Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (8)

HAMBURG – 2052

Weit unterhalb der lädierten Rotordrohne gleitet der IR-Scheinwerfer des Vans davon, verschwindet im Panorama der fjordähnlichen Mäander Hamburgs.

Eine in schwarzen Halbhandschuhen gekleidete Hand tanzt über das Fernlenkboard, programmiert die Drohne auf Heimkehr nach St.Georg.

Die Hand verschwindet aus dem Blickfeld in die mattgraue Umrandung der Rückenlehne des zerschlissenen Bürosessels. Das Geräusch eines Feuerzeuges ist zu hören, begleitet von einer kurzen Erleuchtung des aus Apfelsinenkisten bestehenden Schreibtisches.

Die Hand erscheint wieder, legt eine Packung Podruga-Zigaretten auf das Riggerdeck. Oberhalb der Rückenlehne breiten sich die Schlangenformen von weißem Rauch aus.

Langsam dreht sich der Bürostuhl. Eine zweite Hand erscheint, um eine Sony-Fernbedienung geschlossen. Aus der Stereoanlage knistert Cyberpunk. Die in mit Schnallen bewehrten Combatstiefeln gehüllten Füße der Gestalt wippen im Takt des Bass-Staccatos.

Die schlanke Gestalt erhebt sich, tritt herüber zum mit Bretter vernagelten Fenster und späht hinaus. Einfallendes Mondlicht erhellt tiefgrüne Augen und Fransen langen schwarzen Haares, streicht über spitz gewölbte Ohren.

Dann zieht sich das Gesicht in die Dunkelheit des Raumes zurück.

– – –

Hamburg Fischerfleet, im „Ruka“, 23:54:30 Uhr

„Ostoroshneje!“

Die hagere Gestalt von Doktor Sitkajev ignoriert die Beschwerde ihres spitzohrigen Patienten. Routiniert umwickelt sie das metallene Stützgestell mit Multiplast, spritzt die Lücken mit schnelltrocknendem Expositschaum aus. Den Kopf schräggelegt, begutachtet sie ihr Werk. Nickt zufrieden.

„Kak dela ?“ fragt sie, schief grinsend.

„Hmph. Pojdjot.“

Tolstoi nimmt einen weiteren Zug aus der inzwischen nur noch halbvollen Wodkaflasche. Rattes rastaüberwuchertes Haupt ist immer noch der Aktentasche zugewandt, Daten flirren über den Codedecryptor, den er in Händen hält.

Quer durch den Raum werfen sich Code und Sergej zwinkernde Blicke zu. Dann kommt sie zu Tolstoi herüber.

„Schicker Schuh – wird bestimmt der Renner im nächsten Jahr.“

„Poschjol won, Durak.“

„Ey, wennde mich schon beleidigen willst, dann tu“s auf Doitsch, klaro ? Abgesehen davon brauchste Dich gar nicht darüber aufzuregen, daß Dein Fuß Matsch ist – weißte, Schmerzen vermitteln dem Körper auch wertvolle Hinweise wie „BELASTE DEN FUSS NICHT“, capice ?“

Das Display von Tolstois Augen zeigt kurz ein ziemlich behaartes Hinterteil und eine Zunge, dann schließt er die Augen erneut, um zu trinken.

„Sach“ ma“, Ratte, wird das heute mit dem Koffer noch was ?“

„Schnauze, Code – Ich hab“s gleich.“

„Das haste schon vor einer Stunde gesagt.“

Rattes Haarfransen fliegen zurück, als er den Kopf hebt. Code lächelt ihn an. Er wendet sich wieder dem Gerät zu, flucht leise durch seinen stoppligen Bart.

„Äh, Tolstoi ?“

„Da, Code ?“

„Äh, wo kann man denn hier… Ich meine… Ach Scheiße, wo geht“s hier zum Pissen, Mann ?“

„Frag“ doch Sergej – Is“ sein Schuppen hier.“

Enerviert steht Code auf und schlendert zu Sergej hinüber. Hinter ihrem Rücken visiert Tolstoi den Mann im Ledertrencher an und legt seinen Finger auf die Lippen.

„Äh… Sergej ?“

„Kak ?“

„Ja, so ähnlich – Ich müßte mal für kleine Elfen, wo kann man denn hier…“

Auf sein Ohr deutend, unterbricht Sergej sie:

„Izwinitje, ja nje ponimaju !“

Code wendet sich zu Tolstoi um.

„Spricht der kein Deutsch ?“

„Du hast es erfaßt.“

„Also dann, was heißt denn „Wo ist Klo“ auf Russisch?“

“ „Gdje zdjes tualjet“ “

„Oh thank you so much… Sergej, Gtschä styes tujalett ?“

Grinsend tritt Sergej zur Seite und gibt die Tür frei, an der er lehnte. Mehrere der Russen im Ruka können mittlerweile ihr Lachen kaum mehr zurückhalten, und selbst Ratte hat seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf den Codeknacker gerichtet. Fluchend rauscht Code durch die Tür aus Sperrholz, während Tolstoi Sergej die Wodkaflasche zuwirft.

In der Luft hängt schwer der Geruch von Kwas, der in mehreren Töpfen über einer behelfsmäßigen Feuerstelle kocht. Bei den Hamburger Exilrussen ist der alkoholische Kwas in siedendheißer Form sehr beliebt geworden – was gäbe es auch Schöneres, als gleichzeitig warm und knülle zu werden?

Mehrere Frauen mit grauen Kopftüchern tragen die heißen Töpfe zu einem Flaschenaufzug, wo er in den Russenmarkt hinuntergelassen wird und zu 8 ecu die Tasse verkauft wird.

Tolstoi schätzt es an und für sich nicht besonders, Fremde in den Schwarzmarkt mitzunehmen, aber angesichts klirrender Kälte und Zeitdruck fiel ihm kein besserer Treffpunkt ein – und Sergej scheint die Bekanntschaft mit Code ausgesprochen Recht zu sein.

„Hitziges Mädchen, was ?“

„Kannst Du laut sagen.“

Eine der Russinen, eine Frau um die 27 mit rußgeschwärztem Haar und gesunden Formen, kommt mit dampfenden Blechtassen zu Tolstoi und Sergej herüber. Dem Elfen zugewandt, fragt sie:

„Butje naschim gostjem ?“

Angesichts einer heißen Tasse Kwas und dem entfernt wahrnehmbaren Geruch von Borschtsch kann Tolstoi zwar kaum die Einladung ausschlagen, aber Codes Wiederkehr erinnert ihn an das bevorstehende Treffen mit dem Schmidt – wenn Ratte den Koffer irgendwann noch aufkriegt.

„Bolschoje spasibo, no ja nje mogu.“

Gedankenverloren dreht er die angerostete Militärplakette, die seit Jahren um seinen Hals hängt, in Händen.

Nikolai Aleksandrewitsch Vladov

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Verdammt lange her, das alles.

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