Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

[Fragment] Frost

START :: 2071-11-23 :: 22:33:44 :: EHEMALIGE BEHALA LAGERHALLE 33 – 5. BEZIRK – BERLIN

INTROTEXT :: Der Winter kommt plötzlich. Und früh. Durch die gesplitterten Oberlichter der früheren Lagerhalle 33 im ausgedehnten Moloch des Westhafens, 5. Bezirk, tanzen vereinzelte Flocken. Draußen herrscht dichtes Treiben. Für die Nacht ist Sturm angesagt.

Im Hintergrund der Halle, in der früher ein Teil des Obstmarktes untergebracht war, erhebt sich ein von Planen bedecktes, in gelegentlich einbrechenden Windstößen raschelndes Baugerüst. Der Boden ist gerissener Beton. Vereinzelte Pfützen mit erstem Reif. Die Wände sind Flickwerk alter Ziegel und grauer Duraverstärkungen.

Der Schmidt steigt aus seinem Wagen – eine farblos grauschwarze Mittelklasselimousine, Saab, deren gepanzerter Leib schwer auf ihre Achsen drückt. Der Mann ist älter, Mitte Vierzig, vielleicht Fünfzig, mit einer Haut, die in ihrer Jugend entweder eine schwere Erkrankung oder den Einsatz von chemischen Kampfmitteln gesehen hat. Dabei ist er nicht entstellt: Kalt blaue Augen leuchten hinter einer aktuell nur leicht gedunkelten Karoshi-Brille hervor, in deren Inneren tiefrot Daten flirren. Der Bart wurde gestern oder vorgestern rasiert, dünne graue Koteletten rahmen das knochige Gesicht ein, und die Bewegungen des Schmidts wirken wie die eines Mannes, der seinen Körper beherrscht. Und eisern kontrolliert.

Die Hände in Panzerhandschuhen, der Körper eingehüllt in einen mit Kunstpelz und Kevlar gefütterten grauen Longcoat des russischen Labels karenina wirkt der Schmidt wie ein Relikt einer älteren Zeit, ein Unterhändler des neosowjetischen KGB vielleicht oder einer dieser alten Film Noir Helden, die kürzlich eine kurze Beliebtheitswelle erfuhren.

Und tatsächlich: Mit einem Griff findet ein Hut seinen Platz auf dem Kopf des Mannes, er schlägt den Kragen hoch und zieht einen sich selbst entzündenden Dobranov-Zigarillo, dessen Rauch in Wirbeln davontanzt. Dann ist er bei euch, nickt zunächst November zu, dann den anderen, in der einen Hand den Zigarillo, in der anderen einen metallgerahmten Koffer, der aussieht als könne er sich jederzeit in ein kompaktes Automatikgewehr verwandeln – was vermutlich stimmt, denn der Schmidt ist scheinbar alleine.

Behaglich zumute ist euch dennoch nicht. Das verhüllte Baugerüst, die undurchsichtigen Wagenscheiben, die noch immer zum Teil mit Zeugnissen früherer Betriebsamkeit gefüllte Halle – es könnte sich hier ein ganzes Team von Leibwächtern oder Attentätern verbergen.

November macht eine fast unmerkliche Geste, ruhig zu bleiben. Alles ist in Ordnung. Er war es, der den Deal aufgetan hat, wegen dem ihr euch hier versammelt habt. Fünf Monate ist es her, dass ihr den „Tempelhof-Run“ hinter euch gebracht habt, und trotzdem der unmittelbare Ärger mit der Russenmafia erledigt werden konnte, war die Zeit nicht freundlich zu euch.

Nicht, dass es so etwas wie einen Anschlag gegeben hätte. Aber ihr hattet euren Auftraggeber ganz zweifellos enttäuscht, und dieser hat dafür gesorgt dass das Wissen um euer „Versagen“ sich überall dort ausbreitet, wo es euch schaden kann. Parallel zirkulierten Gerüchte – oder wurden in Umlauf gebracht – dass euer ganzes Team einen exklusiven SK-Kontrakt habe oder gar als SK-Spitzel tätig sei, um die Berliner Schatten- und Anarchoszene auf lohnende nächste Konzernvorstöße in die F-Zonen abzuklopfen. Irgendjemand behauptete sogar, Paris sei ein altgedienter SK-Admin, der seit Jahren schon als Maulwurf des Megakons im Schattenuntergrund schnüffele, um SK über neueste Hackertricks und Vorhaben der SK-Wettbewerber zu unterrichten.

Kein Wunder also, dass ihr einige Schwierigkeiten hattet, an Jobs zu kommen. Node – Sigorksy – hätte zwar etwas gehabt für euch, aber ihr ward überein gekommen erstmal Pause was SK angeht zu machen, um eure Credibility nicht noch mehr zu belasten. Jeder von euch hatte auf seine Weise versucht, über den jeweiligen Bekanntenkreis zu wenigstens kleinen Zwischenjobs zu kommen, aber die meisten von diesen waren weit unter eurem Niveau, und verlangten selten nach mehr als 1 oder 2 von euch, so dass sich euer „Team“ (wenn wir es spaßeshalber mal so nennen wollen) zuletzt kaum noch getroffen hat.

Das Meeting, wegen dem ihr bei frei fallenden Temperaturen in diese leere Halle gekommen seid, wurde also über November eingefädelt. Der war ansonsten nicht sehr mitteilsam was den Schmidt oder dessen Hintergrund betrifft – nur dass er ihm vertraue und dass jener einen militärischen Hintergrund und „Connections“ habe, was immer das heißen mochte.

Ohne weitere Vorrede nimmt der Schmidt den Zigarillo in den Mundwinkel und zieht mit der nun freien Hand ein Bild aus der Innentasche, das er November reicht. Es ist ein Fotoprint von zwei Rehen im Schnee. Aufgenommen aus der Luft, aus vielleicht 100 Metern Höhe, vermutlich von einer Flugdrohne. Die Rehe laufen über ein Feld. Am Bildrand ist der kümmerliche Rest eines früheren Weidezauns und ein mit Graffittis übersähtes Trafohäuschen zu sehen, wie sie Ende des letzten Jahrhunderts üblich waren. Die Rehe laufen an einem grauen Fitzel vorbei, der sich bei genauerem Hinsehen als eine Art Metallbox auf einem Dreibein darstellt. Am Rand der Aufnahme sind Zahlen in das Trägerpapier gestanzt:

52° 59′ N, 13° 20′ O

(…)

Zehdenick: „Die Aufnahme entstand in Zehdenick in Brandenburg, nordöstlich von Berlin-Oranienburg. Genauer gesagt entstand das Bild am Rand des Technologieparks an der Waldstraße. Gedacht für die Mobilkom-Boombranche Anfang des Jahrhunderts. Zur Hölle gegangen mit dem Rest des Landes. Zwischenzeitliches Besetzungsgebiet Neosowjetischer Söldner. Zuletzt kontrolliert von den Plünderern um General Baladov. Der ganze Ort gekauft von einem Komlinkproduzenten namens Teltronix 2062 als R&D Zentrum abseits neugieriger Blicke. Formell extraterritorial und Sperrzone. Gilt als gut abgesichert und am Besten weiträumig zu umgehen wegen der empfindlichen Sensorik und Teltronix‘ extrem aggressiver Abwehr von Eindringlingen.“

