Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

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Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (10) – Der letzte Teil

TIR N’ZAGH – 2045

Lautlos gleitet der schwarze Saab Dynamite die knochige Straße entlang. Der Motor gibt nur ein hohes Pfeifen und ein sonores Surren von sich, während unter den Rädern Kiesel und Staub emporgeschleudert werden. Die Straße ist kaum mehr als ein breiter Weg, der vor sehr langer Zeit in die Berge gemeißelt wurde.

Eine weitere Kurve bleibt hinter den verspiegelten Scheiben zurück, unterdessen über dem nächsten Felsvorhang ziselierte Spitzen eines Schlosses aus schwarzem Stein auftauchen.

Der Wagen passiert zwei Megalithen, die sich rechts und links des Weges erheben. Vor dem Tor zum Schloß stehen zwei in schwarze Rüstungen gekleidete Wachen, gekrümmte Schwerter an ihrer Seite, eine schwarze Hellebarde in Händen, an deren Spitze vom matten Wind bewegt ein rot-schwarzes Banner dümpelt.

Nun ist es der massive Leib des Sportwagens, der deplaziert wirkt in der Szenerie.

Der Kreis schließt sich.

Mit tiefem Brummton passiert er die reich verzierten Drachenköpfe, deren ausdrucksloses Gesicht geringschätzig auf das gebogene Stahl des Fahrzeuges fällt. Der grau-blaue Himmel gleitet behäbig über die verspiegelten Scheiben des Eindringlings, der sein donnernd-summendes Rollen schließlich verliert. Unter dem Auto wird ein schwarzer Stiefelschaft sichtbar, dann noch einer.

Aus der offenstehenden Fahrertür klingt dumpf das Donnern einer hochgetuneten Baseline. 1980er Stil E-Gothik.

If I’m out of touch and need reminding
just tell me I have been found
I’m walking to a new dimension
I have left familiar grounds
All the things I do
maybe seem to you
as forced behavior but I can’t
really change your mind
this is my time
Annie you would not understand

Der Fahrer des Wagens hält inne, schiebt sich die dünne Sonnenbrille auf der Nase hoch und beäugt den auf dem Amaturenbrett des Wagens plazierten Fernseher, der sich mit sanftem Surren in seine Richtung dreht.

I become blind
I lost my mind
yes you know but Annie would I lie to you
I’ve got control
this is my show
listen to me Annie would I lie to you

Der hochgewachsene Mann lächelt leicht, streicht sich schwarzes Haar aus der Stirn. Mit leichter Bewegung nimmt er ein schweres Stoffpaket auf, das er zu einem Umhang entfaltet. Nur kurz erscheint ein kleiner schwarzer Schatten am Fuß der Beifahrertür, der mit emporgerecktem Schweif dem Portal entgegeneilt.

I still have my name
I still have my face
I have not run away from home
Doesn’t seem so wrong
if I not embraced
every single thing I’ve never known

Der Ton reißt ab, als der Mann den Fernseher ausschaltet.

Eine gleichsam schwarze Sporttasche findet ihren gehorsamen Platz an der Seite der Combat Boots, unterdessen der sanfte Schauer sacht einschnappender Schlösser durch den Burghof rieselt.

Der schwarzhaarige Elf, der nun, die Sporttasche über die Schulter geworfen, dem Hauptportal entgegengeht, klappt die Sonnenbrille zusammen und läßt sie in das Innere seiner Lederjacke gleiten.

Vor ihm öffnen sich die schweren gußeisernen Portalflügel, zwischen denen er winzig erscheint. Auf der obersten Stufe der Portaltreppe wendet er sich nochmals um und blickt eine leere Stelle grünen Grases im Burghof an. Lächelt sanft.

Dann betritt er die Eingangshalle, deren kühle Luft ihm einen Begrüßungskuß auf die Wange haucht.

Endlich zu Hause.

Eine dünne Gestalt fliegt von rechts auf ihn zu, wirft sich ihm um den Hals.

„Nikuriel, Ihr seid zurück !“

Verwirrung überkommt ihn. Vermischt mit Traumbildern und den Erinnerungen seines „Vor-Lebens“ ist ihm das Bild der bleichhäutigen Banshee entglitten, und erst einige Sekunden später kommt es zurück.

„Meine Teure, ich hoffe, Ihr habt Euch im Schoße meines Thrones wohlgefühlt.“

Die schlanke Gestalt der Frau erstarrt. Versucht, in den grünen Augen des Elfen zu lesen. Sie läßt ab von ihm, geht einige Schritte zurück.

„Ich habe nur erfüllt, was mir aufgetragen wurde.“

Sicher

„Und dafür möchte ich Euch danken, werte Katharizna. Ihr müßt meine schroffe Begrüßung verzeihen, aber die Wirrungen der Magie, die mich zurückbrachte, legt sich oftmals wie ein Schleier über meinen Geist. Zuweilen erscheinen mir Irrbilder von vergangenen Ereignissen, da ich ruhte, in denen ich Euer Wirken sehen soll. Aber natürlich ist solches Wahnsinn. Verzeiht.“

Und damit schreitet er an ihr vorbei in Richtung der breiten Treppe zum Thronsaal. Auf dem zweiten Absatz dreht er sich nochmals um:

„Oh, bevor ich es vergesse: Bitte sendet doch Eure Boten nach Nadjuseanel aus. Mich dürstet nach ihrem Antlitz, daß ich so ungewohnt und ungewollt lange vermissen mußte. Ich verlasse mich auf Euch.“

Ehe sie etwas entgegnen kann, wendet er sich ab und setzt seinen Weg zu den schweren Steintüren fort, die er mit einer Handgeste aufschwingen läßt.

Im Halbdunkel des Thronsaales ruht ein lichtloser Berg schwarzer Schuppen, dessen Brust sich in großer Ruhe hebt und senkt. Die Augen des Drachen sind geschlossen, nur ab und an glimmt ein fahles blaues Leuchten zwischen hornigen Lidern hervor.

Ohne daß sich seine Lippen bewegen, schickt der Elf Worte in den Geist des schlafenden Drachen, während er zugleich eine schwarze Katze vom Boden aufnimmt.

Erwache, Mordrak-Khan. Wir haben viel zu bereden.

E N D E

 

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Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (9)

BEVAL – WEIHNACHTEN 2031

Die dünne Metalltür zu den Unterkünften fliegt auf, treibt eine Wolke Schneeflocken über den schmierigbraunen PVC-Belag des Bodens.

Hastig treten dick Vermummte in den Raum, der Größte der fünf rammt die Tür hinter sich zu. Unter der dicken Kleidung, den Schneebrillen und Waffengurten, den Atemmasken und Panzerfäustlingen ist nichts von ihrer Identität auszumachen außer den Registriernummern, die auf einem festgenuteten Etikett an ihren Schultern eingestanzt sind.

Der Troll befreit als erster sein Gesicht von der Maskierung, blickt starr geradeaus und flucht.

„Was mich echt ankotzt, ist, daß diese Scheißbrille immer beschlägt.“

Er sucht seine Arme nach einem trockenen Stück Stoff ab, mit dem er seine dünn umrandete Brille abwischen könnte, findet aber keines. Die schwere Sturmkanone knallt schallend zu Boden.

Unter der Pelzverkleidung der Kapuze kommt Venkas Gesicht zum Vorschein, die sichtlich Mühe hat, auf dem glatten Boden zu stehen – zemtimeterdick klumpt Schnee unter ihren rutschfesten Stiefeln.

„Soll das heißen, daß Du ohne Brille die Kletterwand geschafft hättest ?“

„Hrrmph. Goten sollten zum Draufschlagen ausgebildet werden, nicht zum Herumklettern.“

„Und auch Dir frohe Weihnachten“ meint Dimmi mürrisch, der noch nicht die Schneebrille abgesetzt, aber bereits eine angenäßte Zigarette angezündet hat. „Tong“ um „Tong“ läßt er die Granaten aus seinem Gürtel in die metallene Reservebox fallen, lehnt sich dann an den Blechschrank.

„Hey, freut euch doch über den Schnee – solange es derart arschkalt ist, werden die Deutschen wohl eher zuhause bleiben, statt an der Front ihre Hoden einzufrieren.“

Die sonore Stimme gehört zu einem muskelbepackten Sarmaten, der erst vor 14 Tagen in das Trainingslager gekommen war. Sein Name ist Wolodja – das heißt, so nennen ihn alle. Im bürgerlichen Leben heißt er Wladimir Iwanowitsch Andropov und ist Taxifahrer in Moskau, verheiratet, 4 Kinder.

„Willkommen in Stalingrad“ läßt Tolstoi vernehmen, der sich dicke Klumpen Eis von den Fäustlingen klopft, indem er sie wiederholt gegen den Schrank pfeffert. Wie bei allen ist seine Stimmung durch die komplette Streichung aller Heimurlaubsgesuche für Weihnachten nicht gerade die Beste.

Streichung von Weihnachtsurlaub für alle Grade – ein solcher Schlag gegen die Truppenmoral mußte triftige Gründe haben. Gründe, die Tolstoi wahrscheinlich nicht gefallen würden.

Auf dem kleinen Ofen des Zimmers pfeift der Teekessel, was Bewegung in die abgekämpften Rekruten bringt. Für später ist eine kleine Weihnachtsfeier in der Kantine vorgesehen, wo auch die Weihnachtspäckchen verteilt werden sollen.

Tolstoi blickt kurz über die Schulter zu Venka zurück, die geistesabwesend die Sohlen ihrer Stiefel mit einem Armeemesser bearbeitet. Das bevorstehende Fest macht sie niedergeschlagen.

Für sie würde kein Päckchen kommen, da ihre Familie – wie sie selbst Georgier – in den seit Monaten anhaltenden Unruhen in der Region umgekommen ist – einer der Gründe, warum sie sich freiwillig zur Front gemeldet hatte.

Tolstoi schiebt das in graues Zeitungspapier eingeschlagene Päckchen tiefer in sein Versteck unter die lange Unterwäsche und lächelt. Der Gedanke an ihre Überraschung, wenn bei der Paketverteilung ihr Name ausgerufen wird, hatte ihn gewärmt in den letzten Tagen.

Still hoffte er wider aller Wahrscheinlichkeit, daß sein Päckchen an Nadja durch den Schwarzmarkt zugestellt werden würde. Fast 800 Rubel hatte er sich die Zustellung kosten lassen, aber seine Hoffnungen waren dennoch begrenzt.

