Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Schlagwort-Archiv: catalyst

NOVAPULS vom 21.11.2075

Bildschirmfoto 2013-11-26 um 14.06.23

PDF Download ::: novapuls-11

Advertisements

Die SR5 Schnellstartregeln sind da!

Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen: Während DriveThru bereits einige „Peeks“ in das Grundrgelwerk zu SR5 zum kostenlosen Download anbietet – und JEDER Shadowrun-Fan schon wegen der PDF-Releases von Pegasus Spiele auf Drivethru und der inzwischen denkbar einfachsten Anmeldung via Facebook dringend bei DriveThru registriert sein sollte – haut unser Schattenläuferverlag die SR5 Schnellstartregeln raus.

Enjoy! Link zum Download ist unterhalb des Bildes!

Bildschirmfoto 2013-05-29 um 09.30.38

<<< Shadowrun_Schnellstartregeln_-_Funfte_Edition >>>

[B1L] Berlin-Wahl zur Wahlperiode 2 entschieden

PFLÜGLER IM AMT BESTÄTIGT, ATZOLD GEWINNT KNAPP, OZU ERSETZT KOIZUMI

Eigentlich hatte niemand mit Überraschungen bei der ersten regulären Wahl der Bezirksvertreter von Wahlperiode 2 gerechnet – umso spannender war der „Falkenseer Krimi“, der die Zuschauer daheim und in den Berliner Kneipen während der letzten beinahe 40 Stunden in Atem hielt.

Es begann mit der ersten Übertragung der Live-Stimmeneingabe nach Freischaltung der Kommlinks gestern um 10:00 Uhr vormittags. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich Tempelhof und Prenzlauer Berg bereits aus dem Rennen verabschiedet: In beiden Konzernbezirken wurde der Bezirksvertreter bereits im Laufe vorangegangener Wochen intern bestimmt und bereits vor der Wahl bekanntgegeben: Während Dr. Franziska Landolt für Saeder-Krupp in Tempelhof im Amt bleibt, wird der bereits seit Längerem Abwesende Renraku-Vertreter Ichiro Koizumi durch seinen Stellvertreter Takeshi Ozu ersetzt.  

Geradezu enttäuschend unspannend verliefen ebenso die vielbeachtete Wahl zum Zweiten Bürgermeister, bei der sich wie erwartet Morek Pflügler innerhalb weniger Stunden auf uneinholbare 80% der Stimmen emporhob (Endergebnis um 22:00 Uhr: 84,6%), sowie die Stimmeinspielungen aus Pankow (Wladimir Igorewitsch Bronstein mit 98,8% der Stimmen).

Indem sich der Bürgermeister plus drei der sieben Bezirke früh aus den Wettquoten und Public Viewings verabschiedeten, rückten die verbleibenden vier Bezirke umso stärker in den Blick, auch wenn in dreien davon nicht das eigentliche personelle Endergebnis, sondern der genaue prozentuale Wahlausgang schon vom Wettaspekt her entscheidend war:

So stieg Lena Rabeja in Köpenick zwar in der allersten Datendurchgabe mit den für die kommunistischen Bezirke erwarteten „90%+“ ein, verlor aber im Laufe des Nachmittags und frühen Abends immer weiter Anteile an ihre gleich drei ernstzunehmenden Herausforderer Andrzej Slupinski (parteiloser Kommunist), Isabelle Vesely-Barchmann (KPD Berlin, früher KMLMPD) und Clemens Streußner (parteiloser Antikommunist). Zwischen 19:00 und 20:30 Uhr sah es sogar so aus, als ob die Wiederwahl der mit Shiawase verbandelten Parteikommunistin Rabeja in Gefahr geraten würde: Auf dem Tiefpunkt der Entwicklung lag Lena Rabeja bei nur noch 52%, Streußner bei 21%, Vesely-Barchmann bei 15% und Slupinski bei 9%. Erst ein Aufruf der Bezirksvertreterin Rabeja live im Studio des Roten Kanals, „gemeinsame Front“ gegen Streußner zu machen, zu dessen Geschäftspraktiken und umfassenden Spenden aus LDFP-Klüngeln sie vor laufenden Kameras Beweise vorlegte, sollte die ehrgeizige Politikerin auf ihr Endergebnis von 63,6% heben (Vesely-Barchmann 16,8%, Slupinski 6,2%, Streußner 13,2%). Entgegen dem in Köpenick üblichen Prozedere verlautbarte Lena Rabeja nach ihrem Wahlsieg, dass es „keine von Hand vorgenommene Stimmauszählung“ geben werde, und nahm damit Bezug auf Streußner-Unterlagen, die eine massive Sabotage des Prüfungssystems durch Bestechung von Wahlhelfern nahelegte. Selbstverständlich würden aber „alle Wahldaten“ an „öffentliche Knoten des alternativen Berliner Kabelnetzes“ gegeben, damit die Netzgemeinschaft diese „unabhängig und mit eigenen Augen“ prüfen könne.

Ähnlich spannend wie in Köpenick ging es auch im biederen Mitte zu: Auch hier stand die Wiederwahl des FBV-Vertreters und Berliner PNE-Parteiführers Dr. Alexander Schmidt nie zur Debatte, ein hohes Ergebnis von „15%+“ seines Herausforderers Dr. Paul Zöller (Berliner Bankenverein/HKB) war aber als Signal an Dr. Schmidt bewertet worden, seine Verbindung zur PNE entweder zu lösen oder von der Repräsentanz des Bezirks Mitte Abstand zu nehmen – und möglicher Weise auch von seiner Tätigkeit für den FBV, dessen Mitarbeiter sich zunehmend unangenehm berührt fühlen durch die öffentlichen Auftritte ihres Vertreters Schmidt. Sollte diese Signalwirkung bestehen, so ist sie jedenfalls mit dem Endergebnis von 32,6% für Dr. Paul Zöller überdeutlich zum Ausdruck gebracht worden – eine derbe Schlappe nicht nur für Dr. Alexander Schmidt, sondern auch den FBV in Berlin. Der unglücklichste Gewinner der Berlin-Wahl war am Abend zu keinem Kommentar bereit. Zu seiner eigenen Wahlparty war er nicht einmal persönlich erschienen, hatte nur einen Videogruß an seine Anhänger überstellt.

Schon aufgrund des Umstandes, dass der amtierende Erste Bürgermeister und Ratspräsident Yilmaz Wojenko aus Spandau kommt, galt der Spandauer Wahl besondere Aufmerksamkeit. Diese steigerte sich, als Wojenkos einzige relevante Herausforderin Doris “Yori” Floricic von der “masterControl Agentur für Netzüberwachung” in den Livedaten früh die psychologisch wichtige Stimmanteilsschwelle von 10% überschritt. Trotz anhaltend hoher Zustimmungswerte zu Wojenkos Politik als Berliner Bürgermeister hatte der smarte Psi-Aid Konzernmann zuletzt mit Protesten im eigenen (Norm-)Bezirk zu kämpfen, dessen Entwicklungsdaten sich nach wie vor steil abwärts bewegen. Auch wenn die Berliner Start-Up Unternehmerin und Ex-Hackerin sich mit einem Endergebnis von 28,8% noch deutlich entfernt von einem Wechsel an der Spandauer Spitze sah, hat man in jedem Fall nun ihren Namen in ganz Berlin gehört, und nicht wenige rechnen damit, von dieser aufstrebenden Kraft in Zukunft noch einiges zu hören.

Absolute, nervenzerfetzende Spannung indes verursachte die Wahl in Falkensee, deren Ausgang quer durch alle Berliner Buchmacher als „offen“ betrachtet wurde: Der gemeinhin als inkompetent und korrupt geltende Bezirksvertreter des Bankrottbezirks Steffen Atzold sah sich mit Herausforderer und Döner-Löwe Aslan Özdemir und Herausforderin Friederike Kuhnert von der USPD Falkensee konfrontiert, die dank des per Daten belegbaren Vollversagens des Bezirksvertreters die allerbesten Argumente zu dessen Abwahl in der Hand hatten. Umso bestürzter waren Wahlbeobachter, Moderatoren und Zuschauer, als Atzold sich im Laufe des Tages von dem „verdienten“ Start von 19,2% gegen 48,0% für Özdemir und 22,4% für Kuhnert zu über mehrere Stunden stabile 29,9% gegen 34,5% für Özdemir und 31,6% für Kuhnert emporkroch, um schließlich bei Einbruch der Dunkelheit das von den Medien als „Schande“ bezeichnete Endergebnis von 32,3% gegen 32,0% für Özdemir und 30,8% für Kuhnert zu erreichen – nicht zuletzt aufgrund der Versprechung, im Falle eines Wahlsieges allen „nachweislich Einkommenslosen“ von Falkensee eine „Riesenparty mit Freibier, Koks und Nutten“ zu spendieren. Rechte Gruppen beeilten sich, den späten Wahlsieg Atzolds denjenigen metamenschlichen Wählern anzudichten, die aufgrund von Lichtallergien erst nach Sonnenuntergang an der Wahl teilnehmen. Der sogenannte „Lichtknick“ in der Stimmabgabe ist seit Langem in der Live-Stimmabgabe nachzuverfolgen, auch wenn die mobile Stimmabgabe Wahlen bei Tageslicht auch aus abgedunkelten Privaträumen heraus erlaubt und eine nächtliche Stimmabgabe für Lichtallergiker somit nicht mehr notwendig wäre. Özdemir und Kuhnert zeigten sich „enttäuscht“ von dem Ergebnis und einer Wahlpolitik, die es demjenigen, der mit fast 70% der Stimmen abgewählt wurde, dennoch erlaubt, sich als Repräsentant des Bezirkes auszugeben. Angeblich strengen Özdemir und Kuhnert unabhängig voneinander eine Neuwahl und/oder Strafverfahren gegen Atzold wegen Veruntreuung von Bezirksgeldern an. Atzold nannte diese Vorwürfe „lachhaft“ und Kuhnert „eine derbst unterfickte Kuh“.  

Oh, what a Night. Hab zwar vierhundert Steine bei den Wetten verloren, aber das war ganz großes Entertainment.
 Zaffke

Unterhaltsam, ja. Trotzdem: Ein schwarzer Tag für die Berliner Demokratie und die Alternative Bezirkspolitik. Den Fall Atzold wird man jetzt noch mehr als davor als bestes Beispiel anführen, warum alternative Politik keine Zukunft haben darf.
Fienchen

Was vermutlich der Grund ist, aus dem er wiedergewählt wurde. Jedenfalls hat er für diese Wahl mehr Geld in Umlauf gebracht, als er oder die Falkenseer Kasse hat. Da steckt ein Konzernsponsor hinter. Freiwillige vor, Beweise dafür zu finden!
Roter Oktober

Der Move von Rabeja stinkt ja geradezu nach Schattenarbeit. Weiß da wer was?
Russenrigger

Lena Rabeja hat doch dauernd Runner am Laufen. Sollte mich nicht wundern, wenn sie das Material seit Monaten hatte, um es dann medienwirksam ihrem Herausforderer in den Unterleib zu rammen.
Konnopke

Ganz so einfach ist es diesmal nicht. Zwar gingen eine ganze Reihe Jobs raus, Dreck über buchstäblich jeden Kandidaten zu bekommen, der größte Auftraggeber für Köpenick-Runs war aber offenbar ein Typ namens Claas Stemmer, den ich inzwischen mit einer ebenso falschen Identität des MIFD in Verbindung bringen konnte.
Tolstoi

Ich wage mal eine Wette: Atzold wird seine Amtszeit nicht überleben. Seid also vorsichtig, bei wem ihr Döner kauft.
Fienchen

[SRB] zu den Wahlen 2074

SRB ZU DEN WAHLEN 2074

:::::: Berlin :: 02. Oktober 2074 ::::::::::::::::::::::::::::::::

Zwei große deutsche Wahlen beherrschen in 2074 die Medienfeeds, von denen uns in Berlin natürlich nur eine interessiert: Die kommende Berlin-Wahl zur II. Wahlperiode am kommenden Sonntag, dem 7. Oktober 2074.

Also, dass die zurückliegende Bundestagswahl vom September in Berlin gänzlich egal gewesen wäre, stimmt so ja nun nicht. Klar: Da Berlin nur ein assoziiertes Mitglied der ADL ist, haben die Berliner bei der Bundestagswahl nicht mitgewählt. Dennoch hat man auch hier in Berlin die Bundestagswahl genau verfolgt, wusste man doch, dass die Linnheimer-Regierung aus CVP und LDFP kräftig Einfluss auf die Berliner Einigung nahm. Wie es damit nach den Verschiebungen der Bundestagswahl in Zukunft aussieht, weiß freilich keiner – in jedem Fall aber hat die Bundestagswahl in Berlin das Bewusstsein über die zuvor schon fast vergessenen oder als irrelevante Faselköpfe veralberten „West-Parteien“ neu geschärft. Mag in der ADL die wahre Macht auch im Bundesrat liegen: Im Bundestag geschieht wenn schon nicht die Willensbildung des Volkes, dann mindestens dessen öffentliche Inszenierung.
Konnopke

Dass „die Berliner“ nicht an der Bundestagswahl teilgenommen haben, ist so nicht korrekt: im Schnitt 80% der Einwohner von Berliner Konzernbezirken sind registrierte Staatsbürger der ADL, die ihr Wahlrecht ganz normal von Berlin aus wahrnehmen. Umso mehr überrascht das Ergebnis der Bundeswahl. Mich zumindest.
Fienchen

80%? Das haut niemals hin! In den Berliner Konzernbezirken sind zwei von drei Einwohnern Konzernbürger, und die haben in der ADL bekanntermaßen seit Jahrzehnten schon kein Wahlrecht mehr. Da hat die ADL ausnahmsweise mal gut gearbeitet und wenigstens der direkten Konzernmitbestimmung den Riegel vorgelegt.
Tolstoi

Aber ganz im Gegenteil: dieselbe seinerzeit eingebrachte und theatralisch durchgefochtene Wahlgesetznovellierung der Christlichen Volkspartei enthält einen spät und vor allem auf Betreiben der LDFP angefügten Kompromiss, nämlich die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft für Konzernbürger. Diese lässt sich die ADL zwar bezahlen, das hindert aber die großen deutschen Konzernplayer wie S-K, den FBV oder selbst die AGC nicht, ihren Bürgern eine solche doppelte Staatsbürgerschaft zu sponsorn (unterm Strich senkt die Novellierung also vor allem den Stimmanteil von Konzernbürgern nichtdeutscher Großkonzerne, die sich den Luxus eines teuren Massensponsorings der Doppelstaatsbürgerschaft ihrer Bürger nicht leisten möchten oder können). Dass die mit doppelter Staatsbürgerschaft „beschenkten“ Konzernbürger im Vorfeld von Wahlen zugebombt werden mit gefärbter Berichterstattung und Einflussnahme auf ihre politische Entscheidung, braucht nicht extra gesagt zu werden. Mehr Infos zu dem ganzen Thema – inklusive der zweiten Hintertür für ein Wahlrecht der Konzernbürger, das an die neue CEERS-ID gekoppelt ist und vor allem von S-K auf Europaebene durchgeprügelt wird, findest du im Machtspiele Upload.
Fienchen

Natürlich wären Wahlen prinzipiell im Neuen Berlin nicht das Medienereignis, das sie anderswo sind – schließlich haben wir jedes verdammte Jahr eine Berlin-Wahl. Dafür ist die „politische Anteilnahme“ der Bevölkerung Berlins – Wiege der Policlubs! – weitaus größer als anderswo, und die Berliner Sender haben noch aus Autonomiezeiten eine auf Berlinpolitik fokussierte Programmgestaltung, die auch die kommende Wahl wieder wie ein Fußballereignis feiern wird.

Inklusive Public Viewing in der Stampe, Fanschals und Bezirksinsignien, Freibierausschank der Machtgruppen und Bambule ab der ersten Hochrechnung.
Konnopke

Hochrechnung?
Splinter

Meint: Direktausgabe der per Kommlink abgegebenen Stimmen aus den Norm- und Konzern-Bezirken, plus im Laufe der nächsten 6 Stunden bis 6 Tage nachkleckernden Stimmen derjenigen freien Bezirke, die für sich intern festgelegt haben, dass jede abgegebene Stimme geprüft und von Hand gezählt werden muss, oft sogar mehrfach. Das hat für besagte Bezirke den Vorteil, dass man noch wahltaktisch ein bisschen feintunen kann – wenn man unterstellt, dass in den freien Bezirken gemogelt wird, was natürlich ebenso völlig absurd ist, wie dass die Ergebnisse der Konzernbezirke nicht von oben diktiert wären.
Roter Oktober

Für unsere Auswärtigen und Zugereisten hier also 5 Tage vor dem großen Ereignis alles, was es zur Berlin-Wahl zu wissen gibt. Los geht’s!  

Wer die Wahl hat

DIE BERLINER URWAHL 2072. Das neue, geeinte Berlin wählte erstmals vor 2 Jahren, 2072. Während die Wahlen der Bezirksabgeordneten und den Drei Bürgermeistern Berlins im zukünftigen Normalfall jährlich unterteilt in 3 Wahlperioden mit je 3-jähriger Amtszeit erfolgten, war jene die Berliner Einigung begründende Wahl ’72 eine Ur- und Gesamtwahl in allen Bezirken gleichzeitig.

DIE ERSTE REGULÄRE WAHL (WAHLPERIODE I) 2073. Dem entsprechend hatten die Bezirksvertreter der Wahlperiode I – die schon 2073 neu gewählt wurde – eine überaus kurze Amtszeit von nur einem Jahr, und der ebenfalls 2073 erneut zur Wahl stehende Dritte Bürgermeister Koslowski ebenso. Zum Glück für die meisten Abgeordneten (und den eher blassen Koslowski) aber genügte das eine Jahr – das zudem von Übergangswehen vom alten in das neue Berliner System begleitet war – nicht, um zur sofortigen Abwahl der erst im Vorjahr berufenen Vertreter zu führen: Nicht nur blieb der Dritte Bürgermeister mit fast gleichem Wahlergebnis im Amt, unter den 7 Bezirksvertretern der Wahlperiode I gab es gerade mal eine einzige Umbesetzung, indem Alexander Sukrow in Gropiusstadt die kurz davor leider verstorbene und insofern nicht mehr zur Wahl antretende Marissa Wagner ersetzte. Zwei weitere Kandidaten hatten ebenfalls kurz zuvor ihren Rückzug „aus privaten Gründen“ verlautbaren lassen. Einen überraschend heftigen Schuss vor den Bug erhielt indes auch Milena Kilic in Charlottenburg-Wilmersdorf, die nur knapp an der Bezirksvertretung festhalten konnte: An ihr hatte sich der geballte Frust über eine viermonatige Vollsperrung der Entlastungstraverse auf dem Dach der Kurfürstendamm-Mall entladen, die aus baulichen Gründen indes unabdingbar war. 

Bis zur Wahl 2072 übrigens befand sich Berlin quasi im Fluss zwischen einem gesetzgebenden Gremium der wichtigsten Vertreter – unter Moderation und Mediation von Jandorf und Pflügler, unter anderem – hin zu einem „ordentlichen“ und repräsentativen Berliner Rat mit Ratspräsident und Erstem Bürgermeister. Der Übergang war alles andere als einfach, und einzelne, besonders uneinsichtige autonome Vertreter im früheren „Berliner Rat“ mussten mit Gewalt zur Freiräumung ihrer Sitze gezwungen werden. 

Nicht offiziell, natürlich. Aber bestimmte, zuweilen langjährige Vertreter im Berliner Rat – hier gemeint der im ostberliner „Exil“ tagende Phantastenverein, der sich auch 2070 noch immer in Gesamtkontrolle der Stadt fieberte – waren auch mit viel gutem Zureden, Geld und Nutten nicht dazu zu bewegen, ihren Platz und Anspruch aufzugeben. Im Verlauf der Jahre 2070–72 wurden die Stimmen der besonders Uneinsichtigen indes immer leiser, speziell nachdem es vor allem in deren Autos, Badewannen und Agrarkombinatshäckslern zu äußerst tragischen Unfällen und technischem Versagen kam.
Nakaira

DIE KOMMENDE WAHL (WAHLPERIODE II) 2074. Jetzt, 2074, werden die Vertreter der Bezirke der Wahlperiode II gewählt, und zugleich der Zweite Bürgermeister. 2075 wird dann die Wahlperiode III mit der vielbeachteten Wahl des Ersten Bürgermeisters und Ratspräsidenten folgen, und nicht wenige sind der Ansicht, die Wahl am kommenden Sonntag sei eine Art Probewahl auch für das 2072 begründete „System Wojenko“, der bei einer Abwahl Pflüglers seinen wichtigsten Unterstützer und Schlichter zwischen den Fronten verlieren könnte.

Nochmal in kurz, für eilige Leser: Die 21 Berliner Bezirke sind in drei „Wahlperioden“ zu je sieben Bezirken gruppiert. In Wahlperiode I werden die Vertreter der ersten sieben Bezirke plus der Dritte Bürgermeister gewählt, in der Wahlperiode II erneut sieben Bezirksvertreter sowie der Zweite Bürgermeister und in der Wahlperiode III die letzten sieben plus der Erste Bürgermeister. 2072 fand eine Urwahl aller Bezirke statt, 2073 fand die erste reguläre Wahl (I/3. Bürgermeister) statt, 2074 haben wir II/2, 2075 folgt III/1, danach geht es 2076 mit I/3 von vorne los.
Cynic

Der Vollständigkeit halber: Wahlperiode I sind die Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf (Norm), Gropiusstadt (Frei, Vory-dominiert), Marzahn-Hellersdorf (Frei, Vory-dominiert), Oranienburg (Frei, BGS-dominiert), Reinickendorf (Norm), Aztech-Schönwalde (Konzern, Aztech) und Tegel (Konzern, Z-IC), Wahlperiode II sind Falkensee (Frei, mikroferal), Köpenick (frei, dominiert von Kommunisten, EMC und Shiawase (ja, sowas gibt’s)), Mitte (Konzern, FBV), Pankow (Frei, Altanarchistische Hochburg), Prenzlauer Berg (Konzern, Renraku), Spandau (Norm, mit starkem Aztech- und Psi Aid-Einfluss) und Tempelhof (Konzern, S-K), und Wahlperiode III sind Groß-Siemensstadt (Konzern, AGC), Potsdam (Norm, mit starkem Einfluss von Preußenstiftung und z.T. noch Draco Foundation), Schönefeld (Norm, mit starkem Einfluss von Messerschmitt-Kawasaki), Zehlendorf (Norm, Graue Wölfe gegen Proteus und Evo, das wird spannend), Strausberg-Fredersdorf (Norm), Friedrichshain-Kreuzberg (Frei, unüberschaubarer Wust von Machtgruppen, starker Einfluss der Schiiten) und Lichtenberg (Frei).
Konnopke

Wenn vollständig, dann richtig. Anbei unten der Status Quo der Bezirksvertreter vor der kommenden Wahl, plus der Hinweis, dass im Berliner Rat neben den gewählten Bezirksvertretern auch einige weitere Vertreter sitzen, die zwar „nur“ beraten, das aber durchaus mit Nachdruck: Dies sind aktuell die Vertreterin der Berliner Industrie, Olga Schoel (Messerschmitt-Kawasaki), die Botschafterin der ADL, Dr. Isabelle Jandorf (Preußenstiftung), Oberstleutnant Bettina Lange als Vertreter der Bundeswehr und des ADL-Verteidigungsministeriums, sowie nicht zuletzt die Vertrerin des Bundesamtes für Hermetik und Hexerei Dr. mag. Marlon Zienterra.
Tolstoi

Niemand mag Klugscheißer.
Nakaira

Das sagt die Richtige.
Cynic

Wie immer.
Nakaira

Im extremen Fall – den niemand wirklich erwartet – könnte sich sogar das politische Schicksal von Berlins Erstem Bürgermeister Yilmaz Wojenko am kommenden Sonntag entscheiden: Dann nämlich, wenn Wojenko als Bezirksvertreter des Norm-Bezirkes Spandau trotz Deckung von Psi-Aid und Schützenhilfe von Aztechnology nicht wiedergewählt wird.

In diesem Fall bliebe Wojenko zwar bis zur Wahl eines neuen Ersten Bürgermeisters 2075 im Amt, könnte aber für den Rest seiner Amtszeit im Berliner Rat nicht mehr für seinen Bezirk stimmen und 2075 selbst dann nicht erneut zur Wahl des Bürgermeisters antreten, wenn 100% der Berliner ihn gerne im Amt behalten würden (was natürlich absurd ist – Wojenkos aktuelle Zustimmung in der Gesamtberliner Bevölkerung bewegt sich den unterschiedlichen Meinungsforschungsinstituten, Politagenturen und Vote Forecasts zwischen 35% (Sender Freies Berlin, Linksalternativ) und höchstens 56% (Spandauer Volksblatt, Eigner: Aztechnology)).

Aber gehen wir die Kandidaten und ihre aussichtsreichsten Herausforderer im Einzelnen durch:

Falkensee

Wie GNB bereits vor einiger Zeit [HIER] feststellte, gehört Falkensees Bezirksvertreter Steffen Atzold zu den wenigen, die am Sonntag um ihr Mandat bangen müssen:

Falkensee ist bankrott, und Lichtblicke am Ende des Tunnels gibt es keine. Unter diesen Vorbedingungen hätte nicht einmal ein engagierter und fähiger Politiker etwas zum Besseren wenden können. Und Atzold war kein engagierter und fähiger Politiker. Stattdessen gilt der glatzköpfige Endvierziger und Langzeitarbeitslose als korrupt bis ins Mark und so schmerzfrei, was seine öffentliche Wahrnehmung angeht, dass er sich nicht einmal die Mühe macht, seine Abgreifmentalität zu kaschieren.

Stattdessen hat Atzold die zwei Jahre seiner verkürzten Amtszeit bestmöglich dazu genutzt, maximalen Profit zu erzielen: Hier ein eilig durchgewunkenes Bauvorhaben, dort eine Zulassung für einen neuen Müllplatz, hier ein vollmündig als zukunftsweisendes Infrastrukturpaket geschöntes Bauprojekt für seit Neuestem mit ihm befreundete Unternehmer und dort Fördergelder für einige der von Atzold protektionierten Kampfsport- und KampfHUNDvereine – das sind die ruhmlosen Endergebnisse seines Wirkens.

Paradoxer Weise steigen Atzolds Popularitätswerte im Bezirk, je unverblümter und frecher er auftritt: Je mehr die Medien sich im Hinblick auf die bevorstehende Wahl gegen diesen „Berliner Schandfleck“ in Stellung bringen – womit abwechselnd mal Atzold und mal das zunehmend mikroferale Präkariatsghetto Falkensee gemeint ist – desto mehr stellen sich die desillusionierten und vom Berliner Aufschwung ausgegrenzten Falkenseer hinter „ihren Mann Atzold“.

Atzolds aussichtsreichster Herausforderer im Bezirk ist Dönerspießproduzent Aslan Özdemir, der erst in diesem Jahr eine große Fabrik für Mischfleisch- und Sojaspieße mit 400 Arbeitsplätzen in Falkensee eröffnete. Özdemir ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und Spross eines alteingesessenen Berliner Dönerimperiums, das mit einigen Blessuren die Dönerkriege in den Sechzigern überlebte, ohne – soweit man weiß – in das Produktions- und Vertriebsnetz der Grauen Wölfe integriert zu werden. Die gewalttätigen Konflikte seiner Kindheit und Jugend sind an dem heute 52-jährigen keineswegs spurlos vorbeigegangen, und mit einigem Stolz umgibt sich der „Döner-Löwe“ Aslan mit martialischen Bodyguards und gepanzerten Geländefahrzeugen, soll sogar mehrere Söldner aus zerfallenen Armeen des Nahen Osten unter Vertrag haben.

Seinem Auftreten und Don-haften Gebaren zum Trotz hat Aslan Özdemir alles andere als Sympathien zum organisierten Verbrechen und weist Vorwürfe, er selbst sei das Oberhaupt einer verbrecherischen Drücker- und Schutzgeld-Clique, weit von sich: Der vierfache Familienvater und gläubige Muslim macht sich vielmehr dafür stark, Berlin vom „Krebsgeschwür der Wölfe, Vory und anderen Banden“ zu befreien, und bietet als Alternative zu Perspektivlosigkeit und hohlem Protest „Bescheidenheit und ehrliche, harte Arbeit“.

Laut Ansicht der Berliner Wettbüros, wo man traditionell auf den Ausgang von Berliner Wahlen und anderen Abstimmungen und Verhandlungen in den Kiezen der Spreemetropole wetten kann, wird es Özdemir mehr als Atzold gelingen, seine Anhänger zur Abgabe einer gültigen Stimme bei der Wahl zu bewegen.

Offen bleibt der Ausgang nicht zuletzt wegen Friederike Kuhnert von der neu gegründeten USPD Falkensee, einem der ersten Vorstöße der gesamtdeutschen Partei auf Berliner Boden. Die Sozialkundelehrerin und Pastorentochter Kuhnert macht sich für staatliche Hilfen Deutschlands für Berlin und Berlins für Falkensee stark, setzt auf stärkere Beteiligung der Reichen und Superreichen – Bürgern wie Unternehmen – an der Behebung von Armut und Missständen in Deutschland und umgibt sich mit dem Nimbus, über die große linke Volkspartei USPD „Hilfe von außen“ für Falkensee mobilisieren zu können.

In den letzten Umfragen liegt Kuhnert deutlich hinter Özdemir zurück, könnte diesem aber just genug Stimmen stehlen, um Atzold im Amt zu halten. Verlierer wären in diesem Fall in jedem Fall die Falkenseer, denn es gilt als ausgeschlossen, dass BERVAG oder Berliner Rat unnötig Hilfsgelder nach Falkensee pumpen werden, die dann in den Taschen von Atzold und seinen Freunden versickern.

Köpenick

“Der Kampf gegen das globalisierte Konzernkapital ist schon ohne Personaldebatte schwer zu gewinnen”, sagte bereits im April der exilrussische kommunistische Schriftsteller und Rabeja-Vertraute Tichonow: “Die Kandidaten, auf die sich die Policlub- und Parteispitze 2070 geeinigt haben, sind für die kommenden 10 Jahre gesetzt, und möglicher Weise länger”.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass Lena Rabeja schon jetzt als bleibende Köpenicker Bezirksvertreterin nach der Wahl gehandelt wird. Gegenteilige Einflussnahmen könnten im stammkommunistischen Köpenick allenfalls von Seiten der dort aktiven Großkonzerne EMC und Shiawase kommen, EMC aber scheint kein aktives Interesse an der Gestaltung der Bezirkspolitik zu haben, und seit Rabeja mehrere Charity-Einladungen und Orts-Einweihungen von Shiawase mit ihrem Besuch beehrte, sind frühere Gerüchte einer Beziehung zwischen der Kommunistin und dem Urkapitalisten praktisch offiziell bestätigt worden.

Dass es darob keinen Aufschrei der Empörung in der Köpenicker Kommunistenszene gibt, scheint indirekt durch die Vorfälle in Dubai und die seitdem anhaltende Serie von Vorfällen, Rückrufaktionen, Lieferungsengpässen und anderen Folgen von Schattenläufen und Sabotage im Hause Saeder-Krupp begründet: Während der Konzern des goldenen Drachens in seinen Betriebsabläufen ganz eindeutig gestört und abgelenkt ist – sei es durch tatsächliche Übergriffe der Drachin Hestaby und deren Getreuen, sei es durch die wachsende Anti-Drachen-Stimmung im Land, sei es durch Feindkonzerne, welche die aktuelle Schwäche als Chance wittern und ein wahres Sperrfeuer schwarzer Operationen gegen den weltgrößten Konzern entfesseln – gilt der „good citizen“ Shiawase als möglicher Partner, Berlin aus dem Griff von Goldschuppe zu befreien.

Während Shiawase wie EMC peinlich darauf bedacht sind, in Köpenick politisch unsichtbar zu bleiben („Wir produzieren hier nur, schaffen Arbeitsplätze und fördern Schulen, Altersheime und andere wohltätige Einrichtungen, bitte weitergehen“), sind die einzigen Gegner Lena Rabejas denn konsequenter Weise radikale Kommunisten, die sich an die von Tichonow genannte Vorgabe der „Policlub- und Parteispitze“ nicht gebunden fühlen – sprich: selbst eine Benennung als Vertreter der Bewegung anstreben.

Zu diesen gehören der gebürtige Warschauer Andrzej Slupinski – aus Sicht der Köpenicker Kommunisten ein ewiger Querulant und leider genialer Querdenker, dessen ewigen Kritteleien durchaus gute Ideen entspringen und der sich darob einiger Anerkennung erfreut – sowie die gealterte Professorin für Politikwissenschaft und Geschichte an der früheren Berliner Universität Isabelle Vesely-Barchmann, bei der die Hälfte der kommunistischen Intelligenzija Berlins ihr politisches Basiswissen gewonnen hat.

Während Slupinski sich offen zur Wahl als Gegenkandidat angeboten hat, bescheidet sich Vesely-Barchmann bislang darauf, „die mahnende Stimme des kommunistischen Gewissens“ zu sein, das selbst dann nicht „den Pakt mit dem kapitalistischen Teufel“ eingehen dürfe, wenn dies kurz- bis mittelfristig vorteilhaft für die Erlangung der Ziele sei. Ob sie am Wahltag doch auf der Liste der Kandidaten auftaucht, ist gegenwärtig noch immer offen.

Nicht unerwähnt bleiben soll zudem Clemens Streußner, seines Zeichens „politisch unabhängiger“ Köpenicker Unternehmer und Betreiber einer der vielen Berliner Kleinbanken, die in den Jahren der Anarchie das Wirtschaftsleben der Stadt künstlich beatmet haben. Der wirtschaftsliberale Gegner des Kommunismus lebt auf einer Hausyacht mit sensationell ausgebauter Sensoren-, Sende- und Computerzentrale und gilt als einer der wichtigsten Infobroker und Strippenzieher der alternativen Berliner Wirtschaft.

Seine Aussicht auf Erfolg ist schwierig einzuschätzen: Einerseits sind die Köpenicker Kommunisten von allen Machtgruppen die eindeutig stärksten, andererseits ist zu erwarten, dass die anderen Splittergruppen ihre Wähler dazu anhalten, Streußner als „Kandidaten gegen die Kommunisten“ zu unterstützen.

Mitte

Nach zwei durchaus spannenden Alternativen Bezirken winkt in Mitte das genaue Gegenteil: Trotz zuletzt wachsender Kritik an seiner offenen Zurschaustellung von Sympathie für die rechtsextreme PNE wurde Dr. Alexander Schmidt erwartungsgemäß wieder als Kandidat vom FBV aufgestellt, und damit ist die Wahl eigentlich ausgemacht.

Für eine Überraschung kann allenfalls noch ein hohes Ergebnis von 15% oder mehr für Dr. Paul Zöller vom Berliner Bankenverein sorgen, dem vehementesten Kritiker an Schmidts braunem Flirt: Eine Krähe hackt der anderen zwar kein Auge aus, aber eine deutliche Stimme für Zöller würde von den auf Ansehen und Seriösität gebügelten Berliner Bankkreisen als wichtiges Signal gegen FBV-Mann Schmidt verstanden werden.

Tatsächlich findet sich bei einigen Berliner Buchmachern die Wettoption, auf einen Rücktritt Schmidts infolge eines hohen Ergebnisses für Zöller zu setzen, womit jener dann – trotz „verlorener“ Wahl – der neue Bezirksvertreter von Berlin-Mitte wäre.

Realistisch ist diese Option freilich nicht besonders: Zöller ist Berliner Vorstand der europäischen Vorzeigebank Hildebrandt-Kleinfort-Bernal, deren Eindringen in den Berliner Wirtschaftsraum den FBV auch ohne weitere Vorfälle zur Weißglut treibt.

Dennoch: Das Pokern um den Bankplatz Berlin – DAS Projekt des Berliner und auch NEEC-Großkapitals und zentraler Baustein für Berlins Zukunft als Wirtschaftsort und Drehscheibe – hat seit der Berliner Einigung eine neue Qualität erreicht, und die Schatten der Stadt schwemmen förmlich auf von kleinen und großen, oftmals zusammenhanglos wirkenden Jobs, durch welche die konkurrierenden Großbanken sich in Position für ihre zukünftige Rolle und Stellung im Berliner Bankrenspiel bringen.

Pankow

Die Wahl wird in Pankow wohl schnell entschieden, aber zuallerletzt fertig ausgezählt sein: Der Bezirk mit den rigorosesten internen Bestimmungen gegen Wahlmanipulation und Abstimmungsbetrug führt exakt zwei Kandidaten auf der Liste: den amtierenden Bezirksvertreter Wladimir Igorewitsch Bronstein und dessen Schwiegersohn Wanja Besúchow, dem die Rolle als Feigenblatt von Opposition zugedacht ist.

Prenzlauer Berg

Renraku hat mittlerweile per Presseerklärung bekanntgegeben, dass Takeshi Ozu zum kommenden Sonntag die äußeren Vertretungspflichten der Bezirksverwaltung gegenüber dem Berliner Rat übernehmen wird. Diese klare Absage an die sonst von den Berliner Konzernen betriebene Scharade angeblicher Wahlen kann als Brüskierung verstanden werden, wird allerdings von Renraku förmlich weggelächelt: Ichiro Koizumi stehe „infolge seiner privaten Entscheidung dazu“ nicht länger als Vertreter zur Verfügung, daher sei Ozu nicht nur die natürliche, sondern die tatsächlich einzig sinnvolle Wahl.

Spandau

Alle Augen ruhen bei der kommenden Wahl einerseits auf der Wahl des Dritten Bürgermeisters und andererseits auf dem Ergebnis des amtierenden Ersten Bürgermeisters Yilmaz Wojenko in seinem eigenen Bezirk, Spandau. Trotz kräftigen Schönschreibens der kaum messbaren Verbesserungen der Spandauer Situation seitens des Aztech-eigenen Propaganda-Newsfeeds „Spandauer Volksblatt“ ist Wojenko in seinem eigenen Bezirk durchaus nicht unumstritten:

Zu viel Repräsentanz, zu viel Schischi, zu viel Agieren außerhalb Spandaus, zu wenig Bearbeitung der dringenden Aufgaben im Bezirk – das sind die zentralen Vorwürfe, die man Wojenko zu Recht oder Unrecht macht. Umgekehrt sind selbst die Spandauer aber mit Wojenko in seiner Eigenschaft als Erstem Bürgermeister recht zufrieden – auch deshalb, da man weiß, dass man bei einem Ersten Bürgermeister aus einem anderen Bezirk möglicher Weise gar keine Rolle mehr spielen würde.

Hilfe aber braucht Spandau – und hier sowohl die desolate Mitte und kaputtgebaute, von Wolkenkratzergerüsten überragte Altstadt des Bezirkes, als auch das heruntergekommene Arbeiterviertel Gatow und die Betonwüste Staaken, die fließend in das Elend von Falkensee übergeht. Aztechnology hat sich mit Aztech-Schönwalde das „Sahnestück“ aus „ihrem“ Bezirk herausgeschnitten – der Rest des Bezirks war schon vor der Berliner Einigung aufgegeben worden, als klar wurde, dass der Traum von Berlin als glitzernde Konzernstadt nicht zu halten war.

Kein Wunder eigentlich, dass Wojenko wenig Lust hat, im schäbigen Rathaus Spandau umgeben von halbfertigen Hochhausruinen zu arbeiten, wo er praktisch nonstop zu wichtigen Anlässen in die feinsten Lokalitäten Berlins geladen wird – wenn er denn in Berlin ist, denn seine Position als wichtigster Repräsentant der Spreestadt führt ihn immer wieder fort, nach Hannover, nach Essen, nach Brüssel, London, Paris, auch Übersee (gerade erst kommt Wojenko von einer Asien-Reise aus Tokio zurück, zu der Berlin bereits seit 1994 eine Städtepartnerschaft unterhält).

Als Alternativen zu Wojenko bietet sich neben einigen allerdings chancenlosen Krawallmachern aus den autonomen Nachbarschaften wie der Lynarstraße und Eiswerder vor allem die Geschäftsfrau und „Ex“-Hackerin Doris „Yori“ Floricic an, deren 2069 neu gegründete „masterControl Agentur für Netzüberwachung“ nach erfolgreichem BERVAG-Pitch zu den erfolgreichsten Berliner Privatunternehmen zählt: Für verhältnismäßig wenig Geld übernahm Floricic den unvollendeten „Obelisken“, einen Spitzdachbüroturm am Havelufer auf Höhe der Spandauer Altstadt, der in seinem schäbigen Äußeren ein noch von Aztech eingebautes, hochmodernes Lichtfasernetz für die zukünftige Havelmetropole Spandau beherbergte – inklusive im Boden versenktem Rohbau zur Unterbringung eines Datentresors und einer Serverfarm. Ausgestattet mit ihren Fähigkeiten, neuer Tech und wenig Nachweisen, woher ihr Geld für all das kommt, ergatterte die international bestens vernetzte Yori den Job, die Berliner Matrix im Zuge des global beobachtbaren „Netzüberwachungswahns“ durch permanente Security Scans „sicherer“ zu machen.

Als Selfmade-Frau mit just der richtigen Mischung aus Rebellion und Profitsinn stehen Floricics Chancen gar nicht schlecht, es in Berlin weit zu bringen – ob allerdings schon bei dieser Wahl, muss bezweifelt werden: Die Unternehmen fürchten, sie könnte eine Hackerin sein, die in Berlin den größten Heist aller Zeiten plant. Die Anarchos fürchten, Yoris Insiderwissen über die Methoden, Denkweisen und auch Netzwerke der Hacker könnten dazu führen, dass Berlins Matrixnetz tatsächlich effizient gesichert wird – kein angenehmer Gedanke.

Tempelhof

An Dr. Franziska Landolts Wiederberufung zum Bezirksvertreter gibt es nicht den geringsten Zweifel – Saeder-Krupp führt auch keinen Alternativkandidaten an, sondern weist stattdessen aus, eine „interne Arbeitsgruppe“ habe sich „nach intensiven Audits, Rücksprachen und runden Tischen mit allen Konzernbürgern“ darauf verständigt, Landolt „ohne Vorbehalt“ das Vertrauen auszusprechen, ihre „exzellente Arbeit“ „gerade in schwierigen Zeiten“ fortzuführen.

Tatsächlich scheint S-K so interessiert daran, Landolt lebendig im Amt zu halten, dass deren bereits hohe Sicherheit nochmal massiv aufgestockt wurde: Man möchte Attentätern, Saboteuren und Runnern eindeutig keine Gelegenheit bieten, diesen Aspekt der S-K Geschäfte Berlins zu stören, Hestaby und Drachenhass hin oder her. 

Bei ihren wesentlich spärlicher gewordenen Auftritten seit Ausbruch des „Drachenkrieges“ wurde Landolt von 6 S-K Wachen in Vollrüstung sowie mindestens 2 hochrangigen Konzernmagiern flankiert. „Gut unterrichtete Schattenkreise“ wollen zudem wissen, dass S-Ks Frau im Rat auch durch Tarnungen, kybernetisch verlinkte Doppelgänger, Unsichtbarkeitszauber und Ähnliches geschützt werde. 

Der Zweite Bürgermeister

Morek Pflügler hat bedingt durch sein unglückliches Einschreiten beim „Kiezpolizei-Skandal“ im alternativen Berlin dort massiv Zustimmung verloren, auf Konzernseite und bei der gemäßigten Mitte aber erneut Anerkennung gewonnen.

Weder Ersteres noch Letzteres hilft ihm in seinem Heimatbezirk Lichtenberg, aber dieser gehört nicht zur Wahlperiode II, insofern ist dies für den Moment und trotz allem medieninszenierten Geunke um eine mögliche „Abwahl“ des Mitschöpfers der Berliner Einheit völlig egal:

Der Zweite Bürgermeister wird berlinweit gewählt, quer durch alle Schichten, Parteien, Fraktionen und Gruppen, und es gibt wenig Personen, die im Schnitt all der unterschiedlichen Berliner Kreise und sozialen Schichten so viel Unterstützung (und Bekanntheit) haben wie der umtriebige Pfarrer, Schlichter und frühere Ausdeuter der Berliner Sokaren.

So versuchen denn die Gegenkandidaten Pflüglers sich mehr oder weniger erfolglos über Wahlkampfthemen wie die vieldiskutierte „Naziarchitektur„-Debatte oder das ewige Thema „Horizontaltangente“ zu profilieren – unterm Strich wird es ihnen wenig nützen. 

Zwar lag S-K Frau Landolt eine ganze Weile weit vorne bei den Buchmachern, indessen hat sie vor dem Eindruck wachsender Spannungen und Vorbehalte gegen den S-K Präsidenten einer spekulativen Kandidatur längst öffentliche Absage erteilt.

Somit rückt in der Tabelle schon die Nummer 3 nach, noch im Juni gehandelt mit Erfolgsaussichten von 1 zu 700, inzwischen auf 1 zu 2.600 abgerutscht: Allenfalls Milena Kilic traute man es noch zu, einige Anerkennungspunkte gegen Pflügler zu erzielen – bis die erneute Entlastungsstraßensperrung als Sommerlochthema 2074 auch diese Hoffnung zerschlug. 

Spannend bleibt der öffentlich geführte Streit um die Themen Berliner Mega-Bauwerke und Tangente trotzdem:

Beide Themen haben den Punkt gemein, dass die alternativen Vertreter gerne Verträge und Beschlüsse nochmal neu diskutieren und beschließen möchten, welche die Konzernregierung vor der Berliner Einigung gefällt/in Auftrag gegeben hat.

Kerngegenargument der Konzerne dabei ist, dass deren „legitimer Berliner Rat“ (und die BERVAG, damals in anderer Rechtsform) gültige und bindende Verträge geschlossen hat und eine Änderung/Auflösung erhebliche Konventionalstrafen und Mehrkosten nach sich ziehen würde, die dann ganz Berlin zu tragen hätte.

Gegenargument der Alternativen ist, dass die Verträge durch die Konzerne geschlossen wurden und dem entsprechend auch nur durch diese zu bezahlen wären.

Das abendliche Unterhaltungsprogramm ist also bis Sonntag garantiert. 

Viel Text, wenig Kommentare – habt ihr Biofeedback-Überladung?
Corpshark

Nein, nur Lags ohne Ende, und ich hab grade drei Verteilerknoten durch Überlastung verloren. Im Vorfeld der Wahl ist der Traffic in der Kabelmatrix im tiefroten Bereich – da kackt unser System schonmal ab. Gib mir 10 oder 20 Stunden zum werkeln, dann laden die Kommentare und hoffentlich auch die bereits eingefügten Errata nach.
Tolstoi

<<< PING LOST >>>

 

Shadowrun 2050

Drachenbrut 04 | Die Brut des Drachen (4)


HAMBURG – WEIHNACHTEN 2035

Schneeflocken treiben in Kreisen durch die Straßen. Auf den Gehwegen drängen sich Mäntel und Pelzjacken aneinander vorbei. Tücher, Hüte und Schals verbergen die Gesichter, die Hände in den Taschen oder um bunte Pakete geschlungen.

Bunte Lichter erleuchten die Gehsteige, zeichnen scharfe dunkle Konturen um den zusammengesunkenen Körper gegenüber dem Einkaufszentrum Rathausstadt. Schnee bedeckt seine Schultern, seine Arme, seine Beine, sein Haar. Seine Stiefel haben Löcher. Seine Handschuhe hat man ihm gestohlen.

Er hat ein Pappschild vor sich aufgestellt, bekritzelt mit den einzigen Worten dieses fremden Landes, die er kennt, und er kennt sie gut:

HUNGER. KALT. BITTE HILFE !

Ein Schneepflug bläst Fontänen von Schnee über ihn. Kälte, die sich in seine Wangen beißt, vermischt mit dem Geschmack von Chemo-Salz.

Weihnachten war früher eine gute Zeit zum Betteln. Gewissenserleichterung für die Reichen.

Heute nicht. Nicht für ihn.

Geld klimpert in der Mütze eines Bettlers wenige Schritte entfernt. Fröhlich verneigt er sich, wünscht ein gesegnetes Weihnachtsfest. Wünscht ein frohes neues Jahr.

Der Unterschied zwischen der halberfrorenen Gestalt an der Mauer und dem Alki ist ebenso klein wie entscheidend: Der Alki ist Deutscher. Der andere ist Russe. Einer von denen, die Deutschland angegriffen haben. Einer von denen, der geraubt und geplündert hat, der vergewaltigt und gemordet hat.

Tolstoi hat es gesehen, im Schaufenster eines Fernsehgeschäftes. Es war ein Spielfilm, der Kassenschlager des letzten Jahres: „Mission Nightwraith“. Joachim Berenborg in der Hauptrolle, mit Nastassja Velankova als die böse KGB-Agentin. „Nach einer wahren Geschichte.“

Kaum einer in Deutschland, der den Film nicht gesehen hat – und geglaubt hat. Tolstoi hat ihn auch gesehen, 2 Tage nachdem er in Hamburg angekommen war. Geglaubt?

Friede auf Erden – und Tod allen Russen.

Merry Christmas.

Müde kratzt sich Tolstoi den Schorf von der Stirn, Spuren einer Begegnung mit Jugendlichen vor einigen Tagen. Keine Skinheads. Keine Gang-Leute. Ganz normale Corp-Kids. Zuerst warfen sie Steine, dann haben ihre Bodyguards auf ihn geschossen.

Seine Wunde am Bein hat sich entzündet. Trotz der Kälte ist ihm zum Ersticken heiß. Mehr noch als nach Essen und Wärme sehnt er sich nach jemandem, mit dem er reden könnte. Aber er sieht nur Stiefel und Mäntel-enden, Silhouetten von goldsternbemalten Paketen und Fröhliche-Weihnacht-Taschen.

Die Hilfseinrichtungen für Arme haben seit den Eurokriegen ein neues Schild: „Kein Zutritt für Kriegsverbrecher.“

Alle Russen sind Kriegsverbrecher – sogar die Kinder.

Er hat sich an den Elfenschutzbund gewandt – aber auch die konnten ihm nicht helfen. „Du wirst nicht wegen Deiner Rasse verfolgt – und unser Geld ist knapp, verstehst Du ? Geh doch zu den Armenhäusern, da wird man Dir helfen.“

Danke, Brüder.

Tolstoi hat gehört, daß es irgendwo Internierungslager für Illegale Einwanderer aus Rußland geben soll – KZs, mit anderen Worten. Sein Blick streift die Werbetafeln am Haus gegenüber, das leuchtende Logo von MItsuhama, von SK, von Toshiba-Nikon.

Die Megakorps haben gesiegt – auf der ganzen Linie. Ihm ist, als lachten die Werbeschilder über ihn.

Nichts wirst Du haben. Nichts.

Er will die Lippen zu einem Lächeln verziehen, doch bereits der Ansatz der Bewegung läßt sie aufspringen. Vor Schmerz hält er inne, fingert in seinen Taschen nach dem Gefühl schwarzen Leders.

Er holt eines seiner Bücher hervor, blättert durch die Seiten. Hält inne.

Auf der Seite, die vor ihm liegt, ist die Zeichnung eines Ankh. Es ruht auf der sanften Wölbung in schwarzen Stoff gehüllter Brüste. Er weiß nicht mehr, wann er es gezeichnet hat. Es ist auch egal. Er blättert um, betrachtet die Rückseite des Blattes. Nur ein kleiner Vers steht darauf, und ein ziemlich schlechter noch dazu, dessen tieferer Sinn ihm irgendwann abhanden gekommen ist:

Seelen treiben haltlos

durch Zeit und Raum,
durch Dunkel und Licht
durch Liebe und Angst
durch Elend und Freude

Ohne Sinn gleiten sie
von Traum zu Schicksal
von Wahrheit zu Leid
von Zweifel zu Wahrheit
ohne zu wissen, warum.

Wir wissen nicht, auf welchem Baum wir gewachsen
Wir wissen nicht, welchem Blatt auf unserem Weg wir begegnen werden
Wir wissen nicht, ob es der Wind ist, der uns treibt, oder unser eigener Sinn

Und doch landen wir alle auf diesem einem Grund
Ob reich, ob arm
Ob Alb, ob Mensch
Ob Drache, ob Prinz

Wir alle landen
In ihrer weißen Hand.

Und dies ist es,
was meine Tränen trocknen läßt,
denn wo Gewißheit ist
ist Stärke.

Er runzelt die Stirn. Der Sinn des Gedichtes ist ihm verloren. Erkaltet. Verhungert. Das Blatt nur ein weiteres Blatt, eines von vielen. So vielen.

Anfangs hat er sich gelobt, sich jedes einzelnen Blattes zu erinnern. Doch heute schon hat er sie alle vergessen. Fragmente bleiben, hallen nach in seinem Kopf, doch da sie ohne Halt und Sinn sind, verblassen sie.

Er zwinkert kurz, als er die gefrierende Feuchtigkeit am Rand seiner Augen bemerkt, dann reißt er das Blatt aus dem Buch heraus.

Legt es sorgsam auf dem Boden zusammen.

Und zündet es an, um sich die erfrierenden Finger zu wärmen.

[36] Berliner Specials

… die man auf einer Berliner Speisekarte finden kann.

36dinge ist die Kategorie für Listen, die dir als Spielleiter das Leben einfacher machen können. Wann immer dir grade eine Idee fehlt, im Run die Action stockt, Downtime oder Wartezeit auf später eintreffende Spieler zu überbrücken oder eine Beschreibung “mal eben aus dem Ärmel geschüttelt” werden muss, helfen die Listen der 36dinge, den kleinen Denkanstoß zu geben.

Gewürfelt wird auf den Listen mit 2W6, wobei einer die “Zehnerstelle” und der andere die “Einerstelle” ist.

36 Specials sind Drink- und Food-Highlights, welche die Shadowrunner als „Empfehlung des Hauses“ in einem Berliner Restaurant, einem Fast Food Store oder einer Kneipe erhalten können.

Geschmack. Ein optionaler Zusatzwurf kann feststellen, wie das Special dem Charakter mundet:
1 Fantastisch! Sein neues Lieblingsspecial!
2 Geil! Davon könnte er noch mehr vertragen!
3 Okay. Besser als gedacht.
4 Naja. Fad. Irgendwie Bäh.
5 Eklig! WIL+KON (2) um es irgendwie runterzukriegen, ohne das Gesicht zu verziehen.
6 GRAUSAM!! WIL+KON (4) um es nicht sofort auszuspucken/auszukotzen!

 

36 Specials

Drinks

11 Kurzer mit Bart
12 AK Burner
13 Flammenstoß
14 Hirnripper
15 BrainDead
16 Schockwelle

21 Curry Flip
22 Curry Daiquiri
23 Ego Shooter
24 Tausendtöter
25 MDKBDZS Musst Du Kotzen Bist Du Zu Schwach
26 Cool Ghul

31 Shiawase Samurai
32 Bloody Aztech
33 LoveWyrm
34 Bug Lover
35 BTL Beat The Liver
36 Rude Beer

Speisen

41 Falscher Drache
42 Seppuko Curry
43 Frozen Spare Ribs
44 Das Glückliche Echte Bio Huhn
45 Soyapampe mit was drauf
46 Soyapampe ohne was drauf

51 Schmidt im Feuertopf
52 Bruzzelschwampf und Chinaknödel
53 Kiezgemetzeltes
54 Remember the Alamo Auflauf (20K Kalorien)
55 Gärtnersalat mit Flauvian-Dressing
56 Qi Gong Energie Salat

61 Ripperdocs Favorite
62 Heilige Zehnfaltigkeit Pizza
63 Tagesspezial
64 Soyabulettensushi mit Tai Pan Bami Goreng Salat
65 Hot Trog
66 Leviathansteak mit Megapommes und Sondersoße des Hauses

Drachenbrut 04 | Die Brut des Drachen (2)


HAMBURG – 2044

Im Zwielicht der Stroboskoplichter verzerren sich selbst freundliche Gesichter zu Schattenbildern des Hasses. Ihren klaffenden Mäulern entweicht weißer Dampf, doch der Duft des Tabaks verliert sich im Versprechen des Verfalls. Durch die flirrenden Schatten der Tänzer blitzt ab und an ein weißes Gesicht auf, die Augen tief im Schatten des schwarzen Haares verborgen.

Die Glut seiner Zigarette enthüllt kurz seine müden Züge, den leeren Blick seiner Opti-II Cyberaugen, die Spuren von saurem Regen auf der zerfaserten Oberfläche seiner Lederjacke. Die anderen Jäger der Nacht meiden ihn, instinktiv, wie die Tiere einer Herde ein krankes Tier meiden. Der Gestalt in dem grauen Ledermantel auf der anderen Seite des Raumes ist es recht. Sein Blick zoomt in die Dunkelheit, Lichtverstärker zerreissen die Dunkelheit in gepixelte Grautöne.

Daten flirren über das Gesichtsfeld des Jägers, in der oberen Ecke öffnet sich ein Fenster, das das Gesicht eines schwarzhaarigen Elfen zeigt.

Übereinstimmung 89.8% – MATCH.

Es ist noch gar nicht so lange her, daß die Person in dem Ledermantel gemeinsam mit eben jenem Elfen gearbeitet hat. Der Run lief ohne Komplikation – ein Datasnatch aus einem Kongebäude nahe Geesthacht.

Seine Kenntnisse über den Elfen kommen ihm jetzt zugute: Der Typ ist ein Decker, ungecybert bis auf seine russischen Augen und das Datajack, das schon seit Jahren vor sich hin oxidiert. Ein Loser.

Gismaine nahm an, daß ihr Kontaktmann für den Run, Rote Wolke, Mitleid mit dem Ex-Soldaten gehabt hatte und ihn deshalb dem Team förmlich aufgedrängt hatte – was okay war, denn Dirty Gilbert hatte es beim Run davor zerblasen, und ein billiger Decker war besser als gar keiner.

Der Russe war, nach allem was Gismaine über ihn in Erfahrung hatte bringen können, vor X Jahren mal ein ziemlich heißes Talent gewesen, aber heute, ’44, war sein Wissen veraltet. Der Typ wußte das natürlich, klebte den Rest seines Verstandes mit Wodka und BTLs zu. Vermutlich würde er seinen Tod sogar begrüßen.

Eine schlanke Zigarette entzündend, denkt Gismaine über seine Optionen nach.

Scheiße, ich bin kein Verräter.

Die Waffe in seinem Brusthalfter schmiegt sich sanft an ihn, eine Automag .44, extra langer Lauf, Schall- und Blitzdämpfer. Geladen mit einer Silberkugel (der Decker hatte erwähnt, daß er gegen Silber allergisch sei – ein weiteres Indiz seiner Unprofessionalität – oder seines Todeswunsches).

Gismaine weiß nicht genau, worum er sich eigentlich Gedanken macht. Der Elf hat in irgendeinem Puff in Wildost einem Exec von AG Chemie das Licht ausgeknipst, und selbige Firma hat ein Kopfgeld von 2.000 auf seinen Kopf gepackt. Und hier sitzt der Typ im „Höllenloch“ und dröhnt sich die Rübe zu, als ob nichts wäre.

Wenn ich ihn nicht erledige, tut“s ein anderer – und ich brauche die Scheißkohle.

Langsam bewegt sich Gismaine vorwärts, zerteilt die Menge der Tänzer um sich herum. Blicke streifen seinen Blick, Augen erkennen den Blick des Jägers, wenden sich ab. Die Herde wird unruhig, weicht langsam zurück, riechend, daß der Jäger sein Opfer kennt, dankbar, daß sie es nicht selbst sind.

Blitze erhellen das bleiche Gesicht des Elfen, ein schlankes Kabel führt zu einem SimSinn-Gerät Marke Paradise von Daisaka-Sony. Neuanschaffung, mit der Kohle vom Run. Er wird nichts spüren.

Eine Bewegung zu seiner rechten läßt Gismaine innehalten. Flüchtig streift er sich eine Locke fahlblonden Haares aus seinen Augen, registriert die Bewegung erneut.

Auf der Theke erwacht die schwarze Gestalt einer Katze zum Leben, die er bis eben für ausgestopft gehalten hat. Sein Blick begegnet dem ihren. Goldene Augen leuchten ihm entgegen.

Gismaine bemerkt die Bewegung von Stoff auf seiner Haut, blickt herab zu seiner rechten Hand. Ungläubig starrt er auf die grazilen Finger, zwischen denen die Smartgun-Verbindung im Schein eines Stroboskoplasers kurz aufblitzt. Wie eine Spinne tastet sich seine Hand unter den Ledermantel, kriecht an seiner Brust empor.

Sein Kopf zuckt empor, zur Katze, die ihn ebenso wie vorher stumm fixiert – teilnahmslos. Seine Augen irren zwischen dem goldenen Glanz der Katzenaugen und seiner Hand umher, die nun das Silber der Automag von ihrer ledernen Umhüllung befreit hat. Das lähmende Entsetzen weicht der nackten Angst des Jägers, der erkennt, das er es ist, der gejagt wird.

In Panik wirft er sich nach vorne, prallt hart gegen den Körper einer Frau, die von der Wucht des Aufpralls zu Boden gerissen wird. Seine freie Hand schnellt in die Höhe, versucht, Halt am Rand der Theke zu finden, greift glattes Metall, während seine Beine unter ihm wegklappen.

Seinen Blick auf den der Katze geheftet, spürt er die Kühle der Waffenmündung auf seiner Schläfe. Schreie durchdringen sein Gehör, als die Herde in Panik auseinanderfährt. Das Klick der Waffenentsicherung sendet Erschütterungswellen durch seinen Kopf.

Goldene Augen funkeln ihn an.

Er blickt zurück.

Und flüstert.

„Warum ?“

– – –

Irgendetwas hat die Vögel aufgeschreckt, siehst Du, Mischka? Siehst Du sie aufsteigen aus den Tiefen der Wiesen, wie ihre Schwingen den Nebel zerreissen ? Ihre schweren schwarzen Leiber steigen empor aus dem Wiesengrund, heben sich hoch in unendlich blaue Himmel, blauer als alle Himmel, die je wirklich existiert haben. Ihre Schreie klingen so fremd, so voller Angst. Was hat sie erschreckt?

Da. Doch, ich höre es, wie ein sanfter Schauer aus einer fernen Welt. Ein Jäger hat geschossen, weit hinter den dornigen Wäldern, die dieses grüne Tal umgeben.

Meinst Du, er hat seine Beute erlegt, Mischka ? Hm ? Meinst Du?

%d Bloggern gefällt das: