Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 05 | Von Dämonen und Engeln (2)


HARMBURG – 2044

Der Lärm der Baufahrzeuge dröhnt in Tolstois Ohren. Mühsam öffnet er die verklebten Augen, die Wimpern zusammengeschmolzen zu klumpigen schwarzen Flecken. Seine Beine ruhen auf einer kantigen Sporttasche, in dem sich seine wenigen Habseligkeiten befinden, die gerettet werden konnten. Er nimmt es ihnen nicht übel, daß sie ihn aus Wildost verbannt haben. Bis zuletzt hatte Rote Wolke versucht, die Leute zu beschwichtigen, und immerhin hatte sein Einsatz dafür gesorgt, daß er mit dem Leben davonkam. Kurz durchzuckt der Gedanke an das Elfenmädchen Fatima seinen schmerzenden Kopf, wie sie weinend da steht und, indem er sich zum Gehen wendet, sich an sein Bein wirft und es festklammert, als hinge ihr Leben davon ab. Warme Gedanken von Nächten, in denen er ihr von weißen Schlössern erzählte, strömen empor.

Gott, wo sind diese Nächte geblieben ? Habe ich sie nicht gesehen ? War ich überhaupt da ? Warum nehme ich das Kind erst jetzt wahr, jetzt, wo ich gehen muß ? Und wohin soll ich gehen?

Er rollt sich zur Seite, fühlt den Schmerz über die verbrannte Haut seines Rückens fließen. Das Rohr, in dem er liegt, spendet Schatten, doch die Hitze der Sommersonne erwärmt es nun ziemlich stark.

Aus dem Rohrende hinaus überblickt er das riesige Bauareal. Eine Hecke aus Krähnen zeichnet sich scharf gegen die gleißende Helle des Himmels ab. Der Geruch von Diesel liegt schwer in der Luft, in die von der nahen Abbruchhalde Unmengen von Staub getrieben werden.

Nichts ist mehr übrig von der Harburger Altstadt, nur einige wenige Häuserfronten mit leeren Fensteraugen starren ihn an, die Kuppel des alten ZOB reflektiert weiß das Sonnenlicht. Über die alte Bahntrasse wird Futter für die ewig hungrigen Mäuler der Betonmischmaschinen herangeschafft, flankiert von überdimensionalen Werbetafeln, auf denen SK den Bau einer neuen Arkologie verkündet, die Harburg nach der Flut wieder in ein blühendes Geschäftsviertel verwandeln soll.

Der Elf hustet trocken, und indem er sich verkrampft, durchzuckt ihn der Begriff „Humanis nobilis“, und angesichts seiner Lage geht das Husten in ein nahezu hysterisches Lachen über.

Seine Kehle brennt. Mehr noch als den zur Gewohnheit gewordenen Wunsch nach einem Wodka sehnt er sich nach Wasser. Oder wenigstens nach der Simulation von Wasser, und Wiesen, und Wind.

Zum unzähligen Mal durchforstet er seine Tasche, und wieder stellt er fest, daß weder sein Sim-Gerät noch sein Deck das Feuer überlebt haben. Das Deck wäre zwar zu reparieren, aber selbst mit größeren Summen an Geld (die er nicht besitzt) sind Ersatzteile für russische Computer hier nur schwer zu beschaffen.

Er spuckt aus, der Geschmack von Sand zwischen seinen Zähnen, auf seiner Haut, auf der sich vielerorts Blasen gebildet haben, bewirkt eine Verstärkung seines Wunsches nach Wasser.

Noch immer tasten seine Finger durch die Tasche, finden einen Gegenstand, glatt, kaltes Metall. Er blinzelt, zieht die massive Pistole hinaus.

Und auf einmal weiß er, was er zu tun hat – wenn er diesen Tag noch durchsteht – wenn er sich verkriechen kann, bis die Sonne untergeht.

– – –

Kalte Augen fixieren ein Betonrohr auf der SK-Baustelle in Harburg. Kleine Räder tasten sich vorsichtig voran. Meter um Meter. Ein Display in der oberen rechten Ecke zeigt eine Vektor-Luftaufnahme des Geländes. Target Marker blinken.

„Vergrößertes Target Display. Einblendung Ansicht SK-Baustellenkamera 34 Nord, Zeit: Heute 0:30:00.“

Ein zweites Fenster öffnet sich, unterdessen im Display der Standpunkt von Sicherheitskamera 34 Nord grün hervorgehoben wird. Ein Bauzaun ist zu sehen. Holz mit Sicherungsdrähten auf der Innenseite.

„Vergleich mit gleicher Ansicht, heute 14:00 Uhr.“

Ein drittes Fenster entsteht. Die weit entfernten Gesichtszüge des HanSec-Riggers verziehen sich zu einem Grinsen: Unter dem Zaun ist Erde weggeschaufelt worden, ein sehr schmales Loch freigebend.

Es war nicht weiter schwer gewesen, das Zielobjekt vom Internierungslager Harburg-West bis zu dieser Baustelle zu verfolgen. Zu viele Sicherheitskameras, obgleich der Rigger für die Rafinesse seiner Beute einen gewissen professionellen Respekt empfand.

Die Daten über das Zielobjekt scrollen über den Bildschirmrand: Tolstoi, Decker aus WildOst, Urheber des Systemausfalls des HanSec Zentralrechners vom 13.7.2042. Photo. Es hatte mehr als 1 1/2 Jahre gedauert, ihn zu identifizieren und zu lokalisieren, und wie Lars Wilhelmson, der Kondecker von HanSec Division III, es überhaupt geschafft hatte, war Thomas Reedhus auch immer noch nicht ganz klar.

In Wilhelmson“s Dossier war zu lesen, daß insgesamt 12 Vorfälle von Störungen des HanSec-Computers auf diesen einen Decker zurückzuführen waren.

Einige Male wurden die Ausfälle von militanten Übergriffen von Terroreinheiten oder Schattenläufern begleitet gewesen – und HanSec hatte sich dazu entschlossen, der Sache ein Ende zu bereiten.

Interne Informanten hatten Reedhus verständigt, nachdem sie von dem Feuer in Wildost und der Verbannung des Elfen gehört hatten.

Ab da lag es an ihm, den Kerl aufzuspüren und die HanSec-Truppen zur richtigen Stelle zu führen.

„Kameraansichten 34 Nord 2 aus. Ansicht 1: Fast forward…. STOP“

Lächle in die Kamera, Freundchen – Jetzt hab“ ich Dich.

01:56:34 – Ein klarer Frame mit der Ansicht des Zielobjektes, wie es unter dem Bauzaun hervorkriecht.

Reedhus zieht das Kabel aus seiner Schläfe, das ihn mit der sensorischen Welt der Ruhrmetall Jägerdrone verbindet.

In das Geräusch der Airconditioning mischt sich das Surren des Druckers, der eben die erbeuteten Fotos, Karten und Fakten ausspuckt.

Er nagt auf der Unterlippe. Der Elf konnte sich überall auf dem mehr als 9 Quadratkilometer großen Areal verbergen. Gedankenverloren geht er die verschiedenen Ausdrucke durch, runzelt plötzlich die Stirn. Die Kameraaufnahmen des Eindringens in das Gelände sind grobkörnig, gestört von weißen, diffusen Blitzern. Ist das etwa….

„Computer, Wetterbericht Warte Harburg, 1:56 Uhr.“

| Regen, 12mm in der Stunde pro cm. |

Lächelnd steckt er das dünne Glasfaserkabel in die Schläfe, während er sich in die kühle Umarmung des Ledersessels schmiegt. Das Ziel ist müde und verletzt. Es schüttet, als es im Zielareal ankommt. Leichte Beute.

„Einblendung Zielareal. Suchmodus: Überdachte Örtlichkeiten und Betonrohre mit Innendurchmesser von 1+ Meter im Umkreis von 500m um Standpunkt 34 Nord.“

Die Target Marker vor Augen, setzen sich die kleinen Räder der Drone in Bewegung.

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Eine Antwort zu “Drachenbrut 05 | Von Dämonen und Engeln (2)

  1. C.F.K. Mai 21, 2012 um 11:39

    Schick, stimmig beschrieben und durchaus nachvollziehbar … nur die S-K-Arkologie in Altona ist wohl nie fertig gebaut worden, da ja in „Deutschland in den Schatten“ und „Schattenstädte“ kein Hinweis zu finden ist, daß dort eine steht…

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