Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 02 | Flucht aus dem Paradies (1)

KIEV | 2027

Nikolais Hände fliegen über die Tastatur der Zentralrecheneinheit. Das kühle Klappern der Ventilation hängt in dem weißgefliesten Raum im Keller 2 des Forschungskomplexes Swjet, Baba Yaga Light Industries, Division IV. Er klopft die Taschen seines weißen Overalls ab, fingert eine Zigarette Marke Pÿdruga hervor. Seit seiner Auseinandersetzung mit Nathalya vor 4 Monaten hat sich einiges in ihm verändert. Sein schwarz eingebundenes Buch ruht nahezu vergessen in seinem Schreibtisch zu Hause, wo er nur noch selten hinkommt.

Mit der Fernbedienung aktiviert er seinen portablen Music-Chip-Player, ein neues Produkt von BBLI. Klassische Musik ertönt, Geigen mischen sich in den Gesang der Celli, Hörner blasen im Hintergrund. Er wendet sich wieder dem Bildschirm zu, vor dem verschiedene Elektronikbauteile ein abstraktes Muster gebildet haben.

Hinter sich hört er Prof. Dr. Petrushka Ivlanova den Raum betreten, seine wissenschaftliche Assistentin. Noch vor wenigen Jahren war sie eine der gefragtesten Kapazitäten auf dem Gebiet der neuronalen Mensch-Maschine-Vernetzung an der Universität Moskau, doch dann, mit der Goblinisierung, offenbarte sich ihre wahre Natur: Sie wurde zum Mongolen.

In den letzten Monaten waren die Repressalien gegen Goten und Mongolen leicht angestiegen, wenn sie auch noch lange nicht das Ausmaß wie in den westlichen Industrienationen erreicht hatten. Die westlichen Bezeichnungen als „Ork“ und „Troll“ tauchten vermehrt in Zeitungsartikeln auf, was die Vertreter dieser Metarassen extrem übelnahmen. Aber diese sanften Repressalien in Rußland waren wahrscheinlich nicht der Grund für Petrushkas Versetzung nach Kiev gewesen – sie selbst plagte sich damit, wie mühsam ihr selbst „einfache“ Denkaufgaben (wie Integralrechnung im Kopf) fielen, die ihr früher leicht von der Hand gegangen waren.

Sie war noch immer ein Genie, begabter als die meisten höherrangigen Mitarbeiter bei Baba Yaga, aber ihre große Zeit war unwiederbringlich vorbei. åberhaupt fiel Nikolai auf, daß in der Division IV des Bereiches Cyberforschung überdurchschnittlich viele Metamenschen befanden – vor allem Skythen. Er hatte die schulische Ausbildung mit einer um zwei Jahre vorgezogenen Prüfung im letzten Winter beendet und war in die höhere Bildung bei Baba Yaga eingestiegen – eine Entwicklung, die sein Vater überaus begrüßt hatte.

Auch seine Mutter war wie von Sinnen vor Freude gewesen, als er seine ganzen Spielsachen von einem Tag auf den anderen weggeworfen hatte, seine Fenster mit Vorhängen verschlossen hatte und sich in die Arbeit, in das „wirkliche Leben“ gestürzt hatte. Er hatte Mishka Lebewohl sagen wollen, sich entschuldigen wollen, ihr erklären wollen, daß er so nicht ewig weitermachen konnte und daß er, wenn er seinen Weg in der realen Welt gefunden hatte, zurückkommen wolle. Er hatte ihr sagen wollen, wie sehr er sie schon jetzt vermissen würde und daß dies kein Abschied für immer sei.

Doch er hatte sie nicht gefunden.

Nicht beim Brombeerbusch.

Nicht im Haus.

Nicht auf dem Dach.

Mishka war fort.

Er schüttelt den Kopf, holt sein Bewußtsein ins hier und jetzt zurück.

Zwinkernd begrüßt er die asiatische Mongolin mit den abrasierten Haaren, die ihm breit lächelnd die gesuchten Abhandlungen über Funktionsweisen der Zäpfchen im Sehnerv übergibt. Er schätzt sie sehr, nicht nur als Kollegin oder Mentorin, sondern viel mehr als Freund. Und davon hatte er weiß Gott nicht viele.

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