SFO Sensor Freeze Out: „Sensorik und Elektronik kommen mit Kälte im allgemeinen gut klar. Eine Ausnahme bilden heftige Temperaturstürze und Witterungswechsel, wie wir sie gerade haben. Das Fachwort ist Froststurz oder Freeze-Out. Durch die Schwankungen kommt es zu Ausfällen, die vom System in der Regel nicht als solche erkannt werden: Die Sensoren melden einfach nichts, oder Selbstschusssysteme versagen weil Schmierstoffe an Pop-Up-Motoren oder Drehgelenken verklumpt und festgefroren sind. Das Sicherheitsproblem ist in der Branche bekannt und leicht zu beheben, erfordert aber ein händisches Reinigen und Imprägnieren mit speziellen Pflegemitteln, worauf bei mehreren Grad unter Null natürlich niemand scharf ist.“

Sicherheitstruppen: „Im Fall von Zehdenick ist es so, dass Teltronix bei Erwerb des Ortes die dort hausenden Söldner Schrägstrich Plünderer als Sicherheitstruppen geheuert hat. Deren Moral ist niedrig. Pflichtgefühl kennen die nicht, Daher unsere beiden Bambis, die fröhlich durch den Frost hüpfen, statt von der Nagakov Selbschusslafette in Wildbret zerlegt zu werden. Daher unsere Chance, Daher dieser Job.“

Der Job: „Ich habe einige Interessenten für Zehdenick. Einige zahlen für jede Information darüber, was Teltronix in der Anlage treibt. Woran geforscht wird. Einige sind bereit darauf zu wetten dass was immer es wert ist so beschützt zu werden es auch wert ist gestohlen zu werden – und sind sich ihrer Sache hinreichend sicher, dass sie bereit sind einen Wetteinsatz zu riskieren. Das heißt: Ein Team zu heuern, das da reingeht, Informationen sammelt und etwas Wertvolles mitbringt. Bezahlung ist 100K. Flat und total. 25K vorab, der Rest bei Ablieferung. Keine Spesen. Keine medizinische Nachversorgung. Die Klienten bekommen alle Infos exklusiv. Keine Kopien. Keine Nebenkontrakte. Beute wird an mich übergeben. Ich verkaufe sie an die Klienten. Die haben ein Vorkaufsrecht auf alles. Was sie nicht wollen, verkaufe ich über den freien Markt. Ihr bekommt 5% des VKP als Prämie.“

Preisverhandlung: „Ich gehe mit dem Deal ein Risiko ein, weil ich euer Team empfehle, trotzdem es … Schwierigkeiten zu haben scheint, getroffenen Verabredungen zu folgen und Ware zu liefern. Aber November hier schwört mir, dass es diesmal keine Unregelmäßigkeiten geben wird. Und wenn er oder einer von euch das Ding verhunzt, lösch ich euch nicht nur aus meiner Kartei – wie Batsche vor mir – sondern ich bestätige auch auf Anfragen, was in der Akquiseszene über euch gemunkelt wird. Dass ihr eure Auftraggeber bescheißt.“

Bei Dealabschluss: Der Schmidt greift in die Innentasche, zieht einen Chip und einen zertifizierten Kredstab einer weißrussischen Face Bank. „25K Vorschuss. Der Rest bei Abschluss. Auf dem Chip sind Details zur Location. Satellitenaufnahmen. Alte Grundrisse. Ursprüngliche Bebauungspläne. Ein Chiparchiv von Zehdenick betreffenden Newsmeldungen. Ein Filesammlung eines früheren Schattenläuferteams, das von einem der Klienten geschickt wurde zu schnüffeln. Friede ihrer Asche.

Spionage-Feed eines Eingeschleusten, das die Klienten zusammengestellt haben. Autorisierungscodes für Grundzugang und eine 8x kopierbare Grundautentifizierung als Novatech-Gast aus der R&D Filiale Wuppertal, die ihr auf leere RFIDs spulen könnt, verlinkt mit entsprechenden Geister-IDs im passenden Knoten. Eine Deadline gibt’s nicht. DASS geliefert wird ist wichtiger als die Frage ob es vier Tage eher oder zehn Tage später ist. Trotzdem: Innerhalb von dreißig Tagen sollte das zu machen sein. Braucht ihr länger, betrachte ich das als Fail und heuere ein anderes Team.“

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