Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 03 | Jahre des Blutes (4)

HAMBURG | 2053

Braune Fluten schlagen über Tolstoi zusammen. Mental schaltet er die Kamera der Cyberaugen aus, gibt Rechenleistung für die Entfernungsabtastung frei. In Grautönen erscheint die digitalisierte Umwelt unter Wasser. Sein Magen krampft sich leicht zusammen. Die virtuell errechnete Landschaft um ihn herum, in der er scheinbar schwerelos schwebt, erinnert ihn an die Matrix. Das Wasser, das er spürt, ist nicht zu sehen. Entfremdet paddelnd gleitet er auf das virtuelle Gerüst eines Autowracks zu, schiebt sich durch die Gitterkonstruktion, die das ehemalige Heckfenster umrahmt. Auf das graue Dreiecksflächengewebe der Rückbank gepreßt, blickt er sich um. Wirbelnde Pixelkeile bohren sich in die „Leere“ des Raumes, gewöhnungsbedürftige Interpretation des Entfernungsmessers für die größere Wasserdichte, die durch die einschlagenden Kugeln hervorgerufen wird.

Durch das linke Seitenfenster schwebt Tolstoi näher zum Rand des Pontons, das sich als skelettartige grobgerasterte Front vor ihm erhebt. Der leichte Wellengang läßt Schauer unterschiedlicher Wasserdichte über die glatte Wand des Pontons gleiten, so daß dessen virtuelle Darstellung zu atmen scheint.

Über Tolstoi tobt eine Schicht bizarr wirbelnder kleiner Dreiecke in hypnotischen Mustern, virtuelle Darstellung der Wasseroberfläche. Langsam gleitet er in das schwammig atmende Maul unter dem Ponton, gleitet schwerelos durch ein gähnendes Loch in der Wand, das in die überschwemmten, ehemals ebenerdigen Räume des Speicherhauses führt. Aus dem rechten Gesichtsfeld taucht unvermittelt eine schwarze, humanoide Figur auf.

„ICE“ kreischt es in Tolstois Gehirn, ehe er sich daran erinnert, daß er nicht in der Matrix ist. Starr fixiert er die Gestalt, deren Oberfläche sanft zittert, als würden sich Madenheere unter der Haut entlangfressen. Unmöglich zu sagen, ob die Gestalt tot ist oder reglos auf Beute lauert. Panik steigt in ihm auf.

Der Aufschlag hat ihm viel Luft aus der Lunge gepreßt; er muß auftauchen, wirbelt schmerzvoll auf die schemenhafte Abtastung einer Treppe zu. Mit letzter Kraft stößt er durch die flirrende Oberfläche, wirbelt herum, das Wasser nun auch bei Entfernungsabtastung eine undurchdringbare, tanzende Hülle. Er schaltet auf Normalsicht um, schnellt rücklings weitere Stufen empor, strauchelt. Das AK auf das stinkende schwarze Wasser getrimmt, hört er nichts außer dem Pochen seines Blutes in den Ohren.

Eine schnelle Bewegung zu seiner Rechten, er wirbelt herum, eröffnet das Feuer auf Vollautomatik. FEHLER.

Das Echo des Feuers dröhnt tausendfach in dem ausgedehnten Komplex, struppige Fellfetzen und Fleischklumpen spritzen über seine Wangen, ein Quieken bohrt sich in seinen Schädel. Das tödliche Schwirren von Querschlägern rast in der Luft, stiebt Funken aus der feuchten Backsteinwand, ein dumpfer Ruck in seinem Oberarm wirft ihn zurück.

Die Schmerzdämpfung vom Sturz noch aktiviert, flucht er, als er sich das blutend klaffende Loch im Arm betrachtet.

Er wirbelt herum, beäugt seine Umgebung. Der riesige Raum muß tiefer liegen als der Rest des Russenmarktes, denn auch hier steht das Wasser noch knöcheltief. Möglicherweise eine alte Umschlaghalle oder eine Verladestation im ehemaligen ersten Stock des Gebäudes, von dem aus Waren über Güterwaggongs auf die in der Straße wartenden Schwertransporter gehievt wurden. Kontainerverladung. Ihm ist, als könne er in dem unregelmäßig geformten Gang zur Rechten Schienen unterhalb des Wassers erahnen. Nach seinem Orientierungssinn müßten die meisten Wände direkt an den Russenmarkt grenzen – was bedeutet, daß es kaum Fluchtwege gibt.

Er muß hier weg, wenn er nicht an einer Wundvergiftung krepieren will, und die HanSecs müßten schon taub sein, um seine Schüsse nicht gehört zu haben.

ZU SPÄT. Mit lautem Donnern fliegen Steine an seinem Kopf vorbei, als ein schwerer Schmiedehammer durch die Wand unmittelbar neben ihm fährt.

 

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