Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Drachenbrut 03 | Jahre des Blutes (10)

ZWANGSLAGER 14552, BERESOWO | 2032

Selbst auf der Krankenstation ist es so kalt, daß einem der Rotz in den Nasenlöchern gefriert.

Tolstoi steht am Fenster, eingewickelt in eine kratzende, braune Wolldecke, und raucht eine selbstgedrehte Zigarette.

Draußen tanzt der unablässige Reigen dichter Schneeflocken gegen die rissigen Scheiben. In der Entfernung erahnt man die graue Mauer mit den in regelmäßigen Abständen errichteten Wachtürmen, an deren Basis eskimoartig vermummte Soldaten patroullieren. Vom Zwinger der abgerichteten Winterwölfe, von denen einige größere Exemplare die Größe von Pferden besitzen, dringt ein ununterbrochenes kehliges Heulen über das hartgefrorene Gelände des Zwangsarbeitslagers. Zur Rechten erhebt sich ein alter Klinkerbau, der Skythenblock. Geistesabwesend streift Tolstoi über die Verplombung seiner Interfacebuchse. Seitdem er tagelang durch die Pripjet-Sümpfe geirrt war, plagte ihn eine labile Gesundheit, die unter diesen klimatischen Luxusbedingungen alle paar Tage eine neue Mutation von Grippevirus hervorzubringen schien.

Seine Knöchel schmerzen. Seine Nieren sind entzündet. Fieber. Halsschmerzen. Ein krampfartiger Husten, in dessen Auswurf zuweilen etwas Blut dabei ist.

Wer weiß, vielleicht haben die ADL-Nazitruppen Giftgas in den Sümpfen abgelassen – eine hübsche westliche Traditionen, auf die sie ungern verzichten wollen.

Seine grünen Augen starren ins Leere. Mehrere feine Äderchen sind geplatzt. Er hustet trocken. Hüllt sich fester in die Decken.

„Du sollst doch im Bett bleiben !“

Die rauhe Stimme gehört zu Igor Sadajenku, einem der Krankenpfleger. Wie Nikolai ein Inhaftierter, verknackt zu 4 Jahren leichter Zwangsarbeit.

„Was Neues ?“

„Das sag“ ich Dir, wennde Dich hingelegt hast, okay ?“

Tolstoi trippelt, von Igor geführt, zurück zu der rostig-quietschenden Folterunterlage, die sie hier als Bett bezeichnen. Selbst das Klappbett im Lazarett war gemütlicher gewesen.

„Also ?“

„Sie ist in Block 14, unweit Deiner Zelle – wenn Du“s denn in Deiner Haftzeit nochmal da hin schaffst.“

„Sehr witzig.“

„Eigentlich nicht. Nadja geht es nicht besonders gut. Ich habe mit Doktor Gujikin gesprochen – die Frau gehört auf die Station, aber der Boss hat angeordnet, keine Einweisung vorzunehmen. Sie leidet unter Unterernährung, weigert sich zu essen. Wie „ne wandelnde Leiche sieht sie aus.“

Die Vorstellung läßt kalte Angstschauer über Tolstois Rücken laufen.

„Was fehlt ihr denn ?“

„Was denkst Du denn, Mr. Naiv ? Ein Jahr harte Zwangsarbeit reicht aus, um die meisten ins Grab zu schaffen. Harte körperliche Arbeit bei Minustemperaturen den ganzen Tag lang, schlechte Ernährung, und bei Nacht…“

Igor ließ es bei der Anmerkung. Tolstoi hatte genug Geschichten über die Freizeit-späße des Sicherheitspersonals gehört. Hatte sogar hier auf der Krankenstation des nachts die unterdrückten Schreie vom Nachbarbett aus gehört, wo eine Mongolin mit gebrochenem Knöchel lag. Er hatte die Hände auf die Ohren gepreßt, aber das Geräusch hatte sich in sein Gehirn gefressen. Vom Nachttisch hatte er sich 5 Schlaftabletten geangelt, endlich nach Stunden, als die Schreie einem leisen Wimmern wichen, Schlaf gefunden. Die Schlächter zu stören, wäre einem Todesurteil gleichgekommen.

Als er am nächsten Tag aufwachte, war die Mongolin fort. Eine Krankenschwester zog gerade die Bettdecke ab, die war tiefrot vor Blut.

Das Lager war kein Platz zum Arbeiten. Es war ein Todeslager. Die zu leichter Arbeit Verurteilten konnten den Wächtern aus dem Weg gehen. Die zu schwerer Arbeit Verurteilten waren schon tot, als sie durch das schwere grüne Stahltor ins Lager kamen.

Tolstoi starrt leer an die Decke. Sein Gehirn arbeitet stumm vor sich hin.

Wenn Sie Nadja noch nicht getötet haben, muß sie einen Patron haben. Irgendeinen verdammten Scheißkerl, wahrscheinlich Offizier – oder der kräftigste Arsch der entsprechenden Grunts – der sie sich regelmäßig nimmt. Oder der sie gegen Geld verleiht.

Er kneift die Augen schmerzvoll zusammen. Feuchtigkeit schimmert zwischen den Lidern.

Es gibt andere Möglichkeiten. Vielleicht gibt es auch einen Typen, der sie unter Protektion genommen hat. Vielleicht ist sie einfach krank.

Er klammert sich an diesen Gedanken. Alle anderen Varianten, die sein unbeschäftigtes Gehirn Tag um Nacht hin- und herwälzt, führen in den Tod – oder den Wahnsinn. Am schlimmsten ist es nachts, wenn außer dem gelegentlichen Husten der Raum in Stille daliegt, wenn von fern das Echo Schreie herüberträgt.

Viele Neulinge schreien, kreischen die ganze Nacht.

Die älteren Insassen sind still.

Irgendwann kommen die Wärter.

Dann hört das Schreien auf – oder setzt sich unhörbar einige Stockwerke tiefer fort. Man fragt hier nicht, wo der Typ aus Zelle soundso abgeblieben ist. Dinge passieren hier. Leute verschwinden.

Werden verschwunden.

– – –

Wochen vergehen.

Es sind nicht Menschen, die diesen Ort zur Hölle machen. Es ist der Ort selbst. Mächte sind hier am Werk.

Tolstois Blick wendet sich von seinem Buch ab, dessen Schriftzeichen vor seinem Blick verschwimmen. Er erhebt sich von seiner Pritsche, tritt hinüber ans Fenster.

Mächte außerhalb unserer Kontrolle. Schicksalsmächte. Dieser Ort frißt Leute, frißt die Seelen von uns – auch von den Wärtern.

Sein Blick folgt müde einer Krähe, die Kreise über dem Hof zieht. Vor einigen Tagen haben die Wärter am Südrand des Hofes III eine Grube ausgehoben. Nachts hört man von dort Geräusche, das Brummen von Lastfahrzeugen. Manchmal Schüsse.

Die Krähe schwebt nieder, schließt sich ihren gut gefütterten Kameraden an, die in großen Scharen im Hof verteilt sind, wie Saatkrähen auf einem Stoppelfeld im Herbst. Zwei struppige fette Federbälle zanken um etwas. Sein Hirn registriert nicht, was es ist.

Er hat sich von seiner Krankheit soweit erholt, daß er die Station verlassen konnte. Mit Igors Hilfe hat er eine Anstellung in der Gefängnisbücherei erhalten. Freiwillig hat er auch eine Stelle im Essensausschank erhalten. Alles, um Kontakt zu Nadja zu bekommen. Chancenlos. Zweimal hatte er den Passierschein für die entsprechende Sektion schon in Händen, dann entschied sich der Direktor im letzten Moment doch noch anders.

Ihn hat er ebensowenig zu Gesicht bekommen wie Nadja, eine Schwarze Eminenz jenseits seines Zugriffs.

Er hat Igor gebeten, eine Nachricht zu Nadja durchzuschmuggeln. Igor hat sie an einen Kumpel aus Nadjas Block weitergegeben, der vor einigen Tagen aus der Krankenstation entlassen wurde. Keine Antwort bisher.

An der Nordmauer bewegt sich ein Troß Gefangener in Ketten, flankiert von Wärtern. Jenseits des Nordtores stehen die Lastwagen, die Gefangene in die Salzbergwerke oder zu den Munitionsfabriken bringen. Jeden Tag um 5.00 Uhr Abfahrt, Rücktransport um 18.30. Meist sind beim Rücktransport einige Plätze in der Kolonne unbesetzt.

Tolstoi blinzelt, versucht, Nadja unter den Gefangenen zu erkennen.

Seine Bindehautentzündung macht ihm immer mehr zu schaffen, die notdürftig zusammengeflickte Brille, die Igor ihm gegeben hat („der Besitzer der Brille braucht sie nicht mehr“) vermag seine Behinderung immer weniger zu überspielen.

Er hat seinen Vater anrufen dürfen, hat aber nur den Anrufbeantworter erwischt. Er hat um dessen Hilfe gebeten, vielleicht Verlegung in ein externes Krankenhaus, wo man seine Augen behandeln kann.

Keine Antwort bisher.

Sein getrübter Blick streift die grauen Wolken. Die ewige Gewißheit der Nähe zu Nadja hat ihn in den vergangenen Wochen von Gipfeln höchsten Glücks in Höllentäler der Angst und Verzweifelung stürzen lassen. Einige Zeit lang drohte ihn der Wahnsinn zu übermannen.

Vielleicht ist er auch schon längst wahnsinnig.

Mit Schrecken stellt er fest, wie wenig er noch in der Lage ist, zu empfinden. Er hat keine Tränen mehr. Keine Hoffnung. Die Suche nach Nadja ist zu einer energielosen Standardbeschäftigung ohne Hoffnung auf Erfüllung geworden.

Oh, aber ohne Hoffnung gibt es keine Qual, nicht wahr, Nikolai?

Die fremde Stimme in seinem Kopf nimmt er teilnahmslos hin. Er muß nicht darüber rätseln, wer zu ihm spricht, und letztlich spielte es auch keine Rolle, ob es Produjew, der weißhaarige Besucher seines Vaters oder das Gefängnis selbst war.

Vor einigen Tagen hatte er sogar den Urheber der Stimme gesehen, und er war von allem etwas. Ein feister, übelriechender Wurm mit zarter, rosa Haut, unter der Mann das Fließen der Körpersäfte erahnen konnte. Eine blutverschmierte Nabelschnur troff aus seinem aufgeblähten Wanst, Zungen ringelten sich wie die Maden im Leib des gefallenen Russen in den Sümpfen aus den Reihen nadelmesserscharfer gelber Zähne. Die Kreatur hatte nur ein Auge, das andere eine vereiterte Narbe. Das weiße Haar floß wie von einem unsichtbaren Wind getragen über das offenstehende Jackett eines Wärters. Der von dem Wesen ausgehende Odem war kalt wie der Wind, der um das Gefängnis tobte. Die ganze Nacht hatte es Obszönitäten in Tolstois Ohr geflüstert, schadenfroh gelacht, wann immer es einen Punkt getroffen hatte, der noch des Fühlens mächtig war.

In letzter Zeit hatte es immer weniger Anlaß zum Lachen.

Gestern hatte es überhaupt nicht gelacht.

– – –

Zitternd lehnt sich Nadja an die kalte Außenwand ihrer 2x3m Zelle zurück. Der blutbeschmierte Löffel gleitet ihr aus der Hand; vage realisiert sie den roten Strom, der ihrem Handgelenk entweicht.

Es ist vollbracht.

– – –

Tolstoi läßt sich auf seiner Pritsche nieder, die Ohren geschlossen gegen das unablässige Brabbeln des „Dings“ in ihm.

Ich kenne Dich. Du bist mir so vertraut wie diese Zelle hier. Du bist mir so vertraut wie diese ganze Anstalt. Bedeutungslos. Du nährst Dich von der Angst, die Du gierig aufschlürfst, hälst Dich für den Baal, den Tyrann, den Gott dieses Ortes. Doch das ist nichts. Niemand wird Deiner Untaten Klagelied singen, ein verlassenes Gemäuer an einem bedeutungslosen Ort. Du willst meine Tränen ? Du hast sie alle bekommen. Du willst meinen Haß ? Ich habe keinen, den ich Dir nicht schon gegeben hätte. Du willst mein Leben ? Dann nimm es Dir.

Er dreht sich auf die Seite. Das Gesicht nur einige Milimeter von der kalten Wand entfernt, hört er ein hallendes Zischen. Er spürt, wie der Dämon – oder was immer es sei – sich entfernt. Nicht schleichend, wie er gekommen, sondern in aller Hast. Dann schläft Tolstoi ein.

– – –

Gänge fliegen an ihm vorbei. Ein Wärter fährt herum, als er den Windstoß spürt, der ihn unvermittelt erfaßt. Papierfetzen werden aufgewirbelt, folgen dem bleichen Schemen, der durch die Gänge fegt. Es zischt und gurgelt aus seinem schlaffen Unterkiefer, der Wind seiner Bewegung läßt Woge um Woge von Fett über seine Kontur wogen.

HASSHASSHASSHASSHASSHASS

– – –

Nadjas Augen flattern zu. Sie hört in sich hinein. Hört, wie ihr Herzschlag verebbt. Hört, wie der Peiniger ihrer Nächte heranrast. Und lächelt düster.

Süße Freiheit

– – –

Eine weitere Kurve wirbelt an ihm vorbei, den Gang hinab, zu Zelle 14. Die Nummer ist in ein kleines Stück Holz eingebrannt, das nunmehr an nur noch einem Nagel schief an der grün-blaßblauen-rostigen Zellentür baumelt.

– – –

Ein gellender Schrei läßt Tolstoi hochfahren. Echo um Echo eines nicht abreißenden, gequälten, erschrockenen, verängstigten, zornigen Schreis. Mit dumpfen Knall zerstiebt das Fenster seiner Zelle in tausend nadelspitze Fragmente, die explosionsartig nach draußen gerissen werden. Einem fortlaufenden staccato folgend, zerbersten alle Scheiben dieses Blocks.

Indem der Schrei verhallt, fährt eisiger Wind in die Zelle. Ein Dröhnen klingt über den Hof – wie von schweren Schwingen, die die Luft zerschneiden. Schüsse fallen. Ein knisterndes Tosen erklingt. Die Schüsse hören auf.

– – –

Die Splitter von Glas, Splitter von Holz und die zerfetzten Überreste der Zellentür knirschen unter den Füßen des Wächters, der sich mit entsicherter Kalashnikov vortastet. Aus den umliegenden Zellen dringen Schreie, verängstigte Hilferufe. Tausend Stimmen flehen um Antwort, einige der Insassen scheinen zu glauben, daß die Deutschen gekommen sind – und er selbst ist sich nicht sicher, ob das nicht vielleicht stimmt.

Aus der Stelle, wo sich einst der Eingang zu Zelle 14 befand, dringt fahles Tageslicht. Der von draußen hereinströmende Wind beißt sich in sein Gesicht. Er hält die Luft an, zögert kurz, dann wirbelt er in den Raum, das Laserzielgerät der Waffe schreibt rote flirrende Bahnen an die Zellenwände.

„Das glaube ich einfach nicht….“

Er senkt die Waffe.

Die Außenwand der Zelle fehlt völlig. Zentimeterdicke Stahlverstrebungen hängen wie abnorm verformte Rippen eines Skelettes an den ausgefransten Rändern des Lochs, als ob etwas Riesiges durch die Wand hineingebrochen wäre. Die Wände selbst – nein, auch Decke und Fußboden, selbst die Pritsche – sind über und über mit filigranen Buchstaben beschrieben. Von der Schrift an den Wänden geht ein unangenehmer Geruch aus, der dem Soldaten wohlbekannt ist.

„So riecht es in den Leichenbrennereien“

Die Zeichen sind ineinander verschlungen, mal Kreise bildend, mal wirre Muster, in deren Windungen man zu ertrinken droht. Gescheitelt erreichen alle Linien einen Kreis nahe der einstigen Wand, Wo ein großer braun-schwarzer Fleck den Boden bedeckt.

Blut.

– – –

Der Wind hier oben zerzaust ihr Haar, das im Lager recht lang geworden ist. Der Wind schneidet in ihr Fleisch. Die Abschwörungen der letzten Monate haben sie viel Kraft gekostet. Nacht um Nacht galt es, den Feind abzuhalten, dessen schweißig-übler Gestank vor ihrer Tür lauerte. Sie hatte gewußt, daß ihre Abwehrzauber brechen würden.

Ein Jahr ohne Schlaf.

Sie weiß nicht, was den Feind abgelenkt hat, warum er seit einiger Zeit nicht mehr kam – aber sie hatte ihre Chance zu nutzen gewußt. Tief in sich hineinreichend, hatte sie die verbotene Magie gewirkt – die einzige, die an einem Hort des Blutes wie dem Lager Wirkung zu haben vermochte. Der Ruf, in ihrem Blut gewirkt, war über den Ural geklungen, bis hoch hinauf in die Karpaten von Tir N“Zagh. Ihr war wohl bewußt, daß derjenige, den sie gerufen hatte, seinen Preis verlangen würde, aber welcher Preis wäre zu groß gewesen für die Suche nach dem, was sie so lange verloren geglaubt hatte.

Um Wärme suchend, preßt sie sich tiefer an die Schuppen, die so schwarz sind, daß sie nicht einen Funken Licht zu reflektieren scheinen. Fast ist ihr, als könne sie das Feuer in jener Brust hören, an die sie mit starken Armen gepreßt wird. Gehalten von Klauen, die ein Schlachtroß mit einem Hieb zerteilen können, wie sie selbst erfahren mußte, und die sie nun beinahe zärtlich halten.

Die Kälte und die Müdigkeit lassen sie schläfrig werden. Ihre Gedanken ruhen auf Nikolai, als sie in das Tosen des Windes flüstert:

„Bring mich heim, Mordrak-Khan. Bring mich heim.“

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