Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Kategorie-Archiv: Stories

Erste Weihnacht

Das ist es also.

Flackernd flimmert das Licht in einer zu engen Diele an. Statisches Summen und das Schnarren der Lüftung aus dem gedrängten Chaos am Ende des Durchgangs, das so etwas Ähnliches wie ein Wohnzimmer sein könnte. Oder eher ein Wohnschlafwichsundverreckezimmer. Links eine verseucht grüne Plastiktür zu einer Nasszelle, die sich kein Nazi hätte schöner ausdenken können. Rechts im Wohnzimmer eine voll ausgestattete Sozialküche, bestehend aus Kühlschrank, Mikrowelle und Waschbecken, das eine Doppelfunktion als Sockendeponie zu haben scheint.

„Ist nur vorübergehend“, brummt ihr Begleiter entschuldigend, sein massiger Körper unangenehm nah hinter ihr, der typisch ranzige Geruch von Ork. Grimm zupft seinen Atemfilter runter – halb lebenserhaltende Maßnahme, halb Gesichtserkennungsschutz – und ebenso das daran befestigte Dreiecktuch in Digital-City-Camouflage – also Bauklotzpopelexplosionslook. Indem er sich an Karla vorbeidrängt, zieht er zischend den Ring aus einer Bierdose und zündet sich – wie, weiß Gott alleine – gleichzeitig einen Glimmstängel an.

Karla verharrt in der Tür, unsicher, während ihr Begleiter zwei tiefe Züge nimmt – einer Rauch, einer Bier –, etwas unschlüssig durch sein verzecktes Reich blickt und endlich sowohl die Kapuze abstreift als auch sein speckiges Cybears-Basecap ablegt.

„Steh da nicht so rum und spiel das Ziel für die Ratten im Block“, sagt er, was wohl eine Art Einladung sein soll. Karla blickt kurz nach links und rechts den vollgesprühten, vollgemüllten und sehr offensiv vollgepissten Gang des sechsten Stocks von Wohnblock 84 in Berlin-Gropiusstadt hinunter, kann aber außer einem schlafenden oder toten Junkie vor der zugeketteten Fluchtwegetür weder eine metamenschliche noch eine wortwörtliche Ratte ausmachen.

Sorgsam schließt Karla die Tür hinter sich, während im Wohnzimmer das Trid zu plärren anfängt. Grimm hat sich auf seine Bettcouch gepflanzt und wurschtelt an seinen Stiefeln rum. Im vom sauren Regen fast völlig verätzten Plastefenster hinter ihm sind gerade mal trübe Flecken der eigentlich recht nahen Fenster benachbarter Wohnblöcke auszumachen.

Sie hängt ihre Jacke auf – oder doch die Jacke, die man ihr in der Klinik gegeben hat; ihre eigene war wohl nach der Randale am Lausitzer, nach Abtransport und Not-OP nicht mehr zu gebrachen – und setzt sich auf eine Art Barhocker an der Küchenzeile. Versucht, so viel wie möglich von der Wohnung und so wenig wie möglich von ihrem Geruch aufzusaugen.

„Tut mir leid, das mit dem Mief hier. Die Lüftung ist total im Arsch, und die Fenster lassen sich nicht öffnen.“ Er rülpst. „Und das Wasser hier … sagen wir, man fährt mit Chemo besser. Killt die Seuche, aber verstärkt den Siff.“ Er kramt zwischen leeren Mikrowellenpackungen („Instant-Lyoner mit BBQ-Senf- und Soykäse-Füllung, Original Kebap-Art, jetzt mit extra viel Zwiebeln“), findet eine Dose „Combat Axe“ Neil the Ork Barbarian Deospray und gibt dem Raum einen deftigen Zisch.

Bei der Gelegenheit öffnet er auch gleich die Couchtischschublade, nimmt ein schäbiges VolksKommlink raus, setzt dessen Akkus ein und aktiviert es. Karla ist derzeit unbelinkt, kann aber auch so sehen, dass die erste Meldung nach dem Systemstart die Anzeige einer kriminellen SIN plus Warnung vor gefährlichen Implantaten ist. Wahrscheinlich wird dieser dezente Hinweis auf die Misstrauenswürdigkeit des Trägers in der AR noch wesentlich deutlicher ausfallen.

Grimm schafft in Menüs herum, die Karla mangels Bildverbindung nicht sehen kann, scheint verärgert über einige Meldungen, blickt nur kurz und abgelenkt auf: „Wenn du Durst oder Hunger hast, bedien dich. Viel ist nicht da, aber für heute sollte es reichen. Morgen können wir uns ja noch was besorgen, für den speziellen Anlass.“

Morgen ist Weihnachten.

Ihr erstes Weihnachten außerhalb der Konzernwelt.

Dabei scheint es ihr schon Jahre her zu sein, dass sie eine brave Drohne im System war, ein emsiges Bürobienchen, das sich zur Entspannung nach Feierabend und am vertraglich garantierten Wochenend-Ausgleichshalbtag etwas Nervenkitzel in der „Zone“ besorgte, als Möchtegern-„Runner“, der einfache Kleinstjobs für Barkeeper und Infodealer erledigte. Kurierjobs. Schmierestehjobs. RufmichanwenndudiesenTypenhiersiehstjobs. Molle-und-Korn-Jobs halt.

Natürlich fanden SIE es raus. Natürlich boten SIE ihr großzügig an, über ihre vertraglich nicht genehmigten Taten hinwegzusehen. Natürlich aber verbunden mit Gehaltskürzung, Arbeitszeitverlängerung, Streichung von Privilegien und einem fetten Warnschild an ihrer Konzern-ID. Gar nicht so natürlich lehnte sie ab.

Grimm räumt das Bett etwas frei. Verstaut Brauchbares in Schränken und Schubladen, schafft leere Packungen und Dosen zum Abfallschacht, dessen Klappe sich aber – weil verstopft – nur noch wenige Zentimeter aufzerren lässt, geht zur Tür und wirft den Müll in den Gang.

Karla blickt skeptisch auf die so entstandene Kuschelzone, denn schlafen ohne Körperkontakt ist hier definitiv ausgeschlossen. Vermutlich sollte sie trotzdem dankbar sein, kann sich aber nicht dazu aufraffen und macht sich stattdessen die unter den frittierten Ersatzfleischvorräten im Kühlschrank gefundene Alibi-Packung Grillgemüse heiß.

„Was macht der Arm? Hast du noch Feedbacksticheln?“ Grimm schnappt ihren Arm und schiebt unsanft den Ärmel hoch, sodass Karla beinahe über den noch immer unerwarteten Anblick ihres fehlenden Körperteils und die Anwesenheit DES DINGS erschrickt. DAS DING ist ein einfaches Modell, haben sie gesagt, und damit noch immer schicker als Grimms Ersatzarm, den sie ihm im Knast anstelle seines Deluxe-Chrom-Killerarms mit Nagelmessern, Smartlink und Gyrostabilisator verpasst haben. DAS DING sieht wenigstens nicht aus wie etwas, das der Klempner hat liegen lassen. Oder das gleich die vollbusige Manga-Mannschaft der Raumstation Sputnik rektentakeln wird.

Eine medizinische Prothese ist DAS DING trotzdem. Da ist kein Glamour, kein Strahlen, kein verruchtes Schattenfeeling, wie man es erwartet hätte, so als Shadowrun-Girlie, das in ihrem Teenagerzimmer jede Menge Displaywandfläche mit in ewigen Loops animierten Shots der Street Samurais aus Trid und VR-Games beladen hatte.

Grimm öffnet ein Panel an ihrer Handwurzel, zieht wie vom Arzt verordnet die Gelenkverbindung nach und grunzt zufrieden. Schwer vorstellbar, dass dieser versiffte Penner mal ganz passabel ausgesehen haben soll, damals, in seinen Kunstraub-, Autoknack- und Fischzug-Tagen, ehe er in der Plötze einsaß. Bevor er durch einen Deal rauskam, der ihn in der Berliner Crime-Szene genauso unerwünscht macht wie seine kriminelle SIN bei Geschäftsinhabern oder potenziellen Arbeitgebern.

„Wenn das Leben dich fickt, dann bitte richtig“, hatte er bei ihrer ersten Begegnung gesagt. Vor etwa drei Stunden.

Sie nickt auf einige seiner Fragen und schüttelt den Kopf auf einige andere. Das Gefühl für ihre Hand ist noch nicht voll da. Das Bild ihres Cyberersatzauges brennt noch in lötheißem Kopfschmerz, während ihr armes Steinzeitmenschenhirn versucht, die digitalen Signale aus der fernen Zukunft des späten 21. Jahrhunderts zu verarbeiten. Außerdem jucken die Verbände noch.

Verdammt, sie gehört in die Klinik zurück, nach Eiswerder. Aber die haben keinen Platz. Halten alles frei für Weihnachten, wenn zwischen Lynarstraße und Spandauer Altstadt so richtig urtümlich gefeiert wird, mit Molle in der einen und Molli in der anderen Hand.

Also haben sie Grimm gerufen. Weil der bei Piet noch was offen hatte. Und dringend die Streetcred brauchen kann, dass er KEIN vollkommen korruptes Verräterschwein ist. Oder dass er eine angeschossene Unbekannte, auf die er einige Tage aufpassen soll, umgehend schändet, ermordet, ausweidet und an die Ghule verkauft. Wenn sie Glück hat, in dieser Reihenfolge. Sie zieht die Beine an, versucht die Tränen niederzukämpfen, und versagt.

„Oh, Mann, Fuck, was soll denn die Scheiße“, keift Grimm und reißt ihren Kopf an den Haaren nach hinten, blickt kritisch in ihr Cyberauge und auf die spastisch zuckenden Areale drum herum. Sie wehrt sich, reflexartig, panikhaft, da reißt er sie vom Hocker (ha ha) und wirft sie zwischen Krümel und Kippen auf den klebrigen Boden, fixiert ihren Kopf so fest und eng, dass sie das Surren seines klobigen Cyberunterarms direkt am Ohr hört.

Zur Panik kommt der Ekel, kommt ein fieser Schmerz irgendwo in der Gesichtsgegend, schwer zu verorten, juckend, schreiend, hysterisch, und natürlich flammt er ihr eine, zwei, fixiert wieder den Kopf – und sprüht ihr irgendwas ins Gesicht, ins Auge, in ihr fehlendes Auge.

Minuten vergehen. Ihr Körper gibt den Widerstand auf. Der Ork auf ihr scheint eine Tonne zu wiegen, sein Geruch ist um sie, in ihr, sie möchte kotzen und schämt sich zugleich dafür, so vorhersehbar rassistisch, so Norm-al zu sein, aber ihr auf die Instinkte reduzierter Körper hat wenig Sinn für Political Correctness, also würgt sie, erst trocken, dann sehr feucht.

Minuten vergehen. Im Trideo läuft eine Wiederholung ihrer Lieblingsfolge von Wunderkrieg, diese drollige Alpen-Show mit den witzigen Meta-Freaks. Sein Druck auf ihr lässt nach. Er gibt ihren Kopf frei, nimmt die Ellbogen von ihren Unterarmen, wartet ab, ob sie noch mal ausflippt. Tut sie nicht. Karla Schnikov ist ein Profi. Karla Schnikov liegt auf dem abgerissenen Kopf eines Wackeldackels. Surreales Empfinden am Rande des Nervenzusammenbruchs. Auch ein hübscher Buchtitel.

„Scheiße“, sagt Grimm und erhebt sich, nimmt ein neues Bier, leert es. Nimmt noch eins. Leert auch das. Übrigens weit langsamer, als es hier klingt. Aber Karla liegt nur da, erschöpft weit jenseits des Körperlichen, und starrt.

„Scheiße“, sagt Grimm noch mal. Dann legt er sich ins Bett und löscht das Licht. Nur das Trideo quasselt weiter.

– – – Abblenden zu Schwarz – – –

Am Morgen liegt Karla noch immer, wo sie am Abend lag, um sich ein Kokon diverser Kleidung und Decken, neben sich ein feines Pulver von unter der Spüle, das organische Verbindungen – wie Kotze oder Ausscheidungen im spülungsunfähigen Klo – rasch und restlos auflöst.

Grimm kippt an Trockenfutter erinnerndes Frühstückszeug in zwei Schalen, kippt Wasser aus einem Kanister drüber, weckt Karla und erläutert den Plan. Kein Wort zu gestern. Nur Leute aus Konzernzonen beschäftigen sich mit gestern. Gestern ist ein Luxus, den man nicht hat, wenn man heute etwas essen und morgen noch leben will.

„Wir besorgen dir ein Weihnachtsgeschenk“, stellt Grimm fest. „Hätte Piet so gewollt“, schiebt er lahm nach, um etwaigen Protest zu ersticken. „Außerdem brauchst du Übung mit deinen Implantaten. Und was zu fressen für die kommenden Tage brauchen wir außerdem.“

Piet. Ihr Shadowdaddy. Der sie aufnahm, als der Konzern sie kantete. Der sie mit ner verdammten Schrotpistole gegen einen vollgerüsteten Soldaten der SonderSchutzTruppe schickte, um „den Anarchos“ zu zeigen, dass sie jetzt eine von ihnen war. Der dabei draufging, als „die Anarchos“ ihre von der Praetor-MP des Soldaten mit zwei wohlplatzierten Schüssen gefällte Leiche bargen. Während der Soldat wohl ohne Kratzer blieb, mit dem Ergebnis zufrieden, desinteressiert an dem dummen Mädchen im Shirt, das aus kürzester Distanz auf ihn ballerte, um wenigstens IRGENDEINE Chance auf einen Hit zu haben.

Draußen steigen Karla und Grimm in seinen Mercury Comet. Zufall oder arschgefickte Ironie – Piet fuhr auch einen Kometen, seiner von Izhmash. Grimms Comet ist eindeutig die bessere Karre, und eindeutig sauberer als seine Bude. Sie hätte nie aussteigen sollen. Also, aus dem Auto, jetze. Und aus dem Kon eh nicht.

Ihr Ziel sind die Kurfürstendamm-Arkaden – die Q-Mall, die längste Mall der Milchstraße plus Nachbardimensionen, nimmt man alle Superlative der Betreibergenossenschaft zusammen. Dabei ist die Mega-Mall eher das Abfallprodukt einer völlig irrsinnigen Verkehrsplanung, durch die der Kurfürstendamm per Entlastungsstraße auf Stelzen überbaut, der alte Damm darunter verkehrsberuhigt und der Abstand zwischen Hochtrasse und sechstem Stock der Ku’Damm-Gebäude durch eine „lichte“ (heute zerätzte und vollgerußte) Glaskonstruktion verbunden wurde.

Was der heute auf schäbige Mittelschicht zurechtgemachte Grimm genau vorhat, weiß Karla immer noch nicht. Und auch nicht, als sie den Comet in der Tiefgarage unter der Mall abstellen und durch ein bunkermäßiges Treppenhaus hoch in die „Mall“ gehen.

„Okay, Küken“ – so hat Piet auch immer zu ihr gesagt, und kurz ziehen sich verödete Gefäße und tote Tränenkanäle in sehr realem Phantomschmerz zusammen – „der ‚Job’ ist ziemlich einfach.“ Oh, Frek. Drag. Ach, Fuck.

„Wir setzen uns da auf die Bank.“

Sie setzen sich da auf eine Bank.

Sie sitzen.

„Was genau tun wir hier?“, fragt Karla nach ein paar Minuten.

„Auffällig sein“, kommt Grimms Antwort.

„Auffällig, indem wir auf einer Bank sitzen?“

„Auffällig, indem wir nichts kaufen und uns nichts ansehen. Auffällig, indem du als Norm-Girl mit einem stinkigem Hauer abhängst. Auffällig, indem du nen Verband im Gesicht und wir beide offene Cyberware haben, auch wenn ich nicht annehme, dass sie unsere Armprothesen sehen. Auffällig, indem … ach Scheiße, deren Mustererkennung müsste schon total grenzdebil UND deren Spinne total blind sein, um uns nicht mit ‚verdächtig’ zu markern, zumal ich außerdem ein verdammtes ‚EY LEUTE, HIER SITZT EIN VERURTEILTER VERBRECHER’ broadcaste.“

Karla checkt Grimms AROs, nachdem er ihr am Morgen ein „cleanes“ MetaLink mit WiFi an ihre Bildverbindung im Auge angebunden hat – oder bizarrerweise korrekter: indem er ihr verdammtes Auge als Peripheriegerät bei ihrem Kommlink angemeldet hat. In der Logik des WiFi ist das Wegwerfkommlink wichtiger als das persönliche Implantat, das nur ein Slave des Links ist.

Unschwer ist in der AR Grimms spezielle Identität zu erkennen – immerhin der Zweck der gerichtlichen Verpflichtung, die kriminelle SIN immer und zu jeder Zeit offen anzuzeigen. Erneut pulst ihr der Hinweis auf „gefährliche Implantate“ entgegen.

„Was sind das eigentlich für saugefährliche Implantate, die du da hast?“, fragt sie, um die Zeit bis zu ihrer wohl erwarteten Verhaftung zu überbrücken.

„Reflexbooster und Dermalpanzerung. Wäre zu teuer geworden, sie zu entfernen, also haben sie’s gelassen. Nicht illegal genug für Berliner Verhältnisse, um deswegen nen Aufriss zu machen. So was in der Art. Außerdem werdense gedacht haben, wo sie mich ja eh bei die Eier haben, dass jemand mit so Implantaten nen wertvolleren Asset darstellt als wer Halbtotes, den wo se beim Aufschlitzen und Ausräumen verpfuscht haben.“

„Was redest du plötzlich so?“

„Sorry. Meine Rolle. Sehe nämlich schon unser Publikum. Du bleib hier sitzen, aktivier deine Kamera und halt schön auf mich, also guck in meine Richtung und nicht auf deine Möpse.“

Karla will etwas extrem Unflätiges entgegnen, aber Grimm steht schon auf und winkt ab: „Halt deine Augen einfach stur auf mir. Wirste verstehen, wenn du mal Eyecam-Vids von nem Vollnoob gesehen hast der wo nich weiß wo er so am Tag alles hingafft.“

Grimm entfernt sich, doch nicht allzu weit. Er geht zu einer Billigtextilien-Ladenfront, schaut sich die Auslagen an und wirkt nun von außen betrachtet in hohem Maße normal; zückt sogar sein Komm und spricht hinein, während er interessiert den Laden entlangbummelt.

Die Security rückt in gerader Linie auf ihn an. Sechs Mann in dunkelblau, doch nicht im adretten Uniform-Look der immer hilfsbereiten Mall-Guides, sondern mit erkennbarer Panzerung und Helm. Zwei Mann spalten sich ab, halten auf Karla zu, doch deutlich weniger aggressiv als jenes Quartett, das nun fast bei Grimm angekommen ist.

Karla hält drauf. Der Wortwechsel zwischen Sicherheit und Orkshopper ist fast nicht vorhanden. Es wird direkt zugegriffen. Zwei mit Schlagstöcken, zwei sichern ab, Hände an der Schusswaffe. Der Orkshopper hebt abwehrend die Hände, blickt verständnislos. Vermutlich fragt er, warum sie ihm das antun. Vermutlich bittet er darum, aufzuhören. Zumindest sieht sein Gesicht so aus. Umso krasser die Reaktion der Wachleute: Schlag auf Schlag. Wütend jetzt. Karla hält drauf.

Die beiden Wachleute auf Kurs zu ihr sind angekommen, fordern sie – durchaus freundlich – auf, zu gehen. Karla hält weiter drauf, erhebt sich aber irritiert, zu einem Drittel schlau geschauspielert, einem Drittel in der Hoffnung, dass man irritierte Norm-Frauen nicht zusammenschlägt (sehr im Gegensatz zu leidend blickenden Orks, die sich jetzt sehr ehrlich verdrücken möchten) und einem Drittel, weil es sehr schwer ist, eine ungewohnte Cyberaugenkamera zu bedienen und dabei Konversation zu betreiben.

Sie muss sich etwas entfernen, sieht aber genug. Grimm der freundliche Orkshopper geht zu Boden, fängt sich noch zwei Tritte und zwei Taserschüsse zur Sicherheit, wird dann weggeschafft Richtung nächstgelegenem Ausgang. Vermutlich nicht der Mühe einer Befragung oder Verhaftung wert – warum auch? „Ey, warum haben Sie hier herumflaniert?“ Obwohl das aus Karlas Sicht eine ziemlich gute Frage ist.

Sie geht zu einem unweit gelegenen anderen Ausgang, umrundet draußen den Block und findet Grimms übel zugerichteten Körper zwischen zwei Müllcontainern, wie er gerade von ein paar Straßentypen ausgenommen wird. Da sie keine Waffe hat, ruft sie stattdessen die erste und einzige Nummer an, die Grimm in ihr Link eingespeichert hat.

– – – Abblenden zu Schwarz – – –

Karla steht vor Grimms Krankenbett in der Schwarzer-Stern-Klinik Eiswerder. Gottseidank war noch eines frei. Ihres, um’s genau zu sagen.

Er hat das Bewusstsein noch nicht wiedererlangt. Es schaut nicht so irre gut aus. Er ist alt. Alte Orks sterben leicht. Gell, Piet?
Der Mann im schäbigen Anzug steht auf, klopft sich den Hut ab und wendet sich zum Gehen. „Wenn ich was habe, melde ich mich. Das war sehr gute Arbeit, ähm …?“

„Karla. Mit K.“

„Okay, Karla mit K. Danke für den Chip. Aus dem Material sollte sich ein recht überzeugender Spot bauen lassen. Wird mir, denke ich, einige Kunden aus Orkkreisen bringen, die sich gegen Diskriminierung und Körperverletzung zur Wehr setzen wollen.“ Er lacht. „Irre, wie unschuldig und normal Grimm gucken kann. Hat ihm schon damals die Tür für den Deal geöffnet. Na ja, der wird schon wieder. Ist er bisher noch immer. Unverwüstlich, diese Hauer.“

Ferretti das Frettchen. Der Name passt. Ein schäbiger Anwalt mit schäbiger Masche, in einem schäbigen Geschäft in einer schäbigen Stadt. Er tippt sich an den Hut und geht. Er ist Norm, und irgendwie fühlt sich das eklig an.

Karla steht bei Grimms Bett und ist unschlüssig, was zu tun ist. Der Credstick ist in ihrer Hand warm geworden und hat genug Knete drauf, um ein ganz passables Weihnachtsfest zu feiern.

Es ist Heiligabend. Von draußen dringt das Johlen der Feiernden. Und irgendwo ist das siffige Sozialapartment eines Ork-Knackis, wo sie sich das Hirn vorm Trideo angenehm normal eintrocknen lassen könnte.

Aber irgendwie scheint es richtiger, hier zu stehen und am Bier zu nippen, das irgendein Pfleger ihr eben in die Hand gedrückt hat.

Frohe Weihnacht.

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Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (10) – Der letzte Teil

TIR N’ZAGH – 2045

Lautlos gleitet der schwarze Saab Dynamite die knochige Straße entlang. Der Motor gibt nur ein hohes Pfeifen und ein sonores Surren von sich, während unter den Rädern Kiesel und Staub emporgeschleudert werden. Die Straße ist kaum mehr als ein breiter Weg, der vor sehr langer Zeit in die Berge gemeißelt wurde.

Eine weitere Kurve bleibt hinter den verspiegelten Scheiben zurück, unterdessen über dem nächsten Felsvorhang ziselierte Spitzen eines Schlosses aus schwarzem Stein auftauchen.

Der Wagen passiert zwei Megalithen, die sich rechts und links des Weges erheben. Vor dem Tor zum Schloß stehen zwei in schwarze Rüstungen gekleidete Wachen, gekrümmte Schwerter an ihrer Seite, eine schwarze Hellebarde in Händen, an deren Spitze vom matten Wind bewegt ein rot-schwarzes Banner dümpelt.

Nun ist es der massive Leib des Sportwagens, der deplaziert wirkt in der Szenerie.

Der Kreis schließt sich.

Mit tiefem Brummton passiert er die reich verzierten Drachenköpfe, deren ausdrucksloses Gesicht geringschätzig auf das gebogene Stahl des Fahrzeuges fällt. Der grau-blaue Himmel gleitet behäbig über die verspiegelten Scheiben des Eindringlings, der sein donnernd-summendes Rollen schließlich verliert. Unter dem Auto wird ein schwarzer Stiefelschaft sichtbar, dann noch einer.

Aus der offenstehenden Fahrertür klingt dumpf das Donnern einer hochgetuneten Baseline. 1980er Stil E-Gothik.

If I’m out of touch and need reminding
just tell me I have been found
I’m walking to a new dimension
I have left familiar grounds
All the things I do
maybe seem to you
as forced behavior but I can’t
really change your mind
this is my time
Annie you would not understand

Der Fahrer des Wagens hält inne, schiebt sich die dünne Sonnenbrille auf der Nase hoch und beäugt den auf dem Amaturenbrett des Wagens plazierten Fernseher, der sich mit sanftem Surren in seine Richtung dreht.

I become blind
I lost my mind
yes you know but Annie would I lie to you
I’ve got control
this is my show
listen to me Annie would I lie to you

Der hochgewachsene Mann lächelt leicht, streicht sich schwarzes Haar aus der Stirn. Mit leichter Bewegung nimmt er ein schweres Stoffpaket auf, das er zu einem Umhang entfaltet. Nur kurz erscheint ein kleiner schwarzer Schatten am Fuß der Beifahrertür, der mit emporgerecktem Schweif dem Portal entgegeneilt.

I still have my name
I still have my face
I have not run away from home
Doesn’t seem so wrong
if I not embraced
every single thing I’ve never known

Der Ton reißt ab, als der Mann den Fernseher ausschaltet.

Eine gleichsam schwarze Sporttasche findet ihren gehorsamen Platz an der Seite der Combat Boots, unterdessen der sanfte Schauer sacht einschnappender Schlösser durch den Burghof rieselt.

Der schwarzhaarige Elf, der nun, die Sporttasche über die Schulter geworfen, dem Hauptportal entgegengeht, klappt die Sonnenbrille zusammen und läßt sie in das Innere seiner Lederjacke gleiten.

Vor ihm öffnen sich die schweren gußeisernen Portalflügel, zwischen denen er winzig erscheint. Auf der obersten Stufe der Portaltreppe wendet er sich nochmals um und blickt eine leere Stelle grünen Grases im Burghof an. Lächelt sanft.

Dann betritt er die Eingangshalle, deren kühle Luft ihm einen Begrüßungskuß auf die Wange haucht.

Endlich zu Hause.

Eine dünne Gestalt fliegt von rechts auf ihn zu, wirft sich ihm um den Hals.

„Nikuriel, Ihr seid zurück !“

Verwirrung überkommt ihn. Vermischt mit Traumbildern und den Erinnerungen seines „Vor-Lebens“ ist ihm das Bild der bleichhäutigen Banshee entglitten, und erst einige Sekunden später kommt es zurück.

„Meine Teure, ich hoffe, Ihr habt Euch im Schoße meines Thrones wohlgefühlt.“

Die schlanke Gestalt der Frau erstarrt. Versucht, in den grünen Augen des Elfen zu lesen. Sie läßt ab von ihm, geht einige Schritte zurück.

„Ich habe nur erfüllt, was mir aufgetragen wurde.“

Sicher

„Und dafür möchte ich Euch danken, werte Katharizna. Ihr müßt meine schroffe Begrüßung verzeihen, aber die Wirrungen der Magie, die mich zurückbrachte, legt sich oftmals wie ein Schleier über meinen Geist. Zuweilen erscheinen mir Irrbilder von vergangenen Ereignissen, da ich ruhte, in denen ich Euer Wirken sehen soll. Aber natürlich ist solches Wahnsinn. Verzeiht.“

Und damit schreitet er an ihr vorbei in Richtung der breiten Treppe zum Thronsaal. Auf dem zweiten Absatz dreht er sich nochmals um:

„Oh, bevor ich es vergesse: Bitte sendet doch Eure Boten nach Nadjuseanel aus. Mich dürstet nach ihrem Antlitz, daß ich so ungewohnt und ungewollt lange vermissen mußte. Ich verlasse mich auf Euch.“

Ehe sie etwas entgegnen kann, wendet er sich ab und setzt seinen Weg zu den schweren Steintüren fort, die er mit einer Handgeste aufschwingen läßt.

Im Halbdunkel des Thronsaales ruht ein lichtloser Berg schwarzer Schuppen, dessen Brust sich in großer Ruhe hebt und senkt. Die Augen des Drachen sind geschlossen, nur ab und an glimmt ein fahles blaues Leuchten zwischen hornigen Lidern hervor.

Ohne daß sich seine Lippen bewegen, schickt der Elf Worte in den Geist des schlafenden Drachen, während er zugleich eine schwarze Katze vom Boden aufnimmt.

Erwache, Mordrak-Khan. Wir haben viel zu bereden.

E N D E

 

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Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (9)

BEVAL – WEIHNACHTEN 2031

Die dünne Metalltür zu den Unterkünften fliegt auf, treibt eine Wolke Schneeflocken über den schmierigbraunen PVC-Belag des Bodens.

Hastig treten dick Vermummte in den Raum, der Größte der fünf rammt die Tür hinter sich zu. Unter der dicken Kleidung, den Schneebrillen und Waffengurten, den Atemmasken und Panzerfäustlingen ist nichts von ihrer Identität auszumachen außer den Registriernummern, die auf einem festgenuteten Etikett an ihren Schultern eingestanzt sind.

Der Troll befreit als erster sein Gesicht von der Maskierung, blickt starr geradeaus und flucht.

„Was mich echt ankotzt, ist, daß diese Scheißbrille immer beschlägt.“

Er sucht seine Arme nach einem trockenen Stück Stoff ab, mit dem er seine dünn umrandete Brille abwischen könnte, findet aber keines. Die schwere Sturmkanone knallt schallend zu Boden.

Unter der Pelzverkleidung der Kapuze kommt Venkas Gesicht zum Vorschein, die sichtlich Mühe hat, auf dem glatten Boden zu stehen – zemtimeterdick klumpt Schnee unter ihren rutschfesten Stiefeln.

„Soll das heißen, daß Du ohne Brille die Kletterwand geschafft hättest ?“

„Hrrmph. Goten sollten zum Draufschlagen ausgebildet werden, nicht zum Herumklettern.“

„Und auch Dir frohe Weihnachten“ meint Dimmi mürrisch, der noch nicht die Schneebrille abgesetzt, aber bereits eine angenäßte Zigarette angezündet hat. „Tong“ um „Tong“ läßt er die Granaten aus seinem Gürtel in die metallene Reservebox fallen, lehnt sich dann an den Blechschrank.

„Hey, freut euch doch über den Schnee – solange es derart arschkalt ist, werden die Deutschen wohl eher zuhause bleiben, statt an der Front ihre Hoden einzufrieren.“

Die sonore Stimme gehört zu einem muskelbepackten Sarmaten, der erst vor 14 Tagen in das Trainingslager gekommen war. Sein Name ist Wolodja – das heißt, so nennen ihn alle. Im bürgerlichen Leben heißt er Wladimir Iwanowitsch Andropov und ist Taxifahrer in Moskau, verheiratet, 4 Kinder.

„Willkommen in Stalingrad“ läßt Tolstoi vernehmen, der sich dicke Klumpen Eis von den Fäustlingen klopft, indem er sie wiederholt gegen den Schrank pfeffert. Wie bei allen ist seine Stimmung durch die komplette Streichung aller Heimurlaubsgesuche für Weihnachten nicht gerade die Beste.

Streichung von Weihnachtsurlaub für alle Grade – ein solcher Schlag gegen die Truppenmoral mußte triftige Gründe haben. Gründe, die Tolstoi wahrscheinlich nicht gefallen würden.

Auf dem kleinen Ofen des Zimmers pfeift der Teekessel, was Bewegung in die abgekämpften Rekruten bringt. Für später ist eine kleine Weihnachtsfeier in der Kantine vorgesehen, wo auch die Weihnachtspäckchen verteilt werden sollen.

Tolstoi blickt kurz über die Schulter zu Venka zurück, die geistesabwesend die Sohlen ihrer Stiefel mit einem Armeemesser bearbeitet. Das bevorstehende Fest macht sie niedergeschlagen.

Für sie würde kein Päckchen kommen, da ihre Familie – wie sie selbst Georgier – in den seit Monaten anhaltenden Unruhen in der Region umgekommen ist – einer der Gründe, warum sie sich freiwillig zur Front gemeldet hatte.

Tolstoi schiebt das in graues Zeitungspapier eingeschlagene Päckchen tiefer in sein Versteck unter die lange Unterwäsche und lächelt. Der Gedanke an ihre Überraschung, wenn bei der Paketverteilung ihr Name ausgerufen wird, hatte ihn gewärmt in den letzten Tagen.

Still hoffte er wider aller Wahrscheinlichkeit, daß sein Päckchen an Nadja durch den Schwarzmarkt zugestellt werden würde. Fast 800 Rubel hatte er sich die Zustellung kosten lassen, aber seine Hoffnungen waren dennoch begrenzt.

„Kennt ihr den ?“, wirft Dimmi ein, „Was ist der Unterschied zwischen einem Soldaten, einem Offizier, einem General und einem Militärarzt ?“

Ghandi schnauft unverständlich. Venka flucht, weil sie sich an der Teekanne die Finger verbrannt hat. Wolodja puhlt seinen Bart aus dem Reißverschluß der Panzerweste. Tolstoi durchsucht den Spind nach seinen Zigaretten.

„Also: Der Soldat tut alles, weiß aber nichts, der Offizier tut nichts, weiß aber alles, der General tut und weiß nichts, und der Sani tut alles, aber erst, wenn’s zu spät ist.“

Niemand lacht – außer Dimmi. Der nimmt eine Prise Schnupftabak und läßt sich aufs Bett fallen, kramt ein Pornoheft hervor und studiert den Inhalt.

„Ghandi ? Hast Du noch Kippen ?“

Wortlos reicht der hühnenhafte Gote Tolstoi eine Zigarette, deren Form mehr einem überfahrenen Regenwurm gleicht.

„Errh… Danke.“

Venka gießt heißen Tee in Zinnbecher, die schnell so heiß werden, daß man sie kaum anfassen kann. Wolodja studiert kurz das Chaos aus Stiefeln und Jacken, das auf dem Boden verstreut ist, rappelt sich auf, studiert es weiter, macht eine wegwerfende Geste mit seiner Hand und setzt sich wieder hin.

Teetrinken. Schweigen.

„Wenn Dir das nächste Mal der Abzug festfriert, solltest Du ihn mit einem Feuerzeug enteisen“ meint Ghandi zu Wolodja schließlich.

„Spitzenidee“ brummelt der Zwerg, der immer noch dabei ist, Eisklumpen aus seinem Bart zu pfriemeln. „Besonders nachts bei Schneesturm – Entweder Du kriegst es nicht an oder Du sagst dem deutschen Heckenschützen, wohin er feuern soll.“

„Mein Gott, war ja nur’n Vorschlag.“

Schweigen.

Dimmi pfeift durch seine Hauer, während er sein Heft um 90° dreht und ausklappt. Venka rollt mit den Augen. Ghandi rutscht interessiert rüber. Pfeift ebenfalls.

Schweigen.

Dimmi blickt auf, studiert die Gesichter der anderen. „Sagt mal, seid ihr down oder so ?“

Schweigen. Verächtliches Schnauben.

Humorloses Lachen.

„Okay.“ Er setzt sich auf. „Ich werd‘ euch ne Geschichte aus Omsk erzählen, weil da komm‘ ich nämlich her.“

„Bitte, Dimmi, mir ist auch so schon schlecht.“

„Nu sei mal nicht so verweichlicht, Venka, in Omsk haben wir viel strengere Winter als dieses bißchen Schneetreiben hier. Mann, in Omsk wars mal so kalt, daß den Leuten die Augen zu Eiswürfeln gefroren sind…“

„… und die Kinder macht der Papst.“

„Nee, echt. Weihnachten in Omsk, da wird’s so kalt daßde nichmal’n Tannenbaum fällen kannst, weil der ganze Stamm durchgefroren ist. Hart wie Granit ist das Eis da. ‚N Kumpel hat mal versucht in so ’nem strengen Winter mit’m Kettenmolch so’n Ding umzulegen, und auf einmal sind ihm die Metallspitzen der Sägkette um die Ohren geflogen.“

„Laß mich raten – und die haben ihm ganze Fleischfetzen aus dem Gesicht gehauen, aber er ist trotzdem noch 100km nach Hause gejoggt und hat Weihnachten gefeiert.“

„Ach, Du kennst Michail ?“

Schweigen.

„Das ist ja nicht zum Aushalten mit euch. Okay, um euch vonner Kälte abzulenken: Also, in Omsk, da war’s in nem Sommer mal auf einmal so brachial heiß, daß die Ratten auf der Straße explodiert sind. Ham sich aufgebläht und KABWORF flogen einem Fellfetzen umme Hauer. Dabei sind die Biester schon unaufgebläht riesengroß. Vergeßt diese Laschratten, die wo se im Fernsehen immer zeigen, diese Teufelsmäuse. Mann, in Omsk sind die Ratten so groß, daß wir Mongolen unsere Kinder drauf reiten lassen…“

„Ghandi, gibst Du mir mal den Wodka ?“

„… und wennse zu Weihnachten so richtig fettgemästet sind von dem laschen Tourivolk, was bei uns rumhängt, dann werdense gepökelt. Kannste…“

„Wie spät ham wir’s eigentlich ?“

„…ganze Monate von leben, sag ich Dir. Und das andere Crittervieh erstmal…“

„So gegen 17:30 müßt’s sein – bei meiner Uhr sind die Zeiger festgefroren.“

„…was die sich immer aufregen von wegen Critter in Sibirien. Alles Quark. Das ganze ECHT gefährliche Viehzeug findste nur in Omsk, Alter. Da is‘ nischt mit Wumme raus. Granaten, sach ich euch, ’s das einzige was wo hilft. Ich steh‘ ja eigentlich mehr auf Bazookas und so, sin‘ aber in Omsk schwer zu beschaffen. Da kannste nicht einfach ma kurz anne Ecke gehen und Wummen kaufen, Alter, in Omsk mußte noch richtig kämpfen…“

Venka blättert in Dimmis Pornoheft.

„… mit Fäusten gegen Critterbären, Mann, die sind so groß, daß Ghandi dagegen wie Wolodja aussieht…“

„… Hm ? Was ?“

„… und die haben Pranken, die sind so groß, daß wir das Fell von denen als Sessel verwenden, echt ohne Scheiß. Wenn die Sülze hier vorbei ist, müßte mich ma in Omsk besuchen kommen – wenn ihr den Weg dahin überleben solltet. Hahahahahaha.“

Mit einer Militärmarke kann man sehr schöne Muster in den Handrücken pressen.

Dimmi reagiert nicht auf die hängenden Gesichter, plappert weiter von Omsk.

Tolstoi schwingt sich in seine Liege, starrt zur Decke. Über die aus Preßplatten bestehende Decke ziehen sich Muster aus Nässe und Schimmel. Ausgefranste Klumpen in braun und grün hängen dort wie abnorme Zerrbilder von treibenden Wolken.

Er beginnt damit, sich die Nasenlöcher auseinanderzuziehen, was angesichts zusammengefrorener Haare ein schmerzhaftes Unterfangen darstellt. Sein ganzer Körper kribbelt kühl von der Wärme und der Ruhe, in der er sich befindet.

Er blättert in seinem schwarzen Lederbüchlein. Findet die Seite, auf der sich die Zeichnung der Zimmerdecke befindet. In der Zeichnung sind die Schimmelflecken Wolken, auf denen fern Schlösser zu erkennen sind. Dazwischen hat er gestern den schwarzen Leib eines Drachen gemalt, von dem er geträumt hat.

Träume sind etwas seltsames. Er legt die Stirn in Falten, überlegt, was der Drache für ihn darstellen soll. Ist er ein Symbol des Krieges, der mit schwarzen Schwingen auf ihn zukommt ?

Er korrigiert den Ausdruck der Augen, schwarzt einige der Schuppenpartien nach, bis er den Eindruck hat, das Bild sei ‚richtig‘. Dann schiebt er das Buch unter das Kissen zurück, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und döst unter den vertrauten Geräuschen des Quartiers vor ein.

– – –

„Hey, Tolstoi – wach auf.“

Verschlafen wischt er sich über die Augen. Das Bild des schwarzen Drachen hat ihn im Traum verfolgt. Die letzten Bilder des Traumes entgleiten ihm.

Ein dürres Land, über das ein toter Wind fegt. In der Ferne die schroffen Konturen einer Stadt, über der ein massiver Leib mit gigantischen schwarzen Schwingen hängt.

Feuer überall. Menschen schreien.

Er blickt sich zum Gesicht des Mongolen um, dessen Stirn eine steile Falte aufweist. Ihm wird gewahr, daß die anderen in eine lautstarke Diskussion verwickelt sind. Angst liegt in der Luft.

„Wasn los ? Ist der Weihnachtsmann im Streik ?“

Dimmi versucht sich ein Lächeln abzuringen, versagt aber kläglich.

„Schön wär’s. Die haben gerade die Nachrichten durchgegeben.“

Tolstois Nackenhaare richten sich auf.

„Und ?“

„Russische Tswetok-Jäger haben Berlin bombardiert.“

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (8)

HAMBURG – 2052

Weit unterhalb der lädierten Rotordrohne gleitet der IR-Scheinwerfer des Vans davon, verschwindet im Panorama der fjordähnlichen Mäander Hamburgs.

Eine in schwarzen Halbhandschuhen gekleidete Hand tanzt über das Fernlenkboard, programmiert die Drohne auf Heimkehr nach St.Georg.

Die Hand verschwindet aus dem Blickfeld in die mattgraue Umrandung der Rückenlehne des zerschlissenen Bürosessels. Das Geräusch eines Feuerzeuges ist zu hören, begleitet von einer kurzen Erleuchtung des aus Apfelsinenkisten bestehenden Schreibtisches.

Die Hand erscheint wieder, legt eine Packung Podruga-Zigaretten auf das Riggerdeck. Oberhalb der Rückenlehne breiten sich die Schlangenformen von weißem Rauch aus.

Langsam dreht sich der Bürostuhl. Eine zweite Hand erscheint, um eine Sony-Fernbedienung geschlossen. Aus der Stereoanlage knistert Cyberpunk. Die in mit Schnallen bewehrten Combatstiefeln gehüllten Füße der Gestalt wippen im Takt des Bass-Staccatos.

Die schlanke Gestalt erhebt sich, tritt herüber zum mit Bretter vernagelten Fenster und späht hinaus. Einfallendes Mondlicht erhellt tiefgrüne Augen und Fransen langen schwarzen Haares, streicht über spitz gewölbte Ohren.

Dann zieht sich das Gesicht in die Dunkelheit des Raumes zurück.

– – –

Hamburg Fischerfleet, im „Ruka“, 23:54:30 Uhr

„Ostoroshneje!“

Die hagere Gestalt von Doktor Sitkajev ignoriert die Beschwerde ihres spitzohrigen Patienten. Routiniert umwickelt sie das metallene Stützgestell mit Multiplast, spritzt die Lücken mit schnelltrocknendem Expositschaum aus. Den Kopf schräggelegt, begutachtet sie ihr Werk. Nickt zufrieden.

„Kak dela ?“ fragt sie, schief grinsend.

„Hmph. Pojdjot.“

Tolstoi nimmt einen weiteren Zug aus der inzwischen nur noch halbvollen Wodkaflasche. Rattes rastaüberwuchertes Haupt ist immer noch der Aktentasche zugewandt, Daten flirren über den Codedecryptor, den er in Händen hält.

Quer durch den Raum werfen sich Code und Sergej zwinkernde Blicke zu. Dann kommt sie zu Tolstoi herüber.

„Schicker Schuh – wird bestimmt der Renner im nächsten Jahr.“

„Poschjol won, Durak.“

„Ey, wennde mich schon beleidigen willst, dann tu“s auf Doitsch, klaro ? Abgesehen davon brauchste Dich gar nicht darüber aufzuregen, daß Dein Fuß Matsch ist – weißte, Schmerzen vermitteln dem Körper auch wertvolle Hinweise wie „BELASTE DEN FUSS NICHT“, capice ?“

Das Display von Tolstois Augen zeigt kurz ein ziemlich behaartes Hinterteil und eine Zunge, dann schließt er die Augen erneut, um zu trinken.

„Sach“ ma“, Ratte, wird das heute mit dem Koffer noch was ?“

„Schnauze, Code – Ich hab“s gleich.“

„Das haste schon vor einer Stunde gesagt.“

Rattes Haarfransen fliegen zurück, als er den Kopf hebt. Code lächelt ihn an. Er wendet sich wieder dem Gerät zu, flucht leise durch seinen stoppligen Bart.

„Äh, Tolstoi ?“

„Da, Code ?“

„Äh, wo kann man denn hier… Ich meine… Ach Scheiße, wo geht“s hier zum Pissen, Mann ?“

„Frag“ doch Sergej – Is“ sein Schuppen hier.“

Enerviert steht Code auf und schlendert zu Sergej hinüber. Hinter ihrem Rücken visiert Tolstoi den Mann im Ledertrencher an und legt seinen Finger auf die Lippen.

„Äh… Sergej ?“

„Kak ?“

„Ja, so ähnlich – Ich müßte mal für kleine Elfen, wo kann man denn hier…“

Auf sein Ohr deutend, unterbricht Sergej sie:

„Izwinitje, ja nje ponimaju !“

Code wendet sich zu Tolstoi um.

„Spricht der kein Deutsch ?“

„Du hast es erfaßt.“

„Also dann, was heißt denn „Wo ist Klo“ auf Russisch?“

“ „Gdje zdjes tualjet“ “

„Oh thank you so much… Sergej, Gtschä styes tujalett ?“

Grinsend tritt Sergej zur Seite und gibt die Tür frei, an der er lehnte. Mehrere der Russen im Ruka können mittlerweile ihr Lachen kaum mehr zurückhalten, und selbst Ratte hat seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf den Codeknacker gerichtet. Fluchend rauscht Code durch die Tür aus Sperrholz, während Tolstoi Sergej die Wodkaflasche zuwirft.

In der Luft hängt schwer der Geruch von Kwas, der in mehreren Töpfen über einer behelfsmäßigen Feuerstelle kocht. Bei den Hamburger Exilrussen ist der alkoholische Kwas in siedendheißer Form sehr beliebt geworden – was gäbe es auch Schöneres, als gleichzeitig warm und knülle zu werden?

Mehrere Frauen mit grauen Kopftüchern tragen die heißen Töpfe zu einem Flaschenaufzug, wo er in den Russenmarkt hinuntergelassen wird und zu 8 ecu die Tasse verkauft wird.

Tolstoi schätzt es an und für sich nicht besonders, Fremde in den Schwarzmarkt mitzunehmen, aber angesichts klirrender Kälte und Zeitdruck fiel ihm kein besserer Treffpunkt ein – und Sergej scheint die Bekanntschaft mit Code ausgesprochen Recht zu sein.

„Hitziges Mädchen, was ?“

„Kannst Du laut sagen.“

Eine der Russinen, eine Frau um die 27 mit rußgeschwärztem Haar und gesunden Formen, kommt mit dampfenden Blechtassen zu Tolstoi und Sergej herüber. Dem Elfen zugewandt, fragt sie:

„Butje naschim gostjem ?“

Angesichts einer heißen Tasse Kwas und dem entfernt wahrnehmbaren Geruch von Borschtsch kann Tolstoi zwar kaum die Einladung ausschlagen, aber Codes Wiederkehr erinnert ihn an das bevorstehende Treffen mit dem Schmidt – wenn Ratte den Koffer irgendwann noch aufkriegt.

„Bolschoje spasibo, no ja nje mogu.“

Gedankenverloren dreht er die angerostete Militärplakette, die seit Jahren um seinen Hals hängt, in Händen.

Nikolai Aleksandrewitsch Vladov

-06806270221821030-

Verdammt lange her, das alles.

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (7)

HAMBURG – 2044

Schweiß perlt von der Stirn des weit entfernten Körpers. Geschmiegt in den AgravTech Kontursessel, die Luft angenehm warm, überlagert mit KonPop von Shineside.

Die Welt der Sinneseindrücke seines Leibes im privaten Appartment in Hamburg City-Nord bleibt dem Rigger verschlossen.

Das Surren des Kühlschrankes ebenso wie der beißende Geruch eines glühenden Zigarettenfilters im Aschenbecher, das mattrötliche Licht der Sceneatic Meditation Lichtanlage ebenso wie die stummgeschalteten Musikbilder aus dem überdimensionalen Wand-TV, MTV ADL („Aldimusik“ im Slang).

Über den Schreibtisch sind Notizzettel verteilt, an denen mit Leukoplast häufig Bilddatenchips festgeklebt sind. Klebematerial für medizinischen Bedarf liegt überall verteilt, Werbegeschenke aus dem Hause Beiersdorf, mit dem der Rigger berufstechnisch verknüpft ist (er wird zuweilen mit der Sicherung ihrer Produktionsstätte in Harburg betraut).

Zwischen Hansa- und Leukoplastrollen liegen Kugelschreiber und aufziehbares Plastikspielzeug verteilt.

Eine Hügelkette benutzter Kleidung erstreckt sich vom Schrank im ligne roset Stil zum Badezimmer und von dort aus zur Tür, neben der Pizzaschachteln liegen.

Vom Unterarm des KonRiggers läuft ein rot-grün gestreiftes Kabel in ein asiatisches Billigriggerdeck. Hongkong, 1300 ecu.

Die lautgestellte Musik im Raum stört niemand – komplette Schallisolation ist Standard im Blacktower-Komplex, das Apartment zu 978 ecu im Monat. 600 Watt Harmonie streifen durch den Raum, bringen leere Coladosen und Sushitüten zum Vibrieren:

TV tells me that there“s people dyin“ children cryin“
I feel hopeless and deceived

TV tells me that it“s my fault

Always my fault

Lord Christ, give the light to those whose hearts bleed hatred

Lord Christ, give hope to the poor souls

Don“t want them to bleed

Don“t want them to die

Don“t want this State of Greed

Don“t wanna hear these cries

Don“t they see that we work to make a place of peace for
every soul ?

Don“t they ? Lord ?

We will built this world in bright

white light

(chorus: yeah)

We will work to crush this awesome plight

(chorus: yeah)

of crime and sex and hungry throats

(chorus: yeah)

of lies and shadows bit-fed croaks

(chorus: yeah)

We will fight this world of darkness

(chorus: yeah)

We will stand bright in sharp dress

(chorus: yeah)

We will free them

(Insert: Marching Theme)

We will heal them

Under the Hanseatic Banner

(Insert: Organ Pipes, Trumpets)

Safe and Secure

Forever

Reedhus hört die Musik nicht. Er weiß auch nicht, ob er an die Botschaft der Monats-CD für HanSec-Angestellte glaubt.

Woran er glaubt, ist dies: Daß er den WildOst-Decker kriegen kann.

Sein Chef hat gesagt:

„Nehmen Sie Urlaub.“

Sein Konpsychiater hat gesagt:

„Nehmen Sie am Streßseminar teil.“

Sein Kalenderblatt hat gesagt:

„Reichtum macht ein Herz oft schneller hart als kochendes Wasser ein Ei!“ ( Ludwig Börne)

Er hat den Urlaub genommen, das Streßseminar abgesagt und das Ei zum Frühstück gegessen.

– – –

Die kleine spinnenförmige Drohne schiebt sich weiter über den Rand der lichtzuckenden Leuchtstoffröhre in der Decke der Gemeinschaftstoilette. Zoomt in Richtung des Paares unter ihr. Hungrige Objektive suchen das süße Aroma von Schmutz, erwarten gierig die Transmission einer weiteren Kopulation, ein weiterer privater Moment entraubt und zur Schau gestellt.

Das Bild ihrer stilettartigen Kameraaugen ist grob gekörnt und lediglich schwarz-weiß. Eine Privatinvestition irgendeiner „Assel“, wie die perversen High-Tech-Spanner der 40er genannt werden. Kleine Servos klicken und surren in einem fort, versuchen für den kleinen Kopf des Aluminiuminsekts einen besseren Winkel zu finden.

Überall im Hamburger Ghetto lauern die Asseln, zirpen elektronischen Schmutz über den Infohighway. Sie sitzen unter Deinem Bett und hören Deinen Alpträumen zu. Kleben hinter der Tapete in dem kleinen Puff, in den Du gehst.

Manchmal kommen nachts komische Anrufe, in denen sie Dir erzählen, was sie gerade sehen. Oder wieviel Du zahlen sollst, damit es keiner erfährt. Oder Du hörst einfach nur dieses monotone Schmatzen einer bewegten Vorhaut und das rauchige Keuchen.

Die Asseln sitzen neben Dir im Bus. Folgen Dir zur Arbeit. Wissen was Du ißt. Und alle Asseln lieben die „Cucaraca“-Drohne von Yuan-Choi Industries.

Ihr Besitz ist in der ADL nicht strafbar. Nur das Spionieren in Privatsphären. Deutsche Gesetzgebung, seit den 1950ern unverändert.

Schon minutenlang dauert die stille Umarmung des Elfen und der jungen Frau. Regungslose Liebkosung. Elektrische Fehler im Displaysystem vermitteln den Eindruck, beide würden von einem Licht umtanzt.

Störbalken flirren über den Bildschirm, indem sich die Luft mit statischer Elektrizität füllt – vielleicht irgendein Freak mit seiner Sendeanlage im Stockwerk obendrüber.

Die helle Bildstörung um das Paar scheint sich zu verdichten. Elektrische Interferenzmuster stehen im Licht wie die Adern eines zarten Insektenflügels.

Irgendetwas geht vor im Gesicht des Elfen, dessen Rücken an die Frau gelehnt ist. Hungrig heftet sich die Sensorik der Cucaraca an seine Züge.

Unter seinen geschlossenen Lidern strömt dunkles Blut hervor.

ZoomClick. Wrrrrr.

Das ist kein Vorspiel, nicht der schweratmende Auftakt zu gestohlenenen Perversionen. Unter leisem Knirschen zerbricht etwas unter den Lidern des Elfen. Filigrane Glassplitter schwemmen im Blut davon. Der Schmerz muß unerträglich sein, doch das Gesicht des Elfen ist entspannt.

Das Hintergrundlicht wird stärker.

Backzoom. Wrrrr. Click.

Von Störbalken umzüngelt ist unverkennbar, daß der schlanke Nacken der Frau von schillernden Flügeln eingerahmt ist, sie ebenso wie der Elf einige Zentimeter über dem Boden schweben. Kurz verspannt sich das Gesicht des WildOst-Hackers, als gerundete Metallteile und feine Kabel unter seinen Lidern hervorkommen. Das Geräusch brechender Eierschalen liegt in der Luft, überdeckt von statischem Rauschen.

Auch an der Schläfe des Elfen rinnt Blut herab, ein Strom schwärzlichgrauer Flüssigkeit, in dem träge Metallsplitter treiben. Eine quadratische Scheibe Metall fällt aus der Schläfe auf seine Schulter, gleitet über das schwarze Leder der Jacke herab, stürzt zu dem über den Boden verteilten Müll.

Das Bild wird grobkörniger, nur mühsam sind Einzelheiten auszumachen. Fast scheint es, als würden beide Gestalten verblassen. Gierig zerrt die Drohne das Bild des Elfengesichtes näher heran, bis die blutumfluteten Lider das Blickfeld völlig ausfüllen, die sich langsam öffnen und dunkle Pupillen preisgeben, die von leuchtendem Weiß eingerahmt sind.

Dann zerplatzt die Drohne in tausende kleinster Aluminiumschnipsel, regnet staubgleich auf das Rund der Klobrille nieder.

Der Raum ist leer.

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (6)

NIRGENDWO – 2045

Nikuriel träumt.

Sein Geist schwebt frei über einer Landschaft, die aus regelmäßig pulsierenden, abnorm hohen Quadern geschmolzenen Glases zu bestehen scheint. Mächtige Flüsse aus Licht strömen in geraden Linien, soweit das Auge reicht.

Am Ufer der Flüsse treibt träge eine gigantische Prozession menschlicher Leiber zwischen den Glasquadern. Bunte Lichtblitze züngeln in unbekannten Schriftzeichen über die dunkle Gestalt der Lichtblöcke. Myriaden fremder Geräusche steigen gleich gregorianischen Chören zu ihm empor.

Die Luft ist kühl und warm zugleich. Sie schmeckt nach den Unwesen, nach schalem Rauch. Und brennt im Hals.

Er glaubt sich erinnern zu können, gegen eine riesige schwarze Spinne gekämpft zu haben, ein Nachtmahr aus den unteren Reichen. Fängt treibende Fetzen eines überwucherten Gartens, in dessen schwarzbedornten Ranken sein Blick versinkt.

Einmal scheint es, die Ranken seien zu perfekt gebogen, um wahrhaftig zu sein. Bilder einer Elfe, durch deren Haut Dornen wachsen, streifen seinen Geist, während er weiter ziellos durch den Dornentunnel treibt. Eine Frau ohne Gesicht erscheint am Rand, ihr Haar besteht aus schwarzen Rosen.

Seine Hände fühlen feuchte Erde, und durch die Luft dringt das abgehackte Donnern eines magischen Gewitters. Er blickt zu seinen Händen, die ihm aber weit entrückt erscheinen und die seinem Willen nicht fügsam sind.

Seine schwarze Rüstung schmilzt zu einer dünnen Hülle gleitenden Leders zusammen.

Unvermittelt blickt er in gleißend helles Licht, hört eine verzerrte Stimme sagen „Zählen Sie bitte von 10 rückwärts“. Obgleich er die Worte nicht versteht, versteht er sie doch – oder ein Teil von ihm versteht sie.

Silbriggleißende Nadeln schießen auf seine Augen zu, bohren sich in das weiße Fleisch, versengen das tiefe Grün seiner Pupillen. Sein Schrei verschwimmt im donnernden Brüllen eines Drachen, das fern gleich einem Echo ihn umhüllt.

Er schreit im Schlaf, indem die Nadeln heiß in seinen Augen stecken und ihm die Sicht rauben, ihn tiefer in das Treiben von Erinnerungen und Eindrücken zurückwerfen.

– – –

Der Wind zerzaust sein Haar, während unter ihm ausgedörrtes Bergland vorbeifliegt. Die Dürre bröckelt unter ihm auseinander, aus Rissen wuchern Dornen und Rosen empor. Eine Katze schreit.

Er preßt sein blindes Gesicht tief in die Mähne seines Streitrosses, doch aus dem Nacken des schwarzbeschwingten Pferdes schießen scharfkantige Schuppen empor, verengen sich zu Nadeln, die sich am messerkalten Wind weiß entzünden und ihm in die Augen fahren.

Er schreit, hört fernes Stimmengewirr. Er gleitet vom Rücken des Pferdes ab, stürzt in Schwärze, die ihm alle Seele auszusaugen droht.

– – –

In seiner Blindheit wird ihm das ferne Glühen zweier blauweißer Sterne gewahr, und aus der Finsternis schält sich matt erleuchtet bald ein weiterer Stern, dann noch einer, ehe sein Geist System und Halt im Sternenmeer findet, seine Perspektive umschlägt und er das entfernte Funkeln ungezählter schwarzer Schuppen wahrnimmt.

Eine kurzhaarige Nadjuseanel, die er nicht erkennt, bewegt sich rhytmisch auf seiner Brust, und er hat Angst, weiß aber nicht wovor, ehe ein quadratisch ausgestanztes Licht über seinen und ihren Leib fällt und Ungestalten schroffe Worte aus dem Licht herabglucksen. Ihre Worte zerrinnen in Gerüchen von Fäule und etwas, was er nur als Abwesenheit von Leben begreifen kann, er spürt Tentakel über seine Scham fahren, erbricht sich hustend greift nach dem Schwert und findet es nicht.

Aus dem Dunkel tauchen schmalgliedrige Finger auf, die mit Blut verbotene Dinge an grauen Stein malen Krähen schreien. Siedendheiß schlängeln sich kaltfeuchte Greifarme in Richtung seines Kopfes, fangen an zu glühen und bohren sich in die Augen.

Er schreit.

Die Tentakel schieben sich langsam Meter um Meter in seine Augen, fahren kalt in seine Nackenmuskeln, seinen Rachen hinunter. Füllen die Kehle aus. Schwarze Tinte wir trinken sie morgens die er trinkt die auf ein treibendes Notizbuch fällt.

Eine Katze schreit.

Nein, er ist es. Er schreit mit der Stimme einer Katze, während er hilflos in Richtung der gleißenden Sonne gehoben wird. Seine Hände werden zu Pfoten, die durch schwelendes Fell versuchen den Boden zu greifen rennen rennen RENNEN.

Ein Tentakel bohrt sich seitlich in den Schädel (er schreit), findet das klumpige Rosa seines Hirnes, füttert ihn mit Abbildern von Himmel und Hölle, mit Visionen die ebenso ungreifbar wie entsetzlich sind.

– – –

Schmerz in den Augen. Das wenige was er wahrnimmt entfernt sich. ER entfernt sich, wird verbannt in Dunkelheit und Stille und hört nur das dumpfe Wummern der Sinneseindrücke eines weit entfernten Körpers.

Nur das glucksende Lachen, die Liebkosungen der Tentakel in seinen Augen und die matten Reflexionen der Dornen, in denen er kauert, sind ihm Begleiter. Für immer und immer und immer.

Er schreit.

Und schreit.

Und erwacht.

– – –

Der Schmerz in seinen blinden Augen weicht sanftem Kerzenschein, der in tausenfacher Zahl kleinen Flammen in der Kaverne entströmt. Massive Säulen ranken gewächsartig zum hohen Kreuzgewölbe empor, wo ihre bedornten Adern sich feiner und feiner verzweigen, bis sie dem labyrinthinen Skelett eines Herbstblattes gleichen.

Das vertraute Gewicht seiner Rüstung hüllt ihn ein, hält die Schwere seines gewundenen Stabes und seines geschwungenen Schwertes von seiner Brust, die sich langsam im Takt der Luft hebt und senkt.

Von dem Altar, auf dem er ruht, strömt ein eng beschriebenes schwarzes Leinentuch hinab zum Boden, rollt in stoffenen Wellen bis hinab in die Dunkelheit der Wände. Reflexionen von Flammenschein treiben über die Schriftzeichen, beleben den Fall des Tuches wie der Wind, der über das Meer streift.

Die Ränder seiner Augen sind von getrockneten Tränen umspannt. Durch Jahrhunderte des Schlafens öffnet sich der milchig-weiße Schleier zwischen seinen Lidern, geben strahlendes Weiß und blatttiefes Grün dem Licht des Raumes preis.

Wie Phantome seines Traumes rankt die Weichheit einer liebevollen Umklammerung um seine Brust, die in schlanken blauschillernden Flügeln rauchgleich um ihn strömt.

Fremdartige Gedanken blutgetränkter Watteballen und unbegreifliche Gerüche gleiten von seinen Sinnen in die Bedeutungslosigkeit gegenüber der Wärme der Umarmung zurück.

Aus der Dunkelheit dringen Worte, die ein unsichtbarer Mund so zärtlich haucht, daß er dem Sterben nahe ist.

„Erwache, Zar. Dein Schlaf ist vorbei.“

Indem er sich langsam aufrichtet und seine Rüstung Teil des schwarzen Tuches wird, dessen geästelte Form zum Umhang an ihm hochgleitet, entgegnet er:

„Llhorrevior, ich entbiete Dir meinen Gruß und Dank. Erbitte Gnade in Deinen Augen für das, was ich erwirken ließ.“

Das Lachen, das durch den Raum schwebt, ist silberhell und gewandet in die Stimme eines Kindes. Hallt glockengleich von Wand zu Wand, verliert sich in Echos.

„Fürwahr, Nikuriel, den Namen Llhorrevior vernahm ich seit langen Tausendspannen nicht mehr.“

Nikuriel legt die Stirn in Falten. Die namenlose Mutter der Passionen lachen zu hören verwirrt ihn ebenso wie die ungewohnten Träume, die ihn aus den Armen des Tumnimos emporriefen.

Als sich in der entlegensten Wand eine schwere Tür öffnet und die schlanke Gestalt einer Kindfrau in den Raum tritt, ihre zarte Hülle in schwarze Roben gebettet, zuckt er zusammen. Es ist SIE.

„Ebenso fürchte ich, mein Zarewitsch, daß Du Dir für jene Welt eine andere Sprache wirst aneignen müssen, die Dir die Bilder Morpheus“ bereits zutrugen.“

Die Gestalt kommt langsam in seine Richtung, jeder Fuß begleitet vom Geräusch einer Flamme, die erlischt. Ihre Schleppe scheint ihrem Rücken entgegenzueilen, klettert schließlich an ihr empor.

„Fürwahr, lange dauerte Dein Schlaf, Zarewitsch Nikuriel, und vergessen wurde vom Erdvolk manch Wort aus Mynbrujes Buch. Die Welt brennt heiß von Vestrials Wahnsinn, hungert nach dem erlösenden Schrei Lochosts. Kriegsflammen versengen das Anlitz der Welt, doch Thystonius‘ Ruf erstirbt in den Seelen der Welt, da er Nacht um Tag mehr Raggoks und Vestrials Wahnsinn anheimfällt.“

Weiter kommt sie ihm entgegen. Ihre Robe zieht sich in Form eines ledernen Hemdes zusammen. Reflexionen schimmern über das Ankh um ihren weißen Hals, und er erkennt, daß ihr Haupt nun nicht mehr von einem zarten schwarzen Schleier bedeckt ist. Dunkle Schemen schwarzer Hurenfarbe ummantelt ihre Augen, der Mund geschwärzt nach dem Abbilde Vestrials.

Angst krampft sich um sein Herz, indem ihre kindlich-helle Stimme fortfährt:

„Ja, die Welt stolpert voran in die Umarmung des zerstörten Sinnes. Die Zeit der Welt vermochte keine Wunde zu heilen, nur neue zum Eitern zu bringen. Und doch pocht das Blut heiß im Atem der versprochenen Veränderung. Die Welt giert nach Erneuerung und Zerstörung beidergleichen.“

Ihr eben noch Stoff gewesenes glattes Haar hebt sich in engen Locken, während aus dem Rand ihrer Nase und dem Ende ihrer Ohren Silber entfließt, daß sich endlich zum Rund ziselierter Ringe schließt. Zwei feine schwarze Tentakel entspringen ihrer rechten Schläfe, verschwinden in den Falten ihres kurzen Gewandes.

Der Stoff ihrer Beinkleider hebt sich, rafft sich in eng gefalteter Form zusammen, entblößt schlanke lange Beine, über deren weiße Haut sich matt leuchtende arkane Muster ziehen.

„Noch immer sitzt Mordrak-Khan wie befohlen zu Throne in Tir N’Zagh, indes Dein Bruder in dorniger Umklammerung der Westherrscherin sitzt. Der Drang zu besitzen ist stark in den Seelen der Menschen, und schon droht Chorrolis Sinn sich im ewigen Kreischen nach MEHR zu verlieren.“

Die Falten ihres Rockes bedecken nun kaum mehr die Wölbung ihres Schoßes. Der schwarze Stoff ihres Hemdes flüchtet dem weiß ihres Bauches, zieht sich schützend nur noch um ihre Brüste und ihren Schoß zusammen.

Metallene Dornen durchdringen das glänzende Schwarz ihres Lederwamses, funkeln mondhell im schwächer werdenden Widerschein der erlöschenden Kerzen. Seine verwirrten Augen vermeinen die Spitzen feiner Klingen zwischen den Knöcheln ihrer schlanken Hände ausmachen zu
können.

Von schwarzer Schminke schwere Lippen wölben sich zu einem leichten Lächeln, öffnen sich dem strahlenden Glanz der Zähne.

„Dein Avatar ist ebenso Dein Sohn wie Kind dieser Zeit. Fügsamkeit in die Bestimmung ist Deinem Enkel nicht gegeben, stark brennt die Passion der Rebellion in ihm. Er versteht wohl mehr von dem, was mit ihm vorgeht, als der Schwarze ahnen mag, und dessen Sinnes wendet er sich ab von der Magie.“

Das Oval der unzähligen Wandspiegel des Raumes wird in unnatürlich blaues Feuer gehüllt, aus dem zuckend Bilder aus Nikuriels Traum entspringen. Unendlich schlanke Türme aus Glas. Flackernde Steine, fahrende Ballistas, die in stetigem Echo Feuerwolken ausspucken. Hurenhaft geschminkte Frauen in seltsamen Gewandungen sprechen mit totem Blick zu Nikuriel in Worten, die er zwar versteht, aber nicht begreift. Kurz zuckt er zusammen, als in einem der Spiegel, deren runde Form langsam rechteckig zu werden scheint, der Kopf Lofwyrs auftaucht, der ebenso in fremder Sprache fremde Dinge zu Nikuriel spricht.

Sein Kopf dröhnt von der Stimmenzahl, während die schwarzgekleidete Frau hinter ihn tritt und ihre Arme vor seiner Brust verschränkt. Langsam fließt ihre Stimme in die Form der Zungen, die den rechteckigen leuchtenden Spiegeln entströmt:

„Verwirrend, diese Bilder, nicht (wahr) ? In dieser Zeit wirst Du viele dieser Spiegel sehen, die nur zu oft Vestrials Wort verkünden und Chorollis‘ Irrsinn nähren (Es kommen einfach keine guten Shows mehr). Mir scheint, Du könntest (einen Trunk zur) Stärkung gebrauchen.“

Ihre sanfte Umarmung wird überlagert von der Phantomumarmung seines Traumes. Er spürt Einheit zu einem weit entfernten Körper, der unter seiner Haut zu schlummern scheint.

„Was ist nun ?“

Seine Stimme spricht wie ferngesteuert in der fremden Zunge:

„Ein Tee wäre nett.“

Wiederum ihr sanftes Lachen.

„Nicht lieber einen Wodka, wie beim letztes Mal ?“

Ein Schauer von Erinnerungen rinnt über ihn. Gedanken wirbeln farbige Flecken vor seinen Augen.

„Wo warst Du damals, als ich sterben wollte ?“

„Welches Mal ?“

„… Nichts. Ich glaubte mich erinnern zu können, daß ich im Schlaf nach Dir rief. Da… da war ein Feuer, glaube ich.“

Die Größe des Raumes scheint rasant abzunehmen, indem magisches Licht merkwürdig gerade Wände erhellt. Ein Spiegel fließt in die Länge, wird zu einer schmucklosen Tür, durch die LlhorreviorTod in einen kleinen Nebenraum tritt. Das Bild der anderen Spiegel fließt zusammen, wird zu einem schwarzen Quader, der auf einem glatten Schränklein ruht. Das Zirpen des bläulichen Spiegellichtes vermischt sich mit einem schrillen Pfeifton, der einem metallenen Krug im kleinen Raum nebenan rauchgeleitet entströmt. Nikuriel findet sich in ebensolch merkwürdiger Gewandung wie die Passion des Todes, die keine Passion ist, auf einem weichen Thron aus rosa-braunem Stoff.

„Trinkst Du den Tee mit Zucker ?“

„Ehm… Ja, denke ich.“

Seine Gedanken rasen durcheinander, während mehr und mehr Erinnerungen jenes fremden Körpers in ihn strömen. Er greift zur Fernbedienung und schaltet auf einen der zahllosen Musikkanäle.

Eine Kreatur, halb Frau, halb Dämon, sitzt von kaltem Feuer umgeben auf einem Podium und singt unter lidlosen Augen von Zerstörung und Schmerz.

Er blickt zu seiner Hand herab, weiß nichts mit dem flachen Stück Holz anzufangen, das er in Händen hält und auf den Fernseher richtet.

LlhoTod kommt durch den Eingang zur Küche zurück, trägt ein Tablett mit zwei dampfenden Untertassen (und einer Flasche Wodka).

„Warum hast Du Dich eigentlich umbringen wollen ?“

„… Ich… keine Ahnung. Kann man sich im Traum töten ?“

„Hm-hmm. Mit BTL kann man noch einiges mehr, wenn Du Delirium fragst.“

Nikuriel versucht die merkwürdigen Worte in seinem Geist zu ordnen, verwirft den Versuch aber.

Die Dämonenfrau im Leuchtquader hat sich aufgerichtet, nun umgeben von sehr geradlinigen Blitzen und blauem Rauch, singt ein sehr langsames Lied über tanzende Schatten.

„Sag mal, Tod….“

Er errötet leicht.

„Sprich, Llhorrevior, ist denn alles ohne Hoffnung in dieser Zeit ?“

Diesmal wirft die Frau lachend den Kopf in den Nacken und verschüttet Tee von ihrer Untertasse.

„Du bist süß, weißt Du das ?“

„Bin ich ?“

„Allerdings. Aber nein, es ist nicht alles hoffnungslos auf der Welt. Mit der Widerkehr der Magie haben sich doch noch eine ganze Menge Leute gefunden, die Jazz aus seinem Schlummer rufen konnten, und…“

„Entschuldige – Jazz ?“

„Jaspree“

„Ah. Bitte fahre fort.“

Wiederum bricht sie in Lachen aus. Wischt sich schließlich die Tränen aus den Augen.

„Nun, Dir wird vieles noch recht bekannt vorkommen. Plus ca change, plus c’est le meme chose.“

Diesmal kann auch er sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„So schlimm ?“

„Hahaha. Scheinst ja recht schnell wieder zu Kräften zu kommen, was ?“

Nikuriel überlegt kurz, betrachtet das Meer seiner Gedanken, das zunehmend ruhiger wird. Die Gefühlswelt seines Urahns bleibt ihm zwar verschlossen und das meiste seines Tuns unverständlich, dafür blickt ihm hier und da ein vertraut-verhaßtes Gesicht entgegen, nimmt er hier und da die üblichen Manipulationen altbekannter Feinde wahr.

„Affirmative.“

Tods Augenbraue zuckt nach oben. Kurz starren sie sich an, dann beginnen beide zu lachen.

„Ich weiß nicht, ob man Dich auf diese Welt loslassen sollte, Nikuriel.“

Er lächelt.

Und dreht die Lautstärke des Fernsehers hoch.

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (5)

HAMBURG – 2052

Mit einer antrainierten Bewegung hakt Tolstoi sich in das Drahtseil ein, das die Hauskante mit dem niedrigeren Kongebäude verbindet. Kaum eine Sekunde später wirft er sich über die Kante, fällt ein kurzes Stück senkrecht nach unten, ehe der Draht ihn erneut

emporreißt und im 45<@176>-Winkel in Richtung des Kon-Autos trägt.

Unter dem Adrenalinhammer seines Reflexbooster dehnt sich der Sturz durch die Nacht zu einer Ewigkeit aus. Er dreht sich um die eigene Achse, sieht Beton auseinanderplatzen, wo er eben noch stand, versucht, sein Gesicht wieder in Richtung seiner Bewegung zu drehen.

Das M-20 hat er oben gelassen, in fingerlose Handschuhe gehüllte Hände reißen zwei Granaten aus dem Gürtel. Über das Cyberdisplay sausen Bewegungsvektoren, Entfernungsdaten und Zielmarkierer. Der Thermoscan läßt die Körper der Wachen in ihren Anzügen mit dem mittelwarmen Hintergrundverschmelzen, wohingegen ihn der Körper des Kons und der Sekretären nun leuchtfeuergleich willkommen heißt.

10m am Ziel erhebt sich von der Dachkante das Sperrfeuer von Code. Es klingelt in seinen Ohren, als smartgestützte Kugeln gefährlich dicht neben ihm durch die Nachtluft peitschen. Wo immer die Drohne geblieben ist, jedenfalls feuert sie nicht mehr.

Rattes Van röhrt noch immer die Straße hoch, deren Länge unter der Wirkung des Boosters scheinbar immer weiter zunimmt. Tolstoi läßt die beiden Granaten fallen, greift nach dem Sicherungshaken seines Geschirrs.

Nahezu zeitgleich mit der doppelten Explosion der Granaten (eine Blendgranate, eine NeuroStun) löst er die Ankerung und stürzt den am Eingang aufgebauten Zierbüschen entgegen.

Der gleißend helle Blitz der Granate erhellt das Profil der ersten beiden Sicherheitsleute, die aus der Tür in Deckung rollen.

Das Geräusch des brechenden Fußknochens von Tolstoi geht im Donnern von Codes Sperrfeuer unter. Er rollt sich mit zusammengebissenen Zähnen ab, knallt mit dem Rücken gegen eine Wurzel.

Einige Sekunden liegt er da, während sein Schmerzdämpfer mit den Nervenimpulsen seines Körpers kämpft. Dann rappelt er sich auf. Der Kon und seine Mietze sind zu Boden gegangen, die Wachen außerhalb seines Sichtfeldes in Defensivposition.

Nur mühsam ist Codes Stimme im Kopfhörer zu verstehen.

„Halb vier.“

Tolstoi gleitet tiefer in die Deckung zurück. Gleich wird ihre Munikette leer sein, das gibt den Sicherheitsleuten Gelegenheit, zurückzufeuern und sich umzuschauen – und ihn zu entdecken.

Er überprüft den Sitz des Clips in seiner MP. Wartet, bis die Cyberconnection zu der schweren Waffe hochgefahren ist. Das Smartkreuz der Waffe taucht in seinem Sichtfeld auf.

Er scannt die Umgebung der Kon-Limo, versucht, die Aktentasche ausfindig zu machen.

Er sieht sie just in dem Moment, als Codes Haarschopf an der Dachkante erscheint und sich eine weitere Wand von Kugeln über die Türfront ergießt. Sekunden später knallt Rattes Van in die KonLimo, deren benzinverbrauchfreundliche Leichtbaukarosserie mühelos weggeschleudert wird.

Die Konleute legen so gut sie können Sperrfeuer auf die ihnen zugewandte Seite des Van, dessen verstärkte Wände sie aber mit ihrer Norm-Muni nicht durchschlagen können.

Zweifach abgelenkt, sehen sie den schwarzen Schemen nicht, der zwischen Kongebäudewand und Zierbüsche in ihre Richtung schleicht.

Tolstois Zielcomputer fixiert gedankengesteuert jede Wache mit einem Zielmerker. Die Lock’n’Fire Option aufrufend, zieht er den Abzug der MP durch – doch diese ist noch gen Boden gerichtet und behält ihre Kugeln artig bei sich.

Dann reißt er sie hoch, beschreibt Kreise in die generelle Richtung der Wachen. Stotternd spuckt die Waffe AP-ummantelten Tod in Richtung der KonSecs, wann immer ein markierter Leib vor ihre Mündung gerät. Die Treffer sind zu unpräzise, um fatale Wunden anrichten zu können, aber selbst leichtere Treffer provozieren die entsprechende Reaktion: Umwenden in Richtung der neuen Gefahr, instinktive Bewegung in Deckung – und damit aus der Deckung heraus, die sie gegen den Amokschützen auf dem Dach bezogen haben.

Während Tolstoi sich in Deckung wirft, hallen Codes gezielte Schüsse durch die Straßenschlucht. LMG-Kugeln durchschlagen schußsichere Westen, durchschlagen Helme, treten umgeben von einer roten Fontäne an den unmöglichsten Stellen wieder aus dem Körper.

Tolstoi rollt über nasses Gras, sucht Halt für seinen Fuß, findet ihn.

„5 UHR!“ brüllt er ins Comlink und gibt Code wiederum das Kommando, blindfeuernd auf sich aufmerksam zu machen. In Panik bemerken die Wachen nicht, daß Code deutlich zu hoch zielt. Irritiert blicken sie in Richtung der von der immer noch leuchtenden Blendgranate in schwarz getauchten Büsche, versuchen Bewegungen zu erhaschen, doch der Tod steht bereits mitten unter ihnen.

Den Reflexbooster auf Maximum hochgetuned wirbelt Tolstoi durch die Wachen. Seine Katanas werden zu silbrig verzerrten Blitzen, unterdessen Ratte aus dem Van rollt und sich die Aktentasche greift.

„SIEBEN!“ kommt Codes Stimme – Mehr Wachen aus dem Gebäude und die Empfehlung, abzuhauen. Die ersten Kugeln schlagen bereits in den Körper des Elfen, der zwei weitere Granaten in Richtung der Tür wirft, während er in Richtung des Vans läuft.

„NULL!“ kommt Rattes Kommando – Er hat die Tasche und ist auf dem Rückweg in den Wagen.

Tolstoi hechtet gegen den an der Außenseite des beschleunigenden Vans angebrachten Griff und feuert blind auf Full Auto in Richtung des Gebäudes. Codes Feuer hat aufgehört – sie rennt im Moment runter in die Parallelstraße, wo ihr Bike steht.

Das Gebäude verschwindet in der Ferne hinter dem davonrasenden Van.

Tolstoi zieht sich entlang der Seite des Vans zur Hecktür, die mühsam erst im vierten Anlauf öffnet. Keuchend läßt er sich zwischen die ausklappbaren Sitze fallen, hört gedämpfte Heavy-Metal-Musik aus der Fahrerzelle des Autos.

Aus der verdrehten Haltung seines Fußes schließt Tolstoi, daß er sich bei seinem Nahkampfangriff den Fuß endgültig zertrümmert hat – ein nicht zu verachtender Nebeneffekt von Schmerzdämpfern, der natürlich nie in der Werbung genannt wird.

Knackend kommt Codes Stimme in sein Ohr, begleited von entferntem Hupen und dem Röhren ihrer V-Engine.

„Na, Tolstoi ? Genug Realität für heute ?“

Er nimmt einen Zug aus der Wodkaflasche.

„Da.“

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (4)

HAMBURG – 2048

Vermutlich weiß niemand ganz genau, warum sich überhaupt irgendjemand die Mühe macht, Lufterfrischer aufzustellen. Ich weiß ja nicht, wieviele Jahrhunderte des Menschen Ringen um duftende Luft zurückgeht, jedenfalls ist in meinen Kreisen das Ergebnis solch hehren Strebens auf minzfarbene Tannenbäume, rosig rund gepreßte Seifenstücke in verschimmelten Porzellanbecken und rasselnd-dröhnende Klimaanlagen reduziert, die alles tun, außer Klima anzulegen.

Zwei Mitarbeiter haben die Leichen in einen Nebenraum gezogen, aus dem jetzt das nervige Quiecken einer elektrischen Knochensäge zu hören ist.

In seiner Lunge klebt der abgestandene Geschmack viel zu vieler Zigaretten, während seine Finger andächtig einen herausgehusteten Klumpen braunen Schleimes zerreiben.

Jääch… Banality, here I come.

Er hat Angst. Wie jeder Raucher. Daran ändert auch das Medizinwunderland Deutschland ’48 nichts. Immer das gleiche: Keine Kur gegen eine Grippe, kein Mittel gegen Krebs. Jedenfalls nicht unterhalb von zuviel-Geld.

Er betrachtet den Schleim, der einige Minuten vorher noch harmonischer Teil seiner verteerten Lunge war. Selbstmord auf Raten.

Natürlich würde er aufhören. Wenn er nicht der wäre, der er ist. Niemand, der bereit ist, sein gottgegebenes Wesen zugunsten einiger wahrscheinlich ebenfalls krebsfördernder Implantate aufzugeben, hört auf zu rauchen.

Niemand, der für Knete Leute umlegt und der jederzeit damit rechnen muß, von ebensolchen bezahlten Kugeln völlig zerfetzt zu werden, hört mit dem Rauchen auf. Oder ernährt sich gesund. Oder betreibt geschützten Sex (nach AIDS hatte sich das Schicksal, Bastard das es ist, natürlich andere virulogische Späße ausgedacht. Ha. Ha. Ha.)

Das ist es schließlich, was die Schattenläufergemeinschaft zusammenhält – das Wissen um den nahen Tod.

Wenn Du mit Schattenläufern rumhängst, hast Du innerlich schon von jedem Deiner Chums Abschied genommen. Deshalb erzählst Du ihnen auch Dein Leben, obwohl sie’s nicht hören wollen: Erstens, um überhaupt irgendetwas zu hinterlassen außer einer Spendermilz in einem fremden Körper und zweitens (auch wenn das widersinnig ist) weil der andere, dem Du Deine Geheimnisse erzählst, ja genauso bald abkratzt wie Du.

Nur beiläufig stellt der Elf beim Abstreifen des Auswurfs unter dem zerfledderten Polster der Bank fest, daß auch andere schon auf diese Idee gekommen sind. Seine Gedanken bleiben am Skrotum ebenso hängen wie es selbst an seinen Fingern.

Jedem das seine. Einige sehen gemäß ihrer Art die Erfüllung in der bewußten und ausführlichen Wahrnehmung eines exotischen und völlig überteuerten Frühstücks, während Leute wie ich – ohne Frühstück – stundenlang über jene Dinge sinnieren können, die mit ihrem Leben verwurzwelt sind: Leichen, Schimmel, Sperma, Exkremente, Tod. Tod. Tod.

Scheiße. Zuweilen glaube ich, daß das einzige verbindende Element zwischen allen Menschen der Welt darin besteht, daß sie sich an einer roten Ampel stehend in der Nase bohren.

Zynismus und Sarkasmus waren ihm angenehmere Zeitgenossen geworden als hehre Gedanken an eine Liebe, die durch Machenschaft von „ihnen“ starben. Angenehmere Partner als Träume von weißen Wolken und grünen Wiesen.

Wann waren die Träume eigentlich verschwunden ? Es ist seltsam – nie weiß man, WANN genau man jemanden oder etwas verliert. Man weiß nur, daß es nicht mehr da ist. Ob nun Angewohnheiten oder Geliebte – man sagt zwar irgendwann „Jetzt ist Schluß“, aber Schluß war eigentlich schon vor langer Zeit – vorausgesetzt, man heißt nicht Tolstoi, der seine Geliebten immer dadurch verliert, daß sie getötet werden.

Immer ohne Abschied.

Ohne letzte Worte.

Wozu lieben ?

Rechtfertigt es den Schmerz ?

Nur ein kurzer Gedanke in seinem Geist angesichts der Erkenntnis, daß dieser Gedanke schon so oft gedacht worden ist, daß er unter erheblichen Abnutzungserscheinungen leidet und einen der besten Konversationskiller darstellt.

Er wendet sich wieder dem Fernsehen zu. Oh Fernsehen, mein Geist ist leer. Erfülle mich mit Sinn. Was soll ich kaufen ?

„Persil Hyperpack. Im Vergleich zu herkömmlichen Waschmitteln sind in den praktischen Knickpacks von Persil 80% mehr Aufbausulphogate, die tiefer als bisher in die Faser eindringen. Ob Schurwolle oder Latex, ihre Kleidung wird atomtief rein und hyperfrisch. Persil Hyperpack. Dum didel da.“

Zum Kotzen. Seit der Erfindung des Werbefernsehens zeigen sie in solchen Spots völlig weiße oder völlig bunte Wäsche. Entweder, es hat noch NIE ein Waschmittel gegeben, was wirklich sauber wäscht, oder die Kleidung wird heutzutage einfach dreckiger als früher.

Persönlich benutzte Tolstoi – wenn er denn schonmal seine Wäsche wusch – ein Produkt mit der phantasievollen Bezeichnung „Lukomil Intensiv Blutentferner“. Eh die einzigen Flecken, die er gewöhnlich entfernen mußte. Abgesehen davon: Was Blut entfernen kann, kann ALLES entfernen.

Längst war das Ende des Werbeblocks erreicht. Nach dem zweiten Satz der Nachrichtensprecherin implodiert zufällig der Fernseher.

Das Aroma verbrannter Kabel setzt sich schnell gegen den Lufterfrischer im Raum durch.

Die Tür geht auf und ein Norm mit quietschendem Cyberbein humpelt herein, gestützt auf einen anderen Norm, dessen Lederimitatjacke das Motto „Piß mich nicht an“ trägt. Aus dem Bein hängen einige unschöne Schläuche heraus, an denen Öl oder etwas ähnliches herabläuft. Die beiden lassen sich auf die frisch gereinigte Bank fallen. Schieben ihre verrutschten Waffenhalfter in ihr „Versteck“ unter der Jacke und grinsen Tolstoi an.

„Ey, wir habens eilig. Läßt Du uns vor (klick) bitte?“

Interessiert betrachtet der Elf die Mündung des schweren Revolvers, den das Lederimtat erstaunlich schnell in der Hand hat.

„.45er Coltmaster, nicht wahr ?“

„Kannste Deinen löwenzahnfressenden Arsch drauf verwetten.“

„Hm-hm.“ Und wendet sich wieder dem Fernseher zu.

Schieß doch, Du Arsch.

Er spürt, wie die Blicke von Lederimitat ihn förmlich auseinanderlegen. Aus seiner Sicht gibt es für das gerade Passierte nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Elf ist wahnsinnig tough oder wahnsinnig blöd. Oder nur wahnsinnig.

„Ey, Nudel, laß den Typ mal. Ich bin auch so schon fertig genug.“

„Du heißt… Nudel ?“

„Jou. Was dagegen ?“

„Kommt der Name daher, wovon ich denke, daß er herkommt?“

Gangleute wittern förmlich, wann sich die Gelegenheit für einen Kampf bietet, und entsprechend reagiert Nudel:

„Wovon denkst“n, daß er kommt, hä ?“

„Weil Du so ne dicke Nudel zwischen Deinen Beinen hast ?“

Nudel wälzt den Satz kurz im Hirn hin und her, findet aber keine offensichtliche Provokation darin. Dann lacht er breit. Und laut. Und dreckig. Und viel zu lang.

„Ey, Mann, klar. Weil ich hab“ nämlich Hamburgs größte Nudel, ey.“

„Glückwunsch.“

Das Lachen erstirbt.

„Meinstn das ? HÄ ?!“

„Na, weil ich als schwuler Löwenzahnfresser halt nur ein winziges Stummelchen als Schwanz habe. Und ich freu‘ mich für Dich, daß Du das Größte hast.“

Wiederum kämpft Nudels Gehirn mit sich selbst, und nach sorgfältiger Erwägung der Lage betrachtet er den Kommentar angesichts immer noch abgewandten Gesichts des Elfen als Beleidigung nicht nur seiner selbst, sondern auch seiner Nudel, und deshalb erhebt er sich langsam.

„Willst Du mich verscheißern, Du Spitzohr?“

„Ey, Nudel, laß‘ den Typen doch.“

Wenigstens der andere ahnt bereits, was die Antwort sein wird, die der schwarzgekleidete Elf gleich geben wird, ahnt das Ergebnis.

„Würde ich mir nie erlauben. Hab‘ Angst vor Dir.“

Das Leben geht manchmal seltsame Wege, und deshalb öffnet sich in diesem Moment die Tür, und der Arzt winkt Tolstoi herein.

Nur kurz hält der Arzt beim Schließen der Tür hinter Tolstoi inne, als er gedämpft ein zweifaches „Sploosh“ hört.

Aber ihr kleiner Tod ist für den Verlauf der großen Dinge völlig irrelevant.

Unbedeutend im Strom der Zeit.

Das ist es doch, was Mordrak-Khan und selbst Whitecloud sagte ?

Oder ?

Hallo ?

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (3)

HAMBURG – 2052

„Ich will Dir mal sagen, was Realität ist: Wenn Du Deine Knarre ziehst und dabei auf einer leeren Bierdose ausrutscht und tierisch auf die Fresse fliegst – DAS ist Realität.“

„Wenn ihr beide mal mit euren philosophischen Betrachtungen über Deckerkram fertig seid: Unser sehr reales Target hat gerade das Haus verlassen. Also laßt uns ganz reales Geld verdienen.“

Rattes Stimme knackt durch die Kopfhörer der beiden Elfen, die auf dem Dach zusammensitzen. Code reagiert zuerst, huscht an die Hausecke und hebt ein Optimax-4 Vergrößerungsglas an ihre Augen.

Der schwarzgekleidete Elf brabbelt weiter, während er zur Dachkante schlendert, das M-20 schulternd.

„Sprichst wohl aus eigener Erfahrung, eh, Code ?“

„Ja. Und jetzt sei mal still.“

„Warum – siehst Du besser, wenn ich die Klappe halte ?“

„SSSHT!“

„Ist ja schon gut.“

Er klopft sich eine Podruga-Zigarette aus der fast leeren Packung. Kein Shadowrunner kann ohne Zigaretten existieren – das war das Ausgangsthema ihrer Diskussion gewesen. Ebensowenig wie halbwegs spannende Bücher oder Filme ohne sie auskommen. Gehört zum Job. Wumme, Zigo, Cyberware. Alles andere ist Dreck. „Leuten ohne Zigo trau“ ich nicht“ hatte Code gesagt. „Leuten mit Zigo auch nicht“ hatte sie lachend angefügt, nachdem sie sich eine angesteckt hatte. Ratte war Nichtraucher.

„Wenn das hier vorbei ist, gehen wir dann noch auf“n Drink?“

Immer noch das Fernglas an den Augen, grinst Code breit.

„Junge, wenn wir das hier überleben, können wir auch gleich bumsen.“

Schulterzucken. „Fine by me.“

Tolstoi stützt sich auf ein Knie und folgt Codes Blick. Seine Cybersicht zoomt auf die Gestalt des Kon-Typen, der quer über die Straße gerade versucht, seine Sekretärin abzuschleppen. Nahezu lautlos gleitet seine Limo (naja, Pseudo-Limo, gehobene Mittelklasse bestenfalls) aus ihrem Nest zwischen den anderen Konautos.

Tolstoi hatte schon länger darüber spekuliert, ob alle Kons ihre Angestellten zum selben Schneider und Haarstylisten schickten (Friseure waren irgendwann ausgestorben, was aber egal war, weil Haarstylisten genauso schwul waren) und wieviel der dann wohl verdiente. Jedenfalls sahen alle gleich aus. Jung, adrett, gepflegt (wo waren eigentlich die Alten und mittelmäßig Aussehenden abgeblieben ? Hatte VITAS selektiv alle Normalen ausgelöscht und nur Superschöne übriggelassen – oh, und Superhäßliche natürlich. Film und Wirklichkeit. Schon mal einen Durchschnittstypen im Fernsehen gesehen ? Boing.)

„Hast Du eigentlich schon mal bemerkt, daß man im Fernsehen nie Durchschnittstypen sieht ? Immer nur Wunderschöne und abgrundtief Häßliche.“

„Zu welcher Kategorie gehörst Du ?“

Er grinst.

„Wird das hier gesendet ?“

„Jau“ sagt sie und deutet auf eine Drohne, deren wärmegedämpfter Körper über der Szenerie thront.

Sein Lächeln erstirbt.

„Shit. TV oder Kon ?“

„Weder noch, wennde mich fragst. Zu billig für beide. Marke Eigenbau, ursprünglich ne K-11, Baujahr pfffffft 2040 oder so.“

Tolstois Blick zoomt zur Drohne.

„Keine K-11. Russisches Fabrikat, kannste an den verbreiteten Wülsten der Rückstrahldüsen sehen, sestra. Würde sagen ’ne Mirkov Jelzin, Baujahr haut aber trotzdem hin.“

„Okay, Prof. Und ? Russisches Militär ?“

„Nitschewo njet. Russen-Rigger schon eher.“

„Russenrigger ? Echt der ?“

„Wie ? Was für“n echter Russenrigger ?“

„Nee, Echt DER Russenrigger.“

„Was’n für’n Russenrigger ?“

„Sag“ mal, Decker-Chumsky, gehst Du eigentlich NIE in die Valhalla ?“

„Selten. Eigentlich, stimmt, nie.“

„Da hängt jedenfalls so“n Typ rum, der nennt sich…“

„… Russenrigger. V-porjadkje, das hab“ ich mir jetzt auch noch gerade denken können. Njet, kenne ich aber trotzdem nicht.“

„Also keine Drohne von nem Chum von Dir ?“

„Njet.“

„Ratte ? ‚S der Rigger da oben ’nen Chum von Dir ?“

„Äh ?“

„Vergiß es.“ Anlegen. Zielen. Feuern.

Das Geräusch der davonrasenden Kugel hört man nicht. Die Drohne stürzt nicht ab – soll sie auch gar nicht. Nur eine Nachricht an den Fuzzy, daß er sich verdrücken soll.

Natürlich könnte es sein, daß er ganz bewußt hier herumhängt und der Gruppe der Schattenläufer sogar am Hintern hängt – angesichts des schieren Chaos am Hamburger Himmel ist die Wahrscheinlichkeit dafür aber so verschwindend gering, daß sie ausgeschlossen werden kann – jedenfalls, wenn man davon ausgeht, daß dies hier keine Abenteuerserie im Fernsehen oder ein gescripteter Run in irgendeinem beschissenen RPG ist.

Dann eröffnet die Drohne das Feuer.

Von davonfliegenden Betonkrümeln umgeben rollt Code sich ab und flucht wie eine Hure aus St.Pauli, ehe Tolstoi noch via Funk das Ende der Subtilitäten durchgeben kann. „12 UHR !“

Rechts die Straße hinab schießt ein mattschwarzer Van hervor. DAS Schattenlauf-Auto. Die Kriminalitätsrate in Deutschland könnte glatt um 80% gedrückt werden, wenn die Bullen einfach vorsorglich alle schwarzen Vans zur Hölle bomben würden, aber andererseits sind sie auch Teil dieser Pseudo-realen Schönen Neuen Welt – und Schwarz ist DIE Modefarbe auch unter Kons seit Tolstoi weiß nicht, seit wann.

Für den Moment sind seine Gedankengänge auch denkbar deplaziert, denn das Mündungsfeuer der Drohne ziseliert einen eleganten Bogen aus Einschußlöchern, der sich unaufhaltsam in seine Richtung schiebt.

Das Target unten auf der Straße hat sich hinter seinem Wagen in Deckung geworfen, zusammen mit seiner Sekretärin. Durch den golden erleuchteten Eingang zum Corpgebäude kann man die Stiefel von Sicherheitsleuten heraneilen sehen.

Na, wunderbar.

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (2)

HAMBURG – 2045

„Ißt Du nichts ?“

Wieder nimmt ihr Gesicht den Ausdruck ungläubigen Lächelns an, an den sich Tolstoi schon gewöhnt hat. Ständig tut sie das – ständig als ob er etwas sagen würde, was komisch wäre, als lache sie über einen Witz, den er nicht versteht.

Es treibt ihn noch zum Wahnsinn.

Zu lieben, und doch zu wissen, daß man den anderen nicht lieben kann, weil man nicht weiß, was er/sie ist. Er kneift die Augen zusammen, eine Reflexreaktion auf seine veralteten Cyberaugen, die dringend des Austausches einiger Teile bedürften.

Auch das treibt ihn noch zum Wahnsinn.

Ein Fremdkörper in seinem Körper, eine Stelle, die man nicht kratzen kann, Teil eines Körpers, zu dem die Implantate nicht gehören, selbst Teil einer Situation, einer Szene, eines Abschnittes in einem Buch und doch deplaziert.

Wütend entkorkt er eine Flasche Sekt und teilt dabei doch das gütige Lächeln seines Gegenübers, nur um selbst ein Geheimnis zu haben, von dem sie nichts ahnt. Verschlossenheit statt Offenheit. Austausch von Belanglosigkeit, um das Vakuum der Konversation zu füllen.

Gut, daß er die Flasche nun angesetzt hat und trinkt, kostbare Sekunden des entschuldbaren Schweigens, Time-Out zwischen den Halbzeiten eines Tanzes in Wut und Aggression gegenüber jemandem, den man mit aller Kraft liebt.

Natürlich kann er nichts verbergen. Die kindlich-weibliche Gestalt Whiteclouds durchblättert seine Mimik, seine Gedanken, seine Seele wie einen schlecht geschriebenen Roman.

Wahnsinn.

Wahnsinn deshalb, weil ihr Blick, ihr Lächeln, ihr mentales Eindringen in die Dunkelheit seines Selbst irgendwo eine Saite berührt, die auf ihre Augen anspricht. Eine Saite, die tief verschüttet in ihm ruht und nun gleich einem im Boden ruhenden Keimling die ferne Sonne verspürt, die Gewißheit, an ihren Strahlen zu wachsen.

Eine Saite, die man nicht kratzen kann.

Die Flüssigkeit aus dem schwarzen Rund der Flasche perlt in seinen Hals, erfüllt ihn mit Wärme und Kälte zugleich. Er muß absetzen, stößt kurz einen Atemzug Luft durch die Nase in den Qualm des Raumes, ehe er erneut ansetzt. Er braucht mehr Zeit. Und ihre Augen fixieren ihn verständnisvoll, die Lippen zu einem leichten Lächeln geschürzt, von dem alleine sie weiß, ob Liebe oder Spott in ihm schlummert – falls das einen Unterschied macht.

Seine Augen jucken. Gräßliches Gefühl. Er könnte sadistischen Magiern noch Tips für exquisite Flüche geben – 1 Jahr Jucken hinter den Augen. Und ab in die Klapse.

Er setzt ab, schwer schluckend. Schon tasten seine Finger zwischen den leeren Schachteln von SoyBurger nach den Zigaretten. Konzentriertes Suchen. Konzentriertes Anstecken. Konzentriertes Rauchen – konzentrierter Schwachsinn, um ihrem Blick ausweichen zu können, ohne daß es auffällt.

Stille. Lächeln.

Er weiß, daß sie möchte, daß er darüber redet, was ihn wütend macht. Das macht ihn wütend.

Wenn nur seine verdammten Augen nicht jucken würden, wenn nur dieses Singen in seinen Ohren aufhören würde, wenn er nur nicht soviel Sekt getrunken hätte – oder teureren gekauft – können wir nicht einfach ficken, um uns dabei anschweigen zu können? Darum gehts doch bei Sex, oder ?

Sein Blick gleitet über ihre Brüste, über ihre von der zugigen Kälte in seinem Verschlag verhärteten Brustwarzen und fokussiert so langsam sein Denken auf den Akt, bis die angenehm vertraute Schwellung in seiner Hose Gefühle von Augenjucken und ungesundem Denken überstrahlt. Wiederum lächelt er. Ob Troll, Ork, Mensch oder Elf – bestimmte Dinge im männlichen Organismus funktionieren nach wie vor.

Kurz blickt er auf, blickt in ihre Augen – und erstarrt ob des kühlen Zornes in ihnen. Sie ist nicht prüde – ihre Ablehnung gegenüber seinen Gedanken erstreckt sich lediglich auf die Kälte seiner eigenen Gedanken.

Hätten sie miteinander geschlafen in diesem Moment, hätte er anschließend Selbstekel empfunden – aber nun, da seine Erektion von ihren Blicken in die einfältige Normalform zurückgezwungen wird, kommt der Selbstekel auch ohne vorherigen Sex. Und mit ihm: die Wut.

Zahlreiche Absätze voller Kommunikation zwischen zwei Seelen, ohne daß ein Wort gewechselt wurde – Gestik und Mimik können etwas Beängstigendes sein, auch wenn man nicht in einem zugigen Verschlag im Altonaer Ghetto sitzt.

Der Blick des Elfen weicht wiederum aus, heftet sich auf den kleinen tragbaren Fernseher, der halb zwischen seiner Lederjacke und ungewaschenen Socken hervorlugt.

Ungewaschene Socken – das ist Realität. Im Fernseher haben die Leute nie ungewaschene Socken, gehen nie aufs Klo – und haben vor allem nie so grauenhafte Konversationen wie die, die gerade hier und jetzt abläuft. „Wenn Du mal völlig verwirrt bist und nicht mehr weißt, was Traum und was Realität ist, schau fern – und denk“ Dir alles weg, was Du da siehst. Was übrigbleibt, ist die Realität.“ Stand mal in einem St.Georg-Fanzine irgendeiner Sekte, die Fernsehen für Terror hält. Recht haben sie.

Das Rascheln ihres Kleides reißt ihn aus der angenehmen Taubheit seiner Gedankenspaziergänge, zwingt ihn auf die subtilste – und daher grausamste – aller Weisen dazu, sich wieder ihrem Gesicht zuzuwenden.

Gott, wie er haßt. Ob nun sie oder sich selbst, weiß er noch nicht. Was tut sie denn schon, außer totale Kontrolle über ihn zu haben ? Er kann sich doch selbst erlösen, indem er einfach losläßt. Es gibt nun echt genug, was Kontrolle über ihn hat, da ist Whitecloud nun wirklich nicht die schlechteste Wahl.

Wie zufällig (auch die Instinkte sind hinterhältig) fällt sein Blick, indem er sich ihrem Gesicht abwenden muß, erneut auf die Brüste, Selbstekel wallt empor, sein Blick zuckt zu den Socken, Nackenhaare richten sich in der kühlen Zugluft auf, alles innerhalb von Sekunden, ein leichter Schwindel setzt ein (Scheiß-Sekt) während das Klopfen seines Blutes in den Ohren dröhnt. Und dann jucken die Augen wieder.

Ruckartig steht er auf. Leere Pappschachteln, durchgeweicht von Bratfett, rutschen nahezu zärtlich am Leder seiner Hose ab. Ein Papiertuch in rot und gelb mit der Aufschrift „Soyburger“ auf das jemand ein kritzeliges „P“ nebst einem Kreuz gemalt hat, klammert sich verzweifelt gegen den Luftzug der Aufwärtsbewegung fest, verliert den Kampf der Muskeln des Elfen gegen die Schwerkraft jedoch und gleitet, eine grazile Pirouette beschreibend und ein klägliches Rascheln ausstoßend, zu Boden. Sekunden später wird seine runzelige Gestalt zufällig vom schweren Kampfstiefel des Elfen in neue Form gepreßt.

Der Elf steht. Soviel ist sicher. Mühsam ringt sein Hirn mit der Erkenntnis des Stehens und versucht, der neuen Situation vor seiner Geliebten irgendeinen Sinn zu geben. Wäre dies eine Wohnung, würde er zum Kühlschrank gehen und etwas – irgendetwas (wahrscheinlich gesundheitsschädliches oder kalorienreiches) – holen, aber dies ist ein 3-Sterne-Altonaer-Dreckloch und alles, was hier gibt, ist das Klo auf dem Gang.

Also geht er aufs Klo.

Natürlich tut es ihm auf dem Gang leid, daß er sie einfach so hat sitzen lassen. Alleine, ohne Erklärung. Vielleicht gibt sie sich Schuld an seinem Zorn (Scheiße, warum auch nicht ?) und er will sie nicht verletzen. Aber er weiß, daß sein Aufstehen sie verletzt hat – oder jedenfalls sagt das sein trunkenes Hirn – und Schuldgefühl wallt auf.

Es braucht eine Weile, sich wieder an Zweisamkeit zu gewöhnen.

Aber solch beruhigende Gedanken will ein vollgesoffenes Hirn auf dem Schuldtrip nicht hören. Also pißt er und weint – das heißt, die Muskeln um seine Augen verkrampfen sich in einem Fast-Heulen, aber die verengten Flüssigkeitskanäle der Augen geben der Hygiene der Implantate zuliebe keine Flüssigkeit her.

Es juckt einfach nur.

Ob sie auch so mit sich selbst beschäftigt ist ? Tolstoi weiß es nicht, bezweifelt es aber. Nur er ist so ich-fixiert. Nur er hat juckende Augen.

Und dann ist sie plötzlich hinter ihm – um ihn. Streichelt ihn. Gießt Wärme in seinen Leib. Schamgefühl angesichts ihres gegenwärtigen Aufenthaltsortes, einem versifften Klo, in dem es nach Kotze und Scheiße stinkt und in dem jemand einen Tampon „verloren“ hat (nebst einem benutzen Kondom – ah, ja, alles klar), gibt es nicht. Sie kennt jenes Gefühl wahrscheinlich nicht, und ihre Unbefangenheit ertränkt Tolstois Scham.

Die merkwürdigsten Empfindungen durchrasen seinen Körper, aber die angenehmste ist die, ihre zarten Hände um seine Brust geschlungen zu spüren, ihren Leib an seinem Rücken zu spüren und doch keine Erektion zu bekommen – ganz so, wie man es nur bei seiner Mutter spüren kann, wenn sie Dich liebevoll in den Arm nimmt.

Niemand kann das sonst – wenn Du richtig im Kopf bist, und selbst dann, wenn Du ansonsten ziemlich krank bist.

Er schließt die Augen, zieht sich innerlich in eine fötale Haltung zurück. Das ferne Knattern eines Motorbootes ertrinkt in ihren Armen ebenso wie das wütende Geschrei des Mannes im Stock darüber, der seine Frau schlägt. Ihre Umarmung läßt den faulig-banalen Geruch verblassen, das Brennen der Augen, das Pochen des Blutes.

Sein Atem wird ruhiger, flacher. Er wird von ihrer Wärme erfüllt, die ihn tiefer und tiefer in wohlige Dunkelheit gleiten läßt.

Schließlich reißt sein Atem ganz ab, das Pochen des Herzens erstirbt.

Aber auch dies ist unbedeutend.

– – –

Die Kamera fährt zurück, löst sich vom Anblick der beiden ineinander verschlungenen Gestalten. Zoomt zurück bis weit über den Punkt, wo die Decke sein müßte.

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