Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 01 | Mit den Augen der Katze (11)

HAMBURG | 2053

Selbst außerhalb des Bordells wird Tolstoi nur an der Peripherie seines Bewußtseins gewahr, welchen Luxus er mit einer abgetrennten Schlafkoje hat. Einen Luxus, den er ebenso wie den ihn umgebenden Gestank teilnahmslos zur Kenntnis nimmt, den Blick verborgen hinter wirbelnd-blau-lilafrabenen Schleiern in seinen Augen, digitalisierten Farbüberreizungen und dem reflexboosterbedingten beständigen Pochen in seinen Nervenbahnen, einem ewigwährenden leichten Prickeln von Elektrizität und Adrenalin, das seinen Körper längst mit der milden Müdigkeit der Gewöhnung erfaßt.

In dem Gewirr aus Verfall und Fäkaliengeruch lärmt ihm Wildost entgegen. Er läßt sich eine Leiter hinunter, die maroden Stahlprossen funkelnd in Myriaden kristalliner Farbflecken feucht funkelnden Wassers, das klappernd zu Boden tropft, bückt sich und geht durch ein Loch in der Bordwand, befindet sich in einem schmalen Gang, der ringsum von den ewig langgestreckten Schluchtenlandschaften wurmstichiger Holzbretter, Stahlgittern und abenteuerlichen Müllkonstruktionen umrahmt ist. Der Boden ist übersäht mit Glassplittern, leeren Packungen, Erbrochenem, das Licht ist ein flackernder Schein zerplatzterNeonröhren, ist dunkelrot loderndes Feuer aus primitiven Feuerstellen, ist entferntes Blitzen funkenschlagender Kabel, die kreuz und quer sich netzartig durch Wildost schlängeln.

Er biegt rechts ab und kommt an einer Gruppe Kids vorbei, die sich gerade gemeinsam ein BTL reinziehen, die Kiefer schlaff herabhängend, Speichel tropft. Kurz keimt in ihm der Wunsch auf, sich zu ihnen zu setzen, doch ein leichtes Kitzeln seines Adrenalinpegels läßt kalte Schauer von Angst vor Sucht vor Selbstekel vor Verlorenheit vor Nie-mehr-wiederkommen in seine leere Magengrube fahren, und er geht weiter.

Auf Kopfhöhe passiert er ein Loch, durch das er in eine Art Verschlag schauen kann, in dem eine 8köpfige Familie untergebracht ist. Vater und Mutter kopulieren grade, die älteren Kinder spielen mit den jüngeren. Vor ihm, im Rauch einer Ölwanne, prügeln sich zwei junge Orks, ein dritter liegt schlafend – oder tot ? – daneben. Tolstoi balanciert über ein Brett, das über einem Loch im Boden liegt. Düster reflektiert das brackig-schwarze Elbwasser aus der scheinbar endlosen Tiefe (in Wahrheit nur 1,246 Meter, wie ihm sein Entfernungsmesser bestätigt) und eine Wolke aus Klärschlammgeruch und Chlorgestank droht ihn ohnmächtig werden zu lassen, ehe ein herabfallender brauener Klumpen seine hochgechipten Reflexe aktiviert und er in einer verwischten Bewegung nach vorne springt, ein feuchtes Aufklatschen und kindliches Gelächter hinter ihm.

Auf der anderen Seite angekommen zieht er sich an einer rostigen Ankerkette hoch, läuft über zwei Dächer, der Himmel kurz über ihm sichtbar, ehe er eine steile Stiege wieder hinab ins Labyrinth steigt. Kurz grüßt er einen alten zahnlosen Russen, der sich eine Teufelsratte brät, und bedenkt einen hungrigen Elfen mit einem seiner Blicke, der dem Punk sagt, er solle sein Messer wegstecken und sich anderswo was zu fressen suchen, wenn er auf åberleben steht.

