Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 04 | Die Brut des Drachen (8)


HAMBURG – 2036

„HEY, DU ! ICH REDE MIT DIR !“

Ein weiterer Tritt gegen seine Rippen. Er weiß nicht, was der Mann in der schwarzen Uniform zu ihm schreit, aber er fleht ihn an, mit den Tritten aufzuhören. Kehliges Lachen von den anderen zwei Männern in Rüstungen. Ein Schlagstock rast auf sein Bein nieder, dumpf knackend fühlt er seinen Oberschenkelknochen brechen.

„LOS ! HOCH MIT DIR ! DAWAI, RUSSENSAU !“

Arme ziehen ihn empor. Er sieht nicht viel, die silberne Oberfläche seiner Cyberaugen verklebt vom Blut, das ihm von der Stirn tropft. Die Spitze eines Schlagstockes fährt ihm in die Nieren. Er spürt irgendetwas in sich zerbrechen.

Sein Knie stößt gegen eine Art Pritsche. Weiterer geschrieene Befehle. Er versucht sich hochzuziehen, schafft es aber nicht. Arme packen ihn erneut, stoßen ihn empor. Er stürzt, schlägt auf. Unter donnerndem Rasseln senkt sich eine Klappe hinter ihm ab, taucht seine Welt in Dunkelheit.

Er bleibt liegen, voller Angst, sich zu bewegen. Ein Stück Tuch, feucht, drückt sich auf seine Stirn. Eine russische Stimme flüstert:

„Shshsht. Ganz ruhig. Bleib erstmal liegen. Scheiße, die haben Dich ganz schön zugerichtet, diese Schweine.“

„Hey, Igor, laß den Typen doch. Siehst doch, den hamse halb totgeprügelt. Der kratzt doch eh ab, ehe wir beim KZ ankommen – is wahrscheinlich besser so.“

„Genau.“

„Hört auf, so“n Scheiß zu erzählen. Sgibt keine KZs hier – die bringen uns zu ner Abschiebe, schaffen uns zur Grenze und fertig.“

„Schwachsinn, die knallen uns ab. Weiß ich direkt von einem, der mal nachts ne Leichenkippe gesehen hat.“

Die Stimme des Fremden ist warm und weich und seltsam vertraut:

„Hör nicht auf die, Genosse, das wird schon wieder werden.“

Er will antworten, bringt aber nur ein Husten hervor. Sein Mund schmeckt nach Blut, das er klatschend erbricht.

So eine Sauerei. Iäääch. Kannste den Typen nicht einfachn Gnadenstoß geben, wird“s Dir danken, Mann.“

Der Lappen wischt Feuchtigkeit von seinen Lippen, tastet sich am Hals entlang, wischt den Nacken ab.

„Is nicht so schlimm, Nikolai. Wär nicht das erste Mal, daß ich Dich zusammenschustere, nicht wahr ?“

„Kennste den Typen etwa, Igor ?“

„Hmm-Hmm. Aus meiner Zeit als Insasse.“

Der laufende Motor sendet Vibrationen durch den Raum, der Motor ertränkt die körperlosen Stimmen der Männer und Frauen um ihn herum. Er versucht dem Namen „Igor“ irgendeine Bedeutung zu geben, aber das anhaltende Schwanken der Pritsche läßt ihn nur die kalte Leere seiner Übelkeit spüren.

Er weiß nicht, warum er sich an das Leben klammert. Der Tod gähnt klaffend unter ihm, um ihn herum. Er saß ebenso neben ihm auf der Matraze unter jener Brücke, wo sie ihn aufgegriffen haben, wie er jetzt neben ihm im Laster sitzt, und auch am Ziel dieser Reise wird er schon auf ihn warten. Aber Tolstoi will nicht loslassen. Nein. Das ist nicht richtig. Nicht ganz, jedenfalls. Es gibt Dinge in ihm, die loslassen wollen, Dinge, die wollen, das es vorbei ist.

Aber ein Teil von ihm will nicht. Der Teil von ihm, der voll Stolz ist, der nicht akzeptieren kann und will, so zu vergehen, dem Drachen im Moment des Todes doch noch Recht zu geben.

Nikuriel kämpft in der Dunkelheit dieses Lastwagens nach Nirgendwo. Er steht breitbeinig über dem zusammengesunkenen Leib, der Tolstoi genannt werden will, und das fahle Licht spiegelt sich dumpf auf seiner schwarzen Rüstung. Er hält seine geschwungene Klinge umklammert, starrt in die Dunkelheit vor ihm, fest entschlossen, das zu bekämpfen, was unweigerlich hervortreten wird aus ihr.

Doch er wartet umsonst. Nichts rührt sich in der Dunkelheit, nichts außer dem eintönigen Reden der Männer und dem Schwanken des Lasters.

Merkwürdig. Ebenso, wie man manches mal aus heiterem Himmel vom Tod ereilt wird, offenbart er sich nun nicht, hier, in diesem Lastwagen auf seiner Irrfahrt, obgleich jeder hier auf ihn wartet, ob nun in freudiger Erwartung oder bereit zum letzten Gefecht.

Vermutlich ist es das Schicksal, was diesen Laster lenkt, und Nikuriel wie Nikolai wie Tolstoi gen Wildost bringt, wo es sich erweisen und erfüllen muß.

Ein Teil seines selbst lehnt diesen Gedanken ebenso stark ab, wie der andere ihn gutheißt und sich an ihm wärmt.

Letztlich ist es – wie alles, was Menschen denken – ohne Sinn, unbedeutend, von Relevanz eben nur in der Beziehung, die sie selbst dem Gegenstand geben, nicht mehr.

Denn es ist die Laune der Welt oder Zufall oder eben Schicksal, daß in dieser Nacht derjenige, der einem Tolstoi im Internierungslager half und ihm in dieser Nacht, in diesem LkW auf seiner Fahrt nach Nirgendwo, das Leben rettete, daß dieser bei der Ankunft in Wildost von einer Wache erschossen wurde. Einfach so.

Dies ist nichts, was einem tieferen Sinn gehorcht – und wenn doch, so ist er eben dadurch ohne Sinn, daß er nicht zu erfassen ist. Dies ist letztlich der Gehalt der Welt.

Jelziah legt die Feder aus der Hand. Langsam lehnt er sich zurück, starrt in die knisternden Flammen des Kamins. Von einer plötzlichen Schwere und Leere erfüllt, erhebt er sich und geht zu seinem Raum.

Nur kurz fällt sein Blick auf die Gestalt, die, unter Decken verborgen, auf seinem Gästebett liegt, der Atem leicht und ruhig und gleichmäßig, Ihre kurzen Haare hell leuchtend gegen die samtenen schwarzen Bezüge des Bettes, die Weichheit ihrer runden Lippen leicht geöffnet, so leicht, daß nur der Glanz ihrer Zähne gerade eben zu erahnen ist wie ein verirrtes Funkeln zwischen ihren Lidern das Strahlen ihrer Augen verheißt, das doch nur dann wieder ebenso leuchten wird wie früher, könnte sie ihren toten Geliebten nur noch einmal mit ihren eigenen Augen statt durch die der Katze sehen, jener Katze, die ebenso unantastbar ist wie der Schwarze selbst, und vielleicht ebenso mächtig.

Er schüttelt sanft den Kopf, wispert und die Stille des Hauses hinein:

„Warum, Mordrak-Khan. Warum muß dies alles so hart sein. So schmerzvoll.“

Und die Stille ist Antwort genug.

ES IST, WIE ES IST, SAGT DIE LIEBE.

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