Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

[44] Eine Woche nach dem blutigen 1.Mai

Sender44Schon unmittelbar nach den Rekordkrawallen zum 1. Mai im letzten Jahr war klar, dass es in diesem Jahr auf eine Revanche der Aggro-Parteien hinauslaufen würde. Dazu hatten auch unzählige in Randale eskalierte Demos gegen das Überwachungsnetz (siehe auch hier), die unverschämt offene Zensur alternativer Berliner Medien, der weiterhin schwelende, in Teilen zum Streit um das Berliner Waffenrecht mutierte Berliner Polizeistreit und mehrere Schikanen der BERVAG-Unternehmen gegen die Hoheitsrechte der Kieze und Bezirke wie z.B. durch Aussetzen des Winterdienstes beigetragen.

Und umgekehrt: Die Zunahme der Schikanen der alternativen Gebiete gegen alle Arten von Diensten, die von extern kommen. Feuerwehr inklusive.
Nakaira

Autonome und Sternschutz-Bullizisten hatten einige offene Rechnungen, und der 1. Mai sollte Zahltag sein – das wurde zumindest in diversen Anarcho-Blogs als Kampfmission ausgegeben, und ganz offenbar waren die Stern- und Sonderschutzkräfte durch den Eisernen Erhardt (Sternschutz-Einsatzleiter Erhardt Ahrendt, Anm.v.SRB) und die SST-Kommandierende für diesen 1.Mai Bianca Voyé entsprechend gebrieft worden:

Die Nacht in Flammen – Art by Alex C (IWarpbladeI)

Sender44 liegen interne Papiere sowie Befehlsaufzeichnungen des SST-Kommandos für den zurückliegenden 1. Mai vor, und das darin festgehaltene Bild ist das eines mutwillig und mit brutalsten Mitteln durchgezogenen Einsatzes, dessen Ziel nicht weniger als die völlige Demoralisierung des „anarchistischen Widerstandes“ und die Verhaftung bzw. Ausschaltung von „Führungskräften, Koordinatoren und Unterstützern der gewaltbereiten Opposition“ war. 

Und das mit Mitteln, die so drastisch waren, dass selbst Teile der SST de facto zur Verweigerung von Befehlen gezwungen waren. Doch von Anfang an:

Man sollte bei der Aufarbeitung dieses und auch schon des letzten 1. Mais nicht vergessen, dass in der Frage um die Ursache unserer geballten aktuellen Scheiße immer auch die Begriffe „Diskordianer“ (ganz unten in den Kommentaren hier) bzw. deren Kommando Mindfuck und – wer weiß es noch, nach all der Zeit? – initiell auch die „Letzte Front“ mitspielen (#berlin). Plus eine auffallend verständliche Haltung von S-K betreffs der „besonderen Bedürfnisse“ der Alternativen, deren Hoheitsrechte „es zu respektieren gelte“.
Tolstoi

Über S-Ks Kuschelkurs haben wir uns ja schon einige Male gewundert, zudem gerade das zögernde Agieren und Taktieren dieses Kons einigen Beitrag zur Eskalation der Krise leistet: Hätte S-K frühzeitig mit den Kons Front gegen die Anarchos gemacht – so, wie das ja auch erwartet wurde – hätten die meisten Freizeitprotestler und Randalekids doch gar nicht den Mumm gehabt, auf die Barrikaden zu gehen. Ich habe keinen Plan, was S-K dadurch gewinnt, indem es die Berliner Konzernfront – natürlich gänzlich unabsichtlich – spaltet, aber einen Plan hat der Goldwurm GARANTIERT. Und Scheiß noch eins: Die Anarchos und unsere absolut berechtigten Proteste spielen ihm direkt in die Klauen.
Antifa

Zumindest kann die Landolt kaum verbergen, dass sie am Scheitern des Sternschutzes in Berlin einen Mordsspaß hat. Was mich schon wieder stutzig macht, denn zweifellos KÖNNTE sie es besser verbergen, und an sich war S-K sehr daran gelegen, dass es in Berlin eben NICHT zum Rückfall in Chaos, Gewalt und Anarchie kommt.
Fienchen

