Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 02 | Flucht aus dem Paradies (4)

NAHE NIKOLAJEW | 2030

Die düster-graue Landschaft wird von dem Scheinwerfer des Skoda Vilejka 8 flüchtig erhellt. Regen prasselt auf die Windschutzscheibe, fließt in dicken Bächen an den Scheibenwischern ab. Aus dem Multichipplayer erklingt die Melodie von „Uwidemsa my jeschtscho“, einem Liebeslied von Majushka:

…ot Moskwy do Nowgoroda / Mnje nado pojti / Mnje nado pojti / Uwidemsa my jeschtscho ? / Njet, njet, nitschewo, njet

Nikolai starrt hinaus in die Nacht. Sein Haar klebt in nassen Strähnen in seinem Gesicht. Nadja summt das Lied mit, die Augen starr geradeaus gerichtet, auf die Straße.

NIKOLAJEW- 20km

Das Schild ist nur ein grauer Schlieren, der vorbeizieht, die hügelige Landschaft ohne Akzente, die Straße leer bis auf den nächtlichen Schwerlastverkehr. Ein Zug aus vier Waggons zieht an ihnen vorbei, 3m hoch die Fahrerzelle des Stahlkolosses, tief dröhnt seine Hupe, verändert den Ton, die Rücklichter verblassen in der Nacht.

Nikolai dreht sich zur Fahrerin um, mustert ihr nasses Gesicht, die Feuchtigkeit, die in großen Tropfen von ihrem Kinn rinnt und in der Fülle ihres Ausschnittes versiegt. Ihre spitzen Ohren zeichnen sich im Licht des Gegenverkehrs scharf gegen die Schwärze ihrer kurzen Haare ab, von denen sie alleine auf der Stirn einige Strähnen weiß getüncht hat. Ihre tiefblauen Augen verraten nichts über ihre Gedankenwelt.

Er erinnert sich ihrer, wie er sie in einer Kaschemme in Kiev kennenlernte. Er hatte getrunken, und das schon seit Tagen. Sie ging direkt auf ihn zu. Sie kamen ins Gespräch. Manche Teile der Geschichte seines Leides hatte er nochmal erzählen müssen, sein Blick versunken in ihrem freundlichen Gesicht, in das sich bei einigen Stellen seiner Schilderung Anteilnahme, Sorge, aber auch ein verschmitztes Lächeln stahl.

Er liebte die Art, wie ihr Gesicht zu seinem redete, liebte sie für ihren eigensinnigen Humor, der ihn oft in Erstaunen versetzte. Es lag in ihrer Eigenart, das sie inmitten eines völlig trivialen Satzes von Nikolai plötzlich lächelte oder gar vor Lachen nicht weitergehen konnte. Nun liegt keine Gefühlsregung in ihren Zügen. Er wendet sich wieder der vorbeiziehenden Landschaft zu, seine Gedanken wie ihre verloren, verknüpft an diese einzige Frage, wie es nur soweit hatte kommen können.

Als sie ihm seine Kündigung bei Baba Yaga aussprachen, hatte er kein Wort der Verteidigung gehabt. Die Fehler, die ihm bei der Justierung von Produjews Cyberaugen unterlaufen waren, waren unverzeihlich.

Wieder einmal hatte er nicht aufgepaßt, wieder einmal war er mit seinen Gedanken woanders gewesen (hinter dem Brombeerbusch), und das hatte den alten Mann sein Augenlicht gekostet. Die Nervenbahnen zerfressen von den falsch sequentierten Signalen der Augen, epileptische Anfälle, wochenlanger Krankenhausaufenthalt.

Die automatische Programmierung des Players blendet die Musik aus.

„Nachrichten. In Estland verschärfte sich die Lage, als Mitglieder der estländischen Terrororganisation „Ivkÿtsin“ Stellungen der russischen Freiheitsarmee bombardierten. Der Sprecher des Krisenstabes reagierte mit der sofortigen Entsendung von 2.000 Soldaten in die krisengeschüttelte Region, um den Friedensprozeß zu unterstützen. In einer Presseerklärung gab der Kanzler der vereinigten deutschen Länder Marcus Rothmann bekannt, daß er die Entsendung russischer Soldaten in diese Region als Kriegsakt betrachte. Der deutsche Kanzler ist Mitglied der ultralinken USPD, der erst vor wenigen Wochen vor Vertretern der westlichen Konzernkartelle diese in ihrem Bemühen bestärkte, russische Märkte über dubiose internationale Wirtschaftsgesetze zur Öffnung zu zwingen. Für die wie er es nannte „Aufbauhilfe Ost“ sei er gewillt, großzügige Subventionen für die Giganten der Wirtschaft zu leisten. Wie Wirtschaftssekretär Dubrejew bekanntgab, sei diese Äußerung ein deutliches Zeichen für die Korruptionspolitik der westlichen Industrieländer, die um jeden Preis in der Sechsten Welt die Totalherrschaft über das Russische Reich an sich reißen wolle Ferner…“

„Kannst Du das bitte ausschalten ?“

Nikolais Magen krampft sich zusammen. Wie ein schwerer, eiskalter Knoten sitzt die Angst in ihm. Angst, die viele Leute in Rußland erschüttert: Die Angst vor einem Krieg. Nadja schaltet die Nachrichtenübertragung aus, das Lied blendet wieder ein.

Er betrachtet sie erneut. Sie schweigt. Wie er macht sie nie viele Worte, aber er liebt jedes einzelne Wort, das ihren geschwungenen Lippen entkommt. Sie hat ihn aufgebaut, nachdem er aus der Firma entlassen wurde. Sein Vater hatte sich von ihm abgewandt, seine Mutter hatte ihm nichts zu bieten als Sorge und Angst.

Als der Einberufungsbefehl kam, hat Nikolai ihn verschwiegen. Zerknüllt. Weggeworfen. Gelähmt von der Angst, in einen Krieg ziehen zu müssen, der schon längst in den Nachrichten unterschwellig mitklang.

Die Gier der westlichen Industrieelite war unersättlich. Nachdem in den vergangenen dreißig Jahren zahllose große russische Betriebe erst gezielt durch Importbarrieren anderer Länder angeschlagen wurden, hatten die Megakons einen Betrieb nach dem anderen vereinnahmt. Unter dem Drängen der russischen Firmenverbände hatte die Regierung die 2011 zuerst die Kartell-, dann die Barrikadegesetze erlassen, die westlichen und japanischen Firmenverbänden finanzielle Investitionen in russische Firmen nahezu unmöglich machten. Die Kartellkomission wurde aufgestellt und erklärte zahlreiche Verträge für nichtig, was nun von den westlichen Ländern, deren Regierungschefs mehre Marionetten der Kons waren, durch eine wirtschaftliche Isolationspolitik gegen Rußland quittiert wurde.

Vor die Wahl gestellt, Rußland dem Ausverkauf zu öffnen, wurde ein neuer Regierungsstab gebildet, der eine wesentlich härtere Gangart anschlug. Für die Gedankensklaven der westlichen Welt, das wußte Nikolai durch seine Reisen in der Matrix, war Rußland der Aggressor.

Doch die Gewalt, die nun zu eskalieren drohte, war keine russische Geburt. Rußland drohte in der wirtschaftlichen Rezession zu ertrinken, wie ein Bär, gefangen in der Grube der Megakons, der an sich selbst nagte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er losschlagen würde.

Nikolai liebt seine Heimat, liebt Rußland, seine Berge, Steppen, seine Himmel über alles, aber als sie ihm eine Waffe in die Hand drücken wollten, lief er weg.

Er rannte, bis er nicht mehr konnte, schüttelte die Staatsbeauftragten des Wehrverweigerungskommandos in Kiev ab. Tagelang versteckte er sich, bis er es wagte, zu Nadja zu gehen. Das Kommando war schon bei ihr gewesen, hatte ihr befohlen, sich sofort zu melden, sollte er bei ihr auftauchen.

Man hatte ihr sehr deutlich gemacht, welche unangenehmen Konsequenzen eine Unkooperation nach sich ziehen würden, aber sie stand zu ihm. Sie hatte ihre Sachen schon im Wagen. Sie küßte ihn. Sie liebten sich. Dann brachen sie auf.

Von Kiev nach Nikolajew wollen sie, dann weiter nach Odessa, wo Bekannte von Nadja wohnten, die in der Schiffahrt tätig sind. Mit etwas Glück wollen sie übersetzen nach Romantika, vielleicht nach Istanbul.

Sie haben Angst, beide von ihnen. Keiner möchte Rußland verlassen, alles hinter sich lassen. Keiner von ihnen hat je Rußland für lange Zeit verlassen, Nikolai einmal für 2 Wochen, als er mit seinen Eltern Urlaub in Bulgarien gemacht hat, Nadja war einmal für 1 Monat in Deutschland beim Schüleraustausch, ehe die Grenzen dichtgemacht wurden, aber weg für immer ?

Am Rückspiegel schwingt eine einzelne Seite aus Nikolais schwarzem Büchlein; ein Gedicht, das er Nadja gewidmet hatte, und das Nadja ihm zur Antwort gab, als sie sich dazu entschlossen, zu fliehen:

Wie bunte Blätter ohne Halt

treiben wir durch Raum und Zeit

wissen nicht von welchem Baum

wissen nicht wie lang, wie weit

Doch dort, wo wir herniederwehn

wo wir fallen Blatt an Blatt

wollen wir auf ewig sein

und in Raum und Zeit vergehn

Grün wird braun dann werden

Zu Humus unser Leib

 Auf das im nächsten Jahres Lauf

entspringen wird aus uns ein neuer Trieb in sattem, grünen Kleid.

 

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