Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 01 | Mit den Augen der Katze (10)

KIEV | 2026

„KANNST DU MIR MAL SAGEN, WAS MIT DIR NICHT STIMMT ?!!“

Das Geschrei mischt sich mit dem Geräusch eines Glases, was neben Nikolais Kopf an der Wand zerplatzt. Verwirrt blickt er auf sein Gegenüber, Nathalya. Er kennt sie von der Schule, und tatsächlich schon länger aus der Nachbarschaft, aber so erbost hat er sie noch nie gesehen. Seine Wangen verfärben sich leicht rosa aus Scham darüber, daß er ihr bis zu jenem Ausbruch nicht genau zugehört hat. Während er sie verdutzt angafft, wischt er sich geistesabwesend die Cola von seiner Jeansjacke mit den vielen bunten Holo-Applikationen.

Entschuldigend blickt er sich im „Strada“ um, einem Jugendcafé nahe der Schule für Elektronik und HighTech, die er besucht. Auf der Theke steht ein SONY Fernseher, über den Werbespots flirren – ein grinsendes Mongolen/Ork-Gesicht, das sich in einen blonden Adonis verwandelt: „Clerasil forte hat auch mein Leben verändert“ – Er wird ersetzt durch eine nackte Frau mit abnorm großen Brüsten: „Willst Du mit mir sprechen ? Dann ruf 0190 – 355 666 Perestroika“. Die anderen Gäste sehen sich gelangweilt um, ihre Gesichter schemenhaft im Rauch der Zigaretten und Joints, deren schwerer Geruch längst in jeden Winkel der Kneipe gezogen ist. Hasch ist seit 4 Monaten legal und der Renner unter den Jugendlichen von Kiev, Wodka gilt als altmodisch, „out“.

Nikolai hat von Ländern gehört, wo in der letzten Zeit viele Unruhen stattfanden wegen den Orks und Trollen, wo Leute gejagt wurden, weil sie „anders“ sind. In Kiev merkt er davon wenig. Einige Reibereien unter den rechtsextremistischen Jugendparteien gibt es wohl, aber selbst deren Hetzjagden richten sich eher gegen Georgier oder – schlimmer noch – Tschetschenen.

Die Orks und Trolle – bzw. die Mongolen und Goten – treten sehr selbstbewußt auf, ihr durch die Goblinisation angekratztes Ego bestärkt durch die „offizielle“ Zugehörigkeit zu in der russischen Mythologie und imk Volksbewußtsein verehrte und idealisierte – wenn auch gefürchtete – Stämme. åberall in Rußland sind kleinere Enklaven entstanden, und die Weiten Rußlands werden von nomadenhaft lebenden „Horden“ von Mongolen und Goten geplagt, die ihre Pferde durch Motorräder ersetzt haben.

Von Seiten der „Normalen“ wird zuweilen ein Riß in der Kultur beklagt, so groß ist der Stolz der Metamenschen auf ihre halb-realen mythologischen Abstammungen und Sagen. Die „normalen“ Jugendlichen brüten eine aggressivere Szene aus, die verzweifelt auf der Suche nach einer eigenen Identität ist – indem sie gegen die staatliche Namensgebung der Metarassen protestiert, die Ehre des Blutes ihrer rein-menschlichen Vorfahren, der Goten, Mongolen, Skythen etc. zurückzuerhalten.

„HEY !!!“

„Was – was hab“ ich denn gesagt ?“

„NICHTS. DAS IST ES JA !“

Ihre Augen lodern vor Zorn, und hoch steht sie über ihm, den Oberkörper mit ihren weiblichen Rundungen nach vorne gelehnt, so daß er steil zu ihr aufsehen muß. Nervös irrt sein Blick umher, fängt sich kurz an seinem schwarzen Büchlein, daß er schützend an sich preßt, ehe er erwidert:

„Hey, psht, beruhige Dich, die Leute gucken ja schon…“

„NA UND ? HEY !“ und damit wendet sie sich an einen Obersemesterianer am Nebentisch. „Sag“ mal, gefall“ ich Dir ?“

Unter dem Gelächter seiner Freunde, die meisten Mitglieder einer Gang aus dem Univiertel, stammelt er verdutzt: „Öh, äh, na klar doch…“

„AHA“

Ihr Schopf wirbelt zu Nikolai zurück, ihr Gesicht dem seinen jetzt so nahe, daß er nur noch das Feuer ihrer Augen sehen kann, den Geruch ihres Parfüms nahezu brennend in seiner Nase.

„Hörst Du Nikolai ? Ich gefalle ihm. Ich könnte jetzt einfach mit ihm gehen, ha, und seine Kumpels würden ihn darum beneiden, klar ? VERSTEHST DU DAS ?“ Ihr Blick birgt Schmerz, Verzweifelung, und er weiß nicht, wieso. Eine Träne entkommt ihren Augen.

„Verstehst Du, Nikolai ?“

Am liebsten würde er weglaufen. Bilder sonniger Nachmittage streifen seinen Geist, wenn er und Nathalya im Jelzinpark lagen und er ihr aus seinem Büchlein vorgelesen hat, oder wenn sie nebeneinander lagen und den Himmel betrachteten, ihre Nähe eine entfernte Stimme in seinem Geist. Wieder bricht eben jene Stimme in seine Gedankengänge, unterstützt von einer Ohrfeige.

„WAS IST BLOSS MIT DIR LOS ?“ Ihre Wut mischt sich in ein Schluchzen. „Warum hörst Du mir nie zu ? Scheiße, Du hast mir noch NIE zugehört, nicht wahr ? Jeder andere an der Schule wäre froh, mich um sich zu wissen, „n paar würden sich abstechen dafür, wenn ich sie lieben würde, aber DU ? Warum hänge ich mit Dir rum, kannst Du mir das sagen ? Jahr um Jahr dieselbe Sache, DU und DEINE Traumwelt. Herrgott, DIES HIER ist die Wirklichkeit“ – und damit deutet sie auf den Typen am Nebentisch.

Nikolais Gedanken überschlagen sich. Er versteht sie nicht.

Blätter kreisen Reigen über regennassem Pfasterstein. Alleine sein, so leicht und klein, vermag mir unerträglich scheinen. Roter Hass in blindem Leinen, Weinen.

Er zwingt sich dazu, zuzuhören, Bilder wirbeln um sein inneres Auge, noch immer benommen von der unerwarteten Wucht ihres Schlages. Schließlich fragt er vorsichtig, indem er sich keiner anderen Äußerung besinnen kann: „Na…. dann… warum gehst Du dann nicht mit ihm ?“

Nur einige wenige Sekunden lang schaut ihn seine alte Freundin Nathalya fassungslos an.

Dann erkaltet ihr Blick. Sie greift den Typen am Nebentisch, zieht ihn zu sich hoch, dieser lächelt erst verlegen, dann triumphierend zu seinen Kumpels hinunter, und, Nathalya an seine Seite geschmiegt, geht er hinaus. Draußen passieren beide noch einmal das Fenster vor Nikolais Tisch, und Nathalyas Blick läßt ihn frösteln.

– – –

Von einem Sims aus fixieren gelbe Augen das Pärchen, das eben das Strada verläßt. Fixieren den verwirrten Jungen, der zurückbleibt. Das ausdruckslose Gesicht der Katze ist in einen Mantel aus Geheimnissen gehüllt, und doch: Leicht scheint sie zu lächeln, als sie sich erhebt und davonschreitet, den Schleier der Magie auf Nathalyas Geist vorsichtig abstreifend.

 

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