Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 03 | Jahre des Blutes (11)

HAMBURG | 2053

Die Turbinen des LK-Hoverjetbikes laufen auf Minimalleistung, ein indifferentes Pfeifen über dem Schlackwasser der Sperrzone Hohe Schaar. Tolstoi atmet schwer. Anders als normale Hovercrafts konnte das Jetbike nicht einfach über die Ölabsperrung rübergleiten – dafür reichten die Steuerfortsätze des Hochgeschwindigkeitsbikes zu tief ins Wasser. Er hatte absteigen müssen, dabei aber die Hände noch immer am Lenker, um die schwere schwarze Maschine nicht in der herüberleckenden Schlacke zum Absaufen zu bringen.

Mit der Linken den Gashahn betätigend, fanden seine Füße Halt auf einem halbversunkenen Schlepper, auf dessen abschüssigem Deck die ölverschmierten Überreste einiger Möven lagen.

Gleichzeitig hatte er auf der unebenen Bordwand voranlaufen müssen, mit den Händen das Bike hoch- und über den Ölfangzaun ziehend und dabei mit der Linken den Schub auf Maximum bringend – ohne, daß ihm das Bike einfach wegfuhr.

Damals, 2037, als er die ersten Exkursionen durch dieses Gebiet mußte, hatte er sich voll in den Ölschlick gepackt, wäre fast versunken. Inzwischen aber waren diese Akte Standard, nahezu ein Programm, das seine Muskeln lediglich abspielten. Die Maschine fuhr sich auf den ersten Metern hinter dem Zaun wie ein Wildpferd, das zugeritten werden mußte, aber jetzt, einige schlingernde Meter weiter, hatte er sie wieder unter Kontrolle.

Diese Ecke der Sperrzone wird nur selten patroulliert – kein Wunder, denn meist hatten selbst die Soldaten der HanSec oder der MET2000 oder der vielen hier operierenden Truppen kein gesteigertes Bedürfnis, ihre Fahrzeuge und sich selbst von der schweren, schwarzen Ölschlacke zu reinigen, die nach einiger Zeit zu einem klebrigen, stinkenden Teer aushärtete, der Deine Turbinen effizienter vernichten konnte als die Typen von Joe“s Wassergarage in der Jägerfleet.

Das eingezäunte Areal der alten SHELL-Raffinerie hatte neue Herren gefunden – Khan“s Reiter.

Vorsichtig tastet Tolstoi sich vorwärts, ein beständiges Spiel mit der Schubkontrolle, wenn das dumpfe Pfeifen droht, zu einem dröhnenden Blubbern zu werden – wer hier absäuft, ist wer vom Fenster – wie ein Mammut, was in eine Bitum-Grube fällt.

Eine Todeszone, gut übersichtlich, wenn man aus einem leeren Gebäude über das Wasser zielt und im Gegensatz zum ungebetenen Besucher jede unter der Oberfläche verborgene Konstruktion kennt.

Der Bildschirm des Tiefenortungsgerätes ist blind geworden, als er über die Ölsperre glitt. Aber nach einigen Minuten erreicht er ein Areal, von dem er weiß, daß hier keine unangenehmen Überraschungen unter Wasser lauern.

Bedrohlich türmen sich die verrotteten Wände zweier ehemaliger Schiffswerften neben ihm auf, in einem verrosteten Stahlriesen liegt sogar noch das Wrack eines Marinekriegskreutzers, der nach dem Niedergang auch dieser Werft nie mehr fertiggestellt wurde. Hinter diesem Durchgang ist eine größere Wasserfläche ohne Hindernisse, der ehemalige Betriebsparkplatz der SHELL. Nur an einer Stelle sieht man noch die Reste eines doppelstöckigen Touristenbusses aus dem Schlick ragen, an dessen skelettartigem Gestell einige Schädel hängen.

Tolstoi hebt den rechten Arm, ballt ihn zur Faust, und fährt weiter auf das ehemalige Verwaltungsgebäude vor ihm zu. Seine Augen projezieren starr geradeaus gerichtete Pupillen, unterdessen sein „wahrer“ Blick die umliegenden Dächer und Fensteröffnungen absucht. Die verschiedenen Modi der Augen durchgehend, konsterniert er, daß 4 Gewehre auf ihn getrimmt sind.

Er dreht den Schub der Turbinen weiter hoch, bremst das Bike aber gleichzeitig ab. In den tieferen Wasserschichten, in denen sich weniger Öl befindet, ist die Elbströmung stärker – ein beständiger Sog, der eigentlich erforderlich macht, mit großer Geschwindigkeit das breite Areal zu überqueren. Der Motor stottert häufiger, dumpfes Blubbern unter dem absackenden Hinterteil des Bikes. Tolstoi hofft, die Goten haben keinen nervösen Zeigefinger, haben sein Handzeichen des Friedens erkannt, und so läßt er die Bremse los und schießt vorwärts, auf den dunklen Schlund der ehemaligen LkW-Verladestation des Gebäudes zu.

Das fahle Tageslicht weicht der stickigen Dunkelheit der Station, aus deren Schlacke vereinzelt die Stümpfe von Zapfsäulen herausragen. Hier drinnen ist der Geruch nach Öl nahezu unerträglich, doch unter dem grau-schwarzen Filz, der Tolstois Gesicht größtenteils bedeckt, trägt er eine Filtermaske. Die Sensorik seiner Augen registriert die Kondensation von Benzoldämpfen auf der Außenseite der Augen, fordern ihn zum Putzen der Abdeckung auf. Er schaltet mental den nervig blinkenden „Herstellerhinweis“ ab.

Die Motoren noch einmal aufdrehend, rutscht das Bike eine verschmierte Laderampe hinauf, kommt schlitternd zum Stehen. Im hinteren Teil der Station, durch zwei ausgebrannte Tanklastzüge hindurch, kann er das gestohlene Hovercraft erkennen.

Langsam steigt er ab.

Obwohl niemand zu sehen ist, weiß Tolstoi, daß jede seiner Bewegungen beobachtet wird. Am jenseitigen Ende der Werkhalle, in der er sich jetzt befindet, erkennt er einen 3m hohen Durchbruch, dessen Ränder kunstvoll mit matt gold leuchtenden Neonfarben bemalt wurden. Über dem Eingang hängen weitere Schädel, verbunden mit einem Sortiment verschiedener Kon-Security-Jacken, Waffenstümpfen oder von Fahrzeugen abgerissene Kon-Logos.

Die rechte Faust noch immer zum Gruß erhoben, schreitet der Elf ohne zu zögern durch das „Portal“ in das „Innere Heiligtum“ der Troll-Gang.

Zur Rechten erstrecken sich geschwungene Stahlträgerkonstruktionen, die einst ein Glasdach stützten, unterdessen der geradeaus weiterführende Teil der einstmaligen Eingangshalle im Dunkel versinkt. Die Cyberaugen hochgetuned, erkennt Tolstoi den Goten, den er schon im Russenmarkt gesehen hat. Die Beine gespreitzt, die Arme verschränkt, steht er neben einem aus Müll zusammengeschweißten Thron, auf dem der Gangleader sitzt. Thursim-Khan ist selbst für einen Troll gigantisch groß: Seine Schultern sind breiter, als Tolstoi lang ist, und er ist locker groß genug, um bei einem durchschnittlichen Kon-Gebäude vom Gehsteig aus in den ersten Stock zu gucken. Seine gesamte Gestalt ist in schwere, schwarze Felle eingehüllt, alleine seine baumstammdicken Arme und nahezu doppelt so breiten Beine sind nackt; stecken in schweren Lederschienen, die mit messerscharfen Nieten ausgestattet sind. An der Seite des Thrones lehnt eine doppelschneidige Axt, die nur er allein stark ist zu halten und zu führen.

Schräg hinter dem Thron kauert Klaira, die Magierin des Khan. Nach allem, was Tolstoi über sie gehört hat, ist sie Druidin – zumindest von ihrem Äußeren her erweckt sie diesen Eindruck: Von Kopf bis Fuß steckt sie in einer fließenden grauen Robe, ihr weißes Haar ist an den Spitzen, wo es über den Boden schleift, von Öl und Dreck völlig verklebt. Ihre ungewöhnlich dürren Arme umklammern einen gewundenen Stab aus Ebenholz (oder Synthplast-Imitat), dessen Spitze eine große Kristallkugel enthält.

Auch die Wandverzierungen, die kyrillisch-arkanen Zeichen und die Felle weisen darauf hin, daß diese Gang das Wort „Troll“ als übelstes Schimpfwort betrachtet. Tolstoi verspricht sich, bei der folgenden Konversation darauf zu achten.

Im Dunkel der Wandareale kann er die massiven Körper der anderen Goten erahnen, doch das nun plötzlich entspringende Feuer in der Messingschale vor dem Thron irritiert die Nachtsichtfunktion seiner Cyberaugen.

Tolstoi kniet nieder, senkt sein Haupt in Demut vor dem großen Khan. Da keine Aufforderung zum Erheben kommt, tut er dies schließlich unaufgefordert, registriert kurz den bösartigen Blick der Druidin und wendet sich dann dem Khan zu. Sein Russisch ist makellos, vielleicht ein wenig zu perfekt und vornehm in den Untertönen – eine beabsichtigte Intonation von Tolstoi, um die Goten zu demütigen.

„Großer Khan, sei mir gegrüßt. Ich bin geschickt worden von einem, den Deine Männer beraubt haben. Er fordert das Seine zurück, wie es rechtens ist.“

Der alte Gote hebt eine Augenbraue. Als er schließlich zu seiner Antwort ansetzt, ist Tolstoi überrascht von der Weichheit seiner Stimme, der Wahl seiner Diktion, die eine gute Bildung erkennen lassen.

„Von wessen Volkes Samen er entsprungen sei, er wisse, daß es der Weg der Goten ist, sich zu erobern, was Ihnen beliebt. Er hat das seine nicht zu wahren vermocht, uns ist das Recht daran.“

Über das Gesicht des Goten, den Tolstoi im Russenmarkt getroffen hat, breitet sich ein Grinsen aus – obwohl Tolstoi bezweifelt, daß er alles verstanden hat, was sein Chef eben gesagt hat.

„Wohl gesprochen, Khan der Khane. Doch ist der Weg der Goten nicht der noble Pfad des Kriegers ? Ihr sagtet es selbst: Die Tugend Eures ehrenvollen Volkes liegt an der Eroberung. Voll Tatendrang tretet ihr hinaus und bezwingt die Welt, zwingt sie in die Knie.“

Der alte Troll lacht sanft. Tolstoi liest in seinen Augen, daß er genau weiß, worauf der Elf hinauswill, aber offenbar hat er Freude an der Konversation und präsentiert seinem Gegenüber den Happen, auf den dieser gewartet hat:

„Wahr gesprochen. Aber was wollt Ihr mir damit sagen, Skythe?“

„Eure… Krieger… haben sich das Schiff nicht erobert. Da ein Kampf wogte zwischen des Schiffs Mannen und den Dunklen Kriegern der HanSec nahmen Eure Leute sich das seine, während er abgelenkt war. Solch Tat kann wohl kaum eine Eroberung genannt werden, denn dieser Tat wurde von den Völkern ein anderer Name gewoben.“

„WISSU UNS ÄDWÄ ANMÄCH“N ?“ herrscht der Gote neben dem Thron nun Tolstoi an, das Gesicht rot vor Zorn. Der Blick des Trolls huscht über die Gesichter der anderen Trolle, die bei dieser Eskapade im Russenmarkt dabei sind. Tolstoi bewegt sich keinen Millimeter, will dem Troll keine unmittelbare Antwort geben, auf der er eine Kriegsrede aufbauen könnte. In der Luft hängen gelassen, bleibt der Troll einfach stehen, die Hände zu Fäusten geballt. Tolstoi beobachtet die Gesichter.

Der Khan scheint über die Reaktion seines Reiters eher belustigt zu sein. Möglicherweise ist hier ein unterschwelliger Kampf um die Machtordnung im Gange. Die Situation abwägend, entschließt sich Tolstoi dazu, das Ansehen des Russenmarkt-Trolls zu beleidigen. Er zieht eine Augenbraue hoch und beginnt spöttisch zu Lächeln – den Troll dabei fest anblickend. Auf Russisch fährt er fort:

„Wie meintet ihr bitte ? Verzeiht, doch Eurer Sprache Griff ist fremd auf meinem Geist, obgleich ich Eure Zunge vermeinte schon einmal gehört zu haben – von einem bemitleidenswerten Säufer und Tagedieb in St. Georg, allerdings. Möglicherweise solltet Ihr eher die Konversation mit ihm suchen und den Khan und mich nicht länger belästigen.“

Mit einer gelangweilten Geste winkt Tolstoi den Troll weg, der sich wütend zum Khan umdreht, auf ein Zeichen zum Angriff harrend – doch dieser schlägt nur kurz die Augen nieder und bedeutet dem Troll, zu schweigen. Als Tolstois Augen wieder auf die des Khans treffen, lächelt er wieder – doch nun tritt die Druidin an seine Seite und flüstert ihm ins Ohr. Dem Khan scheint nicht zu gefallen, was er hört. Über das Gesicht des jüngeren Trolls huscht ein düsteres Lächeln.

Schließlich wendet der alte Gote sich wieder dem Elfen zu:

„Verzeiht das aufbrausende Temperament meines Hauptmannes, doch die Passion des Krieges ist stark in ihm. Doch was Klaira spricht, ist wahr: Indem Du ihn beleidigst, hast Du uns alle beleidigt. Entweder sei es, daß Du wahr gesprochen hast, in welchem Falle Du frei bist, Dir Schiff und des Hauptmanns Kopf zu nehmen, oder aber Du sprichst Lüge in dieser Halle. Wie es die Traditionen des Gotenreiches gebieten, soll die Passion des Krieges Recht sprechen an diesem Orte.“

Tolstoi verspannt sich. Das läuft nicht so, wie er es sich vorgestellt hat – wenngleich er dem Troll in einem Zweikampf keine hohen Chancen beimißt.

Der Russenmarkt-Troll wirft seinen Umhang ab, wendet sich dann mit breitem Grinsen dem Elfen zu, die Augen voll Mordlust. Aus der Seite seiner Lederpanzerung zieht er zwei große schartige Klingen, die für ihn mehre Kurzschwerter sind, in Tolstois Händen aber eher Anderthalbhänger wären.

„HALTET EIN !“

Die Stimme der Druidin rollt durch die Halle.

„Großer Khan, hat der Skythe mit seinen Reden nicht auch die Männer des Kharim-Thar der Dieberei beschuldigt ? Wie sollen sie ihre Ehre wiedererlangen, wenn sie nicht ihrem Peiniger, der mit der spitzen Zunge der Skythen sprach, fordern dürfen ? Wohl wißt Ihr, daß Kharim-Thar ihn besiegen wird, so daß keiner der ihren mehr antreten kann. Was sagt ihr ?“

In sechs weitere Trolle kommt Bewegung. Unter dem gröhlenden Applaus der anderen streifen auch sie sich die Umhänge ab und treten vor, die Waffen gezogen.

Tolstois Herz schlägt höher, und kalt wird ihm das Gewicht des Amulettes in seiner Hand bewußt, das er eben aus seiner Jacke hervorgeholt hat.

Er hofft, er hat sich nicht geirrt im Khan.

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