Andererseits gibt es da dieses geleakte Bild von Landolt am 1. Mai bei einer Vernissage in Potsdam, wie sie auf ihr Kommlink schaut und diesen „Oh mein Gott“ Ausdruck in den Augen hat. Mal angenommen, das Bild ist kein Fake: Bin ich der Einzige, der in dem Blick ein „OMG what have we done?“ liest?
Konnopke

Der 1. Mai begann wie jedes Jahr mit der Revolutionären 1. Mai Demo, die ebenso wie jedes Jahr am Kottbusser Tor gegen 17:00 Uhr startete. Eingestimmt auf Krawall durch Ankündigungen verschiedener Aktivistengruppen und Anarchoblogs einerseits und einer am Vormittag durch den SS-Verantwortlichen Ahrendt erklärten „Null Toleranz Politik“, waren viele der eher gemäßigten Demonstranten erst gar nicht erschienen, wohingegen Krawallgruppen aus den anderen deutschen Ländern und sogar dem Ausland von Beginn an eine auffälligere Präsenz im Zug bildeten.

Das ist übrigens die Tendenz des ganzen 1. Mais 2076: Im Vergleich zu den Rekordteilnehmerzahlen im letzten Jahr waren diesmal VIEL weniger Leute auf der Straße, dafür war aber die absolute Zahl der gewaltbereiten Demonstranten in diesem Jahr noch größer als letztes Jahr.
Fienchen

Gibt’s dazu schon belastbare Zahlen? Nakaira?
Russenrigger

Aktuell setzt sich für den Revolutionszug die Zahl von 130.000 Teilnehmern durch (im letzten Jahr waren es um die 200.000) und für das MyFest etwa 260.000 Teilnehmer (im letzten Jahr waren es doppelt so viele). Dabei darf man nicht vergessen, dass das MyFest eigentlich eher eine Straßenparty ist, an der auch viele Normalos, Alternative und sogar Konzernleute in Partystimmung teilnehmen – die Eskalation im letzten Jahr hat viele erschreckt, die Ankündigung von Krawall hat dann in diesem Jahr viele zu Hause bleiben lassen. Ähnliches gilt in geringerem Maße auch für die 1. Mai Demo, wobei … im Kern kamen einfach insgesamt VIEL weniger Leute auf die Straße, weil das Thema „Neue Matrix“ durch ist. Ja, die Vollüberwachung, die weitere Machtverlagerung zu den Megas, der weitere Verlust der Privatsphäre und die diversen neuen Abkommen zu DRM etc. haben viele auch Normalos ziemlich aufgeregt – aber inzwischen herrscht einerseits Resignation und Abstumpfung („da kann man doch eh nix machen“, „lass mich mit diesen ganzen neuen Enthüllungen zu frieden“) und andererseits – wichtiger – sind die Leute mit der neuen Matrix super zufrieden und finden den Preis des Verlustes einiger Freiheiten irgendwelcher „anderer“ okay. Das ist auch der Tenor der Medienberichte: Weniger Viren, weniger kritische Datenverluste, weniger Drohnen-Zwischenfälle, besserer Schutz für Kinder und Jugendliche, einige prominente Aushebungen von Kinderporno-Tauschringen, eine ganze Reihe von Erfolgen gegen Terrorgruppen – die Mehrheit selbst der pro alternativ Eingestellten in Berlin haben sich mit den neuen Verhältnissen arrangiert, posten jetzt halt weniger kritischen Kram und wickeln etwaige dubiose Sachen eben wieder offline ab.
Nakaira

Ich würd gern sagen dass Nakaira wieder mal Scheiße labert, aber sie hat Recht. Als die neue Matrix kam dachten viele – auch ich – „endlich haben die Megas ihr Blatt überreizt, endlich waren sie so dermaßen doof und offensichtlich, dass sogar die Normalbürger aus ihrem Koma aufwachten“. Dazu die Abwahl der LDFP, die Einrichtung einer Kontrollkommission für das Berliner Netzwerk, an der auch Schockwellenreiter beteiligt sind, es sah Mitte 2075 ECHT nicht schlecht aus. Inzwischen aber ist der öffentliche Aufreger über die Matrix vorbei, wo immer mit dem Thema ankommst – selbst bei Piratenmedien, Scheiße noch eins – sagen die Leute „lass mich mit dem Kack in Ruhe, der Drops ist gelutscht“. Umso wütender waren dann auch diejenigen, die sich in diesem Jahr zum 1. Mai nochmal aufgerafft haben: Praktisch die gleiche Menge Zorn, verteilt auf die Hälfte der Akteure.
Antifa

Was waren das denn für Gruppen aus dem Ausland? Randaletouristen?
Konnopke

Teilweise. Aber da waren auch viele dabei, die es mit dem Protest gegen Neue Matrix, Hyperkommerzialisierung der Privatsphäre usw. echt ernst meinten. Berlin ist in der Debatte um Matrix und Persönlichkeitsrechte – und in der Debatte um alternative Lebensformen und Politikmodelle – vielleicht nicht grade zu einem internationalen Leuchtfeuer und Fanal des Widerstands, aber schon sowas wie ein Brenn- und Anlaufpunkt geworden. Jedenfalls hab ich das von den diversen Auswärtigen – darunter natürlich auch viele Mitglieder von Policlubs, deren Berliner Gruppe sie zum Kommen eingeladen hatte – so gehört. Wenn in Sachen Persönlichkeitsrechte, Bürgerfreiheiten und einer neuen Gesellschaft (digital oder offline) nochmal was passiert, wird es in Berlin passieren – so der Tenor.
Nakaira

Zahlreiche Teilnehmer des Zuges waren erkennbar bewaffnet, die Sternschutz-Taktik im Hinblick auf die Ereignisse im letzten Jahr, in dem durch Ausbreitung der Krawalle in Normal- und Konzernbezirke enorme Sachschäden entstanden waren, klar: Stoppen und Auflösen der Demonstration, mit allen gebotenen Mitteln.

Auf erste Rangeleien folgte praktisch sofort der Einsatz scharfer Waffen gegen die Demonstranten. 

Die Kalashnikows und Pistolen hatten und damit mindestens in die Luft ballerten, wie man auf mehreren Videos klar erkennen kann. Ich will die SST und vor allem Voyé weiß Gott nicht verteidigen, und was die im Laufe jener Nacht abzogen war definitiv NICHT okay, aber es ist AUCH war dass die Randalierer Kriegswaffen an den Start brachten und dass echte Gefahr für Leib und Leben der Einsatzkräfte bestand, wogegen sich die SST auch mit Recht wehren durfte.
Nakaira

Andererseits war es dieses In-die-Luft-Geballere, was jedem anzeigte „heute passiert hier was“, wodurch dann noch jede Menge Leute vor dem Schließen des Kessels abhauen konnten. Da hatten die Bullen nämlich bereits mit dem Einsatz tödlicher Gewalt angefangen.
Antifa

Das kannst du den Zkandal! erzählen. Die SST-Leute mögen Ex-Soldaten mit massiven posttraumatischen Belastungsstörungen und mehr als nur nem Titsch Cyberpsychose sein, aber unprovoziert oder selbst mit Befehl Zivilisten niedermähen tun die nicht – wie man später ja auch sieht.
Nakaira

Erzähl das den Gefangenen in Bus 7. EINIGE haben just das getan.
Konnopke

Die Eskalation am Kottbusser Tor verbreitete sich über Kommlinks blitzartig im MyFest und in den den alternativen Gebieten. Die Darstellungen des Hergangs wichen dabei zum Teil erheblich voneinander ab, die Schuld lag aber zweifellos bei der SS-Einsatzleitung und der SST-Kommandantin Voyé, die jede Kooperation mit Kiezwehren und Vermittlern der Demonstrationsveranstalter im Vorfeld abgesagt hatten.

Der Vollständigkeit sage ich, dass das eine MEINUNG Von Sender44 ist. Allerdings finden sich in den von S44 veröffentlichten Einsatzbefehlen schon einige Befehle, die zum „präventiven Eingreifen“, zu „sofortiger Reaktion“ und überhaupt sehr viel von umgehender Gewalt und verdammt wenig von Vermittlung reden.
Tolstoi

Zu dem Zeitpunkt, als am Kotti und am MyFest die ersten Toten im Rinnstein lagen, hatten beide Seiten effektiv keine Möglichkeit mehr, miteinander zu kommunizieren. Etwaige Massenaufrufe zum Frieden, wie sie von Pflügler und anderen versucht wurden, waren spätestens mit dem Zusammenbruch bzw. dem ja wohl tatsächlich geschehenen erzwungenen Abschalten des Berlin-Netzwerks unmöglich.  
Safiya Dafiya

Innerhalb nur weniger Stunden geriet die Situation völlig aus dem Ruder: Aufgestachelt durch Berichte, wonach SST-Soldaten sich an einer Schiitin vergriffen hätten, startete der stadtbekannte Islamistenprediger Muhammad Cemar Husain Abu al-Qasim einen Aufruf an die Jazrir-Milizen, blutige Rache zu nehmen.

Auch andere Kiezgruppen, SelbstJustizTrupps und vor allem die Kreuzberger Bürger gingen auf die Straße, um ein Ende der (Polizei-)Gewalt zu erzwingen – gerade unter diesen Bürgern, die sich als menschliche Schutzschilde für Verwundete und Friedfertige einsetzten, gab es besonders viele Tote zu beklagen. 

Auch Straßenschamanen leisteten erbitterten Widerstand gegen den SST-Kessel. – Artwork by Emil Larsson (emillarsson)

Auch Straßenschamanen leisteten erbitterten Widerstand gegen den SST-Kessel. – Artwork by Emil Larsson (emillarsson)

Die vorliegenden und veröffentlichten Befehle der Einsatzleitung – ab Ausbruch der Gewalt faktisch Bianca Voyé als SST-Befehlshabende im mobilen Gefechtsstand unweit des Kottbusser Tores – sprechen eine eindeutige Sprache:

Auf den Protest mehrerer SST-Gardisten hin bellte diese wiederholt Befehle, die Unruhen „im Gebiet zu halten“ und Personen, die „den Kordon verlassen wollen“ oder „sich dem Befehl zum auf dem Boden legen verweigern“ in jedem Fall und „ohne Zögern auch mit der Waffe“ am Verlassen des Gebietes zu hindern. Eine Verweigerung jener Befehle würde „schwerste Bestrafungen“ nach sich ziehen – Berlin stehe „unter Kriegsrecht“, eine gezielte Falschinformation!

Da lagen praktisch alle falsch. An dem Abend zirkulierten überall Gerüchte von Kriegs- oder Ausnahmezustand … Einige Kiezgruppen haben wohl tatsächlich den Kriegszustand ausgerufen, unbedacht der Tatsache dass sie das gar nicht können. Bei anderen war es wohl mehr ne Feststellung der Art: „Hey, draußen beballern sich Bullen und Anarchos, die Berliner Einheit ist vorbei, es ist Kriiieeeg!“
Tolstoi

Das umgrenzte Gebiet bestand anfangs aus zwei abgesperrten Bereichen, die im Laufe des Abends zu einem gemeinsamen, rundum von SS- und SST-Kräften begrenzten Kessel von Kottbusser Tor über Heinrichplatz bis Görlitzer Bahnhof vereint wurden. Den „klassischen“ Sternschutz-Kräften kam dabei vor allem die Aufgabe zu, das Gebiet zu überwachen und in einem zweiten Gürtel etwaige Fliehende abzufangen bzw. die SST über aus anderen Gegenden herbeikommende „Gewalttäter“ (tatsächlich oft sich im Recht wähnende Kiezpolizisten und spontan gebildete Bürgermilizen) zu informieren. Die SonderSchutzTruppe umgekehrt war damit beauftragt, die Absperrung zu halten und schrittweise zu verkleinern, um „alle Anarchoterroristen und Sprawlguerilla-Aggressoren zusammenzutreiben“.

Parallel versuchten sowohl verschiedene Bezirksvertreter und alle drei Berliner Bürgermeister, ein Ende der Gewalttätigkeiten und einen sofortigen Rückzug der SST zu erwirken – dies scheiterte zum Teil an Kommunikationsproblemen durch Überlastung und späteren „Ausfall“ des Berliner Netzwerks, vor allem aber stellte sich der Sternschutz-Einsatzleiter Erhardt Ahrendt jenen Forderungen entgegen, darauf beharrend, dass ein Abbruch des Einsatzes zu diesem Zeitpunkt zwangsläufig die Ausbreitung der Gewalt in das gesamte Stadtgebiet zur Folge haben würde.

Einige der Kommunikationsprotokolle legen den Schluss nahe, dass Ahrendt schlicht keinen Kontakt mehr zu Voyé hatte. Er hätte den Einsatz nichtmal abbrechen können, wenn er gewollt hätte.
Safiya Dafiya

Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass sich die Zahl derjenigen, die schon früh zum Abbruch des Einsatzes aufrufen wollten, aber nicht durchkamen, nach Voyés Massaker-Befehl spontan vervierfacht hat.
Russenrigger

WENN es denn Voyé war.
Node

Gegen 23:00 Uhr ist der „Kottbusser Kessel“ auf die Hälfte seiner Größe reduziert worden. Inzwischen laufen aus dem ganzen Stadtgebiet empörte und meist bewaffnete Bürger im Krisengebiet zusammen. Der Sternschutz-Offizier Gerd Mielenz erklärt um 23:16 Uhr, dass der zweite Ring (an dem seitens des Sternschutzes ausschließlich die üblichen Methoden zur Aufstandsbekämpfung wie Wasserwerfer, Tränengasdrohnen etc. eingesetzt werden) dem wachsenden Ansturm nicht länger standhalten wird und die SST sehr bald zwischen beiden Fronten selbst eingekesselt wird. Er empfiehlt Voyé den „Sofortigen Einsatzabbruch“.

In dieser Situation geht Befehl von Voyé an die SST, von allen Seiten in den Kessel vorzudringen und um es ganz eindeutig zu sagen: ein Massaker zu veranstalten. Dasselbe befiehlt sie denjenigen SST-Kräften, welche hunderte von Demonstranten und Anwohnern in Dutzenden Bussen an der Absperrung gefangen halten (ein Abtransport konnte aufgrund der Lage am zweiten Absperrungsring nicht erfolgen): Da die unmittelbare Gefahr bestünde, die „Terroristen der Berliner Sprawlguerilla“ würden aus dem Kessel bzw. den Bussen befreit werden und würden dann Berlin in Blut und Terror ertränken, müsse man diese Gefahr für Leib und Leben der Berliner Bürger „jetzt und hier sofort auslöschen“.

Diesem Befehl verweigerten sich die meisten, aber längst nicht alle SST-Gruppen im Einsatzgebiet.

Bürgermilizen am zweiten Ring – Artwork by Eric (hobo-the-dinosaur)

Bürgermilizen am zweiten Ring – Artwork by Eric (hobo-the-dinosaur)

Im allgemeinen Chaos am Kessel wandten sich viele SST-Kräfte dem Offizier Sergej Rudek zu, einem Veteran und Ex-Söldnerkommandant der SVET mit hohem Ansehen unter den SSTlern. Dieser erklärte per Funk und dann auch per Lautsprecherdurchsagen um 22:43 Uhr, das Kommando am Kessel übernommen zu haben und diesen mit sofortiger Wirkung aufzulösen. Er stellte zudem klar, dass die SST-Soldaten unter seinem Kommando einen Befehl Voyés, ein Massaker anzurichten, verweigert hätten, und forderte alle Bürger auf, die Gewalttätigkeiten sofort zu beenden und nach Hause zu gehen. Zugleich stellte er die zur Versorgung der SST-Soldaten abgestellten Medic-Wagen und -Container zur Behandlung verletzter Bürger zur Verfügung.

Am zweiten Ring hatte zu dem Zeitpunkt auch Gerd Mielenz die Absperrung bereits geöffnet und den Abzug seiner Leute veranlasst: „Eigenschutz geht vor“ sagte er um 22:31 sichtlich erschöpft und verdreckt in die Headcam des Anarcho-Bloggers Z-Date.  

Im weiteren Verlauf der Nacht kam es an verschiedenen Stellen der Stadt zu weiteren gewaltsamen Begegnungen, die sich aber insgesamt im Rahmen hielten: Der Schock über die Ereignisse in Kreuzberg, bei denen Hunderte Bürger und Sternschutz-Polizisten (inkl. SST) zu Tode kamen und Tausende Bürger und Polizisten zum Teil schwerstens verletzt wurden, hatte zu einer regelrechten Ernüchterung geführt (die exakten Zahlen sind auch 7 Tage danach noch immer unklar, die Angaben der verschiedenen Stellen und (Interessen-)Gruppen widersprechen einander erheblich).  

Am frühen Morgen ist alles vorbei – Art by Michal Lisowski (maykrender)

Am frühen Morgen ist alles vorbei – Art by Michal Lisowski (maykrender)

Auch übereinstimmende Aufforderungen zum Abbruch der Feindseligkeiten seitens sämtlicher Berliner Bezirksvertreter und Bürgermeister und Dutzender Anführer verschiedenster Aktivistengruppen führten dazu, dass der Ausbruch eines Bürgerkrieges in Berlin (zumindest bisher) verhindert werden konnte.

Dennoch ist auch jetzt, eine Woche später, noch Vieles gänzlich unklar, vor allem der Verbleib von Kommandantin Voyé und die Identität der Kommandotruppe, die am 1. Mai in das Aetherlink-Gebäude mit dem Kontrollzentrum des Netzwerk Berlins eindrang und dessen zeitweise Abschaltung erzwang. 

Ich wittere eine weiter zunehmende Gate-ifizierung Berlins … Und ernste Gespräche über den Polizeivertrag des Sternschutzes mit Berlin … Davon ab halte ich diese Story von der Abschaltung des Berliner Netzes für Mumpitz, ein Medien-Märchen: Das öffentliche Netz und selbst mehrere Kon-Netze sind unter der Last der Kommunikation jener Nacht schlicht zeitweise in die Knie gegangen. Möglich, dass da ein paar Spinner dachten, die bösen Kons hätten den Stecker gezogen und wollten da rein, um nachzusehen, aber die Story vom Abschalten unter vorgehaltener Waffe … ist Stuss, sorry, dafür fällt mir kein anderes Wort ein.
Russenrigger

Aktuell wird die Diskussion in den alternativen Bezirken davon beherrscht, wie Kieze und Bürger besser vor „externer Polizeiwillkür“ geschützt werden können – das Fiasko, wo SST-Soldaten „im Recht agierende Kiezpolizisten niederschießen“ ist jedenfalls Wasser auf die Mühlen der Alternativen im Polizeistreit. Und klar, „man will ja nicht mit dem Tod so vieler Politik machen, aber…“. Pietät und Politik. Isn’t.
Tolstoi

Na denn komm mal aus deiner Filterbubble, denn das Pendel weiß noch nicht, wohin es schwingen will. Aus Richtung der Konzerne (im Besonderen unserem PNE-Liebling vom FBV) schallt nämlich umgekehrt, man müsse jetzt endlich „ERnst machen mit der Berliner Entwaffnung“, da die Anwesenheit von Kriegswaffen auf Demonstrantenseite dem Stern ja keine andere Wahl als Notwehr gelassen habe. Und aus Richtung Hannover hebt das hässliche Gespenst der „Beendigung des gescheiterten Sonderwegs für Berlin“ seine hässliche Fratze – freilich nur rein verbal und mit bayerischem Akzent.
Nakaira

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: