Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Erste Weihnacht

Das ist es also.

Flackernd flimmert das Licht in einer zu engen Diele an. Statisches Summen und das Schnarren der Lüftung aus dem gedrängten Chaos am Ende des Durchgangs, das so etwas Ähnliches wie ein Wohnzimmer sein könnte. Oder eher ein Wohnschlafwichsundverreckezimmer. Links eine verseucht grüne Plastiktür zu einer Nasszelle, die sich kein Nazi hätte schöner ausdenken können. Rechts im Wohnzimmer eine voll ausgestattete Sozialküche, bestehend aus Kühlschrank, Mikrowelle und Waschbecken, das eine Doppelfunktion als Sockendeponie zu haben scheint.

„Ist nur vorübergehend“, brummt ihr Begleiter entschuldigend, sein massiger Körper unangenehm nah hinter ihr, der typisch ranzige Geruch von Ork. Grimm zupft seinen Atemfilter runter – halb lebenserhaltende Maßnahme, halb Gesichtserkennungsschutz – und ebenso das daran befestigte Dreiecktuch in Digital-City-Camouflage – also Bauklotzpopelexplosionslook. Indem er sich an Karla vorbeidrängt, zieht er zischend den Ring aus einer Bierdose und zündet sich – wie, weiß Gott alleine – gleichzeitig einen Glimmstängel an.

Karla verharrt in der Tür, unsicher, während ihr Begleiter zwei tiefe Züge nimmt – einer Rauch, einer Bier –, etwas unschlüssig durch sein verzecktes Reich blickt und endlich sowohl die Kapuze abstreift als auch sein speckiges Cybears-Basecap ablegt.

„Steh da nicht so rum und spiel das Ziel für die Ratten im Block“, sagt er, was wohl eine Art Einladung sein soll. Karla blickt kurz nach links und rechts den vollgesprühten, vollgemüllten und sehr offensiv vollgepissten Gang des sechsten Stocks von Wohnblock 84 in Berlin-Gropiusstadt hinunter, kann aber außer einem schlafenden oder toten Junkie vor der zugeketteten Fluchtwegetür weder eine metamenschliche noch eine wortwörtliche Ratte ausmachen.

Sorgsam schließt Karla die Tür hinter sich, während im Wohnzimmer das Trid zu plärren anfängt. Grimm hat sich auf seine Bettcouch gepflanzt und wurschtelt an seinen Stiefeln rum. Im vom sauren Regen fast völlig verätzten Plastefenster hinter ihm sind gerade mal trübe Flecken der eigentlich recht nahen Fenster benachbarter Wohnblöcke auszumachen.

Sie hängt ihre Jacke auf – oder doch die Jacke, die man ihr in der Klinik gegeben hat; ihre eigene war wohl nach der Randale am Lausitzer, nach Abtransport und Not-OP nicht mehr zu gebrachen – und setzt sich auf eine Art Barhocker an der Küchenzeile. Versucht, so viel wie möglich von der Wohnung und so wenig wie möglich von ihrem Geruch aufzusaugen.

„Tut mir leid, das mit dem Mief hier. Die Lüftung ist total im Arsch, und die Fenster lassen sich nicht öffnen.“ Er rülpst. „Und das Wasser hier … sagen wir, man fährt mit Chemo besser. Killt die Seuche, aber verstärkt den Siff.“ Er kramt zwischen leeren Mikrowellenpackungen („Instant-Lyoner mit BBQ-Senf- und Soykäse-Füllung, Original Kebap-Art, jetzt mit extra viel Zwiebeln“), findet eine Dose „Combat Axe“ Neil the Ork Barbarian Deospray und gibt dem Raum einen deftigen Zisch.

Bei der Gelegenheit öffnet er auch gleich die Couchtischschublade, nimmt ein schäbiges VolksKommlink raus, setzt dessen Akkus ein und aktiviert es. Karla ist derzeit unbelinkt, kann aber auch so sehen, dass die erste Meldung nach dem Systemstart die Anzeige einer kriminellen SIN plus Warnung vor gefährlichen Implantaten ist. Wahrscheinlich wird dieser dezente Hinweis auf die Misstrauenswürdigkeit des Trägers in der AR noch wesentlich deutlicher ausfallen.

Grimm schafft in Menüs herum, die Karla mangels Bildverbindung nicht sehen kann, scheint verärgert über einige Meldungen, blickt nur kurz und abgelenkt auf: „Wenn du Durst oder Hunger hast, bedien dich. Viel ist nicht da, aber für heute sollte es reichen. Morgen können wir uns ja noch was besorgen, für den speziellen Anlass.“

Morgen ist Weihnachten.

Ihr erstes Weihnachten außerhalb der Konzernwelt.

Dabei scheint es ihr schon Jahre her zu sein, dass sie eine brave Drohne im System war, ein emsiges Bürobienchen, das sich zur Entspannung nach Feierabend und am vertraglich garantierten Wochenend-Ausgleichshalbtag etwas Nervenkitzel in der „Zone“ besorgte, als Möchtegern-„Runner“, der einfache Kleinstjobs für Barkeeper und Infodealer erledigte. Kurierjobs. Schmierestehjobs. RufmichanwenndudiesenTypenhiersiehstjobs. Molle-und-Korn-Jobs halt.

Natürlich fanden SIE es raus. Natürlich boten SIE ihr großzügig an, über ihre vertraglich nicht genehmigten Taten hinwegzusehen. Natürlich aber verbunden mit Gehaltskürzung, Arbeitszeitverlängerung, Streichung von Privilegien und einem fetten Warnschild an ihrer Konzern-ID. Gar nicht so natürlich lehnte sie ab.

Grimm räumt das Bett etwas frei. Verstaut Brauchbares in Schränken und Schubladen, schafft leere Packungen und Dosen zum Abfallschacht, dessen Klappe sich aber – weil verstopft – nur noch wenige Zentimeter aufzerren lässt, geht zur Tür und wirft den Müll in den Gang.

Karla blickt skeptisch auf die so entstandene Kuschelzone, denn schlafen ohne Körperkontakt ist hier definitiv ausgeschlossen. Vermutlich sollte sie trotzdem dankbar sein, kann sich aber nicht dazu aufraffen und macht sich stattdessen die unter den frittierten Ersatzfleischvorräten im Kühlschrank gefundene Alibi-Packung Grillgemüse heiß.

„Was macht der Arm? Hast du noch Feedbacksticheln?“ Grimm schnappt ihren Arm und schiebt unsanft den Ärmel hoch, sodass Karla beinahe über den noch immer unerwarteten Anblick ihres fehlenden Körperteils und die Anwesenheit DES DINGS erschrickt. DAS DING ist ein einfaches Modell, haben sie gesagt, und damit noch immer schicker als Grimms Ersatzarm, den sie ihm im Knast anstelle seines Deluxe-Chrom-Killerarms mit Nagelmessern, Smartlink und Gyrostabilisator verpasst haben. DAS DING sieht wenigstens nicht aus wie etwas, das der Klempner hat liegen lassen. Oder das gleich die vollbusige Manga-Mannschaft der Raumstation Sputnik rektentakeln wird.

Eine medizinische Prothese ist DAS DING trotzdem. Da ist kein Glamour, kein Strahlen, kein verruchtes Schattenfeeling, wie man es erwartet hätte, so als Shadowrun-Girlie, das in ihrem Teenagerzimmer jede Menge Displaywandfläche mit in ewigen Loops animierten Shots der Street Samurais aus Trid und VR-Games beladen hatte.

Grimm öffnet ein Panel an ihrer Handwurzel, zieht wie vom Arzt verordnet die Gelenkverbindung nach und grunzt zufrieden. Schwer vorstellbar, dass dieser versiffte Penner mal ganz passabel ausgesehen haben soll, damals, in seinen Kunstraub-, Autoknack- und Fischzug-Tagen, ehe er in der Plötze einsaß. Bevor er durch einen Deal rauskam, der ihn in der Berliner Crime-Szene genauso unerwünscht macht wie seine kriminelle SIN bei Geschäftsinhabern oder potenziellen Arbeitgebern.

„Wenn das Leben dich fickt, dann bitte richtig“, hatte er bei ihrer ersten Begegnung gesagt. Vor etwa drei Stunden.

Sie nickt auf einige seiner Fragen und schüttelt den Kopf auf einige andere. Das Gefühl für ihre Hand ist noch nicht voll da. Das Bild ihres Cyberersatzauges brennt noch in lötheißem Kopfschmerz, während ihr armes Steinzeitmenschenhirn versucht, die digitalen Signale aus der fernen Zukunft des späten 21. Jahrhunderts zu verarbeiten. Außerdem jucken die Verbände noch.

Verdammt, sie gehört in die Klinik zurück, nach Eiswerder. Aber die haben keinen Platz. Halten alles frei für Weihnachten, wenn zwischen Lynarstraße und Spandauer Altstadt so richtig urtümlich gefeiert wird, mit Molle in der einen und Molli in der anderen Hand.

Also haben sie Grimm gerufen. Weil der bei Piet noch was offen hatte. Und dringend die Streetcred brauchen kann, dass er KEIN vollkommen korruptes Verräterschwein ist. Oder dass er eine angeschossene Unbekannte, auf die er einige Tage aufpassen soll, umgehend schändet, ermordet, ausweidet und an die Ghule verkauft. Wenn sie Glück hat, in dieser Reihenfolge. Sie zieht die Beine an, versucht die Tränen niederzukämpfen, und versagt.

„Oh, Mann, Fuck, was soll denn die Scheiße“, keift Grimm und reißt ihren Kopf an den Haaren nach hinten, blickt kritisch in ihr Cyberauge und auf die spastisch zuckenden Areale drum herum. Sie wehrt sich, reflexartig, panikhaft, da reißt er sie vom Hocker (ha ha) und wirft sie zwischen Krümel und Kippen auf den klebrigen Boden, fixiert ihren Kopf so fest und eng, dass sie das Surren seines klobigen Cyberunterarms direkt am Ohr hört.

Zur Panik kommt der Ekel, kommt ein fieser Schmerz irgendwo in der Gesichtsgegend, schwer zu verorten, juckend, schreiend, hysterisch, und natürlich flammt er ihr eine, zwei, fixiert wieder den Kopf – und sprüht ihr irgendwas ins Gesicht, ins Auge, in ihr fehlendes Auge.

Minuten vergehen. Ihr Körper gibt den Widerstand auf. Der Ork auf ihr scheint eine Tonne zu wiegen, sein Geruch ist um sie, in ihr, sie möchte kotzen und schämt sich zugleich dafür, so vorhersehbar rassistisch, so Norm-al zu sein, aber ihr auf die Instinkte reduzierter Körper hat wenig Sinn für Political Correctness, also würgt sie, erst trocken, dann sehr feucht.

Minuten vergehen. Im Trideo läuft eine Wiederholung ihrer Lieblingsfolge von Wunderkrieg, diese drollige Alpen-Show mit den witzigen Meta-Freaks. Sein Druck auf ihr lässt nach. Er gibt ihren Kopf frei, nimmt die Ellbogen von ihren Unterarmen, wartet ab, ob sie noch mal ausflippt. Tut sie nicht. Karla Schnikov ist ein Profi. Karla Schnikov liegt auf dem abgerissenen Kopf eines Wackeldackels. Surreales Empfinden am Rande des Nervenzusammenbruchs. Auch ein hübscher Buchtitel.

„Scheiße“, sagt Grimm und erhebt sich, nimmt ein neues Bier, leert es. Nimmt noch eins. Leert auch das. Übrigens weit langsamer, als es hier klingt. Aber Karla liegt nur da, erschöpft weit jenseits des Körperlichen, und starrt.

„Scheiße“, sagt Grimm noch mal. Dann legt er sich ins Bett und löscht das Licht. Nur das Trideo quasselt weiter.

– – – Abblenden zu Schwarz – – –

Am Morgen liegt Karla noch immer, wo sie am Abend lag, um sich ein Kokon diverser Kleidung und Decken, neben sich ein feines Pulver von unter der Spüle, das organische Verbindungen – wie Kotze oder Ausscheidungen im spülungsunfähigen Klo – rasch und restlos auflöst.

Grimm kippt an Trockenfutter erinnerndes Frühstückszeug in zwei Schalen, kippt Wasser aus einem Kanister drüber, weckt Karla und erläutert den Plan. Kein Wort zu gestern. Nur Leute aus Konzernzonen beschäftigen sich mit gestern. Gestern ist ein Luxus, den man nicht hat, wenn man heute etwas essen und morgen noch leben will.

„Wir besorgen dir ein Weihnachtsgeschenk“, stellt Grimm fest. „Hätte Piet so gewollt“, schiebt er lahm nach, um etwaigen Protest zu ersticken. „Außerdem brauchst du Übung mit deinen Implantaten. Und was zu fressen für die kommenden Tage brauchen wir außerdem.“

Piet. Ihr Shadowdaddy. Der sie aufnahm, als der Konzern sie kantete. Der sie mit ner verdammten Schrotpistole gegen einen vollgerüsteten Soldaten der SonderSchutzTruppe schickte, um „den Anarchos“ zu zeigen, dass sie jetzt eine von ihnen war. Der dabei draufging, als „die Anarchos“ ihre von der Praetor-MP des Soldaten mit zwei wohlplatzierten Schüssen gefällte Leiche bargen. Während der Soldat wohl ohne Kratzer blieb, mit dem Ergebnis zufrieden, desinteressiert an dem dummen Mädchen im Shirt, das aus kürzester Distanz auf ihn ballerte, um wenigstens IRGENDEINE Chance auf einen Hit zu haben.

Draußen steigen Karla und Grimm in seinen Mercury Comet. Zufall oder arschgefickte Ironie – Piet fuhr auch einen Kometen, seiner von Izhmash. Grimms Comet ist eindeutig die bessere Karre, und eindeutig sauberer als seine Bude. Sie hätte nie aussteigen sollen. Also, aus dem Auto, jetze. Und aus dem Kon eh nicht.

Ihr Ziel sind die Kurfürstendamm-Arkaden – die Q-Mall, die längste Mall der Milchstraße plus Nachbardimensionen, nimmt man alle Superlative der Betreibergenossenschaft zusammen. Dabei ist die Mega-Mall eher das Abfallprodukt einer völlig irrsinnigen Verkehrsplanung, durch die der Kurfürstendamm per Entlastungsstraße auf Stelzen überbaut, der alte Damm darunter verkehrsberuhigt und der Abstand zwischen Hochtrasse und sechstem Stock der Ku’Damm-Gebäude durch eine „lichte“ (heute zerätzte und vollgerußte) Glaskonstruktion verbunden wurde.

Was der heute auf schäbige Mittelschicht zurechtgemachte Grimm genau vorhat, weiß Karla immer noch nicht. Und auch nicht, als sie den Comet in der Tiefgarage unter der Mall abstellen und durch ein bunkermäßiges Treppenhaus hoch in die „Mall“ gehen.

„Okay, Küken“ – so hat Piet auch immer zu ihr gesagt, und kurz ziehen sich verödete Gefäße und tote Tränenkanäle in sehr realem Phantomschmerz zusammen – „der ‚Job’ ist ziemlich einfach.“ Oh, Frek. Drag. Ach, Fuck.

„Wir setzen uns da auf die Bank.“

Sie setzen sich da auf eine Bank.

Sie sitzen.

„Was genau tun wir hier?“, fragt Karla nach ein paar Minuten.

„Auffällig sein“, kommt Grimms Antwort.

„Auffällig, indem wir auf einer Bank sitzen?“

„Auffällig, indem wir nichts kaufen und uns nichts ansehen. Auffällig, indem du als Norm-Girl mit einem stinkigem Hauer abhängst. Auffällig, indem du nen Verband im Gesicht und wir beide offene Cyberware haben, auch wenn ich nicht annehme, dass sie unsere Armprothesen sehen. Auffällig, indem … ach Scheiße, deren Mustererkennung müsste schon total grenzdebil UND deren Spinne total blind sein, um uns nicht mit ‚verdächtig’ zu markern, zumal ich außerdem ein verdammtes ‚EY LEUTE, HIER SITZT EIN VERURTEILTER VERBRECHER’ broadcaste.“

Karla checkt Grimms AROs, nachdem er ihr am Morgen ein „cleanes“ MetaLink mit WiFi an ihre Bildverbindung im Auge angebunden hat – oder bizarrerweise korrekter: indem er ihr verdammtes Auge als Peripheriegerät bei ihrem Kommlink angemeldet hat. In der Logik des WiFi ist das Wegwerfkommlink wichtiger als das persönliche Implantat, das nur ein Slave des Links ist.

Unschwer ist in der AR Grimms spezielle Identität zu erkennen – immerhin der Zweck der gerichtlichen Verpflichtung, die kriminelle SIN immer und zu jeder Zeit offen anzuzeigen. Erneut pulst ihr der Hinweis auf „gefährliche Implantate“ entgegen.

„Was sind das eigentlich für saugefährliche Implantate, die du da hast?“, fragt sie, um die Zeit bis zu ihrer wohl erwarteten Verhaftung zu überbrücken.

„Reflexbooster und Dermalpanzerung. Wäre zu teuer geworden, sie zu entfernen, also haben sie’s gelassen. Nicht illegal genug für Berliner Verhältnisse, um deswegen nen Aufriss zu machen. So was in der Art. Außerdem werdense gedacht haben, wo sie mich ja eh bei die Eier haben, dass jemand mit so Implantaten nen wertvolleren Asset darstellt als wer Halbtotes, den wo se beim Aufschlitzen und Ausräumen verpfuscht haben.“

„Was redest du plötzlich so?“

„Sorry. Meine Rolle. Sehe nämlich schon unser Publikum. Du bleib hier sitzen, aktivier deine Kamera und halt schön auf mich, also guck in meine Richtung und nicht auf deine Möpse.“

Karla will etwas extrem Unflätiges entgegnen, aber Grimm steht schon auf und winkt ab: „Halt deine Augen einfach stur auf mir. Wirste verstehen, wenn du mal Eyecam-Vids von nem Vollnoob gesehen hast der wo nich weiß wo er so am Tag alles hingafft.“

Grimm entfernt sich, doch nicht allzu weit. Er geht zu einer Billigtextilien-Ladenfront, schaut sich die Auslagen an und wirkt nun von außen betrachtet in hohem Maße normal; zückt sogar sein Komm und spricht hinein, während er interessiert den Laden entlangbummelt.

Die Security rückt in gerader Linie auf ihn an. Sechs Mann in dunkelblau, doch nicht im adretten Uniform-Look der immer hilfsbereiten Mall-Guides, sondern mit erkennbarer Panzerung und Helm. Zwei Mann spalten sich ab, halten auf Karla zu, doch deutlich weniger aggressiv als jenes Quartett, das nun fast bei Grimm angekommen ist.

Karla hält drauf. Der Wortwechsel zwischen Sicherheit und Orkshopper ist fast nicht vorhanden. Es wird direkt zugegriffen. Zwei mit Schlagstöcken, zwei sichern ab, Hände an der Schusswaffe. Der Orkshopper hebt abwehrend die Hände, blickt verständnislos. Vermutlich fragt er, warum sie ihm das antun. Vermutlich bittet er darum, aufzuhören. Zumindest sieht sein Gesicht so aus. Umso krasser die Reaktion der Wachleute: Schlag auf Schlag. Wütend jetzt. Karla hält drauf.

Die beiden Wachleute auf Kurs zu ihr sind angekommen, fordern sie – durchaus freundlich – auf, zu gehen. Karla hält weiter drauf, erhebt sich aber irritiert, zu einem Drittel schlau geschauspielert, einem Drittel in der Hoffnung, dass man irritierte Norm-Frauen nicht zusammenschlägt (sehr im Gegensatz zu leidend blickenden Orks, die sich jetzt sehr ehrlich verdrücken möchten) und einem Drittel, weil es sehr schwer ist, eine ungewohnte Cyberaugenkamera zu bedienen und dabei Konversation zu betreiben.

Sie muss sich etwas entfernen, sieht aber genug. Grimm der freundliche Orkshopper geht zu Boden, fängt sich noch zwei Tritte und zwei Taserschüsse zur Sicherheit, wird dann weggeschafft Richtung nächstgelegenem Ausgang. Vermutlich nicht der Mühe einer Befragung oder Verhaftung wert – warum auch? „Ey, warum haben Sie hier herumflaniert?“ Obwohl das aus Karlas Sicht eine ziemlich gute Frage ist.

Sie geht zu einem unweit gelegenen anderen Ausgang, umrundet draußen den Block und findet Grimms übel zugerichteten Körper zwischen zwei Müllcontainern, wie er gerade von ein paar Straßentypen ausgenommen wird. Da sie keine Waffe hat, ruft sie stattdessen die erste und einzige Nummer an, die Grimm in ihr Link eingespeichert hat.

– – – Abblenden zu Schwarz – – –

Karla steht vor Grimms Krankenbett in der Schwarzer-Stern-Klinik Eiswerder. Gottseidank war noch eines frei. Ihres, um’s genau zu sagen.

Er hat das Bewusstsein noch nicht wiedererlangt. Es schaut nicht so irre gut aus. Er ist alt. Alte Orks sterben leicht. Gell, Piet?
Der Mann im schäbigen Anzug steht auf, klopft sich den Hut ab und wendet sich zum Gehen. „Wenn ich was habe, melde ich mich. Das war sehr gute Arbeit, ähm …?“

„Karla. Mit K.“

„Okay, Karla mit K. Danke für den Chip. Aus dem Material sollte sich ein recht überzeugender Spot bauen lassen. Wird mir, denke ich, einige Kunden aus Orkkreisen bringen, die sich gegen Diskriminierung und Körperverletzung zur Wehr setzen wollen.“ Er lacht. „Irre, wie unschuldig und normal Grimm gucken kann. Hat ihm schon damals die Tür für den Deal geöffnet. Na ja, der wird schon wieder. Ist er bisher noch immer. Unverwüstlich, diese Hauer.“

Ferretti das Frettchen. Der Name passt. Ein schäbiger Anwalt mit schäbiger Masche, in einem schäbigen Geschäft in einer schäbigen Stadt. Er tippt sich an den Hut und geht. Er ist Norm, und irgendwie fühlt sich das eklig an.

Karla steht bei Grimms Bett und ist unschlüssig, was zu tun ist. Der Credstick ist in ihrer Hand warm geworden und hat genug Knete drauf, um ein ganz passables Weihnachtsfest zu feiern.

Es ist Heiligabend. Von draußen dringt das Johlen der Feiernden. Und irgendwo ist das siffige Sozialapartment eines Ork-Knackis, wo sie sich das Hirn vorm Trideo angenehm normal eintrocknen lassen könnte.

Aber irgendwie scheint es richtiger, hier zu stehen und am Bier zu nippen, das irgendein Pfleger ihr eben in die Hand gedrückt hat.

Frohe Weihnacht.

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