestattet, nach draußen zu gehen, in Sorge darum, daß ihn der Streit mit Jelziah Cherenkov beunruhigen könnte.

Sorgsam hat sie alle Spuren dieser alten Feindschaft von ihm ferngehalten, und ihr Sohn selbst hat niemals eine Begründung gefordert für die Heimlichtuerei, die späten Telefonate, das plötzliche Aufbrechen des Vaters oder solche Treffen wie heute.

Svanja Vladov lehnt am Fenster und betrachtet ihr einziges Kind Nikolai, das nun bei der Schale sitzt und seine Augen sehnsuchtsvoll zum Brombeerbusch richtet – wie ach so oft, Stunde um Stunde verloren in seiner Welt.

Zwar ist sie froh, daß er von jener alten Fehde bislang unbehelligt blieb, aber seine Gleichgültigkeit läßt sie frösteln – gerade ER sollte sich für die Familienbande interessieren, die im Blut des Vaters liegen. Manchmal, wenn ihr Mann schläft, geht sie hinunter in den Keller und betrachtet die sorgsam zusammengerollten Bilder seiner Ahnen – immer wieder seit jenem Tag vor 4 Jahren, als sie auf das Bild eines Skythen-Paares gestoßen war.

Das Bild war sehr alt, die Ölfarbe an vielen Stellen trotz sorgsamer Lagerung schon zersprengt in knittrige Fetzen, dem Muster eines zerborstenen Glases nicht unähnlich.

Aus der Düsternis dees Bildhintergrundes schlängelte sich so etwas wie eine massive, schwarze Schlange, deren Schuppen im Zwielicht schimmerten. Den zweigespaltenen Schwanz hatte sie um ein sehr komplex ausgearbeitetes Wappen gelegt, das ebenso wie die Unterzeile des Bildes mit nicht zu entziffernden Zeichen einer fremden Sprache belegt war.

Die Frau auf dem Bild war im Vergleich zu dem Mann relativ klein und trug ein schlichtes, bis auf den Boden reichendes grünes Gewand, das an der Hüfte mit einer reich ornamentierten Brosche verschlossen war. Darunter schien sie nackt zu sein. Über ihrer linken, sanft gewölbten Handfläche schimmerte ein körperloses Leuchten wie das einer magischen Flamme. Der Rauch der Flamme formte komplizierte und unnatürlich wirkende Muster in die Düsternis des Hintergrundes, verlor sich in die Richtung, in der der Kopf der zweischwänzigen Schlange liegen mußte.

Der Mann auf dem Bild hielt eine schwarze Katze im Arm und schien dem Blick des Betrachters auszuweichen, als verlöre sich der Blick seiner tiefgrünen Augen irgendwo hinter dem Betrachter. Sein kräftiges, tiefschwarzes Haar fiel ihm in glatten Strähnen über die Schultern seines tiefblauen Gewandes, das das Grün des Kleides seiner Frau zu reflektieren schien. Auf dem Kopf trug er eine grobschlächtige Abart einer Krone aus Messing oder unpoliertem Gold, auf der Stirn funkelte dafür umso prächtiger ein tiefgrüner Edelstein, dessen Leuchten mit dem Grün seiner Augen und dem Kleid der Braut wetteiferte.

Betitelt war das Bild auch mit grob kyrillisch wirkenden Schriftzeichen, die sie mit Mühe und unter Zugriff auf ein altrussisches Expertensystem in Kalinigrad hatte deuten können: „Zarewitsch Nikuriel III. und seine Gemahlin Nadjuseanel vom Hohen Baum.“

Das Bild ging ihr nicht mehr aus dem Kopf – so vieles vermochte sie an ihren Sohn zu erinnern.

Zudem beängstigte sie das Verhalten ihres Sohnes sehr – und das ärgerte sie. Schon ihre Mutter war immer so über-mütterlich gewesen, und als junges Mädchen hatte sie sich geschworen, niemals so zu werden wie sie.

Die Ärzte hatten ihr angeraten, den Jungen in Behandlung geben zu lassen, doch ihr Mann verweigerte solches Ansinnen, warf die Ärzte hinaus und hatte befohlen, solche Quacksalber nicht mehr einzulassen – ehe in der Firma noch darüber Gerüchte verbreitet würden.

Sie wendet sich ab, schließt den Vorhang, und mit dem leisen Wunsch im Herzen, ihr Mann hätte diese Katze nicht getötet, geht sie nach oben.

– – –

Man sagt, daß nichts auf Erden schwerer sei, als eine Brombeerbusch-Katze zu töten. Und als der junge Nikolai den schwarzen Schemen aus dem Schatten des Busches treten sieht, da leuchten seine Augen – und er glaubt.

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