Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Schlagwort-Archiv: elf

Drachenbrut 05 | Von Dämonen und Engeln (3)


HAMBURG – 2053

„Ich bring die Sau um.“

„Erzähl“ keinen Scheiß. Der Typ isses doch gar nicht wert, daß Du Dich so über ihn aufregst. Gut, fein, er hat Dich beim Schmidt hocken lassen und sich mit den Daten abgesetzt, was soll’s ? Ging“s denn nun echt um so viel Geld ?“

„Ja, Scheiße. Mit der Kohle hätte ich mir endlich ein ASIST kaufen können.“

„Ein was ?“

„Ein Computermodul, daß mein Krüppeldeck endlich wieder zu nem vollwertigen Cyberdeck machen würde.“

Die Elfe kaut auf der Unterlippe, während sie neben dem Elfen in der schwarzen Lederkleidung durch den Regen stapft. Sie würde ihm gerne sagen, daß er sein Krüppeldeck eh vergessen sollte und sich stattdessen was neueres anschaffen sollte, wo man nicht immer monatelang auf irgendwelche russischen Ersatzteile wartet – aber sie kennt selbst genug Decker und weiß, wie sinnlos solch pragmatische Überlegungen sind.

Der Typ, um den es geht, nennt sich „Ratte“, ein durch und durch passender Name für ihn. Sie selbst hatte ihm von Anfang an nicht getraut – eine persönliche Regung, die sich grundsätzlich auf alle Leute erstreckte, die in irgendwelchen Gangs oder Organisationen drinhingen. Als „Runner muß man sich auf das Team verlassen können, und solche Typen entdecken nur allzu oft ihre Loyalität zu „ihrer“ Gruppe just im falschen Moment.

Von daher hatte sie der Abgang von Ratte nicht besonders gewundert, und eigentlich ging ihr die Sache ziemlich am Arsch vorbei. Gut, auch sie hat keine Kohle bekommen (und es wär ne nette Bezahlung gewesen) aber umgekehrt ist ihr Kohle auch wurscht.

„Fein, Tolstoi, is ja gut. Jetzt nimm“ Dich mal zusammen – die Drinks heute gehen auf mich.“

„Hmph. Swolotsch.“

Unwillkürlich muß die Elfe grinsen. Vor etwa einem Jahr hat sie den Elfen-Decker aus Wildost kennengelernt und seitdem einige Runs mit ihm durchgezogen. Beizeiten konnte er ungemein liebenswert erscheinen, aber die ganze Grütze in seinem Hirn hat auch bei ihm ihre Spuren hinterlassen – von den Geschichten, die er ihr unterschieben wollte, mal ganz abgesehen. Fein, er ist ein Psycho, aber was solls ? -Die meisten nennen mich auch verrückt.

Tolstois Gebrabbel neben ihr geht an ihr vorbei, denn schon kommt das CYBERIA’S in Sicht. Wenn sie Glück hat, hängen da genug Typen „rum, bei denen Tolstoi seinen Frust abladen kann – allen voran Chuck – und wer weiß, wenn er sich gefangen hat, könnte das noch eine ganz spaßige Nacht mit Tolstoi werden.

Nicht, daß sie mit ihm fest liiert war, aber nach einigen besonders stressigen Runs waren sie schon mal im Bett gewesen, zusammen. Die Jagd nach Tolstoi hatte einiges an Arbeit gekostet, aber summa summarum war der Einsatz lohnend gewesen – wenn der irre Decker auch allzu oft zum Beischlaf eher genötigt werden mußte und zuweilen plötzlich abbrach und vor sich hinstierte (ein Attribut, was sie schier zur Weißglut zu bringen vermochte). Meistens stritten sie sich dann – und landeten anschließend wieder im Bett, oder sie, oder der Elf, zogen ab.

Aus dem Inneren des CYBERIA’S schlagen ungewohnt sanfte Klänge auf den regennassen Gehsteig, und schon mault Tolstoi darüber, daß ihm solch sentimentaler Schwachsinn jetzt gerade noch gefehlt hätte und was Code sich denn dabei denke, ihn hierher zu schleppen, er wolle lieber in sein Night’s Edge blah blah – aber sie hat längst Chuck durch das Fenster erspäht und quetscht sich nun hastig durch die Tür.

Mürrisch bleibt Tolstoi an der Theke stehen und stellt zu seinem weiteren Mißfallen fest, daß hinter der Theke kein Barkeeper ist, also angelt er sich die verlockend in Reichweite stehende Wodkaflasche und gießt sich ein Glas ein.

Das kühle Feuer des Wodkas in seinem Hals beruhigt ihn etwas, und die sphärischen, sanften Klänge von Cyberia’s „Shadow Dancing“ tun ihr übriges dazu, ihn zu beruhigen.

Er dreht sich auf dem Barhocker um und fixiert grinsend eine Code, die mit einem spärlich behaarten, dicken Mann tanzt, eng an ihn geschmiegt. Das Bild ist nahezu ebenso absurd wie das der beiden…

Er hält inne in seinem Gedankengang, als ein leiser Stich in sein Herz fährt. Seine Cyberaugen zerfasern das Bild des anderen Paares in digitale Datenimpulse.

Der Mann trägt dunkle Kleidung, die irgendwann im ausgehenden letzten Jahrhundert mal kurzzeitig aktuell war, die Frau mit den kastanienbraunen Locken ist hochschwanger und blickt mit solcher Liebe zu dem Mann empor, daß es Tolstoi beinahe zerreißt.

Schnell fährt seine Flasche zu der Wodkaflasche, die er in seine Jackentasche steckt, dann steht er rasch auf und verläßt das Cyberia, und alles was bleibt ist das Geräusch seiner Füße auf dem nassen Pflaster und die letzten Zeilen des Liedes, die zu ihm dringen:

Forever

and ever

and ever.

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Drachenbrut 05 | Von Dämonen und Engeln (1)


TIR NA N’OG – 2044

Das Datenfaxgerät knattert gleichförmig vor sich hin. Ein schmaler Streifen Papier wird ausgestoßen, mit einem Surrton abgeschnitten. Langsam schwebt er nieder auf die Tischfläche aus poliertem Ebenholz, ehe eine fragile, weiße Hand ihn aufnimmt. Die Augen der Elfe tasten die Wörter ab, erfassen ihren Sinn, ehe sich ihr Mund zu einem Lächeln öffnet, das bald in ein lautes Lachen übergeht.

Leichten Schrittes verläßt die hochgewachsene Elfe mit dem fließenden, feuerroten Haar ihr Arbeitszimmer, betritt den dahinterliegenden langgezogenen Gang. Aus Stein geformte Gestalten mit fließenden Gewändern halten goldene Kandelaber, deren feuriger Schein hundertfache Reflexionen über Wände und Decke streut.

In das kalte Feuer ihrer hellblauen Augen mischt sich ein Ausdruck von düsterem Triumph, als die Elfe vor einem prunkvoll ziselierten Spiegel zum Stehen kommt.

Aprupt ändert sich ihr Gesichtsausdruck. Hohn und Freude weichen einem Ausdruck tiefster Betroffenheit, als ihre milchig-weißen Hände den Spiegel berühren, dessen Reflexionen durch das Bild eines Elfenpaares ersetzt werden.

Innerlich fluchend ob der unerwarteten Anwesenheit von Lady Brane, ist sie schon nahe davor, den Kontakt abzubrechen, doch die junge Elfe mit den kindlichen Augen wendet sich ihr bereits zu.

Sie bemüht sich um Kontrolle. Ihre Pläne sind zu weit fortgediehen,um jetzt alles durch einen faux-pas der Ettiquette zu verlieren: Liam O’Connor ist nicht mehr, ihr persönlicher Stand im Saelih Court gefestigt, der einstmals machtvolle Elf, der nun neben der Herrscherin des Rates sitzt, nur mehr eine Puppe, Wachs in ihren Händen.

Sich verbeugend, spricht sie aus:

„Mae Daugh, verzeiht mein Eindringen in Eure Konversation, aber ich habe wichtige Nachrichten für Euch, mein Freund.“

Drachenbrut 04 | Die Brut des Drachen (10)


HAMBURG – 2036

„Guten Abend“.

„Wie kommst Du denn hier rein, und was willst Du von mir ?“

„Alles zu seiner Zeit, mein Freund.“

Rote Wolke mustert den Fremden, der so plötzlich in seinem Zimmer aufgetaucht war. Der Typ ist ein Elf, daran kann kein Zweifel bestehen. Die Form seiner Augen, der Schnitt seiner fließenden Gewänder, die verstrickten silbernen Inschriften wiesen auf eine russische Abstammung hin, ebenso wie das scharf geschnittene Gesicht und das weiße, glatte Haar, das sich zwischen den auf dem Boden schleifenden Falten seines Gewandes verliert.

Der Fremde legt beide Hände aufeinander und offenbart so den Anblick mehrerer Ringe, die mit arkanen Zeichen umrankt sind.

Seine Stimme ist tief und sonor, dabei klar wie Eis:

„Heute nacht kommt ein weiterer Laster an diesen unheiligen Ort hier.“

„Ja, ich weiß. Jede Nacht kommen Laster hier an, jede gottverdammte Nacht seit November ’34, als die Abschiebegesetze durch den Rat gepuscht wurden.“

„Dieser Laster ist ein spezieller Laster. An Bord befindet sich ein Skythe mit schwarzem Haar, der auf den Namen Nikolai hört.“

„Nicht zufällig ein abtrünniger Sohn von Dir, oder? Entschuldigung, aber ich pflege mich nicht in die Familienangelegenheit des Elbvolkes einzumischen.“

Der Fremde hält inne, legt den Kopf schräg und begutachtet sein Gegenüber eindringlicher, das Gesicht eine Mischung aus Verwunderung und Nachdenklichkeit.

„Ihr wißt viel, für einen Sterblichen.“

Rote Wolke wendet sich ab, fährt fort, die Bretter aneinanderzuleimen, die dereinst einmal die Wand einer Behausung bilden sollen.

Abschiebelager Harburg-West ist nicht mehr als eine Gruppe von Hütten im Sumpf, im Moment, umzäunt von einem großen Sperrgürtel. Einige schrottreife Schiffe und Lagercontainer hat man zusammen mit ein paar Wohnmodulen (für Fernsehberichte) hierhergebracht, um die auszuweisenden Russen „zwischenzulagern“, ehe sie weiß der Geier wo „entsorgt“ werden.

Jeden Tag werden es mehr. Die Wohnsilos sind längst voll. Einige Leute aus der Piratenszene werfen nachts heimlich Baumaterial oder sogar Essen ab, warum, weiß Rote Wolke nicht. Menschen weinen. Kinder schreien, betteln um Essen. Er hat wirklich besseres zu tun, als sich um die Streitereien zwischen Papi und Sohn zu kümmern, wie es bei diesem russischen Elfen wohl der Fall ist.

„Aber hört mich trotzdem an. Der Elf, Nikolai Vladov – oder Tolstoi, wie er sich derzeit zu nennen pflegt“ (er lächelt kurz) „hat nichts und niemanden hier. Man hat ihm böse mitgespielt, ihn halbtot geprügelt…“

„… verdammt nochmal, dann hilf ihm einfach. Du siehst aus, als hättest Du weißGott genug Kohle, um Dein Jüngelchen heimzuholen, ihn in edle schwarze Outfits zu stecken und ihn von silbernen Tellern essen zu lassen. Nimm“ ihn Dir mit und verzieh Dich, so ka ?“

„Ihr mißversteht mich – so einfach ist das alles nicht. Ich kann ihn nicht „heimholen“, das wäre gegen….Es geht nicht. Hör“ zu, vertrau mir, daß ich wirklich alles zu tun bereit bin, was mir möglich ist. Ich will doch nur, daß Du ein Auge auf ihn hast und ihm ein wenig hilfst.“

Rote Wolke rollt mit den Augen. Er fixiert sein Gegenüber. Merkwürdig – so seltsam die Geschichte auch ist, aber er glaubt dem Alten Mann, daß es ihm ernst ist. Er bewegt sich so wie jemand, der gar nicht hier sein dürfte, verstohlen und heimlich hierher geschlichen ist. Er seufzt, schüttelt den Kopf.

„Ich weiß, daß ich das bedauern werde – was willst Du, daß ich tue ?“

„Das ist eine lange Geschichte…….“

Drachenbrut 04 | Die Brut des Drachen (9)


HAMBURG – 2044

Die fremde, vertraute Frau und das Kind verblassen in der Entfernung, noch ehe er antworten kann. Er driftet nun durch die Leere, ihre Worte hallen durch seinen Kopf.

„Was hast Du getan ?“

Wie, was habe ich getan ? Was soll ich denn getan haben ? Ich bin weggegangen, das habe ich getan. Ich habe mein BTL-Gerät auf Loop geschaltet, für Stunden, nehme ich an. Was ich getan habe ? Ich habe der Sache ein Ende bereitet, was denn sonst ? Hast auch Du, fremde Schönheit, von mir erwartet, daß ich Nikuriels Weg gehe ? Schade, das hätte ich nicht von Dir gedacht. Ich dachte, wenigstens Du, vor allen, würdest mich verstehen. Was muß ich für ein Leben gehabt haben, daß nicht einmal Du meinen Tod verstehen kannst ? Wo bist Du jetzt ? Nimmst Du mich nicht mit? Habe ich nicht einmal das Recht auf meinen eigenen Tod ? Das Recht, „nein“ zu sagen ? Hallo ? Wo bist Du ?

Was habe ich getan ? Was hätte ich denn tun sollen ? Hatte ich je wirklich eine Wahl ? Hat nicht etwas oder jemand jeden Faden gekappt, an den ich mich hätte hängen können ? Mein Leben ist eine Reihe von Stationen, der Weg der Geleise vorgezeichnet. Wenn Du in einem Zug nach nirgendwo fährst, hast Du nur eine wirkliche Entscheidung, die Dir gehört: Abspringen.

Wann, sage mir, hätte ich diese Straße verlassen können ? Zählt mein Wille denn gar nicht ? Warum schweigst Du ? Warum bist Du weggegangen, Du und Dein fremdes Kind ? Wie habe ich Deinen Zorn erregt, womit Deine Verachtung verdient ?

Welchen Gott habe ich so beleidigt, daß er mir dies antut ? Und ist dieser Gott so ohne Gnade, daß er mir nicht wenigstens jetzt eine einzige Frage gestattet zu stellen ?

Wer ist Nikuriel ? Habe ich ihm sein oder er mir mein Leben geraubt ? Bin ich er ? Ist er ich ? Sind wir dasselbe ? Hätte er ebenso entschieden wie ich ? Ist er mein Vater ? Wer ist Tolstoi ? Bin ich verrückt ? Bin ich tot ? Spielt das eine Rolle ? Für mich nicht, nehme ich an, aber für die anderen. Ich habe ihr Mitleid gesehen, weißt Du ? Der gute alte Rote Wolke. Die gute Zaira. Aber ich war nur eine Belastung für sie, und ich will für niemanden eine Belastung sein. Die Leute da draußen, sie sehen mich alle an. Einfach so, mit ihrem seltsam fremden Blick.

Wo soll man denn hin, wenn einen niemand erkennt ? Wohin, außer zu Dir ?

Wo bist Du jetzt ? Soll ich denn hier ewig weitertreiben ? Ist das mein Schicksal ? Wo sind die anderen ? Wo ist meine Nadja ? Hey, SIE muß doch wenigstens hier sein, irgendwo. Nadja ?

NAAAADJAAAAAAAAAAAAAAAAA !!!

Die Dunkelheit weicht einem grauen Zwielicht, gleich als ob sie vor Tolstois Augen auseinasnderbrechen würde. Er stürzt auf dieses graue Licht zu, sinkt zur Mitte des Lichtes nieder.

Die Töne hallen hier, verlieren sich im grau-schwarzen Schleier. Seine Füße berühren sanft einen Boden aus Pflastersteinen. Eine alte Öllaterne wirft weißlich-fahles Licht in die Gasse. Er wendet sich um, sieht aber nur die Allmacht des Nebels rings um ihn herum. Den Nebel, der weich und kühl um ihn treibt, und vor sich ein Haus.

Die Fassade des Gebäudes ist alter Backstein, die Steine verklebt mit dürrem Moos. An der Wand treiben Plakatfetzen, die kyrillische Schrift vergilbt und verwaschen. Von irgendwo aus dem Haus klingen die Töne eines Klaviers. Sacht. Vorsichtig. Die Finger, die über diese Tasten gleiten, weben ein feines Muster von Tönen, behutsam, als fürchteten sie, diesen Ort zu zerbrechen.

Tolstoi schließt die Augen, hört der Musik zu. Er kennt sie von irgendwoher, ein unablässiges langsames Summen feiner Saiten, deren Klänge sich enger und enger zu einem Muster verweben.

Einem Muster von Musik.

Einem Muster von Macht.

Einem Muster von Magie.

Vorsichtig prüft er die Tür vor sich, deren eichenholzgetäfelte Form sanft qietschend nach innen schwingt. Ihr Quietschen klingt wie ein vergessenes Geräusch aus einem fernen Garten, ein leiser Schrei von Glück und Trauer, der ihn erschauern läßt.

Er tritt vor, findet mit seinem Fuß eine Treppenstufe, dann noch

eine. Das Haus riecht muffig, aber vertraut. Er saugt den Geruch tief ein, formt Bilder in seinem Bewußtsein. Genau so roch es in Nadjas Haus in Kiev, Ulitsa Ljeto 14.

Sein Herz schlägt schneller. Er hastet an den teilnahmslosen Reihen der Briefkästen vorbei, nimmt im Aufstieg zum ersten Stock zwei Stufen auf einmal, hält erst auf dem Absatz zu ihrer Wohnung inne.

Durch die angelehnte Tür klingt noch immer diese eine Musik,die sie früher so oft spielte. Er erinnert sich daran, sie einmal nach dem Komponisten gefragt zu haben, doch sie hatte ihm nur lächelnd geantwortet: „Das hat ein lieber Freund einmal für mich geschrieben, vor sehr, sehr, SEHR langer Zeit…“

Er schließt erneut die Augen, der Kopf ruhend am schweren, dunklen Holzrahmen der Tür, der Blick fixiert auf die Stukkaturen der Decke des Treppenhauses.

Schließlich betritt er den engen Flur ihrer Wohnung, kommt zur Tür zu ihrem Zimmer, lehnt im Rahmen. Über den Boden des Zimmers treiben, von einem unsichtbaren Atem bewegt, lose Seiten schwarzer Bücher, die sich auf Stühlen und Kisten stapeln. Durch den lichten Rahmen des Fensters erkennt man nur das fahl-weiße Leuchten der Laterne, deren Licht sich im Nebel verliert, unterdessen die Finger der jungen Frau am Klavier unablässig Töne von solch makelloser Reinheit emporwerfen, daß es einem das Herz zerreißen möchte.

Tolstoi betrachtet seine Liebste, seine Nadja. Sie sieht ärmlich aus, wie sie da so an ihrem Klavier sitzt, das Haar zerzaust und länger als früher, wirr und kraus.

Und doch scheint sie ihm schöner zu sein als jemals zuvor. Fast ist es so, als wären Zeit und Raum und äußere Gestalt unwichtig, wie alles an diesem Ort eigentlich unwichtig zu sein scheint, alles außer der Bewegung ihrer Hände und dem Gesang der Saiten.

Tolstoi weiß, daß sie ihn nicht sehen kann. Nicht hören kann. Er weiß, daß seine Zeit hier begrenzt ist. Und er schweigt. Und hört zu. Was hätte er auch zu ihr zu sagen ? Alles, was je zwischen seiner und ihrer Seele zu sagen wäre, klingt in diesem einen Lied.

Ich lebe, Tolstoi, und ich vermisse Dich.

Ich weiß, Nadja, ich vermisse Dich auch.

Du hast Schlimmes getan.

Ich weiß, es tut mir leid.

Was wirst Du tun ?

Ich weiß es nicht.

Ich… habe Dich oft angelogen, Nikolai

Ich weiß, Nadjuseanel.

Ich habe meine Pflicht vergessen und Dich nichts gelehrt, was ich hätte lehren müssen.

Oh, doch. Von allen Dingen dieser Welt hast Du mich das Wichtigste gelehrt. Dafür werde ich Dich immer lieben.

Als Nikolai.

Als Nikuriel.

Als Tolstoi.

Als Nadja

Als Nadjuseanel.

Leb wohl, mein Leben.

Ja tebja ljublju, mon coeur.

Do-swidanja.

Alles andere ist ohne Bedeutung. So wie er in der Zeit seit damals manche Frau begehrt hat, hat sie das ihre getan. Es ist ohne Bedeutung und erfordert kein Vergeben. Diejenigen Menschenwesen, die keine Liebe kennen, mögen es Dummheit oder Blindheit nennen, aber den wahrhaft Liebenden ist es gleich. Ein jeder im Leben von ihr und ihm wird spüren, daß sie und er nicht mehr zu besitzen sind. Manche wenden sich ab, andere geraten in Zorn darüber. Aber es ist, was es ist, und gut.

In diesem Moment, an diesem Ort, ist nur wichtig, daß es sie und ihn noch gibt. Zeit und Raum und Einsamkeit spielen keine Rolle mehr, weiß man erst, daß irgendwo da draußen jemand liebt.

Tolstoi bemerkt das Verblassen des Lichtes, weiß, daß seine Zeit des Abschiedes gekommen ist. Er schließt seine Augen, unterdessen er die wahre Welt näherschreien hört. Er weiß, daß es ihm nicht gefallen wird, was er, zurück auf der anderen Seite, im fremden Land, sehen wird. Schlimmer als alles andere, was ihn dort erwarten mag, wird er sich selbst sehen müssen.

Drachenbrut 04 | Die Brut des Drachen (6)


KIEV – 2035

Die Tasche in Tolstois Hand entgleitet seinem Griff. Raschelnd fällt sie in das Gewirr aus Pflanzen, das den Boden bedeckt, sackt auf die Seite.

Er kann es nicht begreifen, was seine Augen ihm mitzuteilen versuchen. Das alte Gartentor im Rücken, breitet sich der Garten seiner Kindertage vor ihm aus. Das Brummen des Taxis, das ihn nach Hause brachte, verebbt, doch sein zuhause ist fort.

Die alte Kinderschaukel überwuchert mit Efeu. Das Rund der Fenster leer. Man sieht Löcher klaffen, wo einst Wände waren. Sonnenstrahlen zeichnen verirrte Muster durch Stellen, wo einst schwere Balken eine schützende Decke über die prächtigen Zimmer ausbreiteten.

Wo einst der Brombeerbusch stand, erhebt sich nun eine unüberschaubare Hecke, die droht, den gesamten Garten – und Teile des Hauses – unter ihrer dunkelgrünen Pracht zu ersticken.

Der Ort, an dem er steht, kann seit jahrhunderten kein Heim für irgendjemanden gewesen sein, so verfallen ist alles hier. Kein Zeichen, daß dieser Garten von Kindern betreten würde, die in den ausladenden Ästen eines hundertjährigen Apfelbaumes, dessen Baumkrone große Teile des Gartens in schattiges Zwielicht taucht, Baumhäuser gebaut hätten. Keine Spur von achtlos über die umgebenden Mauern geworfenem Müll.

Der Garten und die Ruine, die einmal Nikolai Vladovs Heim war, liegen ruhig und verlassen in einem Schlummer, gerade so, als wären sie ein hohles Echo aus einer anderen Welt.

Tolstoi bemerkt, wie ihm Tränen über die Wangen strömen, ein nicht enden wollender Strom des Unverständnisses, Zornes, Trauer und Einsamkeit. Einer Einsamkeit, die ebenso allumfassend ist wie die perfekte Einsamkeit dieses Ortes.

Was hinderte ihn daran, sich der Einsamkeit dieses Ortes zu öffnen, im Gras niederzusinken und darauf zu warten, daß der Wuchs der Pflanzen ihn ebenso vor den Blicken der Welt verbergen wird wie die Steine des Hauses ? Was gäbe es dort draußen zu sehen, was nicht hier in diesem Garten zu finden sei?

Er steht noch immer regungslos in der Auffahrt, deren steiniger Grund schon seit vielen Jahren im Gewirr der Pflanzen verlorengegangen ist.

Die Luft ist erfüllt vom vielfältigen Summen der Insekten, vom Flügelschlag hunderter Schmetterlinge, vom Hall der Liebeslieder der Vögel, die in den Rundungen der Büsche und Bäume ruhen. Trotz all dieser Musik hier ist der Garten voll Ruhe, so vollkommen in seinem Verfall wie die Strophe eines Liedes, das ein Engel auf die Wange eines kleinen Mädchens gehaucht hat, so unendlich perfekt wie eine einzelne Träne, die aus dem Auge hervortritt, das gerade ein Liebesgedicht gelesen hat und dessen Herz so voll vom schweren Wein der Liebe ist, das es zerbersten möchte.

Schauer laufen über den Leib des Elfen, während er sich der totalen Windstille in diesem Garten aus Zeit und Erinnerung und Verfall gewahr wird.

Seltsam berührt und entrückt zugleich schließt er die Augen, und indem er sie wieder öffnet erkennt er das Wesen des Gartens.

Was ein Versprechen des Paradieses ist, eine Einladung zum Verweil, ist ebenso ummauert wie die im Schnee vergessenen Gebäude des Internierungslagers. Das ist das Wesen dieses Gartens: Ein Ort des Vergessens, ein Ort, an dem Leute vergessen werden. Jemand will ihn hier vergessen.

Und eine Ahnung vom Urheber dieses Werkes erfüllt seinen Verstand. Die Frage wächst in ihm, was der Schwarzgeschuppte von ihm erwartet – daß er hier bliebe um vergessen zu werden und sich selbst zu vergessen ? Oder daß er eben gerade sich abwende von diesem Ort des perfekten Seins-im-Nicht-sein, sich abwende in Ekel vor genau dem, was sein Herz hier zu finden hoffte, und zurückkehre an die Seite des Drachen.

Es ist unwichtig, was seine Erwartung ist – oder die irgendeines anderen. Vor aller Welt ist nur eines von wahrem Wert: Die Entscheidung, die Du triffst – vor Dir selbst. Was wäre es denn, daß es von Wichtigkeit sei, wer seine Hoffnung in Dich setze. Nicht sind wir Eigentum von irgendetwas oder irgendjemand, selbst wenn wir dies manchmal wünschten. Unsere Freiheit erfahren wir nur in einem Augenblick: Da wir alle Zweifel hinter uns lassen, da wir tief in unsere Seele tauchen, bis wir unser Herz finden, und dieses offen preisgeben. Der Sinn unseres ganzen Lebens liegt in jenem einen Wort, das tief in uns emporwächst und uns gleichsam erleichternd wie ängstigend, aber warm und voll wie süßer Honig von den Lippen rinnt:

JA

Ja zum Leben, ja zu Dir selbst, ja zu demjenigen, der stumm an Deiner Seite wandelt und sich keinen Lohn erhofft als eben an dieser Seite wandeln zu dürfen. Darin erweist sich unser größter Test, unsere größte Freiheit, und unser Triumph. Die Freude dieses Wortes vermag uns so groß zu sein, daß es uns die Stimme zum Zittern bringt. Das Schlucken wird uns versagt, da unser Leib das Naß des Mundes gleich einem reinen, salzenen Quell unseren Augen zuführt wie der Vater die Braut zum Bräutigam.

Was gäbe es also zu fürchten ?

Ist dies so einfach, Jelziah?

Ja, mein Freund – ich muß es wissen, denn von all dem, was ich Dich gelehrt, ist dies das Geschenk der Geschenke gewesen, das ich von Dir empfangen habe. Stolz und Selbstsucht haben mich gefangengehalten für lange Zeit, ehe ich Deine Lehre verstanden habe, denn das Einfache ist meist schwerer zu erfassen denn das komplizierteste Muster von Fäden, das ich zu weben vermag.. Entscheide Du Deinen Weg, und alles wird sich letztlich doch zum Guten wenden. Nicht heute. Nicht morgen. Aber irgendwann. Nur wer das Tal der Qualen durchwandert hat, wer der Finsternis ins Antlitz gesehen hat, der vermag das Licht jenseits des Horizontes zu erkennen.

Jenes Licht, von dem wir alle kommen, und zu dem wir zurückkehren werden, selbst wenn die Sterne zu Staub geworden sind und wir mehre Geschichten in den Märchenbüchern von Feen und Geistern.

Sein Griff umschließt den Riemen der Tasche, und indem er sie aufnimmt, wendet er sich ab.

Kurz hält er inne und wirft einen Blick zurück zu den Ruinen seines hellen Landes aus Kinderträumen, dann preßt er die Lider so stark zusammen, das Feuchtigkeit zwischen ihnen emporquellt, und schlägt das quietschend-rostig schwarze Tor hinter sich zu.

Drachenbrut 04 | Die Brut des Drachen (4)


HAMBURG – WEIHNACHTEN 2035

Schneeflocken treiben in Kreisen durch die Straßen. Auf den Gehwegen drängen sich Mäntel und Pelzjacken aneinander vorbei. Tücher, Hüte und Schals verbergen die Gesichter, die Hände in den Taschen oder um bunte Pakete geschlungen.

Bunte Lichter erleuchten die Gehsteige, zeichnen scharfe dunkle Konturen um den zusammengesunkenen Körper gegenüber dem Einkaufszentrum Rathausstadt. Schnee bedeckt seine Schultern, seine Arme, seine Beine, sein Haar. Seine Stiefel haben Löcher. Seine Handschuhe hat man ihm gestohlen.

Er hat ein Pappschild vor sich aufgestellt, bekritzelt mit den einzigen Worten dieses fremden Landes, die er kennt, und er kennt sie gut:

HUNGER. KALT. BITTE HILFE !

Ein Schneepflug bläst Fontänen von Schnee über ihn. Kälte, die sich in seine Wangen beißt, vermischt mit dem Geschmack von Chemo-Salz.

Weihnachten war früher eine gute Zeit zum Betteln. Gewissenserleichterung für die Reichen.

Heute nicht. Nicht für ihn.

Geld klimpert in der Mütze eines Bettlers wenige Schritte entfernt. Fröhlich verneigt er sich, wünscht ein gesegnetes Weihnachtsfest. Wünscht ein frohes neues Jahr.

Der Unterschied zwischen der halberfrorenen Gestalt an der Mauer und dem Alki ist ebenso klein wie entscheidend: Der Alki ist Deutscher. Der andere ist Russe. Einer von denen, die Deutschland angegriffen haben. Einer von denen, der geraubt und geplündert hat, der vergewaltigt und gemordet hat.

Tolstoi hat es gesehen, im Schaufenster eines Fernsehgeschäftes. Es war ein Spielfilm, der Kassenschlager des letzten Jahres: „Mission Nightwraith“. Joachim Berenborg in der Hauptrolle, mit Nastassja Velankova als die böse KGB-Agentin. „Nach einer wahren Geschichte.“

Kaum einer in Deutschland, der den Film nicht gesehen hat – und geglaubt hat. Tolstoi hat ihn auch gesehen, 2 Tage nachdem er in Hamburg angekommen war. Geglaubt?

Friede auf Erden – und Tod allen Russen.

Merry Christmas.

Müde kratzt sich Tolstoi den Schorf von der Stirn, Spuren einer Begegnung mit Jugendlichen vor einigen Tagen. Keine Skinheads. Keine Gang-Leute. Ganz normale Corp-Kids. Zuerst warfen sie Steine, dann haben ihre Bodyguards auf ihn geschossen.

Seine Wunde am Bein hat sich entzündet. Trotz der Kälte ist ihm zum Ersticken heiß. Mehr noch als nach Essen und Wärme sehnt er sich nach jemandem, mit dem er reden könnte. Aber er sieht nur Stiefel und Mäntel-enden, Silhouetten von goldsternbemalten Paketen und Fröhliche-Weihnacht-Taschen.

Die Hilfseinrichtungen für Arme haben seit den Eurokriegen ein neues Schild: „Kein Zutritt für Kriegsverbrecher.“

Alle Russen sind Kriegsverbrecher – sogar die Kinder.

Er hat sich an den Elfenschutzbund gewandt – aber auch die konnten ihm nicht helfen. „Du wirst nicht wegen Deiner Rasse verfolgt – und unser Geld ist knapp, verstehst Du ? Geh doch zu den Armenhäusern, da wird man Dir helfen.“

Danke, Brüder.

Tolstoi hat gehört, daß es irgendwo Internierungslager für Illegale Einwanderer aus Rußland geben soll – KZs, mit anderen Worten. Sein Blick streift die Werbetafeln am Haus gegenüber, das leuchtende Logo von MItsuhama, von SK, von Toshiba-Nikon.

Die Megakorps haben gesiegt – auf der ganzen Linie. Ihm ist, als lachten die Werbeschilder über ihn.

Nichts wirst Du haben. Nichts.

Er will die Lippen zu einem Lächeln verziehen, doch bereits der Ansatz der Bewegung läßt sie aufspringen. Vor Schmerz hält er inne, fingert in seinen Taschen nach dem Gefühl schwarzen Leders.

Er holt eines seiner Bücher hervor, blättert durch die Seiten. Hält inne.

Auf der Seite, die vor ihm liegt, ist die Zeichnung eines Ankh. Es ruht auf der sanften Wölbung in schwarzen Stoff gehüllter Brüste. Er weiß nicht mehr, wann er es gezeichnet hat. Es ist auch egal. Er blättert um, betrachtet die Rückseite des Blattes. Nur ein kleiner Vers steht darauf, und ein ziemlich schlechter noch dazu, dessen tieferer Sinn ihm irgendwann abhanden gekommen ist:

Seelen treiben haltlos

durch Zeit und Raum,
durch Dunkel und Licht
durch Liebe und Angst
durch Elend und Freude

Ohne Sinn gleiten sie
von Traum zu Schicksal
von Wahrheit zu Leid
von Zweifel zu Wahrheit
ohne zu wissen, warum.

Wir wissen nicht, auf welchem Baum wir gewachsen
Wir wissen nicht, welchem Blatt auf unserem Weg wir begegnen werden
Wir wissen nicht, ob es der Wind ist, der uns treibt, oder unser eigener Sinn

Und doch landen wir alle auf diesem einem Grund
Ob reich, ob arm
Ob Alb, ob Mensch
Ob Drache, ob Prinz

Wir alle landen
In ihrer weißen Hand.

Und dies ist es,
was meine Tränen trocknen läßt,
denn wo Gewißheit ist
ist Stärke.

Er runzelt die Stirn. Der Sinn des Gedichtes ist ihm verloren. Erkaltet. Verhungert. Das Blatt nur ein weiteres Blatt, eines von vielen. So vielen.

Anfangs hat er sich gelobt, sich jedes einzelnen Blattes zu erinnern. Doch heute schon hat er sie alle vergessen. Fragmente bleiben, hallen nach in seinem Kopf, doch da sie ohne Halt und Sinn sind, verblassen sie.

Er zwinkert kurz, als er die gefrierende Feuchtigkeit am Rand seiner Augen bemerkt, dann reißt er das Blatt aus dem Buch heraus.

Legt es sorgsam auf dem Boden zusammen.

Und zündet es an, um sich die erfrierenden Finger zu wärmen.

Drachenbrut 04 | Die Brut des Drachen (3)

Nirgendwo – 2033

„Hi, Nikolai !“

„Wer bist Du?“

„Reichlich unhöflich, eine Begrüßung mit einer Frage zu beantworten.“

„Hm. Gut. Dann: Hi, wer-auch-immer.“

„Gar nicht schlecht.“

„Also: Wer bist Du?“

„Jetzt sieh sich einer diesen Elfen an. Kennst Du mich nicht mehr?“

„Laß mich nachdenken. Hmmm. Nein.“

„Hahaha. Schätze, ich sollte beleidigt sein. Aber ich verstehe schon, daß Du etwas durcheinander bist.“

„Das kann man wohl sagen. Wo bin ich überhaupt?“

„Bei mir zu Hause, wo sonst.“

„Hm. Nett hast Du“s hier.“

„Danke. Willst Du einen Tee?“

„Das wäre nett.“

„Wenn ich mich recht erinnere, trinkt ihr Russen den aus der Untertasse, mit einem Stück Zucker, oder?“

„Was soll das heißen, ‚wenn Du Dich recht erinnerst‘ – bist Du kein Russe?“

„Komische Frage, eigentlich. Hab“ nie großartig darüber nachgedacht. Schätze, man könnte mich ’staatenlos‘ nennen.“

„Dein Russisch ist ziemlich gut dafür, daß Du keiner bist.“

„He, halt – ich habe nicht gesagt, daß ich keine Russin bin – nur, daß ich zu keinem Land im Speziellen gehöre.“

„Was soll das heißen?“

„Keine Ahnung – Erklär Du“s mir.“

„Irgendwie denke ich, daß Du mir eher einiges erklären solltest.“

„Tatsächlich ? Hier – trink“ Deinen Tee, solange er heiß ist.“

„Danke.“

„Bitte.“

„Was ist mit dem Zucker?“

„Oh. Entschuldigung. Ich habe nicht oft Besuch, weißt Du?“

„Kann ich mir kaum vorstellen, so gut, wie Du aussiehst.“

„… Hey, danke, ich habe ja gar nicht gewußt, daß Du auch richtig nett sein kannst.“

„Ach?“

„Naja, Du gehörst doch eher zu der ernsten Art von Leuten, oder?“

„Ach?“

„Oder nicht?“

„Was meinst Du mit ‚ernst‘?“

„Was bedeutet ‚ernst‘?“

„Ich denke, es ist unhöflich, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten?“

„Hahaha, schon richtig.“

„Sag‘ mal, sagst Du mir noch irgendwann, wer Du bist, oder läßt Du mich dumm sterben?“

„Oh, nein, ich lasse Dich nicht sterben. Ich lasse niemanden sterben. Und schon gar nicht dumm, was das angeht.“

„Hör zu, danke für den Tee und so, aber würde es Dich sehr stören, Dich mal klar auszudrücken ? Ich bin nämlich ohnehin reichlich verwirrt und steh“ nicht besonders darauf, veralbert zu werden.“

„Das denkst Du von mir ?“

„Ja, allerdings, das denke ich von Dir.“

„Na gut, wenn Du es so willst, dann versuche ich eben weniger freundlich und dafür direkter zu sein: Ich bin TOD.“

„Na, klar.“

„Glaubst Du mir nicht ? Das paßt zu Dir. Na schön, Prinz Naseweis, was ist denn das Letzte, woran Du Dich erinnern kannst?“

„…“

„Genau.“

„Also … bin ich tot ?“

„In gewisser Weise schon, andererseits aber auch nicht.“

„Herzlichen Dank, jetzt geht“s mir schon viel besser.“

„Keine Ursache.“

„Das war Sarkasmus.“

„Ich weiß, Du Trottel. Bei mir auch!“

„Oh.“

„Noch einen Tee?“

„BIST DU ÜBERGESCHNAPPT ? DU ERZÄHLST MIR, ICH SEI TOT UND DU SEIST TOD, UND JETZT BIETEST DU MIR EINEN TEE AN ?“

„Völlig überflüssig, mich so anzuschreien. Und ziemlich unhöflich dazu, wenn ich das mal so sagen darf. Warum hätte ich Dir denn keinen Tee anbieten sollen – hat Dir der letzte nicht geschmeckt ?“

„NEIN – doch, ABER DAS IST NICHT…“

„Pff – Du machst es einem echt schwer, nett zu sein – aber das kenne ich ja schon von Dir. Jetzt beruhige Dich erstmal. Es ist nicht besonders sinnvoll, sich über etwas aufzuregen, wenn man tot ist.“

„Ich denke, ich bin nicht tot !“

„Nun, Du hast gesagt, daß Du tot wärst – und Du müßtest es ja wissen, nicht wahr ?“

„Du gehst mir ganz schön auf den Senkel, weißt Du ?“

„Ah, ja ? Nun, ich kann ja auch gehen. Ich brauche mir das nicht anzuhören, weißt Du?“

„Schon gut, schon gut, es tut mir leid. Entschuldigung.“

„Haha, gerade eben warst Du wirklich genau wie er.“

„Wie wer ?“

„Na, wie Du.“

„Tod, bitte. Meinen Kopf zerreißt es gleich. Was ist denn jetzt – Bin ich tot oder bin ich nicht tot ?“

„Nun, wenn das so wichtig ist für Dich…“

„VERDAMMT NOCHMAL, DAS IST… Tschuldigung. Es ist sehr wichtig für mich.“

„Schon gut. Entschuldigung akzeptiert. Also: Du bist tot. Das heißt, Dein Körper ist es. Dein Geist allerdings ist noch nicht bereit, mit mir zu gehen – weil Du festgehalten wirst.“

„Von wem ? Und wie?“

„Lassen wir das wie einmal beiseite. Von Nadjuseanel, natürlich.“

„Wer ist Nadjusanel?“

„NadjusEanel.“

„Wer auch immer.“

„Tssss. Ihr seid so komisch. Dauernd redet ihr von magischer Verbundenheit und Liebe, aber ändert man nur ein bißchen einen Namen, erkennt ihr euer Leben schon nicht mehr.“

„Mein … Leben ? Du meinst … NADJA ?“

„Hahaha – schon besser, der Kandidat erhält 100 Punkte.“

„Aber… wie kann sie … ist sie denn nicht … ich verstehe nicht … WO IST SIE ?“

„Shshsht. Um das alles herauszufinden, bleibt Dir noch genug Zeit … hahaha, oooh, ja, SEHR viel Zeit. Wenn ich Dich erst einmal zurückgebracht habe. In der Zwischenzeit: Wie ist das jetzt mit Deinem Tee ?“

„……… Hast Du auch Wodka ?“

 

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