Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (3)

HAMBURG – 2052

„Ich will Dir mal sagen, was Realität ist: Wenn Du Deine Knarre ziehst und dabei auf einer leeren Bierdose ausrutscht und tierisch auf die Fresse fliegst – DAS ist Realität.“

„Wenn ihr beide mal mit euren philosophischen Betrachtungen über Deckerkram fertig seid: Unser sehr reales Target hat gerade das Haus verlassen. Also laßt uns ganz reales Geld verdienen.“

Rattes Stimme knackt durch die Kopfhörer der beiden Elfen, die auf dem Dach zusammensitzen. Code reagiert zuerst, huscht an die Hausecke und hebt ein Optimax-4 Vergrößerungsglas an ihre Augen.

Der schwarzgekleidete Elf brabbelt weiter, während er zur Dachkante schlendert, das M-20 schulternd.

„Sprichst wohl aus eigener Erfahrung, eh, Code ?“

„Ja. Und jetzt sei mal still.“

„Warum – siehst Du besser, wenn ich die Klappe halte ?“

„SSSHT!“

„Ist ja schon gut.“

Er klopft sich eine Podruga-Zigarette aus der fast leeren Packung. Kein Shadowrunner kann ohne Zigaretten existieren – das war das Ausgangsthema ihrer Diskussion gewesen. Ebensowenig wie halbwegs spannende Bücher oder Filme ohne sie auskommen. Gehört zum Job. Wumme, Zigo, Cyberware. Alles andere ist Dreck. „Leuten ohne Zigo trau“ ich nicht“ hatte Code gesagt. „Leuten mit Zigo auch nicht“ hatte sie lachend angefügt, nachdem sie sich eine angesteckt hatte. Ratte war Nichtraucher.

„Wenn das hier vorbei ist, gehen wir dann noch auf“n Drink?“

Immer noch das Fernglas an den Augen, grinst Code breit.

„Junge, wenn wir das hier überleben, können wir auch gleich bumsen.“

Schulterzucken. „Fine by me.“

Tolstoi stützt sich auf ein Knie und folgt Codes Blick. Seine Cybersicht zoomt auf die Gestalt des Kon-Typen, der quer über die Straße gerade versucht, seine Sekretärin abzuschleppen. Nahezu lautlos gleitet seine Limo (naja, Pseudo-Limo, gehobene Mittelklasse bestenfalls) aus ihrem Nest zwischen den anderen Konautos.

Tolstoi hatte schon länger darüber spekuliert, ob alle Kons ihre Angestellten zum selben Schneider und Haarstylisten schickten (Friseure waren irgendwann ausgestorben, was aber egal war, weil Haarstylisten genauso schwul waren) und wieviel der dann wohl verdiente. Jedenfalls sahen alle gleich aus. Jung, adrett, gepflegt (wo waren eigentlich die Alten und mittelmäßig Aussehenden abgeblieben ? Hatte VITAS selektiv alle Normalen ausgelöscht und nur Superschöne übriggelassen – oh, und Superhäßliche natürlich. Film und Wirklichkeit. Schon mal einen Durchschnittstypen im Fernsehen gesehen ? Boing.)

„Hast Du eigentlich schon mal bemerkt, daß man im Fernsehen nie Durchschnittstypen sieht ? Immer nur Wunderschöne und abgrundtief Häßliche.“

„Zu welcher Kategorie gehörst Du ?“

Er grinst.

„Wird das hier gesendet ?“

„Jau“ sagt sie und deutet auf eine Drohne, deren wärmegedämpfter Körper über der Szenerie thront.

Sein Lächeln erstirbt.

„Shit. TV oder Kon ?“

„Weder noch, wennde mich fragst. Zu billig für beide. Marke Eigenbau, ursprünglich ne K-11, Baujahr pfffffft 2040 oder so.“

Tolstois Blick zoomt zur Drohne.

„Keine K-11. Russisches Fabrikat, kannste an den verbreiteten Wülsten der Rückstrahldüsen sehen, sestra. Würde sagen ’ne Mirkov Jelzin, Baujahr haut aber trotzdem hin.“

„Okay, Prof. Und ? Russisches Militär ?“

„Nitschewo njet. Russen-Rigger schon eher.“

„Russenrigger ? Echt der ?“

„Wie ? Was für“n echter Russenrigger ?“

„Nee, Echt DER Russenrigger.“

„Was’n für’n Russenrigger ?“

„Sag“ mal, Decker-Chumsky, gehst Du eigentlich NIE in die Valhalla ?“

„Selten. Eigentlich, stimmt, nie.“

„Da hängt jedenfalls so“n Typ rum, der nennt sich…“

„… Russenrigger. V-porjadkje, das hab“ ich mir jetzt auch noch gerade denken können. Njet, kenne ich aber trotzdem nicht.“

„Also keine Drohne von nem Chum von Dir ?“

„Njet.“

„Ratte ? ‚S der Rigger da oben ’nen Chum von Dir ?“

„Äh ?“

„Vergiß es.“ Anlegen. Zielen. Feuern.

Das Geräusch der davonrasenden Kugel hört man nicht. Die Drohne stürzt nicht ab – soll sie auch gar nicht. Nur eine Nachricht an den Fuzzy, daß er sich verdrücken soll.

Natürlich könnte es sein, daß er ganz bewußt hier herumhängt und der Gruppe der Schattenläufer sogar am Hintern hängt – angesichts des schieren Chaos am Hamburger Himmel ist die Wahrscheinlichkeit dafür aber so verschwindend gering, daß sie ausgeschlossen werden kann – jedenfalls, wenn man davon ausgeht, daß dies hier keine Abenteuerserie im Fernsehen oder ein gescripteter Run in irgendeinem beschissenen RPG ist.

Dann eröffnet die Drohne das Feuer.

Von davonfliegenden Betonkrümeln umgeben rollt Code sich ab und flucht wie eine Hure aus St.Pauli, ehe Tolstoi noch via Funk das Ende der Subtilitäten durchgeben kann. „12 UHR !“

Rechts die Straße hinab schießt ein mattschwarzer Van hervor. DAS Schattenlauf-Auto. Die Kriminalitätsrate in Deutschland könnte glatt um 80% gedrückt werden, wenn die Bullen einfach vorsorglich alle schwarzen Vans zur Hölle bomben würden, aber andererseits sind sie auch Teil dieser Pseudo-realen Schönen Neuen Welt – und Schwarz ist DIE Modefarbe auch unter Kons seit Tolstoi weiß nicht, seit wann.

Für den Moment sind seine Gedankengänge auch denkbar deplaziert, denn das Mündungsfeuer der Drohne ziseliert einen eleganten Bogen aus Einschußlöchern, der sich unaufhaltsam in seine Richtung schiebt.

Das Target unten auf der Straße hat sich hinter seinem Wagen in Deckung geworfen, zusammen mit seiner Sekretärin. Durch den golden erleuchteten Eingang zum Corpgebäude kann man die Stiefel von Sicherheitsleuten heraneilen sehen.

Na, wunderbar.

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