Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (7)

HAMBURG – 2044

Schweiß perlt von der Stirn des weit entfernten Körpers. Geschmiegt in den AgravTech Kontursessel, die Luft angenehm warm, überlagert mit KonPop von Shineside.

Die Welt der Sinneseindrücke seines Leibes im privaten Appartment in Hamburg City-Nord bleibt dem Rigger verschlossen.

Das Surren des Kühlschrankes ebenso wie der beißende Geruch eines glühenden Zigarettenfilters im Aschenbecher, das mattrötliche Licht der Sceneatic Meditation Lichtanlage ebenso wie die stummgeschalteten Musikbilder aus dem überdimensionalen Wand-TV, MTV ADL („Aldimusik“ im Slang).

Über den Schreibtisch sind Notizzettel verteilt, an denen mit Leukoplast häufig Bilddatenchips festgeklebt sind. Klebematerial für medizinischen Bedarf liegt überall verteilt, Werbegeschenke aus dem Hause Beiersdorf, mit dem der Rigger berufstechnisch verknüpft ist (er wird zuweilen mit der Sicherung ihrer Produktionsstätte in Harburg betraut).

Zwischen Hansa- und Leukoplastrollen liegen Kugelschreiber und aufziehbares Plastikspielzeug verteilt.

Eine Hügelkette benutzter Kleidung erstreckt sich vom Schrank im ligne roset Stil zum Badezimmer und von dort aus zur Tür, neben der Pizzaschachteln liegen.

Vom Unterarm des KonRiggers läuft ein rot-grün gestreiftes Kabel in ein asiatisches Billigriggerdeck. Hongkong, 1300 ecu.

Die lautgestellte Musik im Raum stört niemand – komplette Schallisolation ist Standard im Blacktower-Komplex, das Apartment zu 978 ecu im Monat. 600 Watt Harmonie streifen durch den Raum, bringen leere Coladosen und Sushitüten zum Vibrieren:

TV tells me that there“s people dyin“ children cryin“
I feel hopeless and deceived

TV tells me that it“s my fault

Always my fault

Lord Christ, give the light to those whose hearts bleed hatred

Lord Christ, give hope to the poor souls

Don“t want them to bleed

Don“t want them to die

Don“t want this State of Greed

Don“t wanna hear these cries

Don“t they see that we work to make a place of peace for
every soul ?

Don“t they ? Lord ?

We will built this world in bright

white light

(chorus: yeah)

We will work to crush this awesome plight

(chorus: yeah)

of crime and sex and hungry throats

(chorus: yeah)

of lies and shadows bit-fed croaks

(chorus: yeah)

We will fight this world of darkness

(chorus: yeah)

We will stand bright in sharp dress

(chorus: yeah)

We will free them

(Insert: Marching Theme)

We will heal them

Under the Hanseatic Banner

(Insert: Organ Pipes, Trumpets)

Safe and Secure

Forever

Reedhus hört die Musik nicht. Er weiß auch nicht, ob er an die Botschaft der Monats-CD für HanSec-Angestellte glaubt.

Woran er glaubt, ist dies: Daß er den WildOst-Decker kriegen kann.

Sein Chef hat gesagt:

„Nehmen Sie Urlaub.“

Sein Konpsychiater hat gesagt:

„Nehmen Sie am Streßseminar teil.“

Sein Kalenderblatt hat gesagt:

„Reichtum macht ein Herz oft schneller hart als kochendes Wasser ein Ei!“ ( Ludwig Börne)

Er hat den Urlaub genommen, das Streßseminar abgesagt und das Ei zum Frühstück gegessen.

– – –

Die kleine spinnenförmige Drohne schiebt sich weiter über den Rand der lichtzuckenden Leuchtstoffröhre in der Decke der Gemeinschaftstoilette. Zoomt in Richtung des Paares unter ihr. Hungrige Objektive suchen das süße Aroma von Schmutz, erwarten gierig die Transmission einer weiteren Kopulation, ein weiterer privater Moment entraubt und zur Schau gestellt.

Das Bild ihrer stilettartigen Kameraaugen ist grob gekörnt und lediglich schwarz-weiß. Eine Privatinvestition irgendeiner „Assel“, wie die perversen High-Tech-Spanner der 40er genannt werden. Kleine Servos klicken und surren in einem fort, versuchen für den kleinen Kopf des Aluminiuminsekts einen besseren Winkel zu finden.

Überall im Hamburger Ghetto lauern die Asseln, zirpen elektronischen Schmutz über den Infohighway. Sie sitzen unter Deinem Bett und hören Deinen Alpträumen zu. Kleben hinter der Tapete in dem kleinen Puff, in den Du gehst.

Manchmal kommen nachts komische Anrufe, in denen sie Dir erzählen, was sie gerade sehen. Oder wieviel Du zahlen sollst, damit es keiner erfährt. Oder Du hörst einfach nur dieses monotone Schmatzen einer bewegten Vorhaut und das rauchige Keuchen.

Die Asseln sitzen neben Dir im Bus. Folgen Dir zur Arbeit. Wissen was Du ißt. Und alle Asseln lieben die „Cucaraca“-Drohne von Yuan-Choi Industries.

Ihr Besitz ist in der ADL nicht strafbar. Nur das Spionieren in Privatsphären. Deutsche Gesetzgebung, seit den 1950ern unverändert.

Schon minutenlang dauert die stille Umarmung des Elfen und der jungen Frau. Regungslose Liebkosung. Elektrische Fehler im Displaysystem vermitteln den Eindruck, beide würden von einem Licht umtanzt.

Störbalken flirren über den Bildschirm, indem sich die Luft mit statischer Elektrizität füllt – vielleicht irgendein Freak mit seiner Sendeanlage im Stockwerk obendrüber.

Die helle Bildstörung um das Paar scheint sich zu verdichten. Elektrische Interferenzmuster stehen im Licht wie die Adern eines zarten Insektenflügels.

Irgendetwas geht vor im Gesicht des Elfen, dessen Rücken an die Frau gelehnt ist. Hungrig heftet sich die Sensorik der Cucaraca an seine Züge.

Unter seinen geschlossenen Lidern strömt dunkles Blut hervor.

ZoomClick. Wrrrrr.

Das ist kein Vorspiel, nicht der schweratmende Auftakt zu gestohlenenen Perversionen. Unter leisem Knirschen zerbricht etwas unter den Lidern des Elfen. Filigrane Glassplitter schwemmen im Blut davon. Der Schmerz muß unerträglich sein, doch das Gesicht des Elfen ist entspannt.

Das Hintergrundlicht wird stärker.

Backzoom. Wrrrr. Click.

Von Störbalken umzüngelt ist unverkennbar, daß der schlanke Nacken der Frau von schillernden Flügeln eingerahmt ist, sie ebenso wie der Elf einige Zentimeter über dem Boden schweben. Kurz verspannt sich das Gesicht des WildOst-Hackers, als gerundete Metallteile und feine Kabel unter seinen Lidern hervorkommen. Das Geräusch brechender Eierschalen liegt in der Luft, überdeckt von statischem Rauschen.

Auch an der Schläfe des Elfen rinnt Blut herab, ein Strom schwärzlichgrauer Flüssigkeit, in dem träge Metallsplitter treiben. Eine quadratische Scheibe Metall fällt aus der Schläfe auf seine Schulter, gleitet über das schwarze Leder der Jacke herab, stürzt zu dem über den Boden verteilten Müll.

Das Bild wird grobkörniger, nur mühsam sind Einzelheiten auszumachen. Fast scheint es, als würden beide Gestalten verblassen. Gierig zerrt die Drohne das Bild des Elfengesichtes näher heran, bis die blutumfluteten Lider das Blickfeld völlig ausfüllen, die sich langsam öffnen und dunkle Pupillen preisgeben, die von leuchtendem Weiß eingerahmt sind.

Dann zerplatzt die Drohne in tausende kleinster Aluminiumschnipsel, regnet staubgleich auf das Rund der Klobrille nieder.

Der Raum ist leer.

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