Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 02 | Flucht aus dem Paradies (2)

KIEV | 2029

„Ah, Herr Produjew, darf ich Sie mit unserem Projektentwickler bekannt machen ? Darf ich vorstellen: Das ist Nikolai Vladov, unser jüngstes Genie im Hause. Sie haben doch sicherlich von ihm gehört, nehme ich an ?“

Nikolai erhebt sich aus dem weichen Ledersessel und beäugt den Neuankömmling. Produjew ist ein einflußreicher Mann in den Mitt-Fünfzigern und einer der Forschungsförderer der Sektion Cyberaugen, in dem Nikolai arbeitet.

Er verbeugt sich vor dem graumelierten Herren im schwarzen Anzug, der ihn aus grauen Augen hinter einer abnorm dicken Hornbrille begutachtet. Er lächelt warm, als er sagt: „Herr Vladov, es ist mir ein Vergnügen. Ich habe ihre Dissertationen mit großem Interesse gelesen und beglückwünsche Sie in aller Form, wenn auch etwas verspätet zu Ihrer Auszeichnung.“

Nikolai lächelt verlegen. Es ist ihm nicht ganz wohl dabei, daß er alleine die ganzen Lorbeeren für die Forschungsarbeit „Es werde Licht – Wo die Technik das menschliche Auge ersetzt“ geerntet hat. Petrushka hat ihm zwar versichert, daß sie es ihm nicht übelnimmt, aber er hat gesehen, wie sie ihr Ausschluß aus den Presseartikeln geschmerzt hat. Vor zwei Wochen erst hat sie ihre Kündigung ausgesprochen, und Nikolai ist sich nicht sicher, ob er ohne sie weitermachen kann.

Für ihre gemeinsame Forschung hat man ihm den Doktortitel am neugegründeten Bereich Cybertechnologie der Uniwerstjet Kiev verliehen, ihm sogar einen Lehrstuhl angeboten. Es herrscht Aufbruchstimmung im Land, und die Begeisterung für alles Technische ist hoch.

Nikolai weiß nicht, ob ihm das alles gefällt. Nach den Feierlichkeiten hat er gemerkt, wie hinter mancher Beglückwünschung zu Ehren und der damit verbundenen Überreichung von umgerechnet 8.000 ecu nackter Neid stand. Als er nach dem Empfang, bei dem zahlreiche Vertreter der Stadtverwaltung anwesend waren, auf sein Hotelzimmer ging, hatte er sich gegen den Impuls wehren müssen, Nathalya anzurufen.

Warum sie ihm noch immer im Kopf herumspukte, weiß er nicht. Es sind verworrene Zeiten.

Wo in den Betrieben Aufbruchsstimmung herrscht, füllen Zeilen einseitiger Berichterstattung die Zeitungen. Politiker aller Lager sprechen von einer neuen russischen Ära, und selbst die Gänge von Baba Yaga Light Industries sind erfüllt mit dem Anblick von Besuchern in Uniformen, Militäruniformen.

Im letzten Monat hat Nikolai vier Vorführungen der von ihm (und Petrushka) entwickelten Cyberaugen vor Interessenten gehabt, die zu mindestens 80% dem Militär angehörten.

Umso mehr schätzt Nikolai das Lob eines „Zivilisten“ wie Produjew, der, nach allem was Nikolai weiß, sein Geld mit dem Verlegen von Zeitungen wie der Prawda bzw. der Herausgabe deren Netz-Äquivalent Nowaja Prawda verdiente, wenn er auch seit einigen Jahren für die Regierung tätig ist. Mit der Entwicklung und erfolgreichen Verpflanzung der ersten 10 Cyberaugen Typ Baba Yaga Natschalo I an nicht näher spezifizierten „Testpersonen“ war Produjew an Baba Yaga mit der Bitte herangetreten, ihn mittels Einbau jener Augen von seinem starken Sehleiden zu befreien, das ihn von Geburt an plage. Gemäß seinen Spezifikationen hatte Nikolai einen besonderen Prototyp entworfen, der neben der normalen 20/20 Vision ein verbessertes und natürlicheres Design und eine Niedrigfrequenzkamera beinhaltete.

Gemeinsam mit Produjew, der guter Dinge von den Nachrichten der letzten Tage aus Moskau schwatzte (eine Art Drache soll auf dem Roten Platz gelandet sein und das Gebiet der Waldkarpaten zu seinem Reich ausgerufen haben), und dem gleichsam gutgelaunten Dr. Ruskin (Nikolais Vorgesetzter) macht er sich Richtung medizinische Abteilung von Baba Yaga auf.

Irgendetwas zupft an der Peripherie von Nikolais Wahrnehmung. Ein gleichsam vertrautes wie fremdes Gefühl, das ihn seit einigen Tagen schon beschleicht. Er runzelt die Stirn, sein Blick fährt die Wände, die Decken, den Boden ab. Er wendet sich um, sieht aber nur andere Arbeiter in Laborkitteln miteinander reden oder geschäftig von Tür zu Tür laufen.

Das medizinische Zentrum liegt im B-Keller des Hauptgebäudes im Neuen Komplex von Baba Yaga Light Industries, einem prächtigen Gebäude, das modernste Fertigungsmethoden mit einer Kiev entsprechenden Architektur vereint. Fast sieht das Zentrum aus wie ein aus Eis gegossenes Schloß der Zarenzeit, in dessem Inneren beste Hightech in die Struktur des Hauses geflochten wurde. Jenseits der Blicke der Besucher und Angestellten führt ein Labyrinth aus Netzen durch die Wände und Decken, in denen ferngesteuerte Dronen, Rohrpostsysteme, Halbleiterleitungen und Glasfaserkabel ihren Dienst tun.

Nikolai erspäht das rote Auge einer Otwjet-Drone, deren spinnenartiger Leib sich auf einem der Ventilationsgitter niedergelassen hat. Die Otwjet ist eine Neuentwicklung von Baba Yaga, die optische Informationen selbsstätig mit dem neuen Mitarbeiter-Chip-System vergleicht und bei Diskrepanz Alarm auslöst. Das Modell der frei beweglichen Drone – so die Meinung des hausinternen BabaYagaNewsNet (BYNN) – wird von den „feindlichen marktblockierenden Fremdstaaten“ (eine derzeit sehr populäre Theorie zur Begründung der weltweiten Rezession) boykottiert, wie die meisten russischen Produkte. Die „Elite der Megaunternehmungskartelle“ dulde keine Konkurrenz, und da sie in Rußland als einzigem Industriestaat noch nicht „schalten und walten“ kann, wie sie will, und auch Baba Yaga nicht aufkaufen kann (gem. russ. Kartellgesetz von 2011), werden die russischen Innovationen blockiert, was den Markt destabilisiert und somit zum Sturz beiträgt, ja, ihn verursacht.

Mit leisem Surren verschwindet die Silhouette der Drone, bewegt sich nun parallel über den Köpfen der kleinen Gruppe.

Nikolai fröstelt.

– – –

Die Büsche haben in diesem Jahr erst wenige Blätter bekommen; der Winter war lang und hart. Zwischen den skelettartigen Schatten, die sie an die weiße Wand werfen, bewegt sich ein schwarzes Stück Fell. Von Bodenfenster zu Bodenfenster huscht der Schemen, späht hinein auf schwarzes Haar, das im Gehen über einen weißen Overall schwingt.

Ein Geflecht aus Magie entsteht, senkt sich über seinen Geist.

Zeit, heimzukehren, Nikolai.

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