Zwei Ecken weiter gibt ihm eine Frau mittleren Alters eine Blume (er hat letzte Woche einige Typen daran gehindert, daß sie ihre Tochter vergewaltigen) die er sich an die Jacke steckt. Kaum einige Schritte weiter – in einer ehemaligen Jacht, die ungefähr 40 Personen als Unterschlupf dient – steckt ihm ein Enddreißiger von der Russenmafia einen Zettel zu, der Mund eine Reihe schiefer Zähne, die Augen müde, rotgerandet, Junkie, der Zettel vergilbtes Rechenpapier, in dem ihn die Mafia „bittet“, einen Rikscha-Fahrer ein wenig zum Teilen seiner Einkünfte zu ermutigen. Er nimmt es hin, solche Drecksjobs machen zu müssen, denn nichts in Wildost geht ohne die Russenmafia. Es gehört zu jener Welt da draußen, den Dingen, die sein müssen, die er zwar verabscheut, aber hinnehmen muß – wie scheißen, oder atmen, oder Scheiße atmen.

Nicht, daß er direkt für das organisierte Verbrechen arbeiten würde, aber auf diese Art und Weise schaffte er es wenigstens, Dmitri Kushkin, den örtlichen Ober-Mafioso, Zaira ihr Geschäft weiterbetreiben zu lassen, wie es ihr beliebt (ein weiterer jener Nutzen, den sie von ihm hat, aber er interessiert sich nicht dafür, ob sie ihn ausnutzt).

Langsam nähert er sich dem „Nordhafen“, der Abfahrtstelle der meisten Rikschas, ein halbabgesoffenes Ponton, das alleine durch die Macht der Mafia noch nicht völlig zugebaut worden war. Kurz nickt er Pjotr zu, den seine Kumpels von der Gang „SKYTHES“, der Name ein Hybrid der russischen Bezeichnung für Elfen und dem englischen Wort für „Sense“, die auch ihr Logo ist, nur „Schprits“ nennen, was der deutschen åbersetzung des Wortes recht nahe kommt. Schprits“ Gesicht ist eine zerklüftete Landschaft aus rituellen Narben, seine Arme eine zerklüftete Landschaft aus Brandings und Einstichen. Er gehört zu einer Sekte, deren Namen Tolstoi vergessen hat. Er hat gehört, daß der Weg zur Erleuchtung – nach Doktrin der Sekte – nur durch das finstere Tal des Schmerzes, gestärkt durch besonders gefühlsverstärkende Drogen, zu finden ist. Ihre Jünger gehen an dieser Doktrin kaputt, die meisten killen sich 3-4 Monate nach Beitritt, einige wenige nehmen ihre Familien mit auf die Reise ins gelobte Land. Pjotr senkt den Blick, ob zur Begrüßung oder wegen Drogen, ist schwer zu sagen.

Man kennt Tolstoi in WildOst – nicht weiter verwunderlich, denn in diesem Ghetto sind Leute mit Reflexboostern extrem dünn gesäht. Tolstoi geht zu „Spur“ rüber, ebenfalls ein „SKYTHE“, der ihm wortlos 20 ecu in die Hand drückt. Tolstoi weiß zwar von Rote Wolke, daß die Gang gestern auf Plündertour im Gebiet Hohe Schaar waren und garantiert mehr erbeutet haben als 200 ecu (von denen er 10% für die Mafia eintreibt), aber es ist ihm egal – er ist nicht sonderlich ambitioniert, ein Mafia-Scherge zu werden – und die Skythes wissen das.

Schnurstraks geht der schwarz gekleidete Elf zu einer Rikscha rüber, auf der ein Ork mittleren Alters und schwarzer Hautfarbe döst. Tolstoi läßt sich leise hinter ihm nieder, flüstert ihm dann ins Ohr: „Dobryj djen*, Smeagle.“

Der Ork zuckt zusammen, wirbelt herum. Tolstoi hat sich zurückgelehnt, sein Blick gleitet über die braun-grauen Fluten der Neuelbe, desinteressiert an der Reaktion des armen Wichtes, der ins Blickfeld der Russen-Mafia gefallen war. Er hoffte, er müsse ihn nicht in Pjotrs Paradies schicken.

„Was willst Du von mir, Mafia-Hirn ?“

In einer fließenden Bewegung zieht Tolstoi das Katana, schaltet die Elektrozuladung ein und hält die vibrierende, summend-knisternde Klinge nur Milimeter vom Hals des Orks entfernt, so daß kleine Entladungen in seinen Hals fahren – harmlos, aber sehr unangenehm.

„Kak shal, Smeagle. Ty glupyj. Da will ich Dir helfen, und Du beleidigst mich.“

Die Stimme des Orks ist angespannt, aber sehr beherrscht. Kurz beäugt er die Sporttasche, deren weiß-grüner Stoff auf dem Nebensitz liegt, aber angesichts der Schnelligkeit seines Fahrgastes entschließt er sich dagegen, nach ihr zu greifen. Tolstois Blick folgt dem seinen, und der Entfernungsmesser errechnet ein weißes Gitter, das sich über die Berg-und-Tal-Landschaft der Tasche legt. Extrapolation einiger Daten, und das Gittergerüst einer großkalibrigen Waffe entsteht aus den minimalen Differenzen in Höhe und Temperatur der Taschenoberfläche. Ein kurzes Nachjustieren Tolstois, und eine virtuelle .44 Automag erscheint – vermutlich nur eine Gas-Replika.

Die Umprogrammierung des internen Cyberaugen-Chips hat Tolstoi selbst vorgenommen, entlehnt an ein Patent von BABA YAGA, das es durch die Wirtschaftsblockade nie zur Marktreife gebracht hat. Im Scanmodus jagt der Entfernungsmesser den gesamten Sichtbereich ab, ein milisekundenlanges Verschwimmen der Sicht für ihn, und reiht die ermittelten Daten der Ultraschallpeilung via Rückbelegung über das Displaylink und die Cyberdeck-Headware zu einem visuellen Bild zusammen – einer Art interner VR-Darstellung von Rechendaten. An und für sich eine einfache Operation, die vor allem bei der Sicht unterhalb der Wasseroberfläche via Umstellung des Entfernungsmesser-Ultraschalls auf die erhöhte Wasserdichte extrem nützlich ist. Ein kopfinternes Echolot für das undurchsichtige Wasser der Elbe.

„Wennde nich“ von den Aasgeiern der Mafia bist, was willste denn dann von mir ? Biste“n Neuer bei den Skythes oda wat ?“

Tolstois Cyberaugen bilden kurz zwei grüne Augen nach, die nach oben rollen. „Dobroj notschi – wie kann man nur so blöd sein. Fahr erstmallos, wir reden dann auf dem Wasser weiter, njet ?“ (wobei er fast vergißt, seinen russischen Akzent zu überbetonen)

Langsam setzt sich die Rikscha in Bewegung, dümpelt durch die zähflüssig scheinenden Fluten. An der Seite treiben benutzte Kondome vorbei, einzelne Brocken Scheiße und undefinierbare, aus dem Ölschlick herausragende Trümmer. Von den Rudern aufgewühlt, zerfasert das trübe Wasser, als hätte jemand etwas Kondensmilch hineingegossen. Ein kopfloser Fisch, die Seite übersäht mit tiefgrünen Krebsgeschwüren, treibt vorbei.

Die sinkende Sonne läßt die Smogkuppel über Hamburg tiefbraun erstrahlen, unterdessen sich das klapprige Gefährt dem Tiefwasser der Altelbe nähert. Ein dünner Monitor am Rand des „Lenkrads“ der Rikscha zeigt die Daten der Hafenwacht, Meldungen über größere Schiffe. 1 km elbabwärts verzeichnet die Wacht, ein Service der HanSec, einen behäbig herannahenden Dampfer Marke MLK-4, ein Schwerlade-Öltransporter.

Der Ork hört auf zu paddeln, will den Dampfer sicherheitshalber erst vorbeifahren lassen – und Zeit gewinnen. Das Katana immer noch am Hals des Orks, zieht Tolstoi einen Snickers, reißt die Verpackung mit den Zähnen auf, beißt die eine Hälfte ab und hält die andere dem Ork hin, der grunzend ablehnt. Schulterzuckend stopft Tolstoi sich auch die andere Hälfte in den Mund, um dann unverständlich loszureden:

„Tscha idsch Kiaff, omae, y schuo ?“

„Wassis ?“

Herunterschlucken, fortfahren: „Wo Du herkommst, chum.“

„Hamburg, Altona. Und nenn“ mich nicht Chum.“

Er gibt dem Ork einen sanften Schlag auf den Hinterkopf: „Priwje-heet, jemand su Hause ? Du es einfach nicht schnallst, ha, towarisch ? Ich BIN Dein Chum, denn wenn ich es nicht wäre, würde Dein Kopf schon in den Fluten dümpeln, so ka ? Zdjes.“

Er hält dem Ork den Zettel hin, den er bekommen hat.

„Hmph. Sorry, kann kein fuckin“ Russisch.“

„Charascho, okay. Ich übersetze: „Am Nordhafen treibt sich ein neuer Mongole – ehm – „Ork“ „rum, der Rikscha fährt. Er ist nicht Russe und nennt sich Smeagle, soll aus Altona sein. Du zeigen ihm er muß Geld abdrücken für Rikschafahren an uns, wenn er nicht wollen, Kopf ab und aufpflanzen an Hafen zur Abschreckung“.

„Ey, Mann, wofür sollte ich denen Kohle abdrücken, ich verdien“ schon so kaum genug.“

„Da. Problem von allen hier. Aber sieh es so: Die Russenmafia will Dein Geld, also Du gibst es ihr besser.“

Elbabwärts erscheint der massive Leib des Supertankers, sein Horn hallt schwer und hohl über den Hafen. Die Größe des Tankers vor Augen, tritt der Ork langsam in entgegengesetzter Richtung, die Rikscha langsam zurücktreibend.

„Hey, Chum, ich mag die Leute auch nicht, aber was tun ?“

Der Ork blickt starr geradeaus. Im Himmel treiben einige Möven an der Rikscha vorbei. Der schwarzhaarige Elf dreht sein Militär-ID-Tag in der Hand. In der metallenen Oberfläche haben saurer Regen und der Zahn der Zeit ihre Spuren hinterlassen. Geistesabwesend fährt er fort:

„Du bist nicht mal Russe, und außer Wildost haben wir im Eurokrieg nich“ viel erobert.“

Seufzend legt er dem Ork seine Hand auf die Schulter, blickt auf die trüben Fluten, den näherkommenden Tanker hinaus.

„Ich geb“ Dir“n Tip: Such“ Dir ein anderes Geschäft. Du bist kein Russe, und die werden Dich dafür bluten lassen. Keine Kohle – kein Geschäft. Und wenn Du sagst, Du hast keine Kohle, glauben sie Dir nicht, und – peng – nitschewo njet, Du bist tot.“

Seine Hand fährt in die Innentasche der Jacke, inspiziert die zerknitterten ecu-Scheine in der Geldbörse, zieht zwei heraus und gibt sie dem Ork zögernd

„Ich Dir was sagen: Was Du schuldest der Mafia, ich zahle. Und Du mir versprechen, nie nie wieder in Wildost aufzutauchen, comprende? Wenn Du blöd genug, daß doch wiederkommen…“ Schulterzucken „dawai, tot. Mir egal.“

Kurze Pause, dann nahezu akzentfrei: „Und jetzt bring“ mich zur Fischerfleet, chum.“

Advertisements

Eine Antwort zu “Drachenbrut 01 | Mit den Augen der Katze (11)

  1. Paranoid September 24, 2011 um 10:55

    Danke für die sehr unterhaltsame Erzählung! Momentan sauge ich alles auf, bevor ich meine ersten Gehversuche als SL im SR-Universum wage.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: