Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 03 | Jahre des Blutes (7)

IVAN-MIR TAKTISCHER SATELLIT | 2032

Die Zeitverzögerung hängt als klebrig-salziger Nachgeschmack in Tolstois Leib. Ihm ist, als würde er durch Honig atmen, würde mit jedem verkrampften Atemzug tiefer in einen klebrig-kalten Sumpf gezogen werden.

Durch die totenkalte Schwärze um ihn fliegt ein militärisch-schwarzolivgrün-geflecktes Spinnenmonster mit hungrigen, rotglühenden Augen auf ihn zu. Seine Steuerbefehle reißen ihn direkt auf die schwarzgifttriefenden schleimigen Zangen des klaffenden Maules der Spinne zu, die sich hungrig klickend öffnen und schließen.

IVAN-MIR XII – MILNET SAN

00:00:21

Mit Leibeskräften schreit Tolstoi dem Spinnenmaul seine ID-Nummer und den MilNet-Authorisierungscode entgegen, betet, daß seine Sicherheitsstufe (4) ausreicht für das Access ICE der SAN. Wenn nicht, wird sein Tod früher als in 21 Sekunden, die ihm verbleiben, stattfinden.

Das Maul klafft auseinander, atmet ihn ein. Er hängt in einer Kugel aus flackernden Schirmen, über die Satelittenaufnahmen, Zahlenkolonnen, Kameraaufnahmen von Bodenkameras huschen. Über den meisten Monitoren hängt ein feines Gespinst grauer Fäden, auf denen feiste schwarze Spinnen umherirren. Das Zentrum der Kugel wird von einer gigantisch anmutenden Konstruktion eingenommen, die sich bei zweitem Hinsehen als 7 ineinander verkeilte schwarze Spinnen von gigantischen Ausmaßen entpuppen – optisch sogar größer als der gesamte Knoten von außen. Flirrende Datenströme blitzen durch die Kugel, und Tolstoi erkennt die formlosen ICONS von 5 russischen Kampfdeckern, die rasend schnell auf das ICON einer schillernden Motte einhacken.

Ein unsichtbarer Windzug reißt Tolstoi in Richtung des ihm zugewiesenen Access, ein fahler Bildschirm, der nun zum Leben erwacht. ACCESS GRANTED.

Tolstoi ruft die Karte seines Orientierungssystems ab, pflanzt die Daten, die er aus Richtung und Entfernung des Peilfernstechers ermittelt hat, ein. Über Quervernetzung beider Datensätze ermittelt er einen Zielpunkt, den er im Kartenausschnitt maximal vergrößert. Als er bis auf 4km herangezoomt hat, reißt die Bildverbindung ab.

NÄHERER ZOOM BEI IHRER SICHERHEITSSTUFE UNAUTORISIERT.

Aus den Augenwinkeln sieht er, wie eine der schwarzen Spinnen sich aus dem Zentralknoten löst und in seine Richtung starrt. Er nimmt den Zoom zurück.

Vorsichtig senkt er seine Hand ins Innere des schillernden Schirmes vor sich ab, ertastet den Sicherungskomplex darunter. Seine Gestalt morpht zu einem Bruchteil ihrer Größe, als er durch den Schirm in einen beängstigend winzigen Raum darunter fällt.

Er blickt sich um.

00:00:20

Das Innere des Raumes ist angefüllt mit einem hypnotischen Muster schillernder Stäbe, die sich in ewig bewegenden Beugungen ineinander und umeinander bewegen. An einigen der Stäbe sprießen schwarze Dornen empor. Tolstoi spürt den Blick der großen schwarzen Spinne auf sich.

Er weiß, was er vor sich hat: Die Sicherheitsstruktur dieser SPU. Einige der von der SPU ausführbaren Befehle sind für seine Sicherheitsstufe gestattet, andere strengstens verboten. Jeder der Balken ist abhängig von der Stelle, wo er berührt wird, mit anderen Stangen(befehlen) verknüpft, leitet bewegende Schauer in Slavenodes weiter. An der korrekten Stelle berührt, wird der Befehl ausgeführt. In falscher Konstellation – Tod.

Ein gordischer Knoten.

Tolstois Blick verliert sich in der Betrachtung der komplexen Datei- und Autorisierungsstrukturen vor ihm. Er muß das System dazu bewegen, den Target-Computer der Panzer ausfindig zu machen und mit der Satelitteneigenen Impulsfunkanlage den Zugang zu forcieren – ein höchst nicht-autorisiertes Verfahren für seine SecLev. Also muß er das System dazu bringen, genau das zu tun, aber ohne daß das System weiß, daß es das tut. Von Befehl zu Befehl, von Knotenpunkt zu Knotenpunkt muß er sein Ziel einkreisen, immer hart am Rande seiner Autorisierung.

00:00:15

Seine Entscheidung ist gefallen. Vorsichtig berührt er den ersten Befehlsstrang, streicht sanft über ihn hinweg. Seine Berührung bringt ein sachtes Trudeln in den gordischen Knoten, an zwei Stellen lösen sich die Kontaktpunkte der schimmernden Stangen.

ZUGANG GEÖFFNET. BEREIT FÜR INFORMATIONSEINSPEISUNG VON NIKOLAI VLADOV ID 0-6-8-0-6-2-7-0-7-2-1-8-2-1-0-3-0

Indem er zwei der Stangen sachte ineinanderschiebt, wird das Trudeln des Knotens verlangsamt. Seine Finger sinken in einen Knotenpunkt zwischen 4 Befehlssträngen ein. Diesen Knoten gilt es zu entwirren. Er betrachtet die Struktur des Knotens, verfolgt die Befehlsstränge in verschiedene Richtungen weiter, bis ihm die Augen flirren.

00:00:12

Tolstois tausende von Kilometern entferntes Matrix-Abbild nickt. Gleichzeitig den ersten vom 4. Befehlsstrang abzweigenden Strang und den 16. vom 2. Befehlsstrang abzweigenden Strang umklammernd, zieht er sie auseinander, gibt in die schwarz blutende Lücke eine klebrig-schwammige Masse von Informationen ein.

NIKOLAI VLADOV MELDET: KEINE KAMPFTÄTIGKEIT IN SUBSEKTOR 344-d-22 DER PRIPJET SÜMPFE.

Zwei Datenstränge schießen aufeinander zu. Tolstoi zuckt kurz, erkennt, daß es die beiden sind, mit denen er gerechnet hat. Es klappt. 3 Schlaufen haben sich gelöst, ein schwarz bedornter Strang verschwindet.

INFORMATION NICHT KORREKT. ZWEI MILITÄRISCHE FEINDZIELE VON SENDER ERFASST.

Tolstoi spürt, wie sich der massive Leib der schwarzen ICE-Spinne näherschiebt. Er versucht, ruhig zu bleiben. Vorsichtig schiebt er den Datenstrang, an dem er bis eben im Hintergrund seines Kopfes gearbeitet hat, in die aufklaffende Lücke der schwarzbedornten Befehlssätze. Einige tausend Kilometer entfernt beginnt das mit der höheren Sicherheitsstufe des toten Kommunikationsoffiziers codierte Transpondergerät, die Peildaten des (nicht vorhandenen) Jeep-Computers (in Wahrheit das Peilfernrohr von Tolstoi) zu übermitteln, aus denen der Elf vorher die Positionsmarker der Panzer „weggeschönt“ hat.

00:00:09

Tolstoi kann ein erleichtertes Lächeln nicht unterdrücken, als die Dornen der Stränge nach innen sinken und sich zwei weitere Verbindungen des Knotens lösen.

INFORMATION NICHT KORREKT – ANALYSIERE FEHLERQUELLE – SENSOR DES PEILCOMPUTERS VON JEEP 455-233 DEFEKT – ÜBERSPIELE DIREKTDATEN AUS SATELLIT IVAN-MIR XII

Vor Tolstoi erscheint eine auf 200m eingegrenzte Karte, auf der die Icons zweier BLITZKRIEG-Hoverpanzer (bzw. derer Kommuniktationscomputer) träge dahingleiten. Ein beständiger Datenstrom verläßt die ICONS bei der Antenne, rast schrägt diagonal an Tolstoi vorbei, Richtung NORSAT-III. Neben den Panzern schweben die Zugangsnummern der SANs, quasi ein Abfallprodukt der von IVAN gelieferten Spionagedaten.

00:00:08

Tolstoi sucht den gordischen Knoten ab. Er weiß, daß irgendwo in dessen Struktur die Befehlssequenzen des Interface-Laserzielsenders von IVAN liegen. Die Blitzkrieg-Panzer sind via ECM gegen Fremdpenetration der Funkverbindung abgeschirmt, doch diese sind zu schwach gegen die IVAN-eigenen ICCM-Senderelais. Deren Aktivierung allerdings ist nur Sicherheitsstufe 2 und höher möglich. Zu hoch selbst für das Relais des toten Kommunikationsoffiziers.

00:00:07

Tolstois Augen irren über die Datenstränge, finden im Gewirr schwarzer Dornen vereinzelte dornenfreie Stangen. Zu wenig Berührungspunkte zueinander – an nahezu jedem Knotenpunkt treffen hier schwarze (gesperrte bzw. alarmauslösende) Leitungen aufeinander. Der träge dahintreibende Batzen von Befehlssequenzen scheint insgesamt nun ein schwarzer, pulsierender Dornenstrauch zu sein – der Tolstoi unwillkürlich an einen Brombeerbusch erinnert.

Er selbst befindet sich mittlerweile inmitten des dornigen Gestrüpps, von jeder erfolgreich ausgelösten Befehlssequenz tiefer in den Knoten gezogen. Dicht hinter ihm spürt er den Blick des schwarzen ICE auf seinem Rücken.

00:00:06

Er fixiert die wenigen verbliebenen autorisierten Stränge. Ein Gedanke schießt durch seinen Kopf. Aus seinen Händen strömen Befehlsketten wie dünne, weiße Tentakel – aber nicht in Richtung Zentrum des schwarzen Knotens, sondern in entgegengesetzte Richtung. Weit entfernt treffen die Tentakel ihr Ziel, reißen Tolstoi aus dem Knoten heraus, durch die schwarze Leere des Weltraums – direkt in den Peilcomputer von Ghandis Panzer-Hovercraft. Die Quelle seines Anrufes – IVAN-MIR – als Autorisation benutzend, löscht er die im schwach gesicherten Hovercomputer lagernden Peilsignale der beiden Feindpanzer.

00:00:05

Während das Innere des Peilcomputers beginnt, Datenströme auszustoßen, schießt Tolstoi sich weiter Richtung Zielcomputer von Venkas Hovercycle, wo er ebenfalls die Ortungssignale der beiden Hoverpanzer löscht. Der am Boden verdoppelte Zeitverzug durch die Übermittlung der Signale via Satellit hängt ihm als zäher Klumpen in den Eingeweiden.

00:00:03

Mit einer flüchtigen Handbewegung jagt er einen Virus in das Zentralrelais seines Satellitenempfängers, der einen Energieloop in der Batterie herstellt – in 3 Sekunden werden die Sicherungen des Satellitenreceivers durchschmoren. Er greift in den Datenstrom, der ihn noch immer wie eine Nabelschnur mit IVAN-MIR verbindet.

00:00:01

Er schießt Richtung Zentralkern von IVAN-MIR XII zurück, der Time Delay fährt von doppelter Intensität auf einfache zurück, so daß ein weiterer Schub Endorphine in sein Hirn fährt. Im Kern vor dem gordischen Knoten greift er durch die Dornen mitten in einen der schwarzen Knoten hinein. Noch ehe durch die bloße Berührung ein Befehl ausgelöst werden kann, bricht in der SPU die Hölle los.

Mit kaltem Entsetzen registriert Tolstoi, wie das schwarze ICE auf ihn zuspringt, die Augen erleuchtet in wütendem Rot. Alarmleuchten springen an. Die Spinne windet sich in Windeseile zu ihm durch. Er spürt ihren Atem, sieht die stahlharten Klauen auf ihn zurasen.

00:00:00

– FZZZZAKKKKH –

Der Dumpshock trifft Tolstoi so hart, daß er zusammenbricht.

Die Welt dreht sich um ihn, seine Sinne erfüllt vom Anblick seines achtbeinigen, schwarzfeuchtglänzenden Todes, der gierig auf ihn zujagt. Er spürt die Berührung der dürren Beine, die die Haut seines Hirnes durchstoßen, in seine Seele hineingreifen.

Kälte schießt durch seinen Körper.

Seine ersten „realen“ Sinneseindrücke sind der Geruch von versengtem Haar, der Geruch von Ozon und das Dröhnen der aufheulenden Schubaggregate der beiden Hoverpanzer. In seinen Ohren singt das aufgeregte Piepsen des Satellitenreceivers

Er hat es geschafft.

Als er dem Ortungscomputer von Ghandis Panzer und Venkas Hoverbike das plötzliche Verschwinden zweier Ziele einspeiste, wurde eine standardmäßige Meldung über Relaisstation 11 an IVAN-MIR geschickt. Tolstoi hatte bei Betrachtung des gordischen Knotens eine Sicherheitssequenz entdeckt, die über 4 Punkte mit seinen bisherigen Befehlen verbunden war.

Als er den Knoten berührte, sprang die für Kommunikation mit Bodentruppen in diesem Sektor stehende SPU, die er benutzte, sofort in aktiven Alarm um, was ihr zugleich eine erhöhte Priorität in der Übermittlung von Alarm-Meldungen an das Hauptquartier gab.

Indem nur Milisekunden später zwei Ziele von Bodenortungssystemen als verschwunden gemeldet wurden, die zuvor schon von Soldat Nikolai Vladov als nicht vorhanden gemeldet wurden, handelte der im HQ sitzende Sicherheitsdecker auf die einzig mögliche Weise: Er initiierte unter Hochpriorität eine genaue Rasterabtastung des Zielgebietes.

Das daraus resultierende Bombardement mit Funksignalen entging auch nicht den Bordcomputern der beiden „Phantom“-Panzer. Auch sie reagierten auf routinierte Art und Weise: Sie ließen alle Alarmlampen der Blitzkrieg-Panzer aufschreien, das eine satelittennavigierte Zielerfassung initiiert worden war, was nur bedeuten konnte, das ein Artillerieschlag unmittelbar bevorstand.

Egal, ob die Piloten der Blitzkrieg-Panzer den Soldaten hinter dem Jeep bereits geortet hatten oder nicht, ihr Überlebensinstinkt war deutlich stärker ausgeprägt als ihr Wille, ihren Arsch für einen lumpigen Soldaten aufs Spiel zu setzen.

Mit aufheulenden Schubdüsen hatten sie sich fluchtartig zurückgezogen.

Tolstois größte Sorge war nun, daß das HQ wirklich einen vorsorgenden Artillerieschlag auf dieses Gebiet verüben konnte, aber Lady Fortuna war mit ihm – offenbar hatte der russische Kampfdecker die Manipulation an den Zielcomputern bemerkt und fragte sich gerade, warum der Feind so auf seine eigenen Panzer unnötig aufmerksam gemacht hatte. In der Annahme, daß die Zielerkennung von IVAN-MIR noch immer sabotiert war und die beiden Datenphantome unter Umständen RUSSISCHE Panzer sein könnten, hielt er das Artilleriefeuer zurück.

Tolstoi sinkt im Schlamm neben dem Jeep zusammen, Tränen schwemmen den Dreck aus seinem Gesicht.

Wie ein Fötus rollt er sich zusammen, erleichtert, dankbar, voller Angst, einsam, froh, traurig, allein weint er solange krampfhaft weiter, bis sein Körper das Endorphin abgebaut hat.

Sein Schluchzen wird leiser, die Augen flattern zu. Der Schlaf überkommt ihn wie ein schwerer Nebel von See her.

Die ersten Momente seines Traumes, denn diese müssen es sein, sind erfüllt von der fernen Berührung eines warmen, weichen Felles, das sich schwer auf seinen Bauch legt und warme Vibrationen eines tiefen, brummenden Tones durch seinen Körper fahren läßt.

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