Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 04 | Die Brut des Drachen (5)


HAMBURG – 2044

Weiße Wolken treiben vorbei. Unter ihnen grüne Wiesen, endlose, dichte Wälder. Der Wind seufzt Liebeslieber in seine Ohren, zerzaust das schwarze Haar. Freude erfüllt seinen Geist, endlose Freude am Fliegen, am Licht, an der Sonne auf seiner nackten Haut.

Sein Leib schwebt weit über grünen Auen, auf denen Kinder spielen. Treibt über majestätische Berge, deren Spitzen brennend weiß vor Schnee leuchten. Die Luft ist süß und warm und frisch, voller Liebe, Licht, Licht, und Freude.

Von ferne hinter den Bergen leuchten die goldenen Spitzen einer Stadt. Er steigt höher hinauf. Kühle feuchte Wolkenschleier umtanzen seine Brust, deren dunkel umrandete Knospen sich verhärten. Aufstoßend aus der Wolke streift die Wärme der Sonne über die Wölbungen seiner Bauchmuskeln, schicken Schauer der Extase durch seinen Schoß.

Ihm ist, als flöge er höher und höher, weit hinaus, hinaus und nach Haus“. In ein Land, das ihm so vertraut ist wie seine Seele selbst.

Die Stadt unter ihm dehnt sich aus, über rollende Hügel, die Adern eines breiten, mächtigen Stroms schicken Abertausend Reflexionen von Wassertropfen empor zu dem Engel, der über die Weiten seines Reiches steigt.

Heiß wird es hier oben, doch jeder Atemzug schickt neues Glück in die Leere der Erinnerung, jeder Flügelschlag seiner strahlend weißen Schwingen bringt ihm dem Glück näher, das gleißend hell über ihm steht.

Seine Augen sind taub vom goldenen Strahlen, Figuren tanzen vor seinen Augen. Ihm ist, als sähe er im brennenden Schein der Sonne ein Gesicht, das ihn gütig anlächelt. Im Schwelen der tödlich heißen Eruptionen sieht er goldene Locken, die strahlende Augen aus vergangenen Tagen erhellen. Er beschleunigt seinen Aufstieg, erkennt, indem das weiße Gleißen ihm die Netzhaut verbrennt, den nackten Leib seiner Nadja, seinem Engel, seinem Leben, stößt höher und höher, ohne aber näher zu kommen.

Ihre Lippen formen stumme Worte, rufen ihm zu, doch er hört sie nicht. Ein Flackern durchläuft ihren Körper, als von weit, weit her der Schrei einer Katze dringt, doch ebenso schnell, wie er gekommen, verblaßt er im Tosen der Flammen, die dem Engel wider Willen wie die hungrigen Arme einer Geliebten entgegenlecken. Wieder ertönt der ferne Schrei, eindringlicher nun, und der Engel schmeckt Blut auf seinen Lippen.

Verwirrt blickt er sich um, fährt sich mit dem Handrücken über den Mund, und obwohl er Feuchtigkeit fühlt wie den verebbenden Schrei eines sterbenden Wales sieht er doch nichts, was den Geschmack auf seinen Lippen erklären könnte.

Ein Schmerz durchdringt seine Wange, und auch hier fühlt er das fünffach emporquellende Rot seines Blutes, doch er sieht es nicht. Groß und hell steht alleine das Abbild seiner Geliebten über ihm, und kräftig stößt er sich erneut empor, in Richtung ihrer erwartend ausgebreiteten Arme.

Das Stechen auf seinen Wangen erneuert sich, stechend schmerzvoll wie nur das wahre Leben sein kann, und in Erkenntnis dieses Umstandes beschleunigt er erneut das Schlagen seiner Flügel, an deren Federkuppen nun deutlich grau-weißer Rauch emporschwelt.

Ein weiterer Schrei klingt aus den Gassen von Kiev herauf, das abertausende von Kilometern unter ihm zu einem weiß-goldenen Punkt zusammengeschrumpft ist.

Schon lecken kleine Flammen an seinem Federgewand, doch der Blick seiner blinden grünen Augen ist ganz und gar auf die Wölbung von Nadjas Brüsten, ihrer Lippen und Wangen und lodern heißen Locken gerichtet.

Klaffend heiß entbrennt ein weiterer fünffacher Schmerz auf seiner Brust, und nun sieht er auch die feinen Spuren von Krallen, aus denen rotes Naß emportritt. In die Schreie der Katze mischen sich andere Stimmen, weibliche Stimmen, doch stammen sie nicht vom goldenen Abbild Nadjas.

Entfernt hört er den Chor der Engel seinen Namen rufen, hört dumpfe Schläge, das zerberstende Knistern von Holz, überlagert mit dem fauchenden Rauschen seiner Flügel, die nun lichterloh in Flammen stehen.

Er wendet sich wieder dem Abbild Nadjas zu, das nun in greifbarerNähe ist. Langsam breitet er seine Arme nach ihr aus, und auch sie streckt ihm die Arme entgegen, das Gesicht überlagert mit einer Mischung aus Verständnis, Liebe und Schmerz.

Da seine Finger gerade die ihren berühren, wird er plötzlich zurückgerissen. Eine Schwere erfaßt ihn, die ihn schneller und schneller dem Boden zuträgt – nein, auch dieser entfernt sich rausend schnell, bis die ganze Welt aus Licht und Liebe und Freude und Glanz und Strahlen und Glück zu einem statisch flackernden Punkt in der Unendlichkeit zusammenschrumpft, gleich einem sterbenden Stern. Zugleich scheint sich die ihn umgebende Schwärze zu erhellen, Wärme umspült ihn, doch es ist eine reale Hitze, gepaart mit Lärm und Schreien und Schmerz. Er wird sich gewahr, daß sein Haar brennt, daß er die Augen geschlossen hält, das kleine Fäuste auf ihn einprügeln, daß die schwarze Frau auf ihn einbrüllt, daß Mischka schreit und schreit. Er verkrampft sich, blickt sehnsuchtsvoll dem verglimmenden Funken in der Ferne seiner Traumwelt hinterher, ehe er hustend und röchelnd die Augen öffnet und das Inferno sieht, das ihn umgibt.

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