„Kennt ihr den ?“, wirft Dimmi ein, „Was ist der Unterschied zwischen einem Soldaten, einem Offizier, einem General und einem Militärarzt ?“

Ghandi schnauft unverständlich. Venka flucht, weil sie sich an der Teekanne die Finger verbrannt hat. Wolodja puhlt seinen Bart aus dem Reißverschluß der Panzerweste. Tolstoi durchsucht den Spind nach seinen Zigaretten.

„Also: Der Soldat tut alles, weiß aber nichts, der Offizier tut nichts, weiß aber alles, der General tut und weiß nichts, und der Sani tut alles, aber erst, wenn’s zu spät ist.“

Niemand lacht – außer Dimmi. Der nimmt eine Prise Schnupftabak und läßt sich aufs Bett fallen, kramt ein Pornoheft hervor und studiert den Inhalt.

„Ghandi ? Hast Du noch Kippen ?“

Wortlos reicht der hühnenhafte Gote Tolstoi eine Zigarette, deren Form mehr einem überfahrenen Regenwurm gleicht.

„Errh… Danke.“

Venka gießt heißen Tee in Zinnbecher, die schnell so heiß werden, daß man sie kaum anfassen kann. Wolodja studiert kurz das Chaos aus Stiefeln und Jacken, das auf dem Boden verstreut ist, rappelt sich auf, studiert es weiter, macht eine wegwerfende Geste mit seiner Hand und setzt sich wieder hin.

Teetrinken. Schweigen.

„Wenn Dir das nächste Mal der Abzug festfriert, solltest Du ihn mit einem Feuerzeug enteisen“ meint Ghandi zu Wolodja schließlich.

„Spitzenidee“ brummelt der Zwerg, der immer noch dabei ist, Eisklumpen aus seinem Bart zu pfriemeln. „Besonders nachts bei Schneesturm – Entweder Du kriegst es nicht an oder Du sagst dem deutschen Heckenschützen, wohin er feuern soll.“

„Mein Gott, war ja nur’n Vorschlag.“

Schweigen.

Dimmi pfeift durch seine Hauer, während er sein Heft um 90° dreht und ausklappt. Venka rollt mit den Augen. Ghandi rutscht interessiert rüber. Pfeift ebenfalls.

Schweigen.

Dimmi blickt auf, studiert die Gesichter der anderen. „Sagt mal, seid ihr down oder so ?“

Schweigen. Verächtliches Schnauben.

Humorloses Lachen.

„Okay.“ Er setzt sich auf. „Ich werd‘ euch ne Geschichte aus Omsk erzählen, weil da komm‘ ich nämlich her.“

„Bitte, Dimmi, mir ist auch so schon schlecht.“

„Nu sei mal nicht so verweichlicht, Venka, in Omsk haben wir viel strengere Winter als dieses bißchen Schneetreiben hier. Mann, in Omsk wars mal so kalt, daß den Leuten die Augen zu Eiswürfeln gefroren sind…“

„… und die Kinder macht der Papst.“

„Nee, echt. Weihnachten in Omsk, da wird’s so kalt daßde nichmal’n Tannenbaum fällen kannst, weil der ganze Stamm durchgefroren ist. Hart wie Granit ist das Eis da. ‚N Kumpel hat mal versucht in so ’nem strengen Winter mit’m Kettenmolch so’n Ding umzulegen, und auf einmal sind ihm die Metallspitzen der Sägkette um die Ohren geflogen.“

„Laß mich raten – und die haben ihm ganze Fleischfetzen aus dem Gesicht gehauen, aber er ist trotzdem noch 100km nach Hause gejoggt und hat Weihnachten gefeiert.“

„Ach, Du kennst Michail ?“

Schweigen.

„Das ist ja nicht zum Aushalten mit euch. Okay, um euch vonner Kälte abzulenken: Also, in Omsk, da war’s in nem Sommer mal auf einmal so brachial heiß, daß die Ratten auf der Straße explodiert sind. Ham sich aufgebläht und KABWORF flogen einem Fellfetzen umme Hauer. Dabei sind die Biester schon unaufgebläht riesengroß. Vergeßt diese Laschratten, die wo se im Fernsehen immer zeigen, diese Teufelsmäuse. Mann, in Omsk sind die Ratten so groß, daß wir Mongolen unsere Kinder drauf reiten lassen…“

„Ghandi, gibst Du mir mal den Wodka ?“

„… und wennse zu Weihnachten so richtig fettgemästet sind von dem laschen Tourivolk, was bei uns rumhängt, dann werdense gepökelt. Kannste…“

„Wie spät ham wir’s eigentlich ?“

„…ganze Monate von leben, sag ich Dir. Und das andere Crittervieh erstmal…“

„So gegen 17:30 müßt’s sein – bei meiner Uhr sind die Zeiger festgefroren.“

„…was die sich immer aufregen von wegen Critter in Sibirien. Alles Quark. Das ganze ECHT gefährliche Viehzeug findste nur in Omsk, Alter. Da is‘ nischt mit Wumme raus. Granaten, sach ich euch, ’s das einzige was wo hilft. Ich steh‘ ja eigentlich mehr auf Bazookas und so, sin‘ aber in Omsk schwer zu beschaffen. Da kannste nicht einfach ma kurz anne Ecke gehen und Wummen kaufen, Alter, in Omsk mußte noch richtig kämpfen…“

Venka blättert in Dimmis Pornoheft.

„… mit Fäusten gegen Critterbären, Mann, die sind so groß, daß Ghandi dagegen wie Wolodja aussieht…“

„… Hm ? Was ?“

„… und die haben Pranken, die sind so groß, daß wir das Fell von denen als Sessel verwenden, echt ohne Scheiß. Wenn die Sülze hier vorbei ist, müßte mich ma in Omsk besuchen kommen – wenn ihr den Weg dahin überleben solltet. Hahahahahaha.“

Mit einer Militärmarke kann man sehr schöne Muster in den Handrücken pressen.

Dimmi reagiert nicht auf die hängenden Gesichter, plappert weiter von Omsk.

Tolstoi schwingt sich in seine Liege, starrt zur Decke. Über die aus Preßplatten bestehende Decke ziehen sich Muster aus Nässe und Schimmel. Ausgefranste Klumpen in braun und grün hängen dort wie abnorme Zerrbilder von treibenden Wolken.

Er beginnt damit, sich die Nasenlöcher auseinanderzuziehen, was angesichts zusammengefrorener Haare ein schmerzhaftes Unterfangen darstellt. Sein ganzer Körper kribbelt kühl von der Wärme und der Ruhe, in der er sich befindet.

Er blättert in seinem schwarzen Lederbüchlein. Findet die Seite, auf der sich die Zeichnung der Zimmerdecke befindet. In der Zeichnung sind die Schimmelflecken Wolken, auf denen fern Schlösser zu erkennen sind. Dazwischen hat er gestern den schwarzen Leib eines Drachen gemalt, von dem er geträumt hat.

Träume sind etwas seltsames. Er legt die Stirn in Falten, überlegt, was der Drache für ihn darstellen soll. Ist er ein Symbol des Krieges, der mit schwarzen Schwingen auf ihn zukommt ?

Er korrigiert den Ausdruck der Augen, schwarzt einige der Schuppenpartien nach, bis er den Eindruck hat, das Bild sei ‚richtig‘. Dann schiebt er das Buch unter das Kissen zurück, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und döst unter den vertrauten Geräuschen des Quartiers vor ein.

– – –

„Hey, Tolstoi – wach auf.“

Verschlafen wischt er sich über die Augen. Das Bild des schwarzen Drachen hat ihn im Traum verfolgt. Die letzten Bilder des Traumes entgleiten ihm.

Ein dürres Land, über das ein toter Wind fegt. In der Ferne die schroffen Konturen einer Stadt, über der ein massiver Leib mit gigantischen schwarzen Schwingen hängt.

Feuer überall. Menschen schreien.

Er blickt sich zum Gesicht des Mongolen um, dessen Stirn eine steile Falte aufweist. Ihm wird gewahr, daß die anderen in eine lautstarke Diskussion verwickelt sind. Angst liegt in der Luft.

„Wasn los ? Ist der Weihnachtsmann im Streik ?“

Dimmi versucht sich ein Lächeln abzuringen, versagt aber kläglich.

„Schön wär’s. Die haben gerade die Nachrichten durchgegeben.“

Tolstois Nackenhaare richten sich auf.

„Und ?“

„Russische Tswetok-Jäger haben Berlin bombardiert.“

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (8)

HAMBURG – 2052

Weit unterhalb der lädierten Rotordrohne gleitet der IR-Scheinwerfer des Vans davon, verschwindet im Panorama der fjordähnlichen Mäander Hamburgs.

Eine in schwarzen Halbhandschuhen gekleidete Hand tanzt über das Fernlenkboard, programmiert die Drohne auf Heimkehr nach St.Georg.

Die Hand verschwindet aus dem Blickfeld in die mattgraue Umrandung der Rückenlehne des zerschlissenen Bürosessels. Das Geräusch eines Feuerzeuges ist zu hören, begleitet von einer kurzen Erleuchtung des aus Apfelsinenkisten bestehenden Schreibtisches.

Die Hand erscheint wieder, legt eine Packung Podruga-Zigaretten auf das Riggerdeck. Oberhalb der Rückenlehne breiten sich die Schlangenformen von weißem Rauch aus.

Langsam dreht sich der Bürostuhl. Eine zweite Hand erscheint, um eine Sony-Fernbedienung geschlossen. Aus der Stereoanlage knistert Cyberpunk. Die in mit Schnallen bewehrten Combatstiefeln gehüllten Füße der Gestalt wippen im Takt des Bass-Staccatos.

Die schlanke Gestalt erhebt sich, tritt herüber zum mit Bretter vernagelten Fenster und späht hinaus. Einfallendes Mondlicht erhellt tiefgrüne Augen und Fransen langen schwarzen Haares, streicht über spitz gewölbte Ohren.

Dann zieht sich das Gesicht in die Dunkelheit des Raumes zurück.

– – –

Hamburg Fischerfleet, im „Ruka“, 23:54:30 Uhr

„Ostoroshneje!“

Die hagere Gestalt von Doktor Sitkajev ignoriert die Beschwerde ihres spitzohrigen Patienten. Routiniert umwickelt sie das metallene Stützgestell mit Multiplast, spritzt die Lücken mit schnelltrocknendem Expositschaum aus. Den Kopf schräggelegt, begutachtet sie ihr Werk. Nickt zufrieden.

„Kak dela ?“ fragt sie, schief grinsend.

„Hmph. Pojdjot.“

Tolstoi nimmt einen weiteren Zug aus der inzwischen nur noch halbvollen Wodkaflasche. Rattes rastaüberwuchertes Haupt ist immer noch der Aktentasche zugewandt, Daten flirren über den Codedecryptor, den er in Händen hält.

Quer durch den Raum werfen sich Code und Sergej zwinkernde Blicke zu. Dann kommt sie zu Tolstoi herüber.

„Schicker Schuh – wird bestimmt der Renner im nächsten Jahr.“

„Poschjol won, Durak.“

„Ey, wennde mich schon beleidigen willst, dann tu“s auf Doitsch, klaro ? Abgesehen davon brauchste Dich gar nicht darüber aufzuregen, daß Dein Fuß Matsch ist – weißte, Schmerzen vermitteln dem Körper auch wertvolle Hinweise wie „BELASTE DEN FUSS NICHT“, capice ?“

Das Display von Tolstois Augen zeigt kurz ein ziemlich behaartes Hinterteil und eine Zunge, dann schließt er die Augen erneut, um zu trinken.

„Sach“ ma“, Ratte, wird das heute mit dem Koffer noch was ?“

„Schnauze, Code – Ich hab“s gleich.“

„Das haste schon vor einer Stunde gesagt.“

Rattes Haarfransen fliegen zurück, als er den Kopf hebt. Code lächelt ihn an. Er wendet sich wieder dem Gerät zu, flucht leise durch seinen stoppligen Bart.

„Äh, Tolstoi ?“

„Da, Code ?“

„Äh, wo kann man denn hier… Ich meine… Ach Scheiße, wo geht“s hier zum Pissen, Mann ?“

„Frag“ doch Sergej – Is“ sein Schuppen hier.“

Enerviert steht Code auf und schlendert zu Sergej hinüber. Hinter ihrem Rücken visiert Tolstoi den Mann im Ledertrencher an und legt seinen Finger auf die Lippen.

„Äh… Sergej ?“

„Kak ?“

„Ja, so ähnlich – Ich müßte mal für kleine Elfen, wo kann man denn hier…“

Auf sein Ohr deutend, unterbricht Sergej sie:

„Izwinitje, ja nje ponimaju !“

Code wendet sich zu Tolstoi um.

„Spricht der kein Deutsch ?“

„Du hast es erfaßt.“

„Also dann, was heißt denn „Wo ist Klo“ auf Russisch?“

“ „Gdje zdjes tualjet“ “

„Oh thank you so much… Sergej, Gtschä styes tujalett ?“

Grinsend tritt Sergej zur Seite und gibt die Tür frei, an der er lehnte. Mehrere der Russen im Ruka können mittlerweile ihr Lachen kaum mehr zurückhalten, und selbst Ratte hat seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf den Codeknacker gerichtet. Fluchend rauscht Code durch die Tür aus Sperrholz, während Tolstoi Sergej die Wodkaflasche zuwirft.

In der Luft hängt schwer der Geruch von Kwas, der in mehreren Töpfen über einer behelfsmäßigen Feuerstelle kocht. Bei den Hamburger Exilrussen ist der alkoholische Kwas in siedendheißer Form sehr beliebt geworden – was gäbe es auch Schöneres, als gleichzeitig warm und knülle zu werden?

Mehrere Frauen mit grauen Kopftüchern tragen die heißen Töpfe zu einem Flaschenaufzug, wo er in den Russenmarkt hinuntergelassen wird und zu 8 ecu die Tasse verkauft wird.

Tolstoi schätzt es an und für sich nicht besonders, Fremde in den Schwarzmarkt mitzunehmen, aber angesichts klirrender Kälte und Zeitdruck fiel ihm kein besserer Treffpunkt ein – und Sergej scheint die Bekanntschaft mit Code ausgesprochen Recht zu sein.

„Hitziges Mädchen, was ?“

„Kannst Du laut sagen.“

Eine der Russinen, eine Frau um die 27 mit rußgeschwärztem Haar und gesunden Formen, kommt mit dampfenden Blechtassen zu Tolstoi und Sergej herüber. Dem Elfen zugewandt, fragt sie:

„Butje naschim gostjem ?“

Angesichts einer heißen Tasse Kwas und dem entfernt wahrnehmbaren Geruch von Borschtsch kann Tolstoi zwar kaum die Einladung ausschlagen, aber Codes Wiederkehr erinnert ihn an das bevorstehende Treffen mit dem Schmidt – wenn Ratte den Koffer irgendwann noch aufkriegt.

„Bolschoje spasibo, no ja nje mogu.“

Gedankenverloren dreht er die angerostete Militärplakette, die seit Jahren um seinen Hals hängt, in Händen.

Nikolai Aleksandrewitsch Vladov

-06806270221821030-

Verdammt lange her, das alles.

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (7)

HAMBURG – 2044

Schweiß perlt von der Stirn des weit entfernten Körpers. Geschmiegt in den AgravTech Kontursessel, die Luft angenehm warm, überlagert mit KonPop von Shineside.

Die Welt der Sinneseindrücke seines Leibes im privaten Appartment in Hamburg City-Nord bleibt dem Rigger verschlossen.

Das Surren des Kühlschrankes ebenso wie der beißende Geruch eines glühenden Zigarettenfilters im Aschenbecher, das mattrötliche Licht der Sceneatic Meditation Lichtanlage ebenso wie die stummgeschalteten Musikbilder aus dem überdimensionalen Wand-TV, MTV ADL („Aldimusik“ im Slang).

Über den Schreibtisch sind Notizzettel verteilt, an denen mit Leukoplast häufig Bilddatenchips festgeklebt sind. Klebematerial für medizinischen Bedarf liegt überall verteilt, Werbegeschenke aus dem Hause Beiersdorf, mit dem der Rigger berufstechnisch verknüpft ist (er wird zuweilen mit der Sicherung ihrer Produktionsstätte in Harburg betraut).

Zwischen Hansa- und Leukoplastrollen liegen Kugelschreiber und aufziehbares Plastikspielzeug verteilt.

Eine Hügelkette benutzter Kleidung erstreckt sich vom Schrank im ligne roset Stil zum Badezimmer und von dort aus zur Tür, neben der Pizzaschachteln liegen.

Vom Unterarm des KonRiggers läuft ein rot-grün gestreiftes Kabel in ein asiatisches Billigriggerdeck. Hongkong, 1300 ecu.

Die lautgestellte Musik im Raum stört niemand – komplette Schallisolation ist Standard im Blacktower-Komplex, das Apartment zu 978 ecu im Monat. 600 Watt Harmonie streifen durch den Raum, bringen leere Coladosen und Sushitüten zum Vibrieren:

TV tells me that there“s people dyin“ children cryin“
I feel hopeless and deceived

TV tells me that it“s my fault

Always my fault

Lord Christ, give the light to those whose hearts bleed hatred

Lord Christ, give hope to the poor souls

Don“t want them to bleed

Don“t want them to die

Don“t want this State of Greed

Don“t wanna hear these cries

Don“t they see that we work to make a place of peace for
every soul ?

Don“t they ? Lord ?

We will built this world in bright

white light

(chorus: yeah)

We will work to crush this awesome plight

(chorus: yeah)

of crime and sex and hungry throats

(chorus: yeah)

of lies and shadows bit-fed croaks

(chorus: yeah)

We will fight this world of darkness

(chorus: yeah)

We will stand bright in sharp dress

(chorus: yeah)

We will free them

(Insert: Marching Theme)

We will heal them

Under the Hanseatic Banner

(Insert: Organ Pipes, Trumpets)

Safe and Secure

Forever

Reedhus hört die Musik nicht. Er weiß auch nicht, ob er an die Botschaft der Monats-CD für HanSec-Angestellte glaubt.

Woran er glaubt, ist dies: Daß er den WildOst-Decker kriegen kann.

Sein Chef hat gesagt:

„Nehmen Sie Urlaub.“

Sein Konpsychiater hat gesagt:

„Nehmen Sie am Streßseminar teil.“

Sein Kalenderblatt hat gesagt:

„Reichtum macht ein Herz oft schneller hart als kochendes Wasser ein Ei!“ ( Ludwig Börne)

Er hat den Urlaub genommen, das Streßseminar abgesagt und das Ei zum Frühstück gegessen.

– – –

Die kleine spinnenförmige Drohne schiebt sich weiter über den Rand der lichtzuckenden Leuchtstoffröhre in der Decke der Gemeinschaftstoilette. Zoomt in Richtung des Paares unter ihr. Hungrige Objektive suchen das süße Aroma von Schmutz, erwarten gierig die Transmission einer weiteren Kopulation, ein weiterer privater Moment entraubt und zur Schau gestellt.

Das Bild ihrer stilettartigen Kameraaugen ist grob gekörnt und lediglich schwarz-weiß. Eine Privatinvestition irgendeiner „Assel“, wie die perversen High-Tech-Spanner der 40er genannt werden. Kleine Servos klicken und surren in einem fort, versuchen für den kleinen Kopf des Aluminiuminsekts einen besseren Winkel zu finden.

Überall im Hamburger Ghetto lauern die Asseln, zirpen elektronischen Schmutz über den Infohighway. Sie sitzen unter Deinem Bett und hören Deinen Alpträumen zu. Kleben hinter der Tapete in dem kleinen Puff, in den Du gehst.

Manchmal kommen nachts komische Anrufe, in denen sie Dir erzählen, was sie gerade sehen. Oder wieviel Du zahlen sollst, damit es keiner erfährt. Oder Du hörst einfach nur dieses monotone Schmatzen einer bewegten Vorhaut und das rauchige Keuchen.

Die Asseln sitzen neben Dir im Bus. Folgen Dir zur Arbeit. Wissen was Du ißt. Und alle Asseln lieben die „Cucaraca“-Drohne von Yuan-Choi Industries.

Ihr Besitz ist in der ADL nicht strafbar. Nur das Spionieren in Privatsphären. Deutsche Gesetzgebung, seit den 1950ern unverändert.

Schon minutenlang dauert die stille Umarmung des Elfen und der jungen Frau. Regungslose Liebkosung. Elektrische Fehler im Displaysystem vermitteln den Eindruck, beide würden von einem Licht umtanzt.

Störbalken flirren über den Bildschirm, indem sich die Luft mit statischer Elektrizität füllt – vielleicht irgendein Freak mit seiner Sendeanlage im Stockwerk obendrüber.

Die helle Bildstörung um das Paar scheint sich zu verdichten. Elektrische Interferenzmuster stehen im Licht wie die Adern eines zarten Insektenflügels.

Irgendetwas geht vor im Gesicht des Elfen, dessen Rücken an die Frau gelehnt ist. Hungrig heftet sich die Sensorik der Cucaraca an seine Züge.

Unter seinen geschlossenen Lidern strömt dunkles Blut hervor.

ZoomClick. Wrrrrr.

Das ist kein Vorspiel, nicht der schweratmende Auftakt zu gestohlenenen Perversionen. Unter leisem Knirschen zerbricht etwas unter den Lidern des Elfen. Filigrane Glassplitter schwemmen im Blut davon. Der Schmerz muß unerträglich sein, doch das Gesicht des Elfen ist entspannt.

Das Hintergrundlicht wird stärker.

Backzoom. Wrrrr. Click.

Von Störbalken umzüngelt ist unverkennbar, daß der schlanke Nacken der Frau von schillernden Flügeln eingerahmt ist, sie ebenso wie der Elf einige Zentimeter über dem Boden schweben. Kurz verspannt sich das Gesicht des WildOst-Hackers, als gerundete Metallteile und feine Kabel unter seinen Lidern hervorkommen. Das Geräusch brechender Eierschalen liegt in der Luft, überdeckt von statischem Rauschen.

Auch an der Schläfe des Elfen rinnt Blut herab, ein Strom schwärzlichgrauer Flüssigkeit, in dem träge Metallsplitter treiben. Eine quadratische Scheibe Metall fällt aus der Schläfe auf seine Schulter, gleitet über das schwarze Leder der Jacke herab, stürzt zu dem über den Boden verteilten Müll.

Das Bild wird grobkörniger, nur mühsam sind Einzelheiten auszumachen. Fast scheint es, als würden beide Gestalten verblassen. Gierig zerrt die Drohne das Bild des Elfengesichtes näher heran, bis die blutumfluteten Lider das Blickfeld völlig ausfüllen, die sich langsam öffnen und dunkle Pupillen preisgeben, die von leuchtendem Weiß eingerahmt sind.

Dann zerplatzt die Drohne in tausende kleinster Aluminiumschnipsel, regnet staubgleich auf das Rund der Klobrille nieder.

Der Raum ist leer.

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (6)

NIRGENDWO – 2045

Nikuriel träumt.

Sein Geist schwebt frei über einer Landschaft, die aus regelmäßig pulsierenden, abnorm hohen Quadern geschmolzenen Glases zu bestehen scheint. Mächtige Flüsse aus Licht strömen in geraden Linien, soweit das Auge reicht.

Am Ufer der Flüsse treibt träge eine gigantische Prozession menschlicher Leiber zwischen den Glasquadern. Bunte Lichtblitze züngeln in unbekannten Schriftzeichen über die dunkle Gestalt der Lichtblöcke. Myriaden fremder Geräusche steigen gleich gregorianischen Chören zu ihm empor.

Die Luft ist kühl und warm zugleich. Sie schmeckt nach den Unwesen, nach schalem Rauch. Und brennt im Hals.

Er glaubt sich erinnern zu können, gegen eine riesige schwarze Spinne gekämpft zu haben, ein Nachtmahr aus den unteren Reichen. Fängt treibende Fetzen eines überwucherten Gartens, in dessen schwarzbedornten Ranken sein Blick versinkt.

Einmal scheint es, die Ranken seien zu perfekt gebogen, um wahrhaftig zu sein. Bilder einer Elfe, durch deren Haut Dornen wachsen, streifen seinen Geist, während er weiter ziellos durch den Dornentunnel treibt. Eine Frau ohne Gesicht erscheint am Rand, ihr Haar besteht aus schwarzen Rosen.

Seine Hände fühlen feuchte Erde, und durch die Luft dringt das abgehackte Donnern eines magischen Gewitters. Er blickt zu seinen Händen, die ihm aber weit entrückt erscheinen und die seinem Willen nicht fügsam sind.

Seine schwarze Rüstung schmilzt zu einer dünnen Hülle gleitenden Leders zusammen.

Unvermittelt blickt er in gleißend helles Licht, hört eine verzerrte Stimme sagen „Zählen Sie bitte von 10 rückwärts“. Obgleich er die Worte nicht versteht, versteht er sie doch – oder ein Teil von ihm versteht sie.

Silbriggleißende Nadeln schießen auf seine Augen zu, bohren sich in das weiße Fleisch, versengen das tiefe Grün seiner Pupillen. Sein Schrei verschwimmt im donnernden Brüllen eines Drachen, das fern gleich einem Echo ihn umhüllt.

Er schreit im Schlaf, indem die Nadeln heiß in seinen Augen stecken und ihm die Sicht rauben, ihn tiefer in das Treiben von Erinnerungen und Eindrücken zurückwerfen.

– – –

Der Wind zerzaust sein Haar, während unter ihm ausgedörrtes Bergland vorbeifliegt. Die Dürre bröckelt unter ihm auseinander, aus Rissen wuchern Dornen und Rosen empor. Eine Katze schreit.

Er preßt sein blindes Gesicht tief in die Mähne seines Streitrosses, doch aus dem Nacken des schwarzbeschwingten Pferdes schießen scharfkantige Schuppen empor, verengen sich zu Nadeln, die sich am messerkalten Wind weiß entzünden und ihm in die Augen fahren.

Er schreit, hört fernes Stimmengewirr. Er gleitet vom Rücken des Pferdes ab, stürzt in Schwärze, die ihm alle Seele auszusaugen droht.

– – –

In seiner Blindheit wird ihm das ferne Glühen zweier blauweißer Sterne gewahr, und aus der Finsternis schält sich matt erleuchtet bald ein weiterer Stern, dann noch einer, ehe sein Geist System und Halt im Sternenmeer findet, seine Perspektive umschlägt und er das entfernte Funkeln ungezählter schwarzer Schuppen wahrnimmt.

Eine kurzhaarige Nadjuseanel, die er nicht erkennt, bewegt sich rhytmisch auf seiner Brust, und er hat Angst, weiß aber nicht wovor, ehe ein quadratisch ausgestanztes Licht über seinen und ihren Leib fällt und Ungestalten schroffe Worte aus dem Licht herabglucksen. Ihre Worte zerrinnen in Gerüchen von Fäule und etwas, was er nur als Abwesenheit von Leben begreifen kann, er spürt Tentakel über seine Scham fahren, erbricht sich hustend greift nach dem Schwert und findet es nicht.

Aus dem Dunkel tauchen schmalgliedrige Finger auf, die mit Blut verbotene Dinge an grauen Stein malen Krähen schreien. Siedendheiß schlängeln sich kaltfeuchte Greifarme in Richtung seines Kopfes, fangen an zu glühen und bohren sich in die Augen.

Er schreit.

Die Tentakel schieben sich langsam Meter um Meter in seine Augen, fahren kalt in seine Nackenmuskeln, seinen Rachen hinunter. Füllen die Kehle aus. Schwarze Tinte wir trinken sie morgens die er trinkt die auf ein treibendes Notizbuch fällt.

Eine Katze schreit.

Nein, er ist es. Er schreit mit der Stimme einer Katze, während er hilflos in Richtung der gleißenden Sonne gehoben wird. Seine Hände werden zu Pfoten, die durch schwelendes Fell versuchen den Boden zu greifen rennen rennen RENNEN.

Ein Tentakel bohrt sich seitlich in den Schädel (er schreit), findet das klumpige Rosa seines Hirnes, füttert ihn mit Abbildern von Himmel und Hölle, mit Visionen die ebenso ungreifbar wie entsetzlich sind.

– – –

Schmerz in den Augen. Das wenige was er wahrnimmt entfernt sich. ER entfernt sich, wird verbannt in Dunkelheit und Stille und hört nur das dumpfe Wummern der Sinneseindrücke eines weit entfernten Körpers.

Nur das glucksende Lachen, die Liebkosungen der Tentakel in seinen Augen und die matten Reflexionen der Dornen, in denen er kauert, sind ihm Begleiter. Für immer und immer und immer.

Er schreit.

Und schreit.

Und erwacht.

– – –

Der Schmerz in seinen blinden Augen weicht sanftem Kerzenschein, der in tausenfacher Zahl kleinen Flammen in der Kaverne entströmt. Massive Säulen ranken gewächsartig zum hohen Kreuzgewölbe empor, wo ihre bedornten Adern sich feiner und feiner verzweigen, bis sie dem labyrinthinen Skelett eines Herbstblattes gleichen.

Das vertraute Gewicht seiner Rüstung hüllt ihn ein, hält die Schwere seines gewundenen Stabes und seines geschwungenen Schwertes von seiner Brust, die sich langsam im Takt der Luft hebt und senkt.

Von dem Altar, auf dem er ruht, strömt ein eng beschriebenes schwarzes Leinentuch hinab zum Boden, rollt in stoffenen Wellen bis hinab in die Dunkelheit der Wände. Reflexionen von Flammenschein treiben über die Schriftzeichen, beleben den Fall des Tuches wie der Wind, der über das Meer streift.

Die Ränder seiner Augen sind von getrockneten Tränen umspannt. Durch Jahrhunderte des Schlafens öffnet sich der milchig-weiße Schleier zwischen seinen Lidern, geben strahlendes Weiß und blatttiefes Grün dem Licht des Raumes preis.

Wie Phantome seines Traumes rankt die Weichheit einer liebevollen Umklammerung um seine Brust, die in schlanken blauschillernden Flügeln rauchgleich um ihn strömt.

Fremdartige Gedanken blutgetränkter Watteballen und unbegreifliche Gerüche gleiten von seinen Sinnen in die Bedeutungslosigkeit gegenüber der Wärme der Umarmung zurück.

Aus der Dunkelheit dringen Worte, die ein unsichtbarer Mund so zärtlich haucht, daß er dem Sterben nahe ist.

„Erwache, Zar. Dein Schlaf ist vorbei.“

Indem er sich langsam aufrichtet und seine Rüstung Teil des schwarzen Tuches wird, dessen geästelte Form zum Umhang an ihm hochgleitet, entgegnet er:

„Llhorrevior, ich entbiete Dir meinen Gruß und Dank. Erbitte Gnade in Deinen Augen für das, was ich erwirken ließ.“

Das Lachen, das durch den Raum schwebt, ist silberhell und gewandet in die Stimme eines Kindes. Hallt glockengleich von Wand zu Wand, verliert sich in Echos.

„Fürwahr, Nikuriel, den Namen Llhorrevior vernahm ich seit langen Tausendspannen nicht mehr.“

Nikuriel legt die Stirn in Falten. Die namenlose Mutter der Passionen lachen zu hören verwirrt ihn ebenso wie die ungewohnten Träume, die ihn aus den Armen des Tumnimos emporriefen.

Als sich in der entlegensten Wand eine schwere Tür öffnet und die schlanke Gestalt einer Kindfrau in den Raum tritt, ihre zarte Hülle in schwarze Roben gebettet, zuckt er zusammen. Es ist SIE.

„Ebenso fürchte ich, mein Zarewitsch, daß Du Dir für jene Welt eine andere Sprache wirst aneignen müssen, die Dir die Bilder Morpheus“ bereits zutrugen.“

Die Gestalt kommt langsam in seine Richtung, jeder Fuß begleitet vom Geräusch einer Flamme, die erlischt. Ihre Schleppe scheint ihrem Rücken entgegenzueilen, klettert schließlich an ihr empor.

„Fürwahr, lange dauerte Dein Schlaf, Zarewitsch Nikuriel, und vergessen wurde vom Erdvolk manch Wort aus Mynbrujes Buch. Die Welt brennt heiß von Vestrials Wahnsinn, hungert nach dem erlösenden Schrei Lochosts. Kriegsflammen versengen das Anlitz der Welt, doch Thystonius‘ Ruf erstirbt in den Seelen der Welt, da er Nacht um Tag mehr Raggoks und Vestrials Wahnsinn anheimfällt.“

Weiter kommt sie ihm entgegen. Ihre Robe zieht sich in Form eines ledernen Hemdes zusammen. Reflexionen schimmern über das Ankh um ihren weißen Hals, und er erkennt, daß ihr Haupt nun nicht mehr von einem zarten schwarzen Schleier bedeckt ist. Dunkle Schemen schwarzer Hurenfarbe ummantelt ihre Augen, der Mund geschwärzt nach dem Abbilde Vestrials.

Angst krampft sich um sein Herz, indem ihre kindlich-helle Stimme fortfährt:

„Ja, die Welt stolpert voran in die Umarmung des zerstörten Sinnes. Die Zeit der Welt vermochte keine Wunde zu heilen, nur neue zum Eitern zu bringen. Und doch pocht das Blut heiß im Atem der versprochenen Veränderung. Die Welt giert nach Erneuerung und Zerstörung beidergleichen.“

Ihr eben noch Stoff gewesenes glattes Haar hebt sich in engen Locken, während aus dem Rand ihrer Nase und dem Ende ihrer Ohren Silber entfließt, daß sich endlich zum Rund ziselierter Ringe schließt. Zwei feine schwarze Tentakel entspringen ihrer rechten Schläfe, verschwinden in den Falten ihres kurzen Gewandes.

Der Stoff ihrer Beinkleider hebt sich, rafft sich in eng gefalteter Form zusammen, entblößt schlanke lange Beine, über deren weiße Haut sich matt leuchtende arkane Muster ziehen.

„Noch immer sitzt Mordrak-Khan wie befohlen zu Throne in Tir N’Zagh, indes Dein Bruder in dorniger Umklammerung der Westherrscherin sitzt. Der Drang zu besitzen ist stark in den Seelen der Menschen, und schon droht Chorrolis Sinn sich im ewigen Kreischen nach MEHR zu verlieren.“

Die Falten ihres Rockes bedecken nun kaum mehr die Wölbung ihres Schoßes. Der schwarze Stoff ihres Hemdes flüchtet dem weiß ihres Bauches, zieht sich schützend nur noch um ihre Brüste und ihren Schoß zusammen.

Metallene Dornen durchdringen das glänzende Schwarz ihres Lederwamses, funkeln mondhell im schwächer werdenden Widerschein der erlöschenden Kerzen. Seine verwirrten Augen vermeinen die Spitzen feiner Klingen zwischen den Knöcheln ihrer schlanken Hände ausmachen zu
können.

Von schwarzer Schminke schwere Lippen wölben sich zu einem leichten Lächeln, öffnen sich dem strahlenden Glanz der Zähne.

„Dein Avatar ist ebenso Dein Sohn wie Kind dieser Zeit. Fügsamkeit in die Bestimmung ist Deinem Enkel nicht gegeben, stark brennt die Passion der Rebellion in ihm. Er versteht wohl mehr von dem, was mit ihm vorgeht, als der Schwarze ahnen mag, und dessen Sinnes wendet er sich ab von der Magie.“

Das Oval der unzähligen Wandspiegel des Raumes wird in unnatürlich blaues Feuer gehüllt, aus dem zuckend Bilder aus Nikuriels Traum entspringen. Unendlich schlanke Türme aus Glas. Flackernde Steine, fahrende Ballistas, die in stetigem Echo Feuerwolken ausspucken. Hurenhaft geschminkte Frauen in seltsamen Gewandungen sprechen mit totem Blick zu Nikuriel in Worten, die er zwar versteht, aber nicht begreift. Kurz zuckt er zusammen, als in einem der Spiegel, deren runde Form langsam rechteckig zu werden scheint, der Kopf Lofwyrs auftaucht, der ebenso in fremder Sprache fremde Dinge zu Nikuriel spricht.

Sein Kopf dröhnt von der Stimmenzahl, während die schwarzgekleidete Frau hinter ihn tritt und ihre Arme vor seiner Brust verschränkt. Langsam fließt ihre Stimme in die Form der Zungen, die den rechteckigen leuchtenden Spiegeln entströmt:

„Verwirrend, diese Bilder, nicht (wahr) ? In dieser Zeit wirst Du viele dieser Spiegel sehen, die nur zu oft Vestrials Wort verkünden und Chorollis‘ Irrsinn nähren (Es kommen einfach keine guten Shows mehr). Mir scheint, Du könntest (einen Trunk zur) Stärkung gebrauchen.“

Ihre sanfte Umarmung wird überlagert von der Phantomumarmung seines Traumes. Er spürt Einheit zu einem weit entfernten Körper, der unter seiner Haut zu schlummern scheint.

„Was ist nun ?“

Seine Stimme spricht wie ferngesteuert in der fremden Zunge:

„Ein Tee wäre nett.“

Wiederum ihr sanftes Lachen.

„Nicht lieber einen Wodka, wie beim letztes Mal ?“

Ein Schauer von Erinnerungen rinnt über ihn. Gedanken wirbeln farbige Flecken vor seinen Augen.

„Wo warst Du damals, als ich sterben wollte ?“

„Welches Mal ?“

„… Nichts. Ich glaubte mich erinnern zu können, daß ich im Schlaf nach Dir rief. Da… da war ein Feuer, glaube ich.“

Die Größe des Raumes scheint rasant abzunehmen, indem magisches Licht merkwürdig gerade Wände erhellt. Ein Spiegel fließt in die Länge, wird zu einer schmucklosen Tür, durch die LlhorreviorTod in einen kleinen Nebenraum tritt. Das Bild der anderen Spiegel fließt zusammen, wird zu einem schwarzen Quader, der auf einem glatten Schränklein ruht. Das Zirpen des bläulichen Spiegellichtes vermischt sich mit einem schrillen Pfeifton, der einem metallenen Krug im kleinen Raum nebenan rauchgeleitet entströmt. Nikuriel findet sich in ebensolch merkwürdiger Gewandung wie die Passion des Todes, die keine Passion ist, auf einem weichen Thron aus rosa-braunem Stoff.

„Trinkst Du den Tee mit Zucker ?“

„Ehm… Ja, denke ich.“

Seine Gedanken rasen durcheinander, während mehr und mehr Erinnerungen jenes fremden Körpers in ihn strömen. Er greift zur Fernbedienung und schaltet auf einen der zahllosen Musikkanäle.

Eine Kreatur, halb Frau, halb Dämon, sitzt von kaltem Feuer umgeben auf einem Podium und singt unter lidlosen Augen von Zerstörung und Schmerz.

Er blickt zu seiner Hand herab, weiß nichts mit dem flachen Stück Holz anzufangen, das er in Händen hält und auf den Fernseher richtet.

LlhoTod kommt durch den Eingang zur Küche zurück, trägt ein Tablett mit zwei dampfenden Untertassen (und einer Flasche Wodka).

„Warum hast Du Dich eigentlich umbringen wollen ?“

„… Ich… keine Ahnung. Kann man sich im Traum töten ?“

„Hm-hmm. Mit BTL kann man noch einiges mehr, wenn Du Delirium fragst.“

Nikuriel versucht die merkwürdigen Worte in seinem Geist zu ordnen, verwirft den Versuch aber.

Die Dämonenfrau im Leuchtquader hat sich aufgerichtet, nun umgeben von sehr geradlinigen Blitzen und blauem Rauch, singt ein sehr langsames Lied über tanzende Schatten.

„Sag mal, Tod….“

Er errötet leicht.

„Sprich, Llhorrevior, ist denn alles ohne Hoffnung in dieser Zeit ?“

Diesmal wirft die Frau lachend den Kopf in den Nacken und verschüttet Tee von ihrer Untertasse.

„Du bist süß, weißt Du das ?“

„Bin ich ?“

„Allerdings. Aber nein, es ist nicht alles hoffnungslos auf der Welt. Mit der Widerkehr der Magie haben sich doch noch eine ganze Menge Leute gefunden, die Jazz aus seinem Schlummer rufen konnten, und…“

„Entschuldige – Jazz ?“

„Jaspree“

„Ah. Bitte fahre fort.“

Wiederum bricht sie in Lachen aus. Wischt sich schließlich die Tränen aus den Augen.

„Nun, Dir wird vieles noch recht bekannt vorkommen. Plus ca change, plus c’est le meme chose.“

Diesmal kann auch er sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„So schlimm ?“

„Hahaha. Scheinst ja recht schnell wieder zu Kräften zu kommen, was ?“

Nikuriel überlegt kurz, betrachtet das Meer seiner Gedanken, das zunehmend ruhiger wird. Die Gefühlswelt seines Urahns bleibt ihm zwar verschlossen und das meiste seines Tuns unverständlich, dafür blickt ihm hier und da ein vertraut-verhaßtes Gesicht entgegen, nimmt er hier und da die üblichen Manipulationen altbekannter Feinde wahr.

„Affirmative.“

Tods Augenbraue zuckt nach oben. Kurz starren sie sich an, dann beginnen beide zu lachen.

„Ich weiß nicht, ob man Dich auf diese Welt loslassen sollte, Nikuriel.“

Er lächelt.

Und dreht die Lautstärke des Fernsehers hoch.

Drachenbrut 06 | Schatten und Echos (2)

HAMBURG – 2045

„Ißt Du nichts ?“

Wieder nimmt ihr Gesicht den Ausdruck ungläubigen Lächelns an, an den sich Tolstoi schon gewöhnt hat. Ständig tut sie das – ständig als ob er etwas sagen würde, was komisch wäre, als lache sie über einen Witz, den er nicht versteht.

Es treibt ihn noch zum Wahnsinn.

Zu lieben, und doch zu wissen, daß man den anderen nicht lieben kann, weil man nicht weiß, was er/sie ist. Er kneift die Augen zusammen, eine Reflexreaktion auf seine veralteten Cyberaugen, die dringend des Austausches einiger Teile bedürften.

Auch das treibt ihn noch zum Wahnsinn.

Ein Fremdkörper in seinem Körper, eine Stelle, die man nicht kratzen kann, Teil eines Körpers, zu dem die Implantate nicht gehören, selbst Teil einer Situation, einer Szene, eines Abschnittes in einem Buch und doch deplaziert.

Wütend entkorkt er eine Flasche Sekt und teilt dabei doch das gütige Lächeln seines Gegenübers, nur um selbst ein Geheimnis zu haben, von dem sie nichts ahnt. Verschlossenheit statt Offenheit. Austausch von Belanglosigkeit, um das Vakuum der Konversation zu füllen.

Gut, daß er die Flasche nun angesetzt hat und trinkt, kostbare Sekunden des entschuldbaren Schweigens, Time-Out zwischen den Halbzeiten eines Tanzes in Wut und Aggression gegenüber jemandem, den man mit aller Kraft liebt.

Natürlich kann er nichts verbergen. Die kindlich-weibliche Gestalt Whiteclouds durchblättert seine Mimik, seine Gedanken, seine Seele wie einen schlecht geschriebenen Roman.

Wahnsinn.

Wahnsinn deshalb, weil ihr Blick, ihr Lächeln, ihr mentales Eindringen in die Dunkelheit seines Selbst irgendwo eine Saite berührt, die auf ihre Augen anspricht. Eine Saite, die tief verschüttet in ihm ruht und nun gleich einem im Boden ruhenden Keimling die ferne Sonne verspürt, die Gewißheit, an ihren Strahlen zu wachsen.

Eine Saite, die man nicht kratzen kann.

Die Flüssigkeit aus dem schwarzen Rund der Flasche perlt in seinen Hals, erfüllt ihn mit Wärme und Kälte zugleich. Er muß absetzen, stößt kurz einen Atemzug Luft durch die Nase in den Qualm des Raumes, ehe er erneut ansetzt. Er braucht mehr Zeit. Und ihre Augen fixieren ihn verständnisvoll, die Lippen zu einem leichten Lächeln geschürzt, von dem alleine sie weiß, ob Liebe oder Spott in ihm schlummert – falls das einen Unterschied macht.

Seine Augen jucken. Gräßliches Gefühl. Er könnte sadistischen Magiern noch Tips für exquisite Flüche geben – 1 Jahr Jucken hinter den Augen. Und ab in die Klapse.

Er setzt ab, schwer schluckend. Schon tasten seine Finger zwischen den leeren Schachteln von SoyBurger nach den Zigaretten. Konzentriertes Suchen. Konzentriertes Anstecken. Konzentriertes Rauchen – konzentrierter Schwachsinn, um ihrem Blick ausweichen zu können, ohne daß es auffällt.

Stille. Lächeln.

Er weiß, daß sie möchte, daß er darüber redet, was ihn wütend macht. Das macht ihn wütend.

Wenn nur seine verdammten Augen nicht jucken würden, wenn nur dieses Singen in seinen Ohren aufhören würde, wenn er nur nicht soviel Sekt getrunken hätte – oder teureren gekauft – können wir nicht einfach ficken, um uns dabei anschweigen zu können? Darum gehts doch bei Sex, oder ?

Sein Blick gleitet über ihre Brüste, über ihre von der zugigen Kälte in seinem Verschlag verhärteten Brustwarzen und fokussiert so langsam sein Denken auf den Akt, bis die angenehm vertraute Schwellung in seiner Hose Gefühle von Augenjucken und ungesundem Denken überstrahlt. Wiederum lächelt er. Ob Troll, Ork, Mensch oder Elf – bestimmte Dinge im männlichen Organismus funktionieren nach wie vor.

Kurz blickt er auf, blickt in ihre Augen – und erstarrt ob des kühlen Zornes in ihnen. Sie ist nicht prüde – ihre Ablehnung gegenüber seinen Gedanken erstreckt sich lediglich auf die Kälte seiner eigenen Gedanken.

Hätten sie miteinander geschlafen in diesem Moment, hätte er anschließend Selbstekel empfunden – aber nun, da seine Erektion von ihren Blicken in die einfältige Normalform zurückgezwungen wird, kommt der Selbstekel auch ohne vorherigen Sex. Und mit ihm: die Wut.

Zahlreiche Absätze voller Kommunikation zwischen zwei Seelen, ohne daß ein Wort gewechselt wurde – Gestik und Mimik können etwas Beängstigendes sein, auch wenn man nicht in einem zugigen Verschlag im Altonaer Ghetto sitzt.

Der Blick des Elfen weicht wiederum aus, heftet sich auf den kleinen tragbaren Fernseher, der halb zwischen seiner Lederjacke und ungewaschenen Socken hervorlugt.

Ungewaschene Socken – das ist Realität. Im Fernseher haben die Leute nie ungewaschene Socken, gehen nie aufs Klo – und haben vor allem nie so grauenhafte Konversationen wie die, die gerade hier und jetzt abläuft. „Wenn Du mal völlig verwirrt bist und nicht mehr weißt, was Traum und was Realität ist, schau fern – und denk“ Dir alles weg, was Du da siehst. Was übrigbleibt, ist die Realität.“ Stand mal in einem St.Georg-Fanzine irgendeiner Sekte, die Fernsehen für Terror hält. Recht haben sie.

Das Rascheln ihres Kleides reißt ihn aus der angenehmen Taubheit seiner Gedankenspaziergänge, zwingt ihn auf die subtilste – und daher grausamste – aller Weisen dazu, sich wieder ihrem Gesicht zuzuwenden.

Gott, wie er haßt. Ob nun sie oder sich selbst, weiß er noch nicht. Was tut sie denn schon, außer totale Kontrolle über ihn zu haben ? Er kann sich doch selbst erlösen, indem er einfach losläßt. Es gibt nun echt genug, was Kontrolle über ihn hat, da ist Whitecloud nun wirklich nicht die schlechteste Wahl.

Wie zufällig (auch die Instinkte sind hinterhältig) fällt sein Blick, indem er sich ihrem Gesicht abwenden muß, erneut auf die Brüste, Selbstekel wallt empor, sein Blick zuckt zu den Socken, Nackenhaare richten sich in der kühlen Zugluft auf, alles innerhalb von Sekunden, ein leichter Schwindel setzt ein (Scheiß-Sekt) während das Klopfen seines Blutes in den Ohren dröhnt. Und dann jucken die Augen wieder.

Ruckartig steht er auf. Leere Pappschachteln, durchgeweicht von Bratfett, rutschen nahezu zärtlich am Leder seiner Hose ab. Ein Papiertuch in rot und gelb mit der Aufschrift „Soyburger“ auf das jemand ein kritzeliges „P“ nebst einem Kreuz gemalt hat, klammert sich verzweifelt gegen den Luftzug der Aufwärtsbewegung fest, verliert den Kampf der Muskeln des Elfen gegen die Schwerkraft jedoch und gleitet, eine grazile Pirouette beschreibend und ein klägliches Rascheln ausstoßend, zu Boden. Sekunden später wird seine runzelige Gestalt zufällig vom schweren Kampfstiefel des Elfen in neue Form gepreßt.

Der Elf steht. Soviel ist sicher. Mühsam ringt sein Hirn mit der Erkenntnis des Stehens und versucht, der neuen Situation vor seiner Geliebten irgendeinen Sinn zu geben. Wäre dies eine Wohnung, würde er zum Kühlschrank gehen und etwas – irgendetwas (wahrscheinlich gesundheitsschädliches oder kalorienreiches) – holen, aber dies ist ein 3-Sterne-Altonaer-Dreckloch und alles, was hier gibt, ist das Klo auf dem Gang.

Also geht er aufs Klo.

Natürlich tut es ihm auf dem Gang leid, daß er sie einfach so hat sitzen lassen. Alleine, ohne Erklärung. Vielleicht gibt sie sich Schuld an seinem Zorn (Scheiße, warum auch nicht ?) und er will sie nicht verletzen. Aber er weiß, daß sein Aufstehen sie verletzt hat – oder jedenfalls sagt das sein trunkenes Hirn – und Schuldgefühl wallt auf.

Es braucht eine Weile, sich wieder an Zweisamkeit zu gewöhnen.

Aber solch beruhigende Gedanken will ein vollgesoffenes Hirn auf dem Schuldtrip nicht hören. Also pißt er und weint – das heißt, die Muskeln um seine Augen verkrampfen sich in einem Fast-Heulen, aber die verengten Flüssigkeitskanäle der Augen geben der Hygiene der Implantate zuliebe keine Flüssigkeit her.

Es juckt einfach nur.

Ob sie auch so mit sich selbst beschäftigt ist ? Tolstoi weiß es nicht, bezweifelt es aber. Nur er ist so ich-fixiert. Nur er hat juckende Augen.

Und dann ist sie plötzlich hinter ihm – um ihn. Streichelt ihn. Gießt Wärme in seinen Leib. Schamgefühl angesichts ihres gegenwärtigen Aufenthaltsortes, einem versifften Klo, in dem es nach Kotze und Scheiße stinkt und in dem jemand einen Tampon „verloren“ hat (nebst einem benutzen Kondom – ah, ja, alles klar), gibt es nicht. Sie kennt jenes Gefühl wahrscheinlich nicht, und ihre Unbefangenheit ertränkt Tolstois Scham.

Die merkwürdigsten Empfindungen durchrasen seinen Körper, aber die angenehmste ist die, ihre zarten Hände um seine Brust geschlungen zu spüren, ihren Leib an seinem Rücken zu spüren und doch keine Erektion zu bekommen – ganz so, wie man es nur bei seiner Mutter spüren kann, wenn sie Dich liebevoll in den Arm nimmt.

Niemand kann das sonst – wenn Du richtig im Kopf bist, und selbst dann, wenn Du ansonsten ziemlich krank bist.

Er schließt die Augen, zieht sich innerlich in eine fötale Haltung zurück. Das ferne Knattern eines Motorbootes ertrinkt in ihren Armen ebenso wie das wütende Geschrei des Mannes im Stock darüber, der seine Frau schlägt. Ihre Umarmung läßt den faulig-banalen Geruch verblassen, das Brennen der Augen, das Pochen des Blutes.

Sein Atem wird ruhiger, flacher. Er wird von ihrer Wärme erfüllt, die ihn tiefer und tiefer in wohlige Dunkelheit gleiten läßt.

Schließlich reißt sein Atem ganz ab, das Pochen des Herzens erstirbt.

Aber auch dies ist unbedeutend.

– – –

Die Kamera fährt zurück, löst sich vom Anblick der beiden ineinander verschlungenen Gestalten. Zoomt zurück bis weit über den Punkt, wo die Decke sein müßte.

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Drachenbrut 05 | Von Dämonen und Engeln (3)


HAMBURG – 2053

„Ich bring die Sau um.“

„Erzähl“ keinen Scheiß. Der Typ isses doch gar nicht wert, daß Du Dich so über ihn aufregst. Gut, fein, er hat Dich beim Schmidt hocken lassen und sich mit den Daten abgesetzt, was soll’s ? Ging“s denn nun echt um so viel Geld ?“

„Ja, Scheiße. Mit der Kohle hätte ich mir endlich ein ASIST kaufen können.“

„Ein was ?“

„Ein Computermodul, daß mein Krüppeldeck endlich wieder zu nem vollwertigen Cyberdeck machen würde.“

Die Elfe kaut auf der Unterlippe, während sie neben dem Elfen in der schwarzen Lederkleidung durch den Regen stapft. Sie würde ihm gerne sagen, daß er sein Krüppeldeck eh vergessen sollte und sich stattdessen was neueres anschaffen sollte, wo man nicht immer monatelang auf irgendwelche russischen Ersatzteile wartet – aber sie kennt selbst genug Decker und weiß, wie sinnlos solch pragmatische Überlegungen sind.

Der Typ, um den es geht, nennt sich „Ratte“, ein durch und durch passender Name für ihn. Sie selbst hatte ihm von Anfang an nicht getraut – eine persönliche Regung, die sich grundsätzlich auf alle Leute erstreckte, die in irgendwelchen Gangs oder Organisationen drinhingen. Als „Runner muß man sich auf das Team verlassen können, und solche Typen entdecken nur allzu oft ihre Loyalität zu „ihrer“ Gruppe just im falschen Moment.

Von daher hatte sie der Abgang von Ratte nicht besonders gewundert, und eigentlich ging ihr die Sache ziemlich am Arsch vorbei. Gut, auch sie hat keine Kohle bekommen (und es wär ne nette Bezahlung gewesen) aber umgekehrt ist ihr Kohle auch wurscht.

„Fein, Tolstoi, is ja gut. Jetzt nimm“ Dich mal zusammen – die Drinks heute gehen auf mich.“

„Hmph. Swolotsch.“

Unwillkürlich muß die Elfe grinsen. Vor etwa einem Jahr hat sie den Elfen-Decker aus Wildost kennengelernt und seitdem einige Runs mit ihm durchgezogen. Beizeiten konnte er ungemein liebenswert erscheinen, aber die ganze Grütze in seinem Hirn hat auch bei ihm ihre Spuren hinterlassen – von den Geschichten, die er ihr unterschieben wollte, mal ganz abgesehen. Fein, er ist ein Psycho, aber was solls ? -Die meisten nennen mich auch verrückt.

Tolstois Gebrabbel neben ihr geht an ihr vorbei, denn schon kommt das CYBERIA’S in Sicht. Wenn sie Glück hat, hängen da genug Typen „rum, bei denen Tolstoi seinen Frust abladen kann – allen voran Chuck – und wer weiß, wenn er sich gefangen hat, könnte das noch eine ganz spaßige Nacht mit Tolstoi werden.

Nicht, daß sie mit ihm fest liiert war, aber nach einigen besonders stressigen Runs waren sie schon mal im Bett gewesen, zusammen. Die Jagd nach Tolstoi hatte einiges an Arbeit gekostet, aber summa summarum war der Einsatz lohnend gewesen – wenn der irre Decker auch allzu oft zum Beischlaf eher genötigt werden mußte und zuweilen plötzlich abbrach und vor sich hinstierte (ein Attribut, was sie schier zur Weißglut zu bringen vermochte). Meistens stritten sie sich dann – und landeten anschließend wieder im Bett, oder sie, oder der Elf, zogen ab.

Aus dem Inneren des CYBERIA’S schlagen ungewohnt sanfte Klänge auf den regennassen Gehsteig, und schon mault Tolstoi darüber, daß ihm solch sentimentaler Schwachsinn jetzt gerade noch gefehlt hätte und was Code sich denn dabei denke, ihn hierher zu schleppen, er wolle lieber in sein Night’s Edge blah blah – aber sie hat längst Chuck durch das Fenster erspäht und quetscht sich nun hastig durch die Tür.

Mürrisch bleibt Tolstoi an der Theke stehen und stellt zu seinem weiteren Mißfallen fest, daß hinter der Theke kein Barkeeper ist, also angelt er sich die verlockend in Reichweite stehende Wodkaflasche und gießt sich ein Glas ein.

Das kühle Feuer des Wodkas in seinem Hals beruhigt ihn etwas, und die sphärischen, sanften Klänge von Cyberia’s „Shadow Dancing“ tun ihr übriges dazu, ihn zu beruhigen.

Er dreht sich auf dem Barhocker um und fixiert grinsend eine Code, die mit einem spärlich behaarten, dicken Mann tanzt, eng an ihn geschmiegt. Das Bild ist nahezu ebenso absurd wie das der beiden…

Er hält inne in seinem Gedankengang, als ein leiser Stich in sein Herz fährt. Seine Cyberaugen zerfasern das Bild des anderen Paares in digitale Datenimpulse.

Der Mann trägt dunkle Kleidung, die irgendwann im ausgehenden letzten Jahrhundert mal kurzzeitig aktuell war, die Frau mit den kastanienbraunen Locken ist hochschwanger und blickt mit solcher Liebe zu dem Mann empor, daß es Tolstoi beinahe zerreißt.

Schnell fährt seine Flasche zu der Wodkaflasche, die er in seine Jackentasche steckt, dann steht er rasch auf und verläßt das Cyberia, und alles was bleibt ist das Geräusch seiner Füße auf dem nassen Pflaster und die letzten Zeilen des Liedes, die zu ihm dringen:

Forever

and ever

and ever.

Drachenbrut 05 | Von Dämonen und Engeln (2)


HARMBURG – 2044

Der Lärm der Baufahrzeuge dröhnt in Tolstois Ohren. Mühsam öffnet er die verklebten Augen, die Wimpern zusammengeschmolzen zu klumpigen schwarzen Flecken. Seine Beine ruhen auf einer kantigen Sporttasche, in dem sich seine wenigen Habseligkeiten befinden, die gerettet werden konnten. Er nimmt es ihnen nicht übel, daß sie ihn aus Wildost verbannt haben. Bis zuletzt hatte Rote Wolke versucht, die Leute zu beschwichtigen, und immerhin hatte sein Einsatz dafür gesorgt, daß er mit dem Leben davonkam. Kurz durchzuckt der Gedanke an das Elfenmädchen Fatima seinen schmerzenden Kopf, wie sie weinend da steht und, indem er sich zum Gehen wendet, sich an sein Bein wirft und es festklammert, als hinge ihr Leben davon ab. Warme Gedanken von Nächten, in denen er ihr von weißen Schlössern erzählte, strömen empor.

Gott, wo sind diese Nächte geblieben ? Habe ich sie nicht gesehen ? War ich überhaupt da ? Warum nehme ich das Kind erst jetzt wahr, jetzt, wo ich gehen muß ? Und wohin soll ich gehen?

Er rollt sich zur Seite, fühlt den Schmerz über die verbrannte Haut seines Rückens fließen. Das Rohr, in dem er liegt, spendet Schatten, doch die Hitze der Sommersonne erwärmt es nun ziemlich stark.

Aus dem Rohrende hinaus überblickt er das riesige Bauareal. Eine Hecke aus Krähnen zeichnet sich scharf gegen die gleißende Helle des Himmels ab. Der Geruch von Diesel liegt schwer in der Luft, in die von der nahen Abbruchhalde Unmengen von Staub getrieben werden.

Nichts ist mehr übrig von der Harburger Altstadt, nur einige wenige Häuserfronten mit leeren Fensteraugen starren ihn an, die Kuppel des alten ZOB reflektiert weiß das Sonnenlicht. Über die alte Bahntrasse wird Futter für die ewig hungrigen Mäuler der Betonmischmaschinen herangeschafft, flankiert von überdimensionalen Werbetafeln, auf denen SK den Bau einer neuen Arkologie verkündet, die Harburg nach der Flut wieder in ein blühendes Geschäftsviertel verwandeln soll.

Der Elf hustet trocken, und indem er sich verkrampft, durchzuckt ihn der Begriff „Humanis nobilis“, und angesichts seiner Lage geht das Husten in ein nahezu hysterisches Lachen über.

Seine Kehle brennt. Mehr noch als den zur Gewohnheit gewordenen Wunsch nach einem Wodka sehnt er sich nach Wasser. Oder wenigstens nach der Simulation von Wasser, und Wiesen, und Wind.

Zum unzähligen Mal durchforstet er seine Tasche, und wieder stellt er fest, daß weder sein Sim-Gerät noch sein Deck das Feuer überlebt haben. Das Deck wäre zwar zu reparieren, aber selbst mit größeren Summen an Geld (die er nicht besitzt) sind Ersatzteile für russische Computer hier nur schwer zu beschaffen.

Er spuckt aus, der Geschmack von Sand zwischen seinen Zähnen, auf seiner Haut, auf der sich vielerorts Blasen gebildet haben, bewirkt eine Verstärkung seines Wunsches nach Wasser.

Noch immer tasten seine Finger durch die Tasche, finden einen Gegenstand, glatt, kaltes Metall. Er blinzelt, zieht die massive Pistole hinaus.

Und auf einmal weiß er, was er zu tun hat – wenn er diesen Tag noch durchsteht – wenn er sich verkriechen kann, bis die Sonne untergeht.

– – –

Kalte Augen fixieren ein Betonrohr auf der SK-Baustelle in Harburg. Kleine Räder tasten sich vorsichtig voran. Meter um Meter. Ein Display in der oberen rechten Ecke zeigt eine Vektor-Luftaufnahme des Geländes. Target Marker blinken.

„Vergrößertes Target Display. Einblendung Ansicht SK-Baustellenkamera 34 Nord, Zeit: Heute 0:30:00.“

Ein zweites Fenster öffnet sich, unterdessen im Display der Standpunkt von Sicherheitskamera 34 Nord grün hervorgehoben wird. Ein Bauzaun ist zu sehen. Holz mit Sicherungsdrähten auf der Innenseite.

„Vergleich mit gleicher Ansicht, heute 14:00 Uhr.“

Ein drittes Fenster entsteht. Die weit entfernten Gesichtszüge des HanSec-Riggers verziehen sich zu einem Grinsen: Unter dem Zaun ist Erde weggeschaufelt worden, ein sehr schmales Loch freigebend.

Es war nicht weiter schwer gewesen, das Zielobjekt vom Internierungslager Harburg-West bis zu dieser Baustelle zu verfolgen. Zu viele Sicherheitskameras, obgleich der Rigger für die Rafinesse seiner Beute einen gewissen professionellen Respekt empfand.

Die Daten über das Zielobjekt scrollen über den Bildschirmrand: Tolstoi, Decker aus WildOst, Urheber des Systemausfalls des HanSec Zentralrechners vom 13.7.2042. Photo. Es hatte mehr als 1 1/2 Jahre gedauert, ihn zu identifizieren und zu lokalisieren, und wie Lars Wilhelmson, der Kondecker von HanSec Division III, es überhaupt geschafft hatte, war Thomas Reedhus auch immer noch nicht ganz klar.

In Wilhelmson“s Dossier war zu lesen, daß insgesamt 12 Vorfälle von Störungen des HanSec-Computers auf diesen einen Decker zurückzuführen waren.

Einige Male wurden die Ausfälle von militanten Übergriffen von Terroreinheiten oder Schattenläufern begleitet gewesen – und HanSec hatte sich dazu entschlossen, der Sache ein Ende zu bereiten.

Interne Informanten hatten Reedhus verständigt, nachdem sie von dem Feuer in Wildost und der Verbannung des Elfen gehört hatten.

Ab da lag es an ihm, den Kerl aufzuspüren und die HanSec-Truppen zur richtigen Stelle zu führen.

„Kameraansichten 34 Nord 2 aus. Ansicht 1: Fast forward…. STOP“

Lächle in die Kamera, Freundchen – Jetzt hab“ ich Dich.

01:56:34 – Ein klarer Frame mit der Ansicht des Zielobjektes, wie es unter dem Bauzaun hervorkriecht.

Reedhus zieht das Kabel aus seiner Schläfe, das ihn mit der sensorischen Welt der Ruhrmetall Jägerdrone verbindet.

In das Geräusch der Airconditioning mischt sich das Surren des Druckers, der eben die erbeuteten Fotos, Karten und Fakten ausspuckt.

Er nagt auf der Unterlippe. Der Elf konnte sich überall auf dem mehr als 9 Quadratkilometer großen Areal verbergen. Gedankenverloren geht er die verschiedenen Ausdrucke durch, runzelt plötzlich die Stirn. Die Kameraaufnahmen des Eindringens in das Gelände sind grobkörnig, gestört von weißen, diffusen Blitzern. Ist das etwa….

„Computer, Wetterbericht Warte Harburg, 1:56 Uhr.“

| Regen, 12mm in der Stunde pro cm. |

Lächelnd steckt er das dünne Glasfaserkabel in die Schläfe, während er sich in die kühle Umarmung des Ledersessels schmiegt. Das Ziel ist müde und verletzt. Es schüttet, als es im Zielareal ankommt. Leichte Beute.

„Einblendung Zielareal. Suchmodus: Überdachte Örtlichkeiten und Betonrohre mit Innendurchmesser von 1+ Meter im Umkreis von 500m um Standpunkt 34 Nord.“

Die Target Marker vor Augen, setzen sich die kleinen Räder der Drone in Bewegung.

Drachenbrut 05 | Von Dämonen und Engeln (1)


TIR NA N’OG – 2044

Das Datenfaxgerät knattert gleichförmig vor sich hin. Ein schmaler Streifen Papier wird ausgestoßen, mit einem Surrton abgeschnitten. Langsam schwebt er nieder auf die Tischfläche aus poliertem Ebenholz, ehe eine fragile, weiße Hand ihn aufnimmt. Die Augen der Elfe tasten die Wörter ab, erfassen ihren Sinn, ehe sich ihr Mund zu einem Lächeln öffnet, das bald in ein lautes Lachen übergeht.

Leichten Schrittes verläßt die hochgewachsene Elfe mit dem fließenden, feuerroten Haar ihr Arbeitszimmer, betritt den dahinterliegenden langgezogenen Gang. Aus Stein geformte Gestalten mit fließenden Gewändern halten goldene Kandelaber, deren feuriger Schein hundertfache Reflexionen über Wände und Decke streut.

In das kalte Feuer ihrer hellblauen Augen mischt sich ein Ausdruck von düsterem Triumph, als die Elfe vor einem prunkvoll ziselierten Spiegel zum Stehen kommt.

Aprupt ändert sich ihr Gesichtsausdruck. Hohn und Freude weichen einem Ausdruck tiefster Betroffenheit, als ihre milchig-weißen Hände den Spiegel berühren, dessen Reflexionen durch das Bild eines Elfenpaares ersetzt werden.

Innerlich fluchend ob der unerwarteten Anwesenheit von Lady Brane, ist sie schon nahe davor, den Kontakt abzubrechen, doch die junge Elfe mit den kindlichen Augen wendet sich ihr bereits zu.

Sie bemüht sich um Kontrolle. Ihre Pläne sind zu weit fortgediehen,um jetzt alles durch einen faux-pas der Ettiquette zu verlieren: Liam O’Connor ist nicht mehr, ihr persönlicher Stand im Saelih Court gefestigt, der einstmals machtvolle Elf, der nun neben der Herrscherin des Rates sitzt, nur mehr eine Puppe, Wachs in ihren Händen.

Sich verbeugend, spricht sie aus:

„Mae Daugh, verzeiht mein Eindringen in Eure Konversation, aber ich habe wichtige Nachrichten für Euch, mein Freund.“

Drachenbrut 04 | Die Brut des Drachen (10)


HAMBURG – 2036

„Guten Abend“.

„Wie kommst Du denn hier rein, und was willst Du von mir ?“

„Alles zu seiner Zeit, mein Freund.“

Rote Wolke mustert den Fremden, der so plötzlich in seinem Zimmer aufgetaucht war. Der Typ ist ein Elf, daran kann kein Zweifel bestehen. Die Form seiner Augen, der Schnitt seiner fließenden Gewänder, die verstrickten silbernen Inschriften wiesen auf eine russische Abstammung hin, ebenso wie das scharf geschnittene Gesicht und das weiße, glatte Haar, das sich zwischen den auf dem Boden schleifenden Falten seines Gewandes verliert.

Der Fremde legt beide Hände aufeinander und offenbart so den Anblick mehrerer Ringe, die mit arkanen Zeichen umrankt sind.

Seine Stimme ist tief und sonor, dabei klar wie Eis:

„Heute nacht kommt ein weiterer Laster an diesen unheiligen Ort hier.“

„Ja, ich weiß. Jede Nacht kommen Laster hier an, jede gottverdammte Nacht seit November ’34, als die Abschiebegesetze durch den Rat gepuscht wurden.“

„Dieser Laster ist ein spezieller Laster. An Bord befindet sich ein Skythe mit schwarzem Haar, der auf den Namen Nikolai hört.“

„Nicht zufällig ein abtrünniger Sohn von Dir, oder? Entschuldigung, aber ich pflege mich nicht in die Familienangelegenheit des Elbvolkes einzumischen.“

Der Fremde hält inne, legt den Kopf schräg und begutachtet sein Gegenüber eindringlicher, das Gesicht eine Mischung aus Verwunderung und Nachdenklichkeit.

„Ihr wißt viel, für einen Sterblichen.“

Rote Wolke wendet sich ab, fährt fort, die Bretter aneinanderzuleimen, die dereinst einmal die Wand einer Behausung bilden sollen.

Abschiebelager Harburg-West ist nicht mehr als eine Gruppe von Hütten im Sumpf, im Moment, umzäunt von einem großen Sperrgürtel. Einige schrottreife Schiffe und Lagercontainer hat man zusammen mit ein paar Wohnmodulen (für Fernsehberichte) hierhergebracht, um die auszuweisenden Russen „zwischenzulagern“, ehe sie weiß der Geier wo „entsorgt“ werden.

Jeden Tag werden es mehr. Die Wohnsilos sind längst voll. Einige Leute aus der Piratenszene werfen nachts heimlich Baumaterial oder sogar Essen ab, warum, weiß Rote Wolke nicht. Menschen weinen. Kinder schreien, betteln um Essen. Er hat wirklich besseres zu tun, als sich um die Streitereien zwischen Papi und Sohn zu kümmern, wie es bei diesem russischen Elfen wohl der Fall ist.

„Aber hört mich trotzdem an. Der Elf, Nikolai Vladov – oder Tolstoi, wie er sich derzeit zu nennen pflegt“ (er lächelt kurz) „hat nichts und niemanden hier. Man hat ihm böse mitgespielt, ihn halbtot geprügelt…“

„… verdammt nochmal, dann hilf ihm einfach. Du siehst aus, als hättest Du weißGott genug Kohle, um Dein Jüngelchen heimzuholen, ihn in edle schwarze Outfits zu stecken und ihn von silbernen Tellern essen zu lassen. Nimm“ ihn Dir mit und verzieh Dich, so ka ?“

„Ihr mißversteht mich – so einfach ist das alles nicht. Ich kann ihn nicht „heimholen“, das wäre gegen….Es geht nicht. Hör“ zu, vertrau mir, daß ich wirklich alles zu tun bereit bin, was mir möglich ist. Ich will doch nur, daß Du ein Auge auf ihn hast und ihm ein wenig hilfst.“

Rote Wolke rollt mit den Augen. Er fixiert sein Gegenüber. Merkwürdig – so seltsam die Geschichte auch ist, aber er glaubt dem Alten Mann, daß es ihm ernst ist. Er bewegt sich so wie jemand, der gar nicht hier sein dürfte, verstohlen und heimlich hierher geschlichen ist. Er seufzt, schüttelt den Kopf.

„Ich weiß, daß ich das bedauern werde – was willst Du, daß ich tue ?“

„Das ist eine lange Geschichte…